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Alles hat keine Zeit XXIII

Alles hat keine Zeit XXIII,

Tests gibt es für alles, nur keinen Test für demokratische Tüchtigkeit.

In allen Dingen soll das demokratische Individuum seinen Konkurrenten überlegen sein, nur nicht in – Demokratie. Menschen sind füreinander keine mitdenkenden, mitfühlenden Wesen, sondern Konkurrenten, die sich gegenseitig degradieren müssen.

Was ist, neben Reichtum, Macht und Einfluss, das Wichtigste in der deutschen Republik?

Aufstieg. Aufstieg wohin? In die führenden Klassen, die man nicht Eliten nennen darf, wenn man verschwörungstheoretisch nicht in Verdacht kommen will. Man soll nach Oben aufsteigen, hinter sich die Türen schließen und den Begriff Elite aus seinem Wortschatz streichen.

War Demokratie die Herrschaft des Volkes?

Oder eine Aristokratie, Herrschaft der Besten, eine Trumpo- oder Kakokratie, Herrschaft der Schlechtesten, eine Machiavellokratie, Herrschaft der Despoten, eine Kalokratie, Herrschaft der Guten, eine Sophokratie, Herrschaft der Weisen, eine Autarkie, Herrschaft der Genügsamen und Unabhängigen, eine Autokratie, Herrschaft der Selbstbestimmten, eine Oligarchie, Herrschaft der Wenigen, eine Plutokratie, Herrschaft der Reichen, eine Meritokratie, Herrschaft der Tüchtigen, eine Theokratie, Herrschaft der Priester, eine Technokratie, Herrschaft der Maschinen und Maschinisten, eine Futurokratie, Herrschaft der Zukunftsblender, eine Progressokratie, Herrschaft der Fortschrittler, eine Bibliokratie, Herrschaft der Apokalyptiker, eine Risikokratie, Herrschaft der Abenteurer und Phantasten oder eine Angelakratie, Herrschaft der Poseure und Nichtstuer?

In einer Demokratie soll alles überprüft und rangmäßig abgestuft werden – nur nicht die demokratische Kompetenz der Einzelnen. An welchen Kriterien soll ich … … mich messen, wenn ich wissen will, ob ich ein guter oder schlechter Demokrat bin?

Ich bin erschüttert. Niemand will seine demokratische Qualifikation erfahren. Nicht mal Fragebögen oder Listen mit Eigenschaften existieren, an denen ich mich messen könnte. Kann das eine stabile Demokratie sein, in der niemand ein guter Demokrat sein will? Schlimmer, der scheel angeguckt wird, wenn er demokratisch hervorstechen und besser sein will als andere?

Bundesverdienstkreuze gibt es für Ehrenamtliche, Lebensretter, Reichstagsverteidiger, Sportvereinsvorsitzende, Tafelaktivisten, Marathonsieger, Batteriehersteller – aber sind diese spezifischen Vorbilder zugleich exemplarische Demokraten, die sich dagegen wehren, dass die Demokratie geschunden und verschlissen wird? Die, aus Protest gegen elitäre Demokratieverderber, die Auszeichnung zurückweisen, weil sie die Auszeichnenden nicht als vorbildliche Demokraten betrachten, gemäß dem Motto jenes Philosophen: Ich lass mich nur von Menschen ehren, die ich selbst ehren könnte?

Der Kalte Krieg des Westens gegen China hat längst begonnen. Werden wir ihn gewinnen, wenn wir vorbildliche Demokraten sind, die sich weltweit zusammenschließen, um dem totalitären Staat zu widerstehen? Damit das unterdrückte chinesische Volk sich ermutigt fühlt, seine Überwacher zu entmachten und ein Volk der Freien zu werden?

Oder wenn wir unsere lotterhafte Demokratie zugrunde gehen lassen, um die Chinesen zu kopieren und mit ihren eigenen Waffen zu schlagen?

Ai Weiwei, emigrierter chinesischer Künstler, beurteilt mit scharfem Blick die Deutschen und behauptet, längst wären sie auf leisen Sohlen unterwegs in das Reich der Allwissenheits-Überwacher:

„Die Deutschen verhalten sich opportunistisch. Deutschland und China sind seit Langem enge, beste Partner. Die deutsche Wirtschaft sieht ihre industrielle Zukunft dort, wegen der billigen Arbeitskraft. Daher ist Deutschland äußerst zurückhaltend, wenn es darum geht, die eigenen Werte zu vertreten. Und weil es in Europa so einflussreich ist, setzt es damit ein klares Beispiel für andere und sendet ein Signal nach China, dass es Europa nicht kümmert, solange die wirtschaftlichen Beziehungen funktionieren. Deshalb wird China gewinnen. Jeder Deal, der in China abgeschlossen wird, geht zulasten der Menschenrechte und menschenwürdigen Bedingungen in der Gesellschaft. Das gilt auch für Deutschland: Jeder, der mit autoritären Staaten Geschäfte macht, stimmt letztendlich deren Politik zu. Manche Deutsche bewundern ja mittlerweile offen den autoritären Staat. Es geht hier nicht um einfache kleine Reparaturen, sondern um eine Art grundlegenden Krieg der Ansichten. Die westliche Kreativindustrie, die ein Hort der Meinungsfreiheit sein sollte, ist kollabiert. Es gibt keinen Unterschied mehr zu anderen Industrien, es geht darum, den chinesischen Markt zu gewinnen.“ (SPIEGEL.de)

Merkel besucht nur Menschen, neben denen sie als Wohltäterin glänzen kann. Den undankbaren, bösartigen Künstler besucht sie nicht. Wie dankbar sie ist für Corona, dass sie wissenschaftlich ihre Sorge zeigen kann. Zur Pflicht einer promovierten Physikerin aber scheint es nicht zu gehören, das Überleben der Gattung zu sichern.

Der Einzelne – so war es bisher – darf sich vom Leben nicht ohne Genehmigung verabschieden. Die Gattung jedoch muss sich verabschieden, ob sie will oder nicht. Das heitere Leben auf Erden hat sie nicht verdient. Kritiker schätzt die Kanzlerin nicht. Kritik nimmt sie nur entgegen, wenn sie mit opiaten Formeln den Vorwurf entschärfen kann.

Für klare Bekenntnisse gegenüber China, Russland, Türkei, aber auch gegen Freunde wie Amerika oder Israel ist sie nicht bekannt. Lieber macht sie Geschäfte mit Peking, spielt die Gute gegen Trump oder stellt sich bedingungslos vor Netanjahus Landnahme.

Wie ist die demokratische Bilanz der deutschen Himmelskönigin? Das will hierzulande niemand wissen.

„Angela Merkel benimmt sich trotz ihrer vielen Regierungsjahre vorbildlich: Sie bleibt sehr arbeitsam und sie lässt die Eitelkeit nicht heraushängen. Sie hat sich, wie sie es formuliert, „vorgenommen“, ihre Ämter in Würde zu tragen und sie auch in Würde zu verlassen – und versucht, das auch so zu praktizieren.“ (Prantl)

Sie nimmt sich vor, sie versucht, sie verbirgt ihre Eitelkeit, damit sie für ihre Demut gerühmt werden kann. Weltgeschichtliche Ereignisse stehen bevor und ereignen sich täglich: die Klimakatastrophe, der Kalte Krieg. Grundsatzreden ans Volk müssten gehalten, Grundsatzentscheidungen getroffen werden, damit die Untertanen wissen, wohin die Reise geht. Die Kanzlerin ist eine Führungskraft a tergo. Wirtschaft und das Volk lässt sie voranschreiten, damit sie sich mutig an die Spitze der Bewegung setzen kann.

Welche Werte stehen für Demokratie? Ein CDU-Politiker warnt vor dem Kalten Krieg:

„Eindringliche Worte des Transatlantik-Koordinators der Bundesregierung: Peter Beyer (CDU) sieht das Verhältnis zwischen den USA und China am Beginn eines kalten Krieges. Der Konflikt zwischen Peking und Washington werde „dieses noch junge Jahrhundert prägen“. Der CDU-Politiker forderte eine Rückbesinnung auf die „vermeintlich verstaubten transatlantischen Werte“. In erster Linie denke er dabei an „Freiheit und Demokratie, Frieden und Wohlstand“. Dies seien Werte, „die die Amerikaner uns Deutschen gebracht haben“ und in deren Bewusstsein die „intensive und vitale Partnerschaft mit den USA“ fortgeschrieben werden müsse.“ (SPIEGEL.de)

Wer hat die Werte verstauben lassen? Richtet sich der Westen nicht immer mehr nach China: Unfreiheit durch Überwachung, Unterdrückung demokratischer Demonstrationen, Friedlosigkeit durch Aufrüstung und steigende Spannungen?

Sind die Werte, die uns die Amerikaner brachten, noch immer amerikanische Werte? Hat das Wortgefecht der beiden Kandidaten nicht gezeigt, dass demokratische Werte wie Respekt, argumentierendes Streiten und Verstehen anderer Meinungen nicht mehr amerikanische sind?

Wohlstand, halten zu Gnaden, ist überhaupt kein demokratischer Wert. Höchstens die Kunst sicheren gemeinsamen Überlebens. Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt.

Die eroberte Freiheit der jungen athenischen Polis erzeugte unweigerlich die Freiheit unbegrenzten Handels der Reichen, die mit Notwendigkeit zum internen Einkommensgefälle führte. Wer den neuen Reichtum, ein Werk der gesamten Polis, nicht gemeinsam und gleichmäßig verteilt, der sprengt langfristig jede Demokratie, die nur als gerechte Gemeinschaft eine Zukunft hat. Wer dem Spiel unterschiedlicher Kräfte blind vertraut, die dank innerer Dynamik immer mehr auseinander klaffen, bestimmt die Demokratie zum Untergang. Eine Demokratie ist ein symmetrisches Gebilde, das nur austariert wachsen oder schrumpfen darf. Bricht eine Seite nach oben oder unten aus, stürzt das Ganze in sich zusammen.

„Man erinnere sich der großartigen Entwicklung des Welthandels, welche den ganzen weiten Bereich der Mittelmeerwelt zu einem großen Arbeitsfeld für den hellenischen Unternehmungsgeist machte. Man erinnere sich der mit dieser Ausdehnung des wirtschaftlichen Spekulationsgebietes stetig fortschreitenden Rationalisierung des Lebens, welche den Menschen immer mehr gewöhnt, die Dinge des Lebens unter dem Gesichtspunkt von Mittel und Zweck zu betrachten und damit fortwährend auf eine Zurückdrängung des Spontanen im seelischen Leben hinarbeitet. Man denke nur an die Athener, wie Thukydides sie schildert, die „rastlos thätig immer Neues sinnen“, immer außer Landes sind durch die Abwesenheit von der Heimat ihren Besitz zu mehren trachten im Gegensatz zur Bodenständigkeit der „immer zu Hause sitzenden“ Spartaner (oder der armen Athener). Ist eine stärkere Loslösung des Individuums von der Gemeinschaft denkbar als jene Internationalität des Kapitals?“ (Pöhlmann; Sokrates und sein Volk, 1899)

Pöhlmann ist einer der Wenigen, der die Wirtschaft der Polis als Kapitalismus bezeichnete. Dafür wurde er mächtig gescholten von angeblichen Kennern des modernen Kapitalismus, der nicht als moralisches Gebilde beurteilt wird, sondern als Mechanismus, der von Natur- oder Geschichtsgesetzen bestimmt wird.

Marxens Fehlleistung, der im Reich des Schönen weder demokratische noch kapitalistische Vorgänge entdecken konnte, war gigantisch. Weltgeschichte sei eine Geschichte der Klassenkämpfe. Eben solche gab es in Überfluss in Athen – und dennoch durfte es keinen Kapitalismus geben. Nicht nur Marx, auch seine Gegner legten Natur- und Geschichtsgesetze zusammen und fühlten sich als Auserwählte der Geschichte, wenn sie die Menschen diesen Gesetzen unterordnen durften.

Der Marxismus habe etwas Mütterliches, behauptete ein Historiker. Materie heißt das Mütterliche. Doch Marx gelang es, das Mütterliche einer väterlichen Heilsgeschichte unterzuordnen. Durch Kreuz zur Krone wurde zur plebejischen Devise: durch Leid, Entfremdung und Ausbeutung zur Revolution in imaginärer Zukunft.

Bis heute hat die Moderne den urdemokratischen Kapitalismus in Athen nicht wahrgenommen. Pöhlmann behauptet gar: „Das Weltbürgertum des ökonomischen Rationalismus ist älter als dasjenige des „Weisen“. (aaO)

Der Grund der Verblendung liegt auf der Hand. Kapitalistische Probleme und Klassenkämpfe gab es damals wie heute. Durchgefochten aber wurden sie damals in unvergleichlich schärferer Klarheit. Und da die Griechen keine Heilsgeschichte kannten, weder in heidnisch-materialistischer noch in christlich-idealistischer Form, da sie gerade ihre Autonomie entdeckten, gab es für sie nur ein Gegenmittel, um die Ungleichheiten zu bekämpfen: die Moral ihrer philosophischen Schulen.

Zwar gab es Unterschiede zwischen Kynikern, Epikuräern und Stoikern, zwischen Platon und Aristoteles – und dennoch waren sie fast unisono der Meinung: Überfluss, Gier und Unbesonnenheit sind immer schädlich, sei es in Macht-, sei es in Reichtumsfragen. Die Philosophie der ersten Aufklärung Europas war die einzig wirksame Medizin gegen den kapitalistischen Tumor, der den Leib der Polis unter sich erstickte.

Diese zielgerichtete Hauptfunktion der Tugend gegen Unmäßigkeit, ungewählte Machtaneignung und galoppierende Amoral wurde im Mittelalter als heidnische Torheit, in der Neuzeit als idealistische Träumerei abgetan. Vor Gott gibt es keine menschliche Tugend, die in der Lage wäre, das Geschick des Menschen zu meistern. Sokrates wurde ausrangiert, weil der Geist nicht fähig sei, die Gesetze des Seins zu meistern. Das konnten nur Experten der materialistischen und idealistischen Heilsgeschichte, die nach vielem Leid die goldene Stadt auf dem Berge zu sehen glaubten.

Die moralische Impotenz der Moderne, ein Erbe der Scholastik, wurde von den ersten Naturwissenschaftlern gefördert, die nur noch berechenbaren Gesetzen folgen wollten. Das Geschwätz der Menschen war ihnen widerwärtig geworden. Der Streit der Schulen sollte ein Ende finden.

Luthers Verbot der Werkgerechtigkeit wurde zur Marx‘schen Verachtung der Moral. Beide vertrauten angeblichen Gesetzen Gottes oder der Geschichte, die nach langer Zeit der Not sich die Belohnung des Himmelreichs oder des Reichs der Freiheit verdient hätten.

Die Freiheit der Polis war keine Lizenz für die Starken, die Symmetrie der Gesellschaft zu zerbrechen. Freiheit ist die Freiheit aller oder sie ist keine. Was wäre das für eine grauenhafte Vorstellung, wenn die heutigen Starken die Freiheit hätten, mit Panzerwagen und privaten Söldnern die Stadt nach Belieben zu kujonieren? Kapitalistische Wirtschaft aber, so William James, ist die Transformation des Krieges in ökonomische Konkurrenz.

Schon die Impertinenz der Neoliberalen, Wirtschaft zum eigentlichen Motor der Geschichte hochzujubeln, den Staat zur Müllabfuhr der Menschheit zu erniedrigen, zeigt, dass Ökonomie die Herrschaft des Volkes in Trümmer gelegt hat. Wirtschaft gegen Staat ist Unsinn. Die Macht der Wirtschaft ist erschlichen, einen Staat an sich gibt es nicht, sondern die Herrschaft des Volkes.

Das sokratische Gegenmittel gegen den Kapitalismus wurde nicht nur durch die christliche Theologie bekämpft, sondern durch die moderne Naturwissenschaft und ihre geisteswissenschaftlichen Nachahmer. Der Mensch war nicht nur Sündenkrüppel vor Gott, sondern überflüssig vor den neuen Naturgesetzen, die ihm das eigene Nachdenken ersparten.

Es gab einen großen Unterschied zwischen Amerika und der deutschen Bewegung: zwar setzten die Amerikaner auch auf militärische Überlegenheit, im Wesentlichen aber eroberten sie die Welt mit technischem Fortschritt und gigantischer Wirtschaft.

Die Deutschen hingegen beteten pure Gewalt an. Im Willen zur schonungslosen Dominanz fühlten sich die Deutschen ihren Vettern in Übersee überlegen. Ihre messianische Berufung gab ihnen die innere Freiheit, erbarmungslos zu tun, was getan werden muss. Sie waren barbarisch ohne Skrupel und hatten keine schein-moralischen Maskeraden nötig.

Das wirtschaftliche Gefälle in Athen wurde zum Machtgefälle. Das war der langsame Erstickungstod der Demokratie, in der verschiedene Persönlichkeitstypen sich erst bilden konnten. In der Tradition waren persönliche Unterschiede rituell eingehegt und unschädlich gemacht. Als die Traditionen zerbrachen, mussten die Einzelnen ihr Ich, ihre Persönlichkeit, ihr Gewissen im Getümmel erst suchen. In der Adelsgesellschaft hatten nur die Oberen ein Ich, in der beginnenden Demokratie warfen die Emanzipierten ihre Ketten ab und mussten sich frei neu definieren.

Nehmen wir an, Freiheit, Demokratie und Frieden seien abendländische Werte. Dann wüssten wir noch lange nicht, wie diese Werte zu realisieren wären. Welchen Weg müssten wir wählen, um zu den fernen Zielen zu gelangen? Ideale Ziele nennt man auf Abendländisch – Utopien.

 Jetzt wird’s prickelnd: wer politische Utopien vertritt, wird hierzulande der Schwärmerei oder totalitären Zwangsbeglückung bezichtigt. Doch wie soll man ferne Ziele erreichen, wenn nicht durch utopische Zielsetzung, die durch eine lernende Politik angestrebt werden muss?

Welche psychischen und rationalen Fähigkeiten müssten wir besitzen, um jene Ziele zu erreichen? Ziele nennen allein nützt nichts, wenn wir nicht auf adäquate Mittel sinnen, um sie zu erreichen. Diese Fähigkeiten wären jene Kriterien, die in Demokratietests eruiert werden müssten.

Folgten wir Sokrates, wäre das Problem im Nu vom Tisch. Was wir erkannt haben, sagte der „Verführer der Jugend“, dem können wir problemlos folgen. Denn Erkennen und Tun sind eins. Das war die Kühnheit und Zuversicht der Morgenröte, die von inneren Konflikten noch nicht viel wissen konnte.

Der galoppierende Zerfall der Polis zerstörte die naive Identität von Erkennen und Tun. Aristoteles musste eine Zwischeninstanz einbauen, um der Gesinnung eine Chance zu geben. Er nannte sie – Willen. Du musst wollen, du musst dich anstrengen: solche Zurufe und Ermahnungen wurden zum Hauptinstrument moderner Pädagogik.

Bei Luther waren Wollen und Vollbringen zerrissen, motivierende Zurufe sinnlos, denn der Mensch als Sünder war zu keiner Werkgerechtigkeit fähig. Nur eins konnte er: um Gnade winseln. Papisten waren Semi-Pelagianer, auf Deutsch: der Mensch sollte sich bemühen, die Gnade wird ihm auf halbem Weg entgegenkommen.

Die Kluft zwischen Erkennen, Wollen und Vollbringen ist das Hauptproblem der Gegenwart. Geschieht Böses in der Welt, fallen Zuchtprediger über die Übeltäter her: sie wollen nur unser Verderben, sie meinen uns, sie zielen direkt auf unsere Demokratie. Als ob das Böse angeboren wäre und sich direkt in Aktion verwandeln würde. Es wurde zur Spiegelung sokratischer Direktheit, transformiert in den Kontrastbereich des Bösen. Der Mensch ist böse. Zwischen böser Gesinnung und Verbrechen liegt kein Abgrund, also – gesagt, getan.

Der junge Freud hatte das Innenleben des Einzelnen zu beschreiben versucht. Wer eine Tat verstehen wolle, müsse ihre psychische Entwicklung rekonstruieren. Wenn Absicht und Tat sich zu widersprechen schienen, waren interne Konflikte schuld, die dem Täter nicht bewusst waren. Es und Ich fielen auseinander. Der junge Freud war noch Aufklärer, weshalb er die Formel entwickelte: wo Es war, soll Ich werden. Doch wie? Das Es musste erinnert werden, damit das Ich sich seiner Kraft bewusst werden konnte.

Warum will die Gegenwart, tut aber nicht, was sie will? Warum will sie die Klimagefahr eindämmen, verharrt aber apathisch am selben Fleck?

Ohne Fremdwort geht nichts, wir müssen den Begriff Akrasia klären:

„Das Wort Akrasia stammt aus der antiken griechischen Philosophie und bedeutet „Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen“.

Apathie war ein Problem, das Sokrates nicht kannte. Warum tut der rationale Mensch nicht, was er für gut hält? Stattdessen bleibt er unbeweglich. Es sind Konflikte in seinem Inneren, die ihn zerreißen. Wohl hatte die neue Freiheit die Menschen ins Denken gebracht, doch die Ergebnisse des Denkens entfernten sich rasant voneinander – um Konflikte zu werden..

Was war richtig? Wer das Glück hatte, nicht körperlich arbeiten zu müssen, konnte seine Freiheit zur Wahrheitsfindung nutzen. Sokrates hatte vermutlich ein kleines Vermögen und konnte in Muße nachdenken. Sein wissendes Nichtwissen bezog er auf theoretische Erkenntnisse, aber nicht auf sein praktisches Problem: Wie werde ich ein guter Mensch?

Hier kam er zu einem Ergebnis, das ihn mit Enthusiasmus erfüllte. Der Mensch kann gut werden, wenn er das gemeinsame Glück der Menschheit findet. Nein, nicht zufällig findet, er muss es sich erarbeiten – durch Moral. Tugendhaftes Verhalten ist der Weg zum Glück. Da Glück ein soziales Phänomen ist, muss Moral Politik werden. Moralisches und politisches Verhalten müssen identisch werden. Ich werde glücklich, wenn alle glücklich werden. „Alle“ waren Mitglieder der Polis. Später erweiterte sie sich auf alle Menschen, aus Polis wurde Kosmopolis.

Der unverstandene Zwiespalt zwischen nationaler Moral und internationaler Amoral ist eine Hauptursache der gegenwärtigen Krise. Die Welt ist so zusammengewachsen, dass nationale Moral zur internationalen werden muss. Nahe und fremde Völker sind nicht mehr unsere Feinde. Die globalen Probleme können wir nur lösen, wenn wir zusammenhalten.

Die Moral des Guten,, ursprünglich auf die Sippe beschränkt, dann ausgeweitet auf die Nation, muss auf die ganze Menschheit ausgedehnt werden. Die deutsche Trennung der Ethik in Kammerdienermoral und machiavellistische Staatsraison muss beendet werden. Wir müssen aufhören, Deutsche, Franzosen, Russen oder Chinesen zu sein. Nationale Grenzen müssen geschleift werden. Es gibt nur eine Möglichkeit, totalitäre Staaten gewaltlos zu überwinden: wenn der Virus der generellen Moral die dortigen Bevölkerungen erreicht und sie zur Rebellion bewegt.

Wenn wir uns weiter einigeln und unsere Armeen aufrüsten, senden wir das Signal in die Welt: das Erringen der Weltherrschaft wird nur mit Waffengewalt erfolgen. Das wäre kollektiver Selbstmord aus Angst vor dem Klimauntergang.

CSU-Seehofer brachte seinen Zwiespalt in der Flüchtlingsfrage auf die Formel: „Balance zwischen Humanität und Ordnung“.

Er hat nichts verstanden. Humanität ist keine Unordnung, Ordnung nicht das Gegenteil von Humanität. Friedliche Ordnung ist human. Wir müssen lernen, unsere regionalen Probleme im globalen Zusammenhang zu sehen. Das Flüchtlingsproblem in Europa werden wir nicht lösen, wenn wir es nicht weltweit lösen. Das hieße Regeneration der UN als Völkerparlament, in dem die Nationen ihre Weltprobleme gemeinsam lösen. Noch immer denken wir zu kleinkariert und regional.

Akrasia, die Unfähigkeit zu tun, was wir für richtig halten, wird von Sokrates als mangelhafte Selbsterkenntnis, vom Christentum als Folge des irreversiblen Bösen definiert:

„Ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ (Paulus)

Nicht ich handle, sondern die Sünde in mir. Ich bin „unschuldig“ – gleichzeitig unrettbar schuldig. Ich kann die Welt nicht verbessern, denn ich kann mich selbst nicht verbessern. Die paulinische Akrasia macht den Christen politisch impotent. Das ist die Ursache christlicher Abendländer, dass sie zwar das Gute und Notwendige tun wollen, aber durch Glauben an die Sünde zur Apathie verdammt sind.

Was bleibt ihnen? Der Kotau, der Kniefall vor dem Erlöser. Herr komm, ach komme bald.

Da können sie lange warten.

Wir aber müssen einen Demokratietest entwickeln, um jeden in Bedrängnis zu bringen mit der Frage: Bin ich ein guter Demokrat? Das Klima wartet nicht.

Fortsetzung folgt.