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Alles hat keine Zeit XXIV

Alles hat keine Zeit XXIV,

„Zum freien Volk klingt der Ruf: „Wer wünscht das Wort, weiß guten Rat, der dem allgemeinen Besten dient?““ (Volksversammlung der Urdemokratie)

Heute undenkbar. Niemand will das allgemeine Beste. Jeder will sein eigenes Bestes, das im lobbyistischen Ringkampf aller gegen alle siegen soll, um sich als allgemeines Bestes herauszuputzen. Das Allgemeine ist kein Sieg im dialogischen Kampf um die Wahrheit, sondern eine Schlamm- oder „Messer“-Schlacht der Muskulösen und Geldmänner.

Das Gefecht der Kandidaten in Amerika bringt endgültige Klarheit. Das rationale Streitgespräch der Demokratie als Mittel politischer Selbstfindung ist tot. Lang schon hatte es sich angekündigt. Die Schwatzrunden der TV-Sender waren rhetorische Raufübungen im permanenten Wahlkampf einer wahrheitsvergessenen Rudelherrschaft, keine Exerzitien der Erkenntnissuche.

Die Blamage des „Gesprächsleiters“ war die Gesamtblamage der Medien, die schon lange nicht mehr wissen, was ein Austausch von Argumenten ist. Ein solches TV-Schlamassel hätte nie stattfinden dürfen oder – nach mehreren Warnungen – sofort abgebrochen werden müssen.

Die Alpha-Demokratie der Welt kann eine Schlammschlacht nicht unterscheiden von einem … … fairen Kampf um Erkenntnisgewinn.

Demokratietest:
Gehört Wahrheitssuche als Bemühung der Gemeinschaft zur Basis der Demokratie?
Oder genügt es, mit subkutanen Beeinflussungen und demagogischer List und Tücke die Menschen für sich zu gewinnen?

In deutschen Talkshows gibt es nicht den Anhauch strenger Zwiegespräche. Gruppengespräche können sinnvoll sein, um Stimmungen einzufangen, zur Wahrheitsfindung taugen sie nicht.

Im strengen Dialog gibt es keine Möglichkeit zur Entfaltung rhetorischer Brillanz. Jeder Satz, jede Behauptung von A muss von B – und vice versa – sorgfältig auf logische Klarheit und förderliche Erfahrung untersucht werden.

Gewiefte Dialogpartner brauchen keine Moderatoren, die sich als Neutralitäts-Darsteller weigern, sich selbst auf Herz und Nieren untersuchen zu lassen. Fragen sind verkappte Meinungen, die Angst haben, überprüft zu werden. Interviews sind Erfindungen der Feigheit, die sich hinter Zitaten anderer verstecken, um nicht selbst Rede und Antwort zu stehen.

Raus mit der Sprache, ihr Objektiven! Ihr Vermittler zwischen Oben und Unten, die man früher Priester nannte. Noch immer fühlt ihr euch wie engelgleiche Wesen (oder Angelologen), die von außen das Irdische beobachten, um nach Belieben abzuschwirren. Mit dem Schicksal der Erde seid ihr nur äußerlich verbunden.

Wie könnt ihr objektiv sein, wenn ihr objektive Wahrheit verhöhnt? Wie könnt ihr dialogische Demokraten sein, wenn ihr den Streit auf dem Marktplatz scheut und Friedhofsruhe unter euch bewahrt? Auch mit eurem Publikum disputiert ihr nicht. Wenn‘s hoch kommt, dürfen Leser Fragen stellen, die ihr – vielleicht – gnädig beantwortet. Ende der Debatte.

Wie könnt ihr priesterhaft zwischen Göttern und Menschen vermitteln, wenn die gewählten Götter selbst die Pflicht hätten, mit dem Plebs verbunden zu sein? Ihr habt klipp und klar eure Meinungen zu sagen. Eure Geheimnistuerei ist esoterisch, weshalb ihr andere als Esoteriker vor euch herjagt. Wieso wundert ihr euch, wenn ihr als Günstlinge der Oberen verachtet werdet?

Ihr wollt ja nur das Volk nicht beeinflussen, wenn ihr eure Standpunkte nicht offenlegt? Ihr beeinflusst es wesentlich mehr, wenn ihr schweigt – wie euer Vorbild im Kanzleramt, die ihr als nüchterne Wissenschaftlerin in den Himmel lobt.

Wissenschaftler sind per se keine Politiker. Erkennen, was ist, ist das eine; erkennen, was sein soll, etwas anderes. Kommt man nie über das hegelianische Ist hinaus – wie manche Fakten-Fanatiker –, ist man noch lange nicht objektiv, sondern Marionette einer Heilsgeschichte, die die lineare Reihe aller Ists kommandiert. Wer das Ist absolut setzt, gibt zu erkennen, dass er keine Probleme kennt, die gelöst werden müssten – durch Veränderung der Fakten. Medien sind ist-absolutistisch. Wobei sie vergessen, dass Fakten ausgewählt werden müssen. Only bad news are good news: ist das Sensationsmotto ein Symbol der Objektivität?

Welch einen Aufstand gab es, als der STERN zum Weltklimatag gemeinsame Sache mit der FFF-Bewegung machte.

„Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer wirft dem Stern „NGO-Journalismus“ vor und deutet es als eine Art Verzweiflungstat aufgrund sinkender Auflagen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Unabhängigkeit? Wer macht sich abhängig, wenn er partiell mit anderen zusammenarbeitet? In Angelegenheiten, die er für richtig hält? Dürften Gazetten sich denn von reichen Geldgebern abhängig machen, die ihre Arbeit finanzieren? Ist Kooperation mit Reichen gestattet, mit Schwachen und Armen verboten? Von welchen reichen Amerikanern hat sich Döpfner abhängig gemacht? Lächerlich.

Ist in den Redaktionen logisches Denken endgültig abgeschafft worden zugunsten blindwütiger Faktentreue? Wie könnten sie sonst übersehen, dass sie, wenn sie das „Objektive“ nicht unterstützen, sie das Unkontrollierbare und Verheerende automatisch passieren lassen? Eine NGO ist eine Nichtregierungsorganisation, eine urdemokratische Angelegenheit. Und diese unabhängige Basisarbeit spuckt Fleischhauer mit Abscheu aus dem Munde?

Absonderliche Meinungen über Journalismus kann man im TAGESSPIEGEL lesen:        

„Journalisten erwerben kein Vertrauen, wenn sie von der Kanzel predigen. Was Philosophen in Jahrhunderten nicht gelungen ist, werden sie nicht vollenden: dem Grund des Seins auf die Spur zu kommen. Und damit den Sinn der Welt zu definieren. Das allein nur zu versuchen, wäre vermessen. Journalismus ist keine Philosophie, keine Wissenschaft und keine Kunst, sondern vielmehr ein Handwerk. Das Handwerk der Aufklärung über das, was unmittelbar ist. Es ist eine beständige Annäherung an das, was in diesem Moment geschieht, was uns gerade beschäftigt. Dem Tagesspiegel geht es niemals um die absolute Wahrheit, wohl aber um die ganze Wahrheit.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Was sind das für metaphysische Finessen, die ganze Wahrheit von der absoluten zu unterscheiden? Dennoch wollen Journalisten keine Philosophen sein? Ist Philosophie für Demokratien wichtig? Warum wird sie dann verschmäht? Ist sie unwichtig? Warum wird sie bewundert, dass sie dem Grund des Seins auf die Spur käme? Wie kann man von Wahrheit reden, ohne sie denkerisch zu begründen?

Demokratie entstand mitten im Getümmel philosophischer Streitigkeiten, als Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zur Polis drängten. Was damals im Kampf gegen die junge Demokratie geschah, erleben wir heut aufs neu: überall wird versucht, die Liebe zur Wahrheit totzuschlagen. Das Gemetzel begann mit dem Christentum, welches Weisheit als heidnische Hoffärtigkeit verteufelte.

Francis Bacon bemächtigte sich der theoretischen Wissenschaft der Griechen, um sich ihrer praktischen zu entledigen. Wissen verwandelte er in Macht, um sich nicht länger mit ethischem Geschwätz herumschlagen zu müssen. Im Rausch ihrer Erkenntnisse fühlten sich die ersten Naturwissenschaftler den Griechen überlegen. Naturwissenschaftliche Überlegenheit war für sie identisch mit philosophischer. Wer messen und rechnen konnte, hatte alle moralischen Schulstreitigkeiten überwunden.

Marx war nicht der letzte in der Reihe der Philosophenkiller, die – ohne es zu bemerken – auf der einen Seite Religionskritiker waren, auf der anderen das klerikale Niederkartätschen der Weltweisheit perfektionierten.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“           

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden; ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.“

Marx hat die Philosophie der Heiden zur Makulatur erklärt und sich der Torheit geschichtlichen Gehorsams ergeben. Philosophie musste er eliminieren, weil sie in der athenischen Polis das Gegenmittel gegen den Kapitalismus war – weshalb er konsequenterweise auch diesen verleugnen musste. Die Moderne ist so angetan vom Erkennen ihrer „materialistischen“ Gesetze in Natur und Geschichte, dass sie den Menschen nur noch zur Marionette historischer Gesetze erklären kann.

Wer sagt, Journalisten sollen von der Kanzel reden? Sie sollen die Hosen runterlassen und Stellung beziehen. Von der Exzellenz ihrer Meinung müssen sie derart angetan sein, dass sie lieber verstummen als die Massen ihres Weges zu führen.

Das Gegenteil ist der Fall. Je klarer die Medien ihre Analysen und Bewertungen äußern, je mehr werden die Leser motiviert, sich in Pro und Contra zu äußern.

Moderne Wissenschaften sind eine absonderliche Mischung aus heidnischer Methodenweisheit und moralischer Torheit. Positivismus, das Verstummen der Sprache, war die Krönung des biblischen Denkverbots zugunsten „objektiver Protokollsätze“ mit Zahlen und Figuren. Philosophie hat die Welt nur mit obskurer Sprache belästigt, es kömmt drauf an, sie an der eisernen Faust der Geschichte zu führen.

Jeder Mensch ist Philosoph. Er sollte nur ein bewusster werden, damit er weiß, was er denkt und – im Gespräch mit anderen – sein Denken korrigieren kann. Demokraten sind wache Philosophen, die gegen undemokratische Machenschaften fähig sind, ihre Positionen blitzgescheit zu vertreten. Wie könnten sie wissen, was sie tun sollten, wenn sie die Ziele ihres Tuns nicht zuvor im Kopf gewälzt hätten?

Journalisten hingegen wollen weder Denker noch Wissenschaftler sein. Was bleibt da noch? Sie wollen – welch eindrucksvolle Demut – nichts als Handwerker sein. Sind Handwerker das Gegenteil von Kopfwerkern?

Der Journalismus will sich unabhängig machen von seinen Köpfen. Sapperlot! Die Ähnlichkeit mit der Kanzlerin wirkt geradezu aufreizend. Auch sie betreibt Politik als biederes Handwerk in mutistischem Positivismus. Wovon man nicht reden kann – also von allem –, davon soll man schweigen.

Die schreibenden Handwerker verachten Philosophie als Phantasterei des Seins und der Zeit, um sie gleichzeitig zu bewundern, damit sie kontrastreich mit handwerklicher Nüchternheit brillieren können. Das Land der Denker ist abgesunken auf das Niveau gedankenloser Stummheit.

Positivismus hat sich auch ins Reich des Rechts eingeschlichen. Demokratisches Recht habe sich nicht aus der autonomen Moral eines freien Volkes entwickelt. Niemand weiß, woher es kam, niemand muss es wissen. Hauptsache: es ist. Damit Paragraphenwerker mit den Gesetzen jonglieren, auf dass der Laie staune und der Fachmann sich wundere.

Der Rechtspositivismus eines Hans Kelsen, dem sich Heribert Prantl verpflichtet fühlt, kennt kein Recht, das in Wahrheit gründet:

„Der Rechtspositivismus ist eine rechtstheoretische, keine ethische oder moralische Theorie. Nach Kelsens Reiner Rechtslehre ist die Sphäre des Seins, also des Faktischen, streng von der Sphäre des Sollens, also des Normativen, zu trennen. Diese Prämisse führte Kelsen zu der sogenannten „Trennungsthese“, die Recht und Moral als Teile zweier unabhängiger Systeme begriff. Recht könne vielmehr jeder beliebige Inhalt sein, der sich in ein Ordnungssystem einfüge und durch die Wirksamkeit von Zwang Geltung erfahre.“ „Kennzeichen des Rechtspositivismus ist die strikte Trennung von Recht und Moral. Kelsens Lehre ist frei von ethischen und politischen Elementen, frei von Moral und Naturrecht.“ (Brockhaus, Fachlexikon Recht)

Wie kommt Prantl zu seinem nachträglich katholisch überzuckerten Recht? Durch die Böckenförde-Doktrin. Das weltliche Recht darf nichts taugen, damit das göttliche Nachhilfe-Recht seine Berechtigung erhält.

Im Positivismus ist die philosophische Grundlegung abgeschafft. Recht ist, was immer es ist. Recht wird weder von Vernunft, Natur noch sonstigen allgemeinen humanen Grundsätzen abgeleitet.

Gustav Radbruch, Gegner des Rechtspositivismus, hält diesen für eine Machtanmaßung:

„Wo also […] Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, können die so geschaffenen Anordnungen nur Machtsprüche sein, niemals Rechtssätze.“

Macht ist Recht: das war die Carl Schmitt‘sche Formel des faschistischen Rechts.

Wohin die Wahrheitsleugnung des Rechts führt, zeigt das Gerichtsurteil über die Loveparade. Schuldig sei niemand, denn es habe zu viele Zufälle gegeben. Wirklichkeit sei zu komplex, um durchschaut zu werden. Verantwortliche gebe es keine, so der Rechtsexperte des SPIEGEL:

„Im wirklichen Leben ist nicht jedes Leid oder Unglück, auch nicht jede Katastrophe auf ein einziges, klar umrissenes Versagen und Unrecht, auf einen bösen Willen zurückführbar. Gerade katastrophale Ereignisse wie die Vorgänge bei der Loveparade 2010 setzen sich oft aus einer Vielzahl von „kleinen“, alltäglich erscheinenden Versäumnissen und Fehleinschätzungen, Zufällen und Ursachen zusammen, die sich gegenseitig verstärken und zu Ergebnissen führen, die insgesamt katastrophal sind, sich aber aus dem Blickwinkel des einzelnen Beteiligten als fast unvorhersehbar oder zufällig ausnehmen. Bevor etwa ein Atomkraftwerk explodiert, müssen in der Regel viele Menschen in vielen Zusammenhängen zu ganz verschiedenen Zeiten kleine Fehler gemacht haben. Strafgerichte sind keine „Wahrheitskommissionen“ und keine Untersuchungsausschüsse.“ (SPIEGEL.de)

Nun müsste klar sein, wohin wir steuern. Wenn wir apathisch auf gigantische Katastrophen zusteuern, dann deshalb, weil es niemanden gibt, der sich zuständig und verantwortlich fühlt. Hätten wir die Chance, postmortal auf das Inferno zurückzublicken, um die Schuldigen auszumachen, müssten wir resignierend sagen:

„Im wirklichen Leben war nicht jedes Leid oder Unglück, auch nicht jede Katastrophe auf ein einziges, klar umrissenes Versagen und Unrecht, auf einen bösen Willen zurückführbar.“

Explodierende Atomkraftwerke, Kalter Krieg, der plötzlich heiß wird, tödliche Hitzewellen, mörderische Pandemien – das sind eschatologische Ereignisse, für die kein Mensch verantwortlich gemacht werden kann. Hier walte das Schicksal, das von Gott regiert wird.

Nicht Regierungen, nicht KanzlerInnen, nicht Mächtige und Reiche, nicht geniale Wissenschaftler sind Ursachen globaler Weltvernichtung. Sondern?

„Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, daß zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Zufall.

Griechische Demokratie und Wissenschaft begannen, als ein erwachendes Volk den Zufall als Geschick der Götter systematisch bekämpfte.          

„Einen Zufall gibt es nicht. Nur die Begrenztheit menschlichen Wissens nimmt diesem Begriff ihre Zuflucht, wenn sie die Ursache nicht erkennt.“ (Pohlenz über die Stoiker)

Kennt man keine Gründe, muss man sie erforschen, um den Zufall in den Griff zu kriegen. Im politischen Bereich gibt es nicht viel zu erforschen. Dort werden Verantwortliche per Amtseinführung definiert. Wenn der Fisch vom Kopfe her stinkt, ist der Kopf schuldig, wenn das Ganze stinkt. Sprach jemand von der Kanzlerin?           

Ein Minister Scheuer müsste an den Pranger, auch wenn er nicht alle Dreistigkeiten persönlich ausführte. Wer für die Wohltaten seines Amtes Lorbeeren erwartet, muss für die Missetaten Prügel kassieren. Ein Minister ist verantwortlich für alles, was im Namen seines Ministeriums geschieht.

Diese Grundsätze gingen verloren, je undurchsichtiger der Mensch seine Verhältnisse gestaltete. Je mächtiger er sich in Wissenschaft und Fortschritt fühlte, je ohnmächtiger definierte er sich in allen Folgen seiner politischen Untaten.

Verbissen nach „Sündenböcken“ suchen: ist das nicht Reduktion kognitiver Dissonanz? Also die Unfähigkeit, zu akzeptieren, was wir nie wissen werden?

Hier wird der moderne Mensch in seiner Hybris kleinlaut und hässlich. Werden unsere Kinder uns eines Tages den schrecklichen Vorwurf machen, wir hätten ihnen ihre Zukunft und Lebensfreude zerstört? Was werden wir sagen?

Kinder, habt ihr schon von Sokrates und seiner Formel der Bescheidenheit gehört: ich weiß, dass ich nichts weiß? Dann wisst ihr: das Leben ist komplex, unser Wissen beschränkt, wir Erwachsenen sind unschuldig. Kann es sein, dass ihr nicht sehen wollt: als Spätlinge des Menschengeschlechts habt ihr Pech habt?

Wohin man schaut, überall sieht man demokratische Insuffizienzen. Es fehlt der Glaube an Wahrheit, Vernunft, Autonomie, dialogische Streitkultur, Verantwortlichkeit und Humanität. Und dann dieser uralte, nicht vergehen wollende Hass der Christen gegen die selbstbewusste Moral der Heiden! Nur Kulissen der Demokratie stehen zerstreut im Ödland. Die Natur macht sich aus dem Staub.

Machen wir den Demokratietest:

Müsste man, um ein guter Demokrat zu sein, nicht an die Verantwortung des Menschen in allem Menschengemachten glauben? Wozu die ganze Geschichte des Menschen gehört: die Folgen seines technischen, ökonomischen und politischen Tuns? Die Rückwirkungen der Natur, die er seit Jahrhunderten malträtiert?

Müsste man, um ein guter Demokrat zu sein, nicht den strengen Dialog lernen, um in Pro und Contra der Wahrheit näher zu kommen?

Müsste man, um ein guter Demokrat zu sein, nicht Philosoph werden, um alles wahrzunehmen und zu verstehen, was der Mensch verursacht? Nicht um den Grund des Seins, sondern um unsere Schuld zu erkennen, damit wir Herr werden unseres Schicksals und unseren Kindern wieder in die Augen schauen könnten?

Müsste man, um ein guter Demokrat zu sein, nicht den Kurs der Menschheit ins Grenzen- und Verantwortungslose stoppen und in die Welt brüllen: bis hierher und nicht weiter? Müssten wir uns nicht vorwerfen, dass wir uns töricht in den Abgrund treiben lassen, uns panisch einredend:

Wir sind unschuldig, an uns lag es nicht, wir waren genial, wir haben das Sein zur Strecke gebracht. Da capo al fine.

 Fortsetzung folgt.