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Alles hat keine Zeit XXIX

Alles hat keine Zeit XXIX,

in Berlin kommen heute Heuchler und Pharisäer in Personalpräsenz zusammen, um den Deutschen viralen Gehorsam beizubringen. „Merkel und die wilde 16“: die Rasselbande muss wieder die mütterliche Demutsknute spüren, um nicht föderal durchzudrehen.

Der Wildwuchs der Anordnungen bewegt sich zwischen preußischer Zucht und föderalem Laissez faire. Nicht, dass die Obrigkeiten die schwierige Materie noch nicht durchdrungen hätten. Haben sie doch gelernte Mediziner und Physikerinnen in ihrer Mitte, die per Bildung alles durchschaut haben. Wer theoretisch firm ist, ist es automatisch auch in der Praxis – oder nicht?

Die Medien schauen auf die erlernten Berufe – und schon wissen sie, ob die Experten zur Politik geeignet sind oder nicht. Ein Doktor der Medizin, ein Professor in Virologie, eine promovierte Physikerin: welch prachtvolle Führungspersonen hier über das Mutterland wachen.

Dass Wissenschaftler per se keine Praktiker und Ethiker sind, Fachidioten keine Politiker: das hat sich in Mittler-Kreisen noch nicht herumgesprochen. Wissen sie doch aus eigener Erfahrung: wer schreiben kann, ist fähig, alles zu durchschauen und zu beurteilen.

Generelle Maßnahmen gegen föderale? Ach was, es geht um allgemeine Erkenntnisse gegen föderale Übererkenntnisse. Das Partikulare und Spezielle schlägt das Abstrakte und Verblasene. Das ist gute deutsche Tradition: cujus regio, ejus religio. Der Fürst bestimmt die wahre Religion.

Da aber die föderale Zersplitterung die Macht der Germanen zerrüttete, ging das Pendel der Geschichte ins Gegenteil: Führer mussten kommen, um das Volk … … der Eigenbrötler zum uniformen Strammstehen zu bringen. Bismarck war der Erste in der Reihe der nationalen Zentrierung.

Der gemeinsame Feind eint, Corona ist ein überragendes Wahrheitsmittel. Die Stabilität der Demokratien wird erkenntlich, der Zusammenhalt Europas und die Wahrheit des westlichen Wertekanons. Kanon, Maßstab, heißt er, damit niemand auf die Idee komme, die kanonische Qualität der Werte anzuzweifeln. So erleben wir, dank des viralen Untergangsbeschleunigers, das Schauspiel des westlichen Abgangs, ohne eine einzige Debatte über Diagnose und Therapie des Patienten geführt zu haben.

Hohe Geister dürfen prophetische Plattitüden absondern, in der Gesellschaft der Impfgegner und Homöopathen hingegen wird nur bramarbasiert. Regelmäßig erschlagen die Medien ihre Lieblingsfeinde auf der Straße, die Populisten sind schon aus dem Felde geschlagen, Verschwörungstheoretiker sieht man weit und breit nicht mehr. Was wäre, wenn sich den Eliten niemand mehr in den Weg stellte – und der würde dennoch in den Abgrund führen? Dann wäre es angesagt, einmal in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: Herr, sind wir‘s?

Als Chruschtschow Väterchen Stalin in einer Geheimrede abservierte, sagte er: wir müssen unsere Fehler bekennen, erst dann können wir in die Zukunft blicken. Eine unglaubliche Leistung, auf der Gorbi später aufbauen konnte. Diese Leistungen werden bei uns nicht anerkannt, denn nur der überlegene Westen kann überragende Persönlichkeiten hervorbringen.

Nur dumm, dass solche Persönlichkeiten im Westen nirgendwo mehr zu finden sind. Das werden doch keine moralischen Spitzenleistungen gewesen sein, die diese Russen brachten? Dann hätten sie ohnehin keine Chance bei den Deutschen, die das Kunststück fertigbringen, Vernunft und Moral in Feinde zu verwandeln.

Wollte man deutsche Eliten charakterisieren, könnte es kein Zögern geben. Es wäre der Kanon: Vernunft, keine Moral, Vernunft, keine Moral, Vernunft, keine Moral – ad infinitum.

Nirgendwo die Frage: gab es Zeiten, in denen Vernunft und Moral Begriffe für dasselbe waren? Humane Moral entstammt einer humanen Vernunft, eine inhumane kann es nicht geben?

Nicht so in Deutschland. Bei Luther war Vernunft eine heidnische Blasphemie. Erst die aus dem Westen importierte Aufklärung wagte es, den Deutschen das Selberdenken zuzumuten. Doch wie gewonnen, so zerronnen. Vernunft wurde zum Synonym deutscher Verweichlichung und Zurückgebliebenheit.

Also auf zur machtvollen Unvernunft. Die Deutschen machten sich auf, die Weltspitze zu erobern. Mit geistigen und materiellen Waffen. Es war die Deutsche Bewegung.

Was für Begriffsstutzige ein Widerspruch, war für Hegel kein Problem: mit der dialektischen Beißzange packte er beide Begriffe, zwang sie zum Gefecht, um die Streithähne am Ende mit glühendem Eisen zusammen zu zwingen. Made in Germany: Vernunft verlor ihren ekelhaften moralischen Beigeschmack, Moral wurde mannhaft und lernte, mit Dschindarassabum die deutsche Weltgeltung zu erringen.

Vernunft wurde zur Raison, zur Staatsraison. Moral durfte sich nur noch regen, wenn die Staatsraison hoch zu Ross den Einzug des Weltgeistes zeigte.

„Die Staatsraison war es, die die absoluten Schranken der Sittlichkeit zermürbte und den Menschen innerlich auskältete. Dieser dämonischen Wirkung mussten früher andere ideale Mächte das Gegengewicht halten, einst die kirchlich-religiöse Idee, später das humanitäre Aufklärungsideal.“ (Meinecke, Die Idee der Staatsraison)

Das mit der Aufklärung stimmte, mit der religiösen Idee stimmte nicht. Religion war nie die Gegnerin schrecklicher Glaubenskriege.

„Bismarck schuf mit machiavellistischer Rücksichtslosigkeit und schärfster Berechnung und Ausbeutung der Machtmittel den deutschen Staat. Wenn überall in der Welt Starke neben Starken wohnten und kein schwacher Fleck dazwischen bliebe, so wäre das in der Tat eine hohe Bürgschaft für den Weltfrieden.“

Nachdem die amerikanische Schutzmacht sich aus dem Staube macht, fühlen sich die Deutschen gezwungen, den Weltfrieden selbst in die Hand zu nehmen:

„Falls das Schreckensszenario Atomkrieg tatsächlich einmal eintreten sollte, will man vorbereitet sein: Die deutsche Luftwaffe trainiert derzeit mit Nato-Partnern die Verteidigung des Bündnisgebiets mit nuklearen Waffen.“ (BILD.de)

Weise Männer aus Deutschland haben nichts anderes zu tun, als Machiavelli zu verharmlosen und deutschen Militarismus auf Weltniveau zu fordern. Was empfiehlt Historiker Münkler, um die Demokratie über die Runden zu bringen?

„Kennen Sie eine Lieblingszeile oder einen Zauberspruch, mit dem man gut durch diese Zeiten kommt?“ 
Münkler: „Platons „Ta de megalla episphalé“: Alles, was jetzt groß ist, ist endlich und wird auch verschwinden. Heidegger hat übersetzt: Alles Große steht im Sturm. Das Heroische Heideggers klingt bei mir eher melancholisch.“ (SPIEGEL.de)

Das ist deutsche Bildung vom Feinsten. Es muss platonisch und heideggerianisch sein. Platons Politik war faschistisch, Heidegger Sympathisant Hitlers. Der Sturm muss die fauligen Verhältnisse durcheinander wirbeln, damit sich niemand aufs Faulbett des Friedens legen kann. Der Interviewer schluckt alles. Alles, was jetzt groß ist, wird verschwinden? Gehört Demokratie zu diesen Größen? Oder Deutschland? Doch nicht der Fortschritt? Die ganze westliche Kultur oder gar die Menschheit? Mit diesem Untergangsmotto, das nicht melancholisch, sondern selbstmörderisch klingt, soll man „durch die Zeiten kommen?“

Wen Gott vernichten will, den treibt er zuerst in deutschen Bildungswahn.

Hätte die athenische Polis mit dem sokratischen Motto: Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun, auch nur wenige Jahrzehnte überleben können, wenn es ihren starken Nachbarn nicht gefallen hätte? Auf keinen Fall. Obwohl die kleine Volksherrschaft sich erstaunlich lang hielt (durchaus auch mit militanten Methoden), war es nicht pure Macht, die sie am Leben erhielt. Es war ihre Faszination als kulturelle Metropole, die ihr einen bestimmten Nimbus des Friedens verlieh. Erst als die kulturelle, wirtschaftliche und ästhetische Faszination nachließ, wuchsen die Begehrlichkeiten der Großmächte.

In einer durchweg militanten Welt hat Frieden keine Chance. Frieden hat nur eine Chance, wenn er sich international ausbreiten und die Großmächte der Welt mit Friedenssehnsucht infizieren kann. Nur in globaler Gleichzeitigkeit kann Friedenssehnsucht in der Menschheit heimisch werden.

Die Nachkriegsepoche hatte die bisher besten Chancen, die Menschheit zusammenzubringen. Inzwischen lassen es die Völker zu, dass die gigantische Gelegenheit täglich mehr ramponiert wird. Deutschland hat keine Vision für die Zukunft.

Den Weltfrieden überließ das Land bislang den Großmächten. Unterhalb des Getümmels der Großen konnte das Land seinen Reibach machen. Unterm Tisch wurde Fingerhakeln geübt. In dieser Kunst gab es niemanden in der Welt, der parasitärer durch die Welt gekommen wäre.

Unselig sind die Friedlosen, denn sie sollen durch das Klima verbrannt werden. Corona ist eine Vorübung, um sich auf das Außerordentliche einzustellen. Hier seihen die Heuchler Mücken, in Klimadingen schlucken sie Elefanten.

Deutschland besitzt keine humanen Werte, es hat keine Vision. Noch immer geistert Helmut Schmidts Zynismus umher, wer eine Vision hat, solle zum Arzt. Drehen wir den Satz auf den Kopf, landen wir in der Gegenwart: wer keine Vision hat, muss nicht mehr zum Arzt, er liegt bereits im Koma.

Visionen sind moralische Zwecksetzungen. Wer sich kein moralisches Ziel setzt, setzt sich ein unmoralisches. Das ging so lange gut, solange die Kapazitäten der Natur den Hass und Unfrieden der Menschheit ertrugen und ausglichen. Doch jetzt, da es ans Eingemachte geht, werden ausgehende Ressourcen und wachsende Umweltgifte jede Chance auf einen Kompromiss zwischen Allem und Nichts, Leben und Tod, zerstören.

Vernunft sagt: es gibt nur noch die Alternative: Frieden oder Nichts.

Die Vernunft der Moral sagt: wählt ihr nicht den Frieden, wählt ihr den Untergang. Ein Drittes gibt es nicht.

Die Situation ist derart angespannt, dass wir auf Kant zurückgreifen müssen, dessen Vernunft heute nicht mehr gefragt ist. Man feiert seinen Geburtstag und ist stolz, dass er Deutscher war – das war‘s. Deutsche brauchen Idole zur Angeberei, nicht zum Nachdenken und Nacheifern.

Sie wettern gegen Identitäre – und feiern ausgiebig die Einheit der Nation. Die Einheit Europas oder der ganzen Welt? Entlockt ihnen ein Gähnen. Über jugendliche Tagträume sind sie hinweg.

„Vernunft ist praktisch, sofern sie durch Begriffe das Wollen und Handeln bestimmt.
Die technische Vernunft liegt allem außersittlichen Handeln zugrunde: sie gibt relative Normen, Geschicklichkeits- oder Klugheitsregeln.
Die praktisch-moralische Vernunft aber ist die Quelle der absoluten Normen, des absoluten Sollens, die Grundsätze ihres Imperativs gelten schlechthin, unbedingt.“ (Kant)

Sollte Kant richtig liegen, liegt Merkel-Deutschland falsch. Die deutsche Kanzlerin hat keine Visionen, außer, im Geschichtsbuch lobend erwähnt zu werden. Sie ist Mitläuferin mit samaritanischen Tattoos, um sich von ungläubigen Kollegen zu unterscheiden.

In der Coronakrise kümmert sie sich ums Erbsenzählen, damit sie in Klimafragen apathisch in den Tiefen des Kanzleramtes verschwinden kann.

Die Medien, im Dauerbann ihrer Galionsfigur, deren pure Präsenz sie am Leben erhält, haben ihr emotionale Unfehlbarkeit bescheinigt. Sie müssen wissen, an wessen Talar sie sich festkrallen können.

Noch niemand hat Merkel philosophische Fähigkeiten zugesprochen. Entweder ist autonomes Denken überflüssig, dann sollten wir Philosophie aus allen Lehrplänen und Fakultäten streichen oder sie ist nicht überflüssig, weil wir ohne Denken keine rationale Politik machen können, dann wäre die Kanzlerin eine komplette Versagerin. Wählt!

Marc Röhlig hat im SPIEGEL die Moral zur Raison bringen wollen:

„Vielleicht hilft es bei der nächsten Debatte auf Twitter oder Facebook nicht gleich mit Vorwürfen, sondern viel mehr mit Vorschlägen zu antworten: Was kann und will ich selbst für die Gesellschaft leisten? Wie wird etwas zum Besseren gewendet? Wir kämen dann weg von den Moralfragen und hin zu Lösungen. Und dann wäre Politik nicht länger ein Hobby, sondern echtes Engagement.“ (SPIEGEL.de)

Das Bessere ist die Steigerung des Guten, das Gute aber das Ziel der Moral. Wie kann man das Bessere wollen ohne Moral zu wollen?

Wer Vorschläge macht, macht automatisch einen Vorwurf. Den Vorwurf, dass der Vorschlag, das Bessere zu wollen, bislang noch nicht gemacht wurde – oder gar nicht gemacht werden sollte, weil niemand am Besseren interessiert war. Sei es, weil man keinen Profit damit machen konnte, sei es, weil man die Menschen für zu verdorben hielt.

Wenn ich selbst etwas für die Gesellschaft leisten will, komme ich weg von Moralfragen? Von welcher Leistung ist die Rede? Von einer Aktion, das Bessere zu wollen oder von einem technisch-ökonomischen Akt? Wenn ja, dann bei Kant unter technischer Vernunft nachschauen:

„Die technische Vernunft liegt allem außersittlichen Handeln zugrunde: sie gibt relative Normen, Geschicklichkeits- oder Klugheitsregeln.“

Technisch-ökonomisches Leisten hätte mit dem Besseren der Gesellschaft nichts zu tun. Gerade, wenn ich selbst meinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten will, muss ich die Frage nach der Moral stellen. Vernunft muss sich mit Vernunft streiten, welche Moral die beste ist. Das Ergebnis wäre – moralische Vernunft.

Die beliebten Vernichtungsangriffe gegen die Moral sind nichts als Angriffe gegen moralische Heuchler. Heuchler predigen Moral, tun aber das Gegenteil. Entweder ist Deutschland ein Land flächendeckender Heuchler – oder es hat noch die Angriffe Jesu gegen Pharisäer und Heuchler im Kopf:

„Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tut’s; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun: sie sagen’s wohl, und tun’s nicht. Sie binden aber schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen dieselben nicht mit einem Finger regen. Alle ihre Werke aber tun sie, daß sie von den Leuten gesehen werden. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“

Jesu Attacke gegen das moralische Verhalten der Juden war ein Generalangriff gegen alle Menschen, die moralisch sein wollen. Seine Alternative war die Vernichtung aller Bemühungen, einer Norm zu folgen. Der Erlöser erklärt den Menschen zum moralischen Totalversager, für den es nur eine Rettung gebe: den Kotau vor Gott, um Gnade und Barmherzigkeit zu erflehen.

Fromme Juden erhalten ihre Gebote von Gott. Griechen von ihrer autonomen Vernunft. Es gibt überhaupt keine strenge Moral, deren Forderungen ein Mensch vollständig erfüllen könnte. Selbstkritische Moralisten wissen das und erwecken nicht den Schein, sie seien moralischer als sie sind. Gleichwohl bleibt ihr Lernziel: so moralisch wie möglich zu werden. Das theoretische Ziel bleibt perfekt, die moralische Praxis des Menschen hinkt hinterher. Heuchler sind sie nur, wenn sie moralischer scheinen wollen, als sie sind.

Bei einer Moral, deren strikte Einhaltung ein Gott verlangt, ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, sich kritisch wahrzunehmen. Denn Gottes Strafen sind furchterregend.

Bei Erlösern ist es noch schlimmer. Sie verlangen die moralische Bankrotterklärung der Menschen, doch wehe, die Erklärung wird nicht in perfekter Reue und Buße vorgetragen: dann droht die Hölle. Ewige Seligkeit und ewiges Höllenfeuer sind die Killer jeder irdischen Moralkompetenz.

Moralische Bemühungen sind das Gegenteil von Lösungen? Da bleibt einem die Spucke weg. Jeder Moral geht es um die besten Lösungen. Das Beste ist die Steigerung des Besseren und Superlativ des Guten. Moralisches Streiten ist ein Streit um die beste Politik. Politik mit Moral verfeinden – was selbst die Grünen tun –, hieße Vernunft mit Vernunft vernichten.

Moralisches Tun ist kein Hobby, sondern das grundlegende Engagement, um das Leben lebenswert zu machen.

Wer Moral als hinterlistige Strategie benutzt, um unmoralische Ziele zu verfolgen, wäre ein Heuchler, kein Moralist. Kritik am Heucheln ist notwendig – um Moral vor hinterlistiger Amoral zu schützen.

Moral ist keine Rhetorik, sondern meint, was sie sagt. Stilistisches Abrüsten wäre nur notwendig, um Phrasen und Parolen zu entlarven. Das jedoch gehörte wieder in die Kategorie: Heucheleibekämpfung.

Wollen Moralisten Recht haben? Auf jeden Fall. Sie beugen sich nur besseren Argumenten. Noch mehr: sie muten ihren Gegnern den Vorwurf mangelnder oder falscher Moral zu. Entweder hätten sie nicht richtig gedacht oder Moral als Mittel zum amoralischen Zweck benutzt.

Heute muss jeder mit der Kränkung leben, ein Versager zu sein, wenn er mit den Mächtigen nicht auf Du und Du ist, mit den Besten in Technik und Mammon nicht mithalten kann. Also in Disziplinen, die zum Untergang der Welt beitragen.

Umgekehrt müsste es sein. Die Menschen müssten den edlen Wettstreit in der Suche nach der besten Wahrheit und der besten Moral durchkämpfen. Hier gälte das uralte Motto: Immer der Erste zu sein und voranzustreben den Anderen. Da moralisches Wettstreiten allen Beteiligten nützt, geht es hier nicht ums Demütigen, sondern um geschwisterliches Rivalisieren. Von diesem Wettbewerb um die wahren Dinge des Lebens lebt jede vitale Demokratie.

Wozu bräuchten Gläubige ihre Heiligen, wenn sie ihnen nicht nacheifern könnten? Wozu werden außerordentliche Hilfstaten und moralisches Engagement vom Staat ausgezeichnet, wenn die Täter keine Vorbilder sein dürfen? Weshalb gibt es Nobelpreise für Frieden, wenn sie das Publikum nicht zur Nachahmung anstiften sollten?

„Demokratie funktioniert nicht über Sieg oder Niederlage, sondern über ein Unentschieden. Der Meinungsaustausch muss in einen Konsens münden. „Wenn die Parteien immer weiter auf diese Polarisierung setzen, kommt keiner mehr zu Kompromissen zusammen und das ganze System wird instabil“.“

Was für ein Galimathias. In allen Überlebensfragen, zu denen die Klimafrage gehört, gibt es keinen Kompromiss zwischen Leben und Tod. Entweder wir überleben oder wir sind alle tot. Ein Unentschieden wäre, was das Wort sagt: nichts wäre entschieden. Wer zwischen Falsch und Richtig nicht entscheiden kann, kann nicht überleben.

Einen Konsens hingegen kann es sehr wohl geben, wenn – die besseren Argumente überzeugen. Ein vernünftiger Dialog sollte mit Begründungen geführt werden. Im besten Fall siegen die besten Argumente. Ein echter Konsens ist kein fauler Kompromiss, sondern – ein Einsehen, ein Erkennen der mangelnden Urteilskraft seitens des „Verlierers“ und der Fähigkeit, durch Logik und Erfahrung die irrenden Gedanken des Dialogpartners zur Erkenntnis zu bringen.

Wenn Parteien nie auf scharfe Polarisierung setzen – nicht um der Polarisierung, sondern der Wahrheit willen –, wird eine Demokratie, wie zurzeit die deutsche, im Sumpf des Selbstbetrugs untergehen.

Wahrheit macht uns frei. Nicht die von Oben verordnete Wahrheit der Götter und Erlöser, sondern die Wahrheit der Vernunft.

Fortsetzung folgt.