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Alles hat keine Zeit XXI

Alles hat keine Zeit XXI,

„So machen sie aus der oligarchischen Verfassung eine Demokratie und übernehmen selbst die Fürsorge und Verantwortung für die öffentlichen Angelegenheiten. Und solange noch einige am Leben sind, die die Missstände einer obrigkeitliche Herrschaft erfahren haben, sind sie glücklich und zufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand und achten nichts höher als Freiheit des Wortes und der Meinung.“ (Ein griechischer Bewunderer der Demokratie)

Doch dann wissen sie die Freiheit nicht mehr zu schätzen. Sie suchen größere Macht zu erringen. Vor allem die Reichen geraten auf Abwege. Sie jagen nach Ämtern nicht mehr durch eigene Kraft und Tüchtigkeit, sondern mit der Macht ihres Geldes. Dann kommt es zur Zerstörung der Demokratie, die sich in eine Herrschaft des Reichtums und der Gewalt verwandelt.

Die Schaffung der Demokratie war eine Abwendung vom Gebet, das die Geschicke des Menschen in die Hand der Götter legte. Die Selbsttätigkeit des Menschen ersetzte sein hilfloses Flehen an höhere Mächte.

„Geh selbst ans Werk, dann erst ruf die Götter! Dem Schaffenden verbündet sich der Gott.“ (Euripides)

Die Selbsttätigkeit nahm zwei Formen an:

a) Durch Arbeit mühte sich der Einzelne, sich unabhängig zu ernähren, um in Freiheit seine Vorstellung von tugendhaftem Verhalten zu erkennen. Arbeit war körperliches und geistiges Bemühen.

b) Wer die Mühe persönlicher Selbstwerdung verachtete, scheffelte Reichtümer, um mit Hilfe seines Geldes Macht zu erringen. Dann konnte er seine Überlegenheitsgefühle in privilegierte Klassenpolitik verwandeln.

Noch blieb die Fassade der Demokratie erhalten, doch der Rückfall in die Feudalherrschaft war … … unvermeidlich. Mit einem Unterschied: das angeborene, feudale Element wurde ersetzt durch erworbenen Reichtum. Geld konnte sich Privilegien kaufen. Es war noch nicht lange her, dass das Geld erfunden wurde durch Kontakt mit fremden Völkern. Der internationale Warenverkehr nahm seinen Anfang.

Doch aufrechte Demokraten setzten sich zur Wehr und attackierten den Reichtum als Verderber der Polis. Das führte zu einer heftigen Reaktion: „Die Anfechtung des Reichtums als eines unbedingten Gutes und die Behauptung, dass er ein auch ein Übel sein könne, erregte großes Aufsehen.“

Alle strittigen Elemente der modernen Demokratie wie Freiheit und Abhängigkeit, Reichtum und Armut, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, autarke Arbeit und Gelderwerb durch ökonomische Schlitzohrigkeit, wurden damals erfunden, philosophisch und politisch in allen Einzelheiten debattiert. Nichts war selbstverständlich, alles war neu und entzündete die Leidenschaft der jungen Polis.

Besitz wurde zum brennenden Problem des praktischen Lebens. „Für die meisten Menschen, klagte ein Aristokrat, gibt es nur noch eine Tugend, das ist der Reichtum.“

Unheimlich war dem Sinn der Hellenen, die auf rechtes Maß eingestellt waren, die Gewalt, mit der die Habgier den Menschen besinnungslos machte. „Beim Reichtum steht dem Menschen kein Ziel vor Augen; wer am meisten Lebensgut hat, strebt mit doppeltem Eifer weiter. Wer könnte sie alle sättigen?“ klagte Solon, der dem maßvollen Besitz den Vorzug gab vor den Schätzen der Reichen:

„Reichtum wünsch‘ ich mir wohl, doch unrechtmäßig erworben mag ich ihn nicht; denn stets folgt die Vergeltung darauf. Oftmals schwelgen im Reichtum die Schlechten, wenn Redliche darben; niemals tausch‘ ich jedoch mit solchen Menschen mein Los, gebe für Reichtum die Tugend nicht preis; sie bleibt mein eigen, ist mein fester Besitz; Geld hat bald dieser, bald jener.“

Mit dieser Politik des Ausgleichs schuf Solon die frühe Demokratie. Hätte er das Problem des Reichtums und der Armut nicht gelöst, hätten die Griechen keine Volksherrschaft erschaffen.

Das Durchdenken und Durchstreiten der Konflikte führte zur Gründung philosophischer Schulen, zur Entfaltung des Schönen und zur Gleichberechtigung der Athener – die im stoischen Kosmopolitismus Völker- und Menschenrechte hervorbrachten.

Wer waren die frühen Wortführer der öffentlichen Debatten? Die adeligen Kreise, bei denen der Sinn für gerechte Wertung der Arbeit immer mehr verloren ging. Wahres Mannestum, behaupteten sie, gäbe es nur in Krieg, Sport und vornehmer Lebenshaltung. Nur die Oberen und Reichen fühlten sich als die „Guten“.

Wer sich mit seiner Hände Arbeit sein Brot verdienen musste, das waren die „Mühebeladenen“. Schnell nahm das Wort den Klang des moralisch Minderwertigen, Schlechten an. Wer in gebeugter Haltung sein Leben verdienen musste, war ein „Banause“. Die vornehmen Sportsmänner verachteten die Gebückten.

„Der Besitz, der Besitz ist der Mann.“ (Alkaios)

Homer und Hesiod waren dichterische Wortführer der ersten Konflikte zwischen reichem Adel und armen Bauern. Hesiod stimmte das Loblied an auf Ackerbau und Friedensarbeit, Homer gab dem waffenklirrenden Adel den Vorzug. Hesiod ist der freie Bauer, der auf der eigenen Scholle sitzt und keinen Gebieter über sich anerkennt.

Der biblische Sündenfall verfluchte die Arbeit zur göttlichen Strafe. Der Sozialismus stellte die Bewertung auf den Kopf und erklärte die Arbeit zum Motor des Fortschritts, der eines Tages das Reich der Freiheit herbeiführen würde.

Wie Francis Bacon den Sündenfall durch Wissenschaft revidieren wollte, um einen neuen Garten Eden zu etablieren, so wollte Marx durch Arbeit den Fluch des Kapitalismus besiegen.

Wer ehrliche Arbeit nicht scheut, so Hesiod, brauche sich mit Lug und Trug auf Kosten anderer nicht zu bereichern. Diese Einstellung wurde die Rechtsordnung einer gerechten Gesellschaft. Von hier kam das Motto: Arbeit macht frei, das von NS-Schergen zur zynischen Dekoration ihrer Vernichtungsarbeit missbraucht wurde.

Für die Arbeiterpartei SPD ist „harte Arbeit“ der einzig rentenwürdige Sinn des Lebens. Wer nicht nachweisen kann, dass er im Schweiße seines Angesichts Malocherarbeit verrichtet hat, wird zum Lumpenproletariat gezählt. Wer schuldlos seine Stelle verloren hat und dem Staat mit Hartz-4 zur Last fällt, muss als Faulenzer bestraft werden. Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen: ein neutestamentlicher Spruch, der in keinem sozialistischen Handbuch fehlen darf. Und die Bibel hat doch Recht.

Das ist das Evangelium einer Partei, deren Gründer rabiate Religionskritiker waren. Noch nicht lange her, dass sie sich rühmte, die meisten Theologen in ihren Reihen zu haben. Ex-Kanzler Schröder, der seinen Aufstieg als Atheist begann, ließ sich ruckzuck als Choralsänger ablichten.

Mit der Reduktion der Arbeit auf Maloche im Status des Arbeit-nehmers (geben ist seliger denn nehmen) ist die Neuzeit weit hinter die athenische Antike zurückgefallen.

Dort besaß Arbeit ein Doppelgesicht: die Ernährungsarbeit musste sich die Zeit teilen mit politischer und philosophischer Mitbestimmungs- und Denkarbeit. Ein Bäuerlein vom Lande, das die vielen Pflichten eines zoon politicon nicht vernachlässigen wollte, musste so oft in die Stadt wandern, dass es seinen Arbeits-Pflichten kaum nachkommen konnte. Die von Perikles eingeführten Tagesgelder (Diäten) sollten diese Nachteile ausgleichen.

Muße war kein Müßiggang, wie sie heute entstellt wird, sondern Denkarbeit jener, die ein gewisses Vermögen haben mussten, um auf körperliche Arbeit nicht angewiesen zu sein. Heute wird kolportiert, die Antike hätte körperliche Arbeit verachtet, was – wie in fast allen Vergleichen der Moderne mit der Antike – gehässig und falsch ist.

Das Leben der Demokraten war ausgefüllt mit politischen Pflichten und autarker Arbeit. Kein Wunder, dass die Reichen – die weder arbeiten mussten noch politisch sonderlich engagiert waren – den kleinen Leuten durch Profitakkumulation davoneilten. Da es Sklaven gab, die sie in Bergwerken und Manufakturen ausbeuteten, bildeten sie eine Oberschicht, die sich vom Plebs immer weiter entfernte.

Als Alexanders Eroberung des Nahen Orients die wirtschaftlichen Beziehungen ins Phantastische erweiterte, hatte das Volk keine Chance mehr: die Volks-demokratie musste kapitalistischen Königreichen weichen, die durch Eroberung der Römer über Jahrhunderte hinweg zum schrecklichsten Ausbeuterkapitalismus der Weltgeschichte werden sollte.

Der moderne Kapitalismus unterlässt nichts, um an jene römischen Verhältnisse anzudocken. Geht die jetzige Entwicklung weiter, wird eine Handvoll Milliardäre bald 99% des Weltreichtums zusammengerafft haben. Dann wird die Menschheit – wie im alten Rom – auf tägliche „Tafelrationen“ angewiesen sein. Milliardäre werden in klimatisch günstigen Weltgegenden ihre waffenstrotzenden Machtzentralen haben, von denen aus sie die in Hitze darbende Menschheit ihrem Schicksal überlassen werden.

Die moderne, auf ökonomische Wachstums-, technische Fortschritts- und Profitzuwachs-Zwänge reduzierte Scheindemokratie hat bis heute nicht begriffen, dass eine Demokratie nicht von Brot allein lebt. Jedem Einzelnen müsste sie die Chance geben, neben der Arbeit sich mit den geistigen Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen – durch ein Leben in Muße, dem Gegenteil eines müßigen Lebens.

Das BGE wäre ein Modell, mit dem eine Gesellschaft überleben und zugleich ein selbstbestimmtes Leben führen könnte. Faule Menschen sind Erfindungen gehässiger Christen. Jeder Mensch will gebraucht werden und sich nützlich machen, um menschliche Gemeinschaft mit humanem Geist zu erfüllen.

Welch ein Unsinn, den Fortschritt mit der immer gleichen Litanei zu begründen: den Menschen soll harte Arbeit erspart werden. Sind die Maschinen angekommen, verlieren viele Menschen ihren Beruf und müssen sich anherrschen lassen: jetzt noch mehr ranklotzen, Risiken eingehen, Start-ups gründen, Scheitern als Erfolg bewerten, die Export-Weltmeister zu Masters of Universe hochjubeln. Das Ziel ist klar: die Bevölkerungen sollen nicht mehr zur Besinnung kommen und keine demokratische Kritikkompetenz erwerben.

Wenige Licht-Gestalten wie Elon und Jeff regieren aus weiter Höh‘ das Auslaufmodell der Erde, während sie eine neue Schöpfungsgeschichte im Weltall beginnen: am Anfang schuf Elon Raketen, Batterien und Superintelligenzen. Und siehe, es war sehr gut. Nach kurzer Zeit aber wird ihn der heilige Zorn überkommen und er wird alles in Trümmer zerschlagen wollen. Wenn dann kein Noah da ist, um den gekränkten Perfektionismus zu beruhigen, wird die Natur endgültig vom homo stupidus befreit werden. Alles atmet auf im Universum.

Wer einmal Andrew Carnegies „Evangelium des Reichtums“ zur Hand genommen hat, wird sich über seine messianischen Unendlichkeitsphantasien nicht wundern. Carnegie war noch überzeugt, dass das kapitalistische Wachstum allen zugutekommen wird.

Almosen-Milliardäre wie Bill Gates haben ein schlechtes Gewissen, dass das Schicksal sie so ungerecht bevorzugen würde, weshalb sie ihren Obolus an die Menschheit entrichten: Bill erlöst die Menschen von allen Epidemien, Jeff errichtet kostenlose Schulen für arme Kinder. Was mündige Gesellschaften selbst entscheiden müssten, reißen Begnadete des Himmels unbefugt an sich.

Jedes ökonomische Wachstum, so Carnegie, sei sinnvoll, denn es führe „zu höherer Zivilisation und gestalte das Leben aller Klassen der Menschen reicher. Es wolle den Armen durch den Besitz besserer Dinge reicher und die weite Kluft zwischen Reichen und Armen geringer machen.“ Das schrieb er im Jahre 1907.

 Pflicht zur Nächstenliebe treibe den Millionär an, immer reicher zu werden.

„Handelt der Millionär nach diesem Rate, so wird es seine Pflicht, seine Einkünfte zu vermehren. Der Kampf um mehr ist dann völlig frei vom Makel der Selbstsucht oder des Ehrgeizes und wird ein edler Beruf. Er arbeitet nicht mehr für sich, sondern für andere, nicht um aufzuhäufen, sondern um auszugeben. Je mehr er erwirbt, desto mehr empfängt die Allgemeinheit.“

Was der Millionär nicht darf: Bettler unterstützen, die keine Unterstützung verdienen. Eher solle man das Geld ins Wasser werfen, als es Unwürdigen zukommen zu lassen.

Carnegie unterläuft ein eklatanter Widerspruch. Einerseits soll der Reiche immer reicher werden, um den Armen mitzunehmen, gleichzeitig sei Armut ein bewahrenswerter Glanz von innen, wie Rilke dichtete:

„In der Regel findet sich in der bescheidenen Hütte des Armen eine höhere Befriedigung, ein edleres Leben und eine größere Lebensfreude, als im Palast der Reichen. Ich bedaure immer die Söhne und Töchter der reichen Leute.“

Wie steht es mit dem Schriftwort: eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich? Das müsse nach hinten geschoben und richtig gedeutet werden. Carnegie beruft sich auf das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden:

Jenem Knecht, der mit seinen fünf Talenten wucherte, um fünf weitere zu gewinnen, sagt der Herr:

„Da sprach sein Herr zu ihm: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude.“

Was geschieht mit jenem Knecht, der sein Kapital vergrub und keinen Profit machte? Der wurde vom Herrn getadelt. Getadelt?

„Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist: du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht gestreut hast; und fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in die Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du Schalk und fauler Knecht! wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreut habe? So solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen. Darum nehmt von ihm den Zentner und gebt es dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappen.“

Mittlerweilen hat sich der amerikanische Kapitalismus verändert. In Carnegies Zeiten war er biblischer gestimmt und hatte keine Zweifel, dass er schriftgemäß sei. Hatte er es sich damit nicht zu leicht gemacht, seine eigenen Vorteile mit scheinbaren Vorteilen für die Armen zu rechtfertigen?

Als Franklin Roosevelt, Erfinder des New Deals, gefragt wurde, ob er überzeugter Kapitalist oder Sozialist sei, war seine Antwort: „Ich bin ein Christ und ein Demokrat, weiter nichts.“ (Golo Mann, Vom Geist Amerikas)

Er zweifelte nicht, dass Amerika auf dem Heilsweg Jesu ging. Mit seinem New Deal gelang es ihm, die Zahl der Millionäre auf eine Handvoll zu reduzieren. Die Steuersätze lagen bei etwa 90%. Unfasslich für heutige Verhältnisse, doch abgesegnet durch den Krieg gegen das absolute Böse.

Nach dem Krieg sah es anders aus. Es kam zur großen Glaubenskrise. Golo Mann:

„Das Volk der Vereinigten Staaten ist in unserer Zeit plötzlich in eine Situation geraten, in der sein alter Glaube es im Stich lässt. Es hielt sich für tugendhafter als andere Völker, für erhaben über die schlimmen Spielregeln der Machtpolitik, und die Bombe von Hiroshima ist längst nicht mehr wirksam genug.“

Wie steht es heute mit dem Glauben der auserwählten Nation? Die Gläubigen wählen einen Präsidenten, der dem Bild eines Frommen gar nicht gleicht. Im Gegenteil. Und doch geht es um Glauben. Wahre Lieblinge Gottes zeichnen sich nicht durch sittliches Muckertum aus, sondern durch die Freiheit zu sündigen. Sie wissen, jede Sünde wird ihnen vergeben, wenn sie dem Ruhme Gottes dient. Es geht um mehr als um Sündenreinheit, die sich ihrer Fähigkeiten rühmt. Es geht darum, die überschwängliche Gnade des Erlösers an einem besonders vergebungsbedürftigen Sünder zu demonstrieren. Den Frommen in Gods own Country geht’s um ganz anderes und gewaltigeres.

Amy Coney Barrett ist Katholikin und ein Liebling der Rechten in den USA. Sie gilt als klare Gegnerin der Abtreibung, was sie zu einer Favoritin für erzkonservative Kreise macht. Ihre religiösen Ansichten waren immer wieder Stein des Anstoßes. In ihrer Zeit als Jura-Professorin an der renommierten Universität Notre Dame sagte sie einmal in einer Vorlesung, eine Justiz-Karriere sei immer nur ein „Mittel zum Zweck“ – und das Ziel sei, „das Reich Gottes aufzubauen“. (Frankfurter-Rundschau.de)

Die Erwählten sind unterwegs ins Land der Verheißung. Der letzte Akt der Geschichte steht bevor. Das neue Reich Gottes muss auferbaut werden.

Ist es nicht merkwürdig, dass Trump seine Anhänger oft genug drangsaliert? Dass er gar nicht daran denkt, den Armen und Gläubigen im Lande entgegenzukommen?

Nur auf den ersten Blick. Auch die Juden, auf deren Loyalität er setzt, verletzt er des Öfteren mit antisemitischen Beleidigungen:

„Donald Trump bedient häufig antisemitische und rassistische Klischees. Trotzdem will der Präsident die jüdischen Wählerinnen und Wähler Amerikas für sich gewinnen.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Trump will den Seinen mitteilen: gehabt euch nicht so, seid nicht so wehleidig. Wahre Verbündete vertragen manchen Knuff, denn sie wissen, es kommt aus dem Herzen. Was sich liebt, neckt sich. Ein robuster Christ vertraut der robusten Gnade seines Herrn. Liebe und tue, was du willst.

Dass man nicht empfindlich sein sollte, wenn die Zeiten vorangeschritten sind, kann man an der amerikanischen Philosophie ablesen: dem Pragmatismus. Eine Denkweise mit der Devise:

„Wahr ist, was hilft. Wahr ist, was wir wollen, wenn das, was wir wollen, uns hilft. Wahrheit ist Tun. Dieser Wahrheitsbegriff ist dem klassischen, kontemplativen entgegengesetzt. Nicht eine Wahrheit gibt es, sondern so viele Wahrheiten, wie es warmblütige, fest im Leben stehende, durch harte Arbeit glückliche Menschen gibt. Ohne Religion können sie nicht glücklich leben, aber keine Kirche kann sie ihnen geben. Entscheidend ist der Wille des Einzelnen. Was von ihm geglaubt wird, ist wahr, wenn es gut für uns ist.“

Hier haben wir die Parallele zur europäischen Postmoderne. Die westlichen Demokratien mögen von außen ziemlich unterschiedlich erscheinen, in Wirklichkeit sind sie homogene Reste eines Glaubens, der den „objektiven“ Wahrheitsanspruch aufgegeben und alles auf Erfolg gesetzt hat. Das „Wahre“ wird die Macht haben, sich durchzusetzen. An seiner Unwiderstehlichkeit, sich als Sieger der finalen Epoche zu beweisen, wird man es erkennen.

William James, einer der bedeutendsten Vertreter des Pragmatismus, hielt nichts von pazifistischen Schalmeien.

„Er liebte die heroischen Tugenden, die der Krieg mobilisiert und verachtete die Kleinbürger-Utopie eines stets geordneten mediokren Friedenszustandes der hohen Löhne, der kurzen Arbeitszeit, der Langeweile. Der Mensch sei ein aggressives Raubtier und würde einen langweiligen Frieden nicht ertragen. Die kriegerischen Tugenden müssten in eine rationale Friedensgesellschaft übertragen werden, verwirklicht durch Sportwettkämpfe, Alpinismus, Abenteuer, vor allem durch einen rauen Arbeitsdienst. Das normale Leben sei nur erträglich, wenn es moralischer Ersatz des Krieges sei.“

Das also ist der verdrängte darwinistische Kern des kapitalistischen Wettbewerbs, der von der friedliebenden deutschen Kanzlerin gehegt und gepflegt wird. Warum können sich demokratische Freunde und Verbündete nicht gegenseitig nützen? Weil sie sich diese Sentimentalität verbieten. Solche Lahmheit würde das ganze Leben wertlos machen. No bail out, kein Beistand: so steht‘s in ihren Verträgen und dennoch wundern sie sich, dass sie raufen und sich gegenseitig prügeln.

Mit diesem Kapitalismus ist keine Klimapolitik zu machen Denn er führt Krieg: untereinander und gegen die gesamte Natur. Der marode Kern des Kapitalismus ist nicht Luxus oder Reichtum an sich, sondern – die Macht des Reichtums, mit der er die Gesetze der Demokratie aushebelt. Kapitalismus ist der gefährlichste Feind einer Gemeinschaft der Gleichen.

Kapitalismus begann, als Freiheit begann. Er braucht Bewegungsfreiheit. Die Welt muss erschlossen werden, die Talente der Welt müssen zusammenkommen, um ihre Kreativität zu entfalten und ihre Machtträume zu verwirklichen. Nur in der Demokratie konnte der Kapitalismus das Licht der Welt erblicken. Als es den Demokraten nicht mehr gelang, die ausufernden Freiheiten zu begrenzen, wurden aus gerechten Tauschgeschäften ungerechte Betrugsgeschäfte – unter dem Etikett der Rechtmäßigkeit.

Die Reichen erfanden immer mehr Gesetze, die unter dem Schein der Rechtmäßigkeit die schwächere Seite übers Ohr schlugen. Milliardäre müssten mit keinem Gesetz in Konflikt geraten sein und wären dennoch gnadenlose Betrüger. Sie könnten das beste Gewissen der Welt haben und dennoch Zerstörer der Gerechtigkeit sein.

Die ursprüngliche Gerechtigkeit bestand aus der Möglichkeit jedes Menschen, sich autark zu ernähren. Diese Arbeit war unabhängig von Mächtigen. Tauschgeschäfte waren freiwillig und nicht gezwungen, durch ständiges Wachstum ihre Unabhängigkeit zu riskieren.

Weshalb die wichtigste Anforderung an eine gerechte und naturverträgliche Wirtschaft heute heißen muss: alle Monopole und globalen Giganten müssen zerschlagen und in die Hände der Menschen gelegt werden. Demokratische Betriebe haben demokratisch zu sein. Betriebe werden in Genossenschaften übergeführt, in der jeder Arbeitnehmer sein eigener Arbeitgeber ist.

Notwendige Arbeitszeit muss auf ein Minimum reduziert werden. Die frei werdende Zeit soll von jedem genutzt werden können, um sich politisch, ehrenamtlich, sozial, solidarisch zu betätigen. Kein Staat ernährt ihn mit einem BGE, sondern der Wille des Volkes unterstützt ihn, weil er das Volk unterstützt. Das ist der Sinn eines zoon politicon.

Kein vernünftiger Mensch wird sich weigern, seinen Anteil beizutragen zum Gelingen der Gesellschaft.

Wie wird der Mensch vernünftig? Weder durch technischen Fortschritt, noch durch Wirtschaftswachstum, noch durch waghalsige Risikospiele.

Fortsetzung folgt.