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Alles hat keine Zeit XXVI

Alles hat keine Zeit XXVI,

bei der Einweihung des pompösen Springer-Neubaus erschien Bundespräsident Steinmeier persönlich, bei der Einweihung des „durchsichtigen, zur Stadt hin offenen und eingepassten“ Neubaus der TAZ erschien er – nicht:

„Entstanden ist so ein wohl weltweit einzigartiges Fast-Nebeneinander radikal gegensätzlicher Auffassungen von Medienzukunft und Medienarchitektur im Zeitalter des digitalen Kapitalismus. Nach innen dagegen ist der (Springer-) Bau die Architektur gewordene Aufforderung zu ständiger Flexibilität und Neuorientierung der Mitarbeiter und das umfassende Versprechen, Technik könne alle Probleme lösen. Anders gesagt: Neoliberalismus pur. Nur wenige Hundert Meter von Koolhaas’ Überwältigungsarchitektur hat sich die eher kapitalismuskritische Tageszeitung „taz“ einen in Konstruktion und Moderne-Pathos durchaus vergleichbar sensationellen Neubau errichtet. Doch ihre Architekten, das Züricher Büro E2A, planten einen durchsichtigen, zur Stadt hin offenen und eingepassten Bau in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern. Und gerade der Besitz des eigenen Hauses auf eigenem Grundstück gilt hier als Garantie der journalistischen Unabhängigkeit.“ (Berliner-Zeitung.de)

Hier die exklusive Kathedrale des Neoliberalismus mit dem technischen Versprechen: alles ist möglich, womit die Weihe des bombastischen Unternehmens so gesichert ist wie der pflichtgemäße Gottesdienst vor jedem Staatsakt.

„Kleinmut jedenfalls kann man weder an noch in diesem Gebäude entdecken. Dafür einiges an Imposanz: die futuristische Halle, oder sollte ich sagen, die Kathedrale, in der wir uns befinden.“ (WELT.de)

Dort der auf den zoon politicon ausgerichtete, weit geöffnete, einladende und nüchterne Bau linker Kapitalismuskritiker.

Auf welcher Feier erscheint der Bundespräsident einer Proletenpartei, die ohne unauflösliche Ehe mit einer christlichen Partei nicht mehr … … überlebensfähig ist? Wie ein Coronapatient maschinell beatmet werden muss, so muss die Proletenpartei durch christlichen Äther künstlich am Leben erhalten werden.

Der verfassungsgemäß pastoral wirkende Präsident unterlässt nichts, um mit prophetischem Zeigefinger nach Oben zu verweisen:

„Es lohnt sich nicht, auf dieser Welt hohe Häuser zu bauen“, sagte Axel Springer damals, „wenn man nicht eine Idee hat, die größer ist, als wir selbst es sind.“

Unvermutet trifft er den Nagel auf den Kopf: Journalismus ist höher als alles, was Springer zu leisten vermag. Sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit der guten Sache, ist das journalistische Äquivalent des theologischen Doketismus:

„Also hat Origenes gelehrt: der Logos als reiner, unwandelbarer Geist konnte sich nicht mit der Materie verbinden, da sie ihn als Nichtsein depotenziert (= impotent gemacht) hätte.“ (Adolf von Harnack, Lieblingstheologe Kaiser Willems, „Lehrbuch der Dogmengeschichte“ Bd.1)

Was Willem kann, kann Frank-Walter schon lang. Edelschreiber machen sich an der Wirklichkeit nicht die Finger schmutzig. Wie Leichensezierer ziehen sie spirituell-desinfizierte Handschuhe an, um von der Erregungsmasse des Weiblichen (Materie) nicht verschlungen zu werden.

Wie Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi transsubstantiiert wird, so werden menschliche Fakten in Überwachungs-Daten digitalisiert:

„Medien, wie Frank Schirrmacher sie verstand, als er nicht lange vor seinem viel zu frühen Tod vom Übertritt der Dinge aus der materiellen Welt in die digitale Sphäre sprach: Alles verwandelt sich in Daten, sagte er. Alles wird zum Medium.“

Womit von höchster Stelle bestätigt wird: Journalisten sind nur scheinbar dem geistlosen Tag verpflichtet. In Wirklichkeit vermitteln sie zwischen Materie und Geist, irdischer Misere und Erleuchtung von Oben.

„Ist denn ein Engel für ihn da, ein Mittler, einer aus den Tausend, und der erklärt dem Menschen seine Züchtigung?“ „Denn es ist ein Geist, es ist auch ein Mittler zwischen Gott und dem Menschen.“

„Die Demokratie braucht den unabhängigen Journalismus. Sie braucht ihn schon deshalb, weil die Demokratie aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger braucht, weil die Welt immer komplexer wird und die Vorgänge täglich, stündlich nach Einordnung verlangen.“

Die Welt wird nicht irgendwie komplexer, sie wird komplexer gemacht, verwirrter und unübersichtlicher, damit der Pöbel nach „Einordnung“, „Einschätzung“ (ZDF) rufen muss – wie der Hirsch nach frischem Wasser.

Das Irdische bedarf der Offenbarung, sonst wüsste es nicht, in welchem Teil des Universums es umherschwirrt. Einordnung, Einschätzung sind Ersatzbegriffe für moralische Wertung, die sich die Mittler verboten haben – um nicht der Sünde der Überheblichkeit zu verfallen. Wie will man Tatsachen einordnen, einschätzen, ohne sie zu bewerten?

„Der Gedanke aus den Kindertagen der Social Media, jeder sei zugleich Leser, Journalist und Redakteur, war wahrscheinlich eher naiv. Die Demokratie braucht den professionellen Journalismus, den politisch und wirtschaftlich unabhängigen Journalismus, der angstfrei agieren kann, der die Balance wahrt zwischen Distanz und Empathie. Der berichtet, analysiert und kommentiert, nicht um zu belehren, sondern um zur Aufklärung beizutragen, um seine Leser und Rezipienten zur Kritik zu befähigen.“

Die Redenschreiber des Bundespräsidenten müssen aus der Nannen-Schule stammen. Ihre Sätze aus dem Geisterhaus unterschreibt der Präsident widerstandslos. Doch es ist nicht naiv, es ist mündig, wenn jeder Demokrat lesen, schreiben und seine Meinung sagen kann. Wird ihm diese Fähigkeit vom „professionellen Journalismus“ abgesprochen, wird er unmündig gemacht. Hier mit dem Segen des Staatsoberhaupts.

Wer zur Aufklärung beitragen will, muss die Wahrheit sagen: die Wahrheit objektiver Tatsachen und die Wahrheit subjektiver, nach Objektivität strebender philosophischer Meinung und moralischer Bewertung.

Das ist die Lehre der Aufklärung, die nicht „predigt“, sondern den Menschen durch Kenntlichkeit zur Kenntlichkeit, durch Meinung zur Meinung provoziert. Boxen lernt man nur durch Boxen. Unerreichtes Vorbild des Aufklärens ist, halten zu Gnaden, immer noch Sokrates:

Was er Sorge für die Seele nennt, ist der Versuch, Menschen durch Nachdenken zur Wahrheitssuche zu führen. Jeder Mensch besitzt die geistige Kraft der Selbstleitung. Diese Kraft muss ihm nicht von außen eingeflößt, sondern durch konfrontative Einfühlung entlockt werden. Sokrates fühlte sich fähig, durch Kraft und Liebe die Menschen besser zu machen und ihre verborgenen Fähigkeiten zu entbinden. Seine Fähigkeit verglich er dem Biss einer Otter, dem elektrischen Schlag eines Rochens. Aufklären ist besser, also – huihui – moralisch machen, das Gute dem Schlechten vorziehen lernen. Aufklärung ist nicht nur technischer Fortschritt, oft genug müsste sie diesem Paroli bieten.

Schulen sollen belehren, Aufklärer nicht? Sollten Schulen Bildung durch Belehren vermitteln, würden sie, nach Steinmeier, das Falsche tun. Sollten sie das Richtige tun, würden Mittler nichts vermitteln. Also was jetzt, ihr Berichter, Analysierer und Kommentierer? Wie kann man kommentieren und seinen Standpunkt erklären, ohne gedankliches Durchdringen und ethisches Bewerten der Fakten?

Was ist eine „Balance zwischen Distanz und Empathie“? Empathie ist der Versuch, sich in den Anderen hineinzuversetzen: verstehe ich, was den Anderen bewegt? Du und Ich werden eins. Dann erst tritt das Ich zurück und betrachtet das Du aus seiner Sicht. Empathie, die keine sein will, weil sie Angst hat, sich in das Du zu versetzen, ist keine. Distanz und Empathie dürfen sich nicht in die Quere kommen, sie müssen sich ergänzen. Eine Balance zwischen beiden ist wie ein bisschen schwanger werden.

Hier offenbart sich die elitäre Ideologie der Medien. Sie brauchen den Abstand nach Oben, weil sie sich minderwertig vorkommen, und brauchen die Erhöhung über das Unten, weil sie besser sein wollen. Im Tanz zwischen Oben und Unten fühlen sie sich wie Fische im Wasser.

Den Oberen signalisieren sie: unsere (Schein-) Kritik an euch soll den Unteren zeigen, wie objektiv wir sind. Nehmt unsere Rügen nicht eins zu eins, versteht die Probleme unseres Dazwischenseins.

Den Unteren signalisieren sie: sind wir nicht eure fairen Mundstücke nach Oben? Pro vobis trauen wir uns täglich in die Höhle der Löwen, riskieren unseren Leumund und unsere Leserquote, indem wir auf höchster Höhe zwischen Oben und Unten balancieren. Was ist euer Dank? Dass ihr uns Lügenpresse schimpft.

Journalisten sind privilegiert im Über-mitteln von Tatsachen, die sie beim Ausschwärmen in die Welt er-mitteln: da machten sie sich auf die Spur von …

Sie sind nicht privilegiert, die Tatsachen besser zu deuten, zu verstehen und demokratisch zu bewerten. In Selbstüberhebung fühlen sie sich dem immobilen Plebs überlegen, das mobile Kennen der Welt sei identisch mit tieferer Welterkenntnis. Wer ein treffliches Buch über die Geschichte Amerikas gelesen hatte, war weniger über Trump erstaunt, als die vor Ort weilenden Auslandsjournalisten. Wer aktuelle Tatsachen „einordnen“ will, sollte öfter in die Geschichte schauen. Wer das Gewordensein begriffen hat, hat das Ist begriffen. Jour-nalisten werden nie den Tag beschreiben können, wenn sie nicht die vielen Tage beschreiben, die den jetzigen Tag determiniert haben.

Die Arbeitsteilung zwischen Geschichts- und Tagesschreibern ist meschugge. Komplementärer Defekt der Historiker ist der Historismus. Nein, aus der Kenntnis des Vergangenen könnten wir keine Erkenntnis des Gegenwärtigen ableiten. Was gestern gewesen sei, sei abgetan und veraltet.

„Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker nichts aus der Geschichte gelernt haben.“ (Hegel)

Homo sapiens als Gattung wäre demnach eine Illusion. Es gäbe keine allgemeine Menschheit, die im Verlauf der Zeiten identisch geblieben wäre.

Einerseits sollen unsere Ur-Gene darwinistisch unverändert geblieben sein, andererseits dürfen wir nichts mehr gemein haben mit dem letzten Jahrhundert. Die Verbrechergeschichte der Deutschen bezieht sich auf zwölf Jahre Barbarenherrschaft, davor gab‘s nicht die kleinsten Andeutungen kollektiver Fehlentwicklung.

Historiker beziehen sich auf Gestern ohne Bezug auf das Heute. Journalisten beziehen sich auf Heute ohne Bezug auf ein Gestern. Das ist schlimmer als ein biologischer Rassismus, das ist ein sich stets neu erfindender Rassismus des gegenwärtigen Augenblicks, der sich von Tag zu Tag verändert. Zur chauvinistischen Teilung der Menschheit in Völker und Nationen kommt ein sich täglich verändernder globaler Rassismus des Jetzt, Jetzt und Jetzt hinzu.

Journalisten beziehen sich auf das Jetzt, ohne sich um dessen Werden zu kümmern. Das ist die komplementäre Idiotie zu den Historikern. Wer nur dem flüchtigen Augenblick huldigt, rast dem Nichts hinterher. Das Jetzt ist nicht nur die Absage an zeitlose Ideen Platons, es ist die punktuelle Vorwegname des Kommens Christi oder der persönlichen Auferstehung.

„Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall.“

Journalismus soll unabhängig sein. Ein löbliches Ziel. Wie aber kann man unabhängig werden, wenn man sich abhängig macht von anonymen Geldgebern? Da ist die TAZ vorbildlicher als die WELT, deren Finanziers im Dunkeln bleiben. Die TAZ macht sich nur abhängig von ihren eigenen Lesern, die sich in einer Genossenschaft zusammen gefunden haben. Das ist gegenseitige Abhängigkeit auf gleicher Augenhöhe, die auf Transparenz beruht. Selbst ein ehemaliger BILD-Chef hatte das Vergnügen, Mitglied der TAZ-Genossenschaft zu sein. Hier werden Konflikte offen ausgetragen. Würde Döpfner berichten, wenn seine amerikanischen Geldgeber ihn unter Druck setzen würden?

Steinmeier, Aufsteiger, macht seine Bücklinge vor den Platzhirschen hoch dort droben:

„Und ich meine damit ausdrücklich nicht nur den Preis für journalistische Arbeit, sondern den Wert journalistischer Arbeit, ihren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Wert. Sie muss sich vornehmen, vor allem unterscheidbar zu bleiben von den schillernden Produkten der Empörungsökonomie, die in dichter Frequenz Feindbilder, Ressentiments und Vorurteile bedient.“

Mittler bleiben immer cool, klar und unzweideutig, im Gegensatz zu den schillernden, empörten, mit Vorurteilen und Feindbilder befleckten Äußerungen der Vielzuvielen. Das ist die Tradition der Psychologie der Massen, die als Abwehr gegen die beginnende Emanzipation der Völker entworfen wurde.

„Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, unter bestimmten Umständen in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Masse entsteht eine, alle in ihr integrierten Einzelwesen umfassende „Gemeinschaftsseele“. In dieser Situation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung.“

Versteht sich, dass elitäre Medien sich just am heftigsten dagegen wehren, wenn Eliten die Geschicke der Zeit aus dem Hintergrund lenken sollen. Wer dies behaupte, gehöre zu den Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern.

In Deutschland ist alles Mediale in trockenen Tüchern:

„ARD und ZDF erfreuen sich gewachsenen Vertrauens, und auch die Informationssendungen der Privaten verzeichnen höhere und höchste Einschaltquoten.“

Woher dann die Meldungen, seit dem Aufkommen sozialer Medien habe es die Gazetten besonders getroffen? Umsatzquoten gingen zurück? Nie habe es ein miserableres Fernsehen gegeben? Wenn die Quoten besser wären, wären dann auch die Programme besser?

Die Öffentlich-Rechtlichen haben den Auftrag, politisch zu wirken, weshalb sie sich um ihr Auskommen nicht sorgen und die quantitative Quote ignorieren sollten. Das Gegenteil ist geschehen. Die Kanäle degenerierten zu Spiel-und Quizmedien mit politischer Alibiversorgung. Werden sie kritisiert, gibt es von ihnen nur die Antwort: die Quoten sind auf unserer Seite.

Das Programm dampft in nationalistischer Abschottung. Wer ein sinnvolles Gespräch mit Piketty oder anderen ausländischen Kapazitäten hören will, muss sich in 3-Sat schweizerische Sendungen anschauen.

Gab es mit Ai Weiwei, einem der schärfsten Kritiker Deutschlands, je einen streitigen Dialog zu sehen? Gab es in den Talkshows je die Themen: Israel, was ist journalistische Kompetenz, welche Macht haben die Kirchen, woher die pädophilen Verwilderungen der Elite-Internate? Sind Kompromisse das A und O der Demokratie? Welches Rechtssystem haben wir? Ist es willkürlich, ist es die Spielwiese selbsternannter Experten?

„Feindbilder, Stimmungsmache und Kampagnenjournalismus sind ein Missbrauch dieser vierten Gewalt“.

Leben wir in einer Klassengesellschaft? Wie hätten Klassen entstehen können, wenn alle Menschen sich geliebt hätten? Ist Klassengesellschaft nicht eine Hassgesellschaft, die durch die dämpfende Wirkung der Mittler zur Wohlstandsgesellschaft verharmlost wurde?

Mittlerweilen wurde jede Grundsatzkritik zur hasserfüllten Kampagne erklärt. Eliten werden dünnhäutig, zumal ihre Krisen ihnen über den Kopf wachsen. Wie zartfühlend sie wurden, als der amerikanische Präsident an jenem Virus erkrankte, den er geleugnet hatte. Schadenfreude über den Weltrüpel ist streng verboten. Sonst voller Aggression gegen jegliche Moral, wurde die Übermoral: liebet eure Feinde, zur minimalen Anstandspflicht. Im entscheidenden Augenblick muss man umschalten können. Denn: alles hat seine Zeit, die Barbarei und die kulturellen Zartgefühle.

Wenn selbst der bewundernswerte Putingegner Nawalny, der von deutschen Ärzten gerettet wurde, das Land seiner Retter schelten muss, was dann?

„Das ist sehr enttäuschend. Es ist erniedrigend für das deutsche Volk. Und insbesondere für das Bundeswehr-Labor. Haben sie etwa das Resultat ihrer Untersuchung gefälscht? Gerhard Schröder wird von Putin bezahlt. Aber wenn er jetzt versucht, diesen Giftanschlag zu leugnen, ist das wirklich sehr enttäuschend. Das eine ist, Putins Lobbyist zu sein. Doch jetzt versucht er, Mörder zu beschützen. Aber ich weiß, dass selbst seine eigene Partei Schröders Arbeit sehr ablehnend sieht. Es ist einfach erniedrigend, von einem Altkanzler solche Worte zu hören. Das ist auch für mich sehr schwer nachzuvollziehen. Er ist immerhin der ehemalige Kanzler des mächtigsten Landes in Europa. Jetzt ist Schröder ein Laufbursche Putins, der Mörder beschützt. Ich weiß nicht, welche verdeckten Zahlungen er von Putin bekommen hat. Es gibt eine offizielle Bezahlung und ich habe keine Zweifel, dass es auch verdeckte Zahlungen gibt.“ (BILD.de)

Die Proletenpartei, die einst alles besser machen wollte als die Christenpartei, wurde bigott wie die CDU, die Bergpredigt & Machiavelli gekonnt miteinander verknüpft.

Wenn ein Ex-SPD-Kanzler gegen alle demokratische Grundmoral verstößt, soll das seine Privatangelegenheit sein. Wenn Sarrazin unermüdlich Fremdenhass schürt, soll das seine Privatangelegenheit sein. Es waren illustre Köpfe der Partei, die Sarrazins Rauswurf lange verhinderten. Bei Schröder nicht anders.

Wer den deutschen Versumpfungsprozess betrachtet, fühlt sich an Mommsens vernichtendes Urteil über seine Nation im 19. Jahrhundert erinnert:

„Verzweiflung an unseren öffentlichen und sittlichen Zuständen“ überkamen den Historiker. Er schilt das deutsche Volk „erbärmlich, vergiftet, angefault, als ein nichtswürdiges und rückgratloses Volk, dem der Servilismus im Blute stecke, da der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede nicht hinauskomme.“ (Friedrich Heer, „Europa, Mutter der Revolutionen“)

Was früher Dienst im Gliede war, ist heute Dienst am Wirtschaftsmoloch.

Friedrich Heer: „Der riesenhafte Komplex der Selbstvergiftung und Fremdvergiftung begann 1848 und war 1933 nicht zu Ende. Die Vergiftung der Einbildungskraft wurde machtvoll gefördert durch die Verwilderung der Schulen und der Wissenschaft.“

Was ist zur Geschichte der Arbeiterpartei zu sagen? Ihr Begründer Lassalle „glaubte nicht an den Arbeiter, nicht an die Massen, nicht an das Volk, wohl aber an den hegelianisch-starken Staat, dem er die Arbeitermassen zuführen wollte, damit er ein „Wesen von gigantischen Ausmaßen“ wird. Als Vorsitzender der Partei ließ er sich diktatorische Vollmachten zusprechen.“

Friedrich Heers Urteil ist harsch. Die Gründung der Arbeiterpartei war die „Geburtsstunde des nationalsozialistischen Führerstaates in nuce. Bis zum heutigen Tag (1964) krankt die deutsche Sozialdemokratie an den Übeln ihrer Geburtsstunde. Sie unterdrückt die innere Opposition, bringt keine wirkliche Gesellschaftsreform zustande und marschiert am Gängelband ihrer Gegner und Feinde.“

1964 gab es noch keine ewige GROKO, in der die SPD am Rockzipfel der Mutter anderen freche Grimassen schneidet, ansonsten nichts zu sagen hat. Ohne Aufarbeitung ihrer Geschichte auf der Couch kollektiver Anamnese ist diese Partei zum Untergang verurteilt. Willys Motto: mehr Demokratie wagen, war die große Ausnahme, die so schnell wie möglich plattgewalzt wurde.

Steinmeiers letzte Frage an die Medien lautete:

„Dürfen sich Journalisten dabei auch selbst von Werten leiten lassen? Ein ausdrückliches Ja. Journalisten der Springer-Zeitungen verpflichten sich auf verlagseigene Grundsätze, auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Sie bekennen sich zu einem vereinten Europa und zum Existenzrecht Israels und gegen politischen wie religiösen Extremismus, Rassismus und sexuelle Diskriminierung.“

Die täglichen Diskriminierungen der BILD, ihre Propaganda für Trump, ihre doppelte Moral in Menschenrechtsfragen erwähnte der Bundespräsident mit keinem Wort.

Eine seltsame Frage: dürfen sich Journalisten von Werten leiten lassen? Werte klingen besser als biedere Moral. Sie werden erläutert mit Plattitüden, als seien sie präsidiale Exklusiverkenntnisse: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Demokratie ist Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Was ist politischer Extremismus? Jene Vorstellungen, die gegenwärtig entwickelt werden, um der Klimagefahr zu begegnen? Haben wir in Deutschland keinen religiösen Extremismus in Gestalt übermäßiger klerikaler Einflussnahme auf die Politik?

Was ist mit Israel? Kein Wort zur hinterhältigen Judenverachtung der BILD, die jegliche Kritik an Netanjahu mit Schaum vor dem Mund diskriminiert, als seien Juden keine Demokraten, die mit Kritik umgehen könnten. Haben sie Deutschland noch nie kritisiert, ohne dass man ihnen Deutschenhass vorgeworfen hätte? Vitale Demokratien sollten sich durch kritische Freundschaften auszeichnen.

Das heikle Thema Antisemitismus erwähnt der Bundespräsident mit keinem Wort.

In Deutschland fiel eine ganze Generation aus: eine Generation liberaler, urbaner, gebildeter Menschen, die vor und nach 1848 ins Ausland flüchteten. Diesen Aderlass hat die Wirtschafts- und Wohlstandsnation bis zum heutigen Tage nicht verkraftet.

Humanität ist kein Bestandteil des BIP.

Fortsetzung folgt.