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Alles hat keine Zeit XXII

Alles hat keine Zeit XXII,

Scheltrede des Sokrates über die Moderne:

„Ihr Besten aller Menschen, ihr Fortgeschrittensten, Cleversten und Kühnsten, Ihr ZeitgenossInnen der an Macht und Stärke berühmtesten Epoche der Menschheit, ihr schämt euch nicht, euch um Schätze zu sorgen, um sie in möglichst großer Menge zu besitzen, auch um Ruf und Geltung, dagegen um Einsicht und Wahrheit und um eure Seele, dass sie so gut werde wie möglich, darum sorgt und besinnt ihr euch nicht? Wenn aber einer von euch Einwendungen macht und behauptet, er sorge sich doch darum, so werde ich nicht gleich von ihm ablassen und weitergehen, sondern ihn fragen und erproben und ausforschen, und wenn er mir die Tüchtigkeit nicht zu besitzen scheint, es aber behauptet, so schelte ich ihn, dass er das Wertvollste am wenigsten achte, das Schlechtere aber höher.“

Sie sorgen sich um ihr individuelles Fortleben, aber um das Leben ihrer Kinder und ihrer Gattung sorgen sie sich nicht. Ihr persönlicher Virus beherrscht ihr Gemüt, als ob die Menschheit nur überlebte, wenn sie selbst überleben – als ob es nicht umgekehrt wäre: nur wenn die Gattung überlebt, wird der Einzelne eine Chance haben.

Was sie Egoismus nennen, ist der Wunsch, abzutreten, was sie Uneigennützigkeit nennen, der Wunsch, weiterzuleben.

Das Vereinzelte hat das Allgemeine überwältigt, das Asoziale, Blendnerische, Erwählte das Generelle, Gleichwertige und Gemeinschaftliche.

Das Jenseits als Paradies ist Hort der Bevorzugten, Wenigen und Wichtigen, das Diesseits als Heimstätte überflüssiger Massen ist Moria, das Lager der … … zum Tode geweihten Vielzuvielen.

Das Ende offenbart den Sinn der Geschichte: im Wettstreit um den Endsieg in der linearen Zeit gewinnen jene, auf denen der gütige Blick des Allmächtigen ruht. Das Durchschnittliche, Mittelmäßige, Natürliche hatte keine Chancen. Natur ist nicht selbstbestimmt. Was nicht den Segen von Oben erhält, ist Abfall:

„Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ (Theologischer Naturforscher Darwin)

Natur ist wahllos und blind, teilnahmslos fördert sie alles, das Hervorragende und Minderwertige, das Bestechende und Verderbliche.

Nur ein Schöpfer, weit oberhalb der Natur, kann aus Schlichtem und Vereinzeltem das wunderbare Finale der Evolution hervorzaubern. Neunundneunzig Prozent der Gattung sind Menschenmaterial, Versuchsmasse, Wegwerfware. Ein Prozent ist das Salz der Erde, der ausgekelterte Extrakt einer massa perditionis, die ihren Sinn nur darin sieht, sich überflüssig zu machen und die Platte zu putzen.

Moderne Demokratien haben ihre Seele verkauft: die Würde der Sieger ist unantastbar, eine Würde der Verlierer hat es nie gegeben.

Leben ist kein Geschenk der Natur, sondern Lehen auf Vorbehalt: wer die irdische Bewährungszeit nicht für sich nutzen kann, ist Ausschussware der Evolution.

Die Auswahl ergeht streng von Oben nach Unten:

„Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. Da gebot er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“

Die Schlüssel des Himmelreichs wurden zu Schlüsseln der Natur. Wen sie auf Erden löst, soll im Himmel erlöst sein. Natur wird zur selektiven Vorinstanz der Übernatur. Nur Wenige und Eingeweihte sollen erfahren, wer den obersten Schlüssel besitzt, um die Richtigen herauszufiltern und die Falschen zu verderben.

Irdische Natur ist Vorlauf, Erwartung, Zittern vor der finalen Bewertung; Stimmen von Oben entscheiden hinter den Kulissen über die Schlussbenotung des Lebens. Das esoterische Geschehen ist Hauptreligion der Demokratien, weshalb sie primitive Nachahmer mit Häme verfolgen.

Die Religion des Westens ist eine perfekte Verschwörungstheorie. Wem gebührt das Gesamtlob für Glück und Seligkeit der Erwählten? Gott.

Wer ist schuld am Elend dieser Welt? Gottes Knecht, der Teufel. Da der Teufel eine Marionette Gottes ist, ist Gott der verschwörungstheoretische Ursprung von Gut und Böse.

Omnipotente Illusionsfiguren wurden Instanzen für Lob und Fluch, Anbetung und Verdammung. Der Mensch als Selbstbestimmer seines Schicksals wurde aus dem Weg geräumt.

Die sokratische Sorge um „Einsicht und Wahrheit“ jeder Einzelseele – das Fundament irdischen Lebens – wurde durch panische Furcht um jenseitige Seligkeit mit Höllenstrafen bedroht.

Jenseitsreligion will die Natur verwüsten, um sie zu verlassen. Sie räumt das Feld des Diesseits durch Zerstörung des Irdischen.

Der sokratischen Sorge um jede Einzelseele geht es um Erhaltung des irdischen Lebens in Gemeinschaft aller Menschen.

Sokrates geht es um Nutzen und Glück auf Erden. Das Jenseits kümmert ihn nicht. Sollte es eines geben, wird er die Götter der Unterwelt in die Zange nehmen wie seine Zeitgenossen auf Erden.

Erlösungsreligion und autonome Philosophie sind wie Feuer und Wasser. Ihr Kampf – in welchen Kombinationen auch immer – ist der entscheidende Kampf der Menschheit. Es gibt ein ultimatives Entweder-Oder. Was nicht bedeutet, dass Anhänger des Entweder die Anhänger des Oder massakrieren müssen. Zumal der Gegensatz in den Menschen nicht kategorisch repräsentiert wird.

Viele Christen projizieren Diesseitsgedanken in ihre Jenseitsreligion. Wüssten sie, was in den Schriften ihrer Erlöser steht, würden sie schreiend flüchten. Es ist nicht verboten, aus allem das Beste herauszuziehen und das Schlechte zu eliminieren. Doch sie scheuen sich, die inhumanen Bestandteile ihrer Religion zu benennen und zu brandmarken. Wenn sie das Schlechte in den Schriften ahnen und sich fürchten, sich von ihm zu distanzieren, unterstützen sie eine Religion, die sie für verderblich halten. Noch immer schlummert in ihrem Es die Angst vor ewiger Pein.

Wer sich Christ nennt, ohne die Urkunden des Christentums zu überprüfen, macht sich schuldig, wenn er sein Bekenntnis Politikern und Priestern zur Verfügung stellt, um die Macht einer antihumanen und naturfeindlichen Religion auf Erden zu stärken.

Es gilt, der Erde treu zu bleiben, zu lernen, ihr treu zu werden.

„Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!“

Sprach Nietzsches Zarathustra, glühender Gegner der Jenseitspriester. Gleichzeitig war er auch ein Gegner des Sokrates, der auch der Erde treu bleiben wollte: der deutsche Ur-Zwiespalt bis zum heutigen Tage.

Zarathustra wollte der Erde treu blieben – aber nicht den Menschen, die sich mühten, mit friedlichen Mitteln die Erde zum Refugium aller Mitmenschen zu machen. Was war der Unterschied zwischen Sokrates und Zarathustra?

„Nur wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehr ich’s dich – Wille zur Macht! Diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens … dies mein Jenseits von Gut und Böse, ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt … Wollt ihr einen Namen für diese Welt? … Ein Licht für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? … Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem! Und auch ihr seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem!“

Wille zur Macht ist kein Wille zum Leben. Machtloses Leben ist nichtswürdig und muss eliminiert werden. Nur Übermenschen haben das Recht auf ein Leben der Mächtigen, die nach Belieben den Rest der Belanglosen drangsalieren können.

Bei den Griechen gab es kein Jenseits von Gut und Böse. Es gab den Urkampf zwischen den Starken, die alles für gut hielten, was die Schwachen beschädigte – und den Schwachen, die alles für gut hielten, was allen Menschen nützte.

Zarathustra, angeblicher Feind der Christen, war im Grunde ein – christlicher Selektionist durch Macht und Gewalt. Seine Erwählungskriterien, identisch mit dem Darwinismus, führten zum Neoliberalismus Hayeks, der kein Mitleid hatte mit denen, die unter die Räder kommen. Gebt ihnen ein paar Almosen, dass sie nicht verrecken, doch vom Leben sollen sie ausgeschlossen sein.

Bleibet der Erde treu, hätte auch Sokrates sagen können – doch ohne Selektion. Er wendete sich an alle Menschen.

„Es scheint, dass die Lehre des Sokrates in erster Linie eine soziale gewesen ist, was bedeutet, dass Wohl und Wehe der Staatsgemeinschaft für ihn den eigentlichen Richtpunkt bildete.“ (F. Jodl, Geschichte der Ethik)

Also hielt er es für richtig und billigenswert, das politische Zusammenleben – die Demokratie – mit rücksichtsloser Kritik zu überprüfen.

Viele deutsche Altphilologen halten Sokrates für das Gegenteil eines Demokraten. Wie sonst hätte er den Satz sagen können: „Wer das Unrecht wahrhaft bekämpfen will, dessen Platz ist im Privatleben, nicht im öffentlichen Leben“?

In der Volksversammlung hatte sich Sokrates einem unrechtmäßigen Begehren der Mehrheit widersetzt. Hier begann sein Leben gefährlich zu werden. Seine karikierte Darstellung als Sophist in einem Stück des Komikers Aristophanes machte seinen Ruf nicht besser. Seine Unbeugsamkeit in Zeiten des Verfalls der Polis erzeugte Hass gegen die Anmaßung, dem Volke moralisch überlegen zu sein. Kein Zufall, dass er durch Shitstorm verklagt und zum Tode verurteilt wurde.

Hat sich – außer der Todesstrafe – bis zum heutigen Tag irgendetwas verändert? Noch immer darf es weder Hell noch Dunkel, weder Gutes noch Schlechtes geben. Es darf keine Blamage eines Andersdenkenden durch bessere Argumente geben, keine Hybris, etwas besser zu wissen. Wenn es nichts Gutes und Schlechtes geben darf, ist die Erhaltung der Demokratie nichts Gutes, ihre Zerstörung nichts Schlechtes. Das wäre der Untergang der Demokratie. Eine verfaulte Demokratie gäbe sich den prophylaktischen Segen, sich saft- und kraftlos zu verabschieden.

Sokrates zog sich zwar aus bestimmten Ämtern zurück, nicht aber aus der politischen Öffentlichkeit. Auf der Agora war kein Athener vor seinen Attacken sicher.

„Er besitzt die Kraft und die Liebe, die Menschen, soweit sie empfänglich sind, besser zu machen. Diese faszinierende Wirkung seiner Persönlichkeit wird mit einem schmerzenden Biss der Otter oder dem elektrischen Schlag eines Rochens verglichen.“

Die Menschen wollte er besser machen, er wollte sie zu besseren Demokraten erziehen. Wodurch? Vorsicht, moderne Ohren: durch Moral. Moral war die Kraft, Gesetzen zu folgen und eine humane Politik zu gestalten. Moral und Politik waren keine Gegensätze – wie bei modernen Rabulisten, die Politik für einen maschinellen Vorgang und Moral für Träumereien halten: ein Konflikt, der den Untergang der Volksherrschaft nur beschleunigen kann.

Trotz seines – theoretischen – Nichtwissens in vielen Dingen (auch der Naturphilosophie), glaubte er eines zu wissen: „die Philosophie sagt immer dasselbe, nämlich die Wahrheit, dass es nur ein wirkliches Unglück gibt, schlecht oder ungerecht zu handeln, und nur ein wirkliches Glück, gut oder gerecht zu handeln.“

Beruft man sich heute versehentlich auf Sokrates, dann nur zur Rechtfertigung der eigenen moralischen Feigheit. Was man nicht weiß, kann man nicht verteidigen. Was war für Sokrates gut und böse? Die fast unglaubliche Antwort: „Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun“.

Unrecht tun habe immer zu tun mit dem Trachten nach äußeren Gütern wie Reichtum, Macht und Ehre. Das seien die Güter, die die Welt für wertvoll halte. Wer aber für seine Seele sorgen wolle, der strebe nach Wahrheit und Besonnenheit.

Sokrates war der Hauptgegner des damaligen Kapitalismus, der nicht technisch, sondern moralisch bewertet werden muss. Die Zurückdrängung der sokratischen Ethik in der Neuzeit hat die Entstehung des Kapitalismus erst möglich gemacht.

Sokrates wurde zum Vorbild Jesu, dessen Verkündigung der Nächstenliebe und dessen Warnung vor dem Reichtum: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Sokrates hätte ergänzt: sondern von seiner Besonnenheit und seiner humanen Politik.

Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich. Hier beginnt die Verfälschung sokratischer Gedanken durch jenseitigen Macht-Zusammenhang. Moral hat nicht die Funktion, im Jenseits selig zu werden, sondern hienieden ein glückliches Leben zu führen. Reichtum bringt kein Glück, sondern häuft Unglück auf den Armen, was keinen ehrlichen Menschen zufriedenstellen kann. Glück ist nicht individuell, sondern ein soziales Phänomen. In einem Unrechtsstaat kann niemand glücklich werden, weder Täter noch Opfer.

Urchristen waren fasziniert von der Kultur der Hellenen, die für lange Zeit ihre Herren gewesen waren. Doch sie durften nicht fasziniert sein, denn das kam einem Ehebruch gleich. Mit weltlicher Weisheit gingen sie fremd und verachteten die Weisheit Gottes als Torheit. Also schlossen sie einen Kompromiss. Sie übernahmen viele Sätze und Gleichnisse aus der Philosophie der Griechen, spannten sie aber in das Joch eines jenseitigen Omnipotenzglaubens – und verfälschten damit das Original ins Gegenteil.

Sokratische Moral wollte Glück auf Erden in einem politischen Gebilde der Gleichwertigen. Biblische Moral wollte die Selbstentmündigung des Menschen zugunsten blinder Anbetung eines Männergottes – um sich ein Plätzchen im Jenseits zu erkiesen.

Warum hatte Sokrates im graecophilen Deutschland keine Chance? Weil eine religions-unabhängige Aufklärung in Deutschland unmöglich war:

„In Athen bildete sich eine ethische Denkart aus, für welche nicht die religiösen Begriffe der Schuld, der Sühne und der göttlichen Strafgerechtigkeit, sondern die anthropologischen Begriffe des zweckmäßigen sinnvollen Handelns und der natürlichen Gerechtigkeit innerhalb des menschlichen Lebens und der Naturordnung bestimmend waren.“ (Jodl aaO)

Unter modernen Denkern kam Kants kategorischer Imperativ Sokrates am nächsten. Dass er Glückseligkeit als Zweck der Moral ausschloss, hatte den Sinn, die Moral dem Zusammenhang von göttlicher Belohnung und Bestrafung zu entziehen. Moral sollte um ihrer selber willen getan werden und nicht, um sich den Himmel zu verdienen.

Doch Kant verwechselte himmlischen Lohn mit selbst erarbeitetem irdischem Glück. Moral muss nicht als Mittel zum Zweck des Glücks betrachtet werden und kann sich dennoch ihrer Erfahrung sicher sein, dass moralisches Handeln andere Menschen und sich selbst glücklich machen kann.

Eine Garantie freilich ist ausgeschlossen, es gibt zu viele inhumane Kräfte in der Welt, die verdientes Glück durch gehässige Intervention verhindern. Eben deshalb muss sich ein glücksstrebendes Tun politisch verhalten, um solche Hasselemente zu reduzieren. Moralisches Verhalten darf nicht privatistisch bleiben. Denn es weiß: persönlich kann man nur glücklich werden, wenn das politische Gebilde, in dem man lebt, glücklicher werden kann. Wahrer Egoismus ist identisch mit wahrem Altruismus.

Eben deshalb ist christliche Moral nicht politisch. Sie will nur private Seligkeit. Das Schicksal aller anderen – selbst der eigenen Familie – ist ihr gleichgültig. Im christlichen Glauben steht nicht die Familie im Mittelpunkt, sondern der neoliberale Einzelne. Familie, Staat, alles irdische Tun und Machen sind für den Frommen nichts als Talmi.

„Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“

Kant war kein Demokrat, hielt nichts vom unaufgeklärten Pöbel. Eher verzichtete er auf selbstgemachtes Glück als auf autonome Moral. Das war löblich gemeint, brachte aber missliche Folgen. Wenn Moral kein Glück bringt, so die Stürmer und Dränger, so könne man auf sie auch ganz verzichten. Das deutsche Glück wurde zum verlogenen Glück der Amoralisten, die sich einbildeten, Erwählte des Schicksals zu sein, wenn sie andere unter ihrem Willen zur Macht leiden ließen.

Für Futuristen ist weder sokratische Moral, noch humane Bildung oder Naturnähe nötig, um sich auf die Höhe des Risikos zu erheben und den evolutionären Wettbewerb zu gewinnen:

„Die beiden Philosophen Peter Thiel, ein Schachgroßmeister, und Alex Karp, ein in Frankfurt promovierter Adorno-Kenner, haben das mit dem umstrittenen Big-Data-Unternehmen Palantir vorgemacht. Das zweistellig milliardenbewertete Unternehmen steht kurz vor dem Börsengang. Erinnern wir uns: Von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert galt das Ideal des „ganzen Menschen“. Leonardo da Vinci hat Maschinen und Stadtbefestigungen entworfen, Goethe war Berufspolitiker. Bildung verpflichtet uns nicht, papierraschelnd vor der Schrankwand unserer Eltern sitzenzubleiben. Lernen wir von den Amerikanern. Heute ruft Bildung nicht nach Biedermeier, sondern nach Boldness.“ (SPIEGEL.de)

Der Verfasser verwechselt Quiz-Wissen mit Bildung, akademische Karrieregeschmeidigkeit mit philosophischer Kompetenz. Alle Kultur käme von Technologie? Sokrates, der sich von allem theoretischen Wissen, auch der Naturphilosophie löste, müsste demnach ein Kulturfeind gewesen sein.

„Auch das können wir vom Silicon Valley lernen. In Stanford und Berkeley diskutieren Mathematiker, Ökonomen und Ingenieure in ihren „Humanities“-Kursen Homer und Ovid. Die Philologen lernen dabei die Macher kennen – und werden am Ende selbst einer.“

Die wahren Geschichtskenner und Philosophen sitzen in Silicon Valley. Mit Homer und Ovid werden sie noch genialer, um Maschinen herzustellen, die alle Klassiker auswendig rezitieren. Silicon Valley ist das goldene Tal, in dem sich Natur- und Geisteswissenschaften ekstatisch miteinander versöhnen. Warum studierst du Altgriechisch, mein Freund? Um Elons Teslafabrik eine deutsche Konkurrenz entgegenzustellen. Zetsche hat offensichtlich versagt, weil er den Anfang der Odyssee nicht im Original zitieren konnte.

„Wir greifen nicht nach der Chance, weil wir Angst haben danebenzugreifen. Wir sind Bildungsbürger mit Höhenangst.“

Welche Chance, welche Höhe? Die Chance, Fortschritt endlos voranzutreiben, berühmt zu werden und Geld zu scheffeln. Das ist Silicon-Valley-Bildung, das genaue Gegenteil zur sokratischen. Sokrates wollte die Menschwerdung des Menschen durch eigene Denk- und Politbemühungen.

Politik kommt im ganzen Artikel nicht vor, auch nicht die Gefahr des Klimawandels. Woher die Zerstörung der Natur? Nicht durch die Naturfeindschaft der „technologischen Kultur“?

„Mit der Schrift etablieren sich Städte und Staaten, mit dem Buchdruck emanzipieren sich die Menschen von der feudalen Obrigkeit. Unser Problem in Deutschland ist: Wir verwechseln Qualität mit Tradition, und an der Tradition hängen wir aus Lethargie und habitueller Unsicherheit. Das ist die Bildungsstaub- und Haustierhaftigkeit unserer intellektuellen Talente.“

Der Verfasser glaubt noch an eine gebildete deutsche Gesellschaft. Dass Deutschland sich intellektuell, moralisch und politisch dem Nirwana nähert, scheint ihm nicht aufgefallen zu sein. Hätten die Deutschen wahre Bildung, hätten sie ihre Probleme längst gelöst. Denn Bildung heißt: Realität wahrnehmen, Konflikte analysieren und mit demokratischen Mitteln lösen. Wie schrecklich unsere Schulen und Universitäten sein müssen, zeigt der endlose Problemstau, den wir seit Dekaden hinter uns herschleppen.

Nein, nicht der Buchdruck hat die Menschen von ihrer Obrigkeit emanzipiert, sondern Menschen, die Bücher lesen, verstehen und politisch umsetzen konnten. Technische Mittel waren Hilfsmittel. Sonst nichts. Gab es keine denkenden Menschen, nützten Bücher und Maschinen nichts.

Warum erinnert der Schreiber nur an harmlose und nützliche Erfindungen? Warum nicht an schnucklige Atombomben, an die Verwüstung der Meere durch Plastik, an den gigantischen Ausstoß von Gasen, die das Klima in Hitzewallung bringen?

„In der Geschichte der Menschheit ist noch jede große Innovation verdammt worden. In Platons „Phaidros“ heißt es, die Schrift sei gefährlich, weil bei gedruckten Texten nicht nachfragen könne, wer etwas nicht verstehe. Hilfe, die Schrift ist nicht interaktiv, wer liest, wird dumm!“

Nichts kapiert, Monsieur. Platon war Anhänger der dialogischen Mäeutik seines Lehrers Sokrates. Ihm ging es nicht um Verdammung des Lesens an sich, sonst hätte er keine Dialoge und Bücher geschrieben. Ihm ging es um den Hinweis: lesen ist gut, aber nicht alles. Aus einsamem Lesen muss ein lebendiges Gespräch werden. Der Dialog mit Argumenten, das anamnestische Gespräch zur Selbsterforschung der Dialogpartner: das ist das Medium autonomen Denkens.

Technik ist unfähig, den Menschen und seine Suche nach Einsicht und Wahrheit zu ersetzen. Die Sucht der Technik, den Menschen beiseite zu drängen, will ihn zum Loser der Evolution machen.

Falsch, dass in der Geschichte der Menschheit jede „große Innovation“ verdammt worden sei. Wäre die Ablehnung so stark gewesen: wie hätten all die technischen Erfindungen Wirklichkeit werden können?

Man lese Roger und Francis Bacon, um Stimmen des Fortschritts – die nichts anderes waren als eschatologische Ungeduld – in gottähnlichen Paradiesvisionen zu erleben.

Die Unverfrorenheit des Artikels, alle Realitäten zu ignorieren, die nicht in sein Luftikus-Konzept passen, ähnelt der messianischen Euphorie der Spätromantiker, die die Suche nach der blauen Blume transformierten in die Suche nach Hexen- und Zaubermaschinen. Die himmelsstürmende Euphorie der Deutschen, die der Französischen Revolution eine Absage erteilt hatten (unter ihnen „Berufspolitiker & Fürstenknecht Goethe“), hat mit einiger Verspätung Amerika erreicht, um in technischer Maskierung postwendend zurückzukehren. Nicht in allen Dingen war Deutschland hintendran. Weil sie politisch zu spät kamen, waren sie in literarischen Visionen und Selbstglorifizierungen fast konkurrenzlos.

Was wir benötigen, sind keine Fortschritts-Propheten, die ihr Gehirn am liebsten einem Golem vermachen würden. Dann wären sie die Last des Selberdenkens los; das eigene Schicksal könnten sie dem Himmel und den Spatzen überlassen.

Ach heiliger Sokrates, komm und versetz den deutschen Tiefschläfern einen elektrischen Schlag mit deinen Sätzen, die 2000 Jahre christliche Menschenfeindschaft und Zukunftsschwärmerei nicht vernichten konnten:

„Denn wer sich selbst kennt, der weiß, was für ihn nützlich ist, und vermag zu unterscheiden, was er kann und was nicht. Wer das betreibt, was er versteht, der erwirbt sich, was er benötigt, und es geht ihm gut; andererseits hält er sich von dem fern, was er nicht versteht, und so begeht er keine Fehler und bleibt vor Unheil bewahrt.“

Fortsetzung folgt.