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Alles hat keine Zeit XVIII

Alles hat keine Zeit XVIII,

Kein Wunder ist geschehen. Julian Reichelt kümmert sich nicht um palästinensische Kinder, die in seinem reinen Weltbild keine Existenzberechtigung haben. Sollte er sich um Phantasmagorien sorgen? Das war eine hinterlistige Fälschung.

Und nun zu den Fakten, die in der deutschen Medienlandschaft ganz ohne Gerüchlein auskommen – wie Bewertungen, Beurteilungen, moralische Benotungen. Wer 13 Jahre lange von garantiert moralfreien objektiven Noten drangsaliert wurde, will von solchen Plagen nichts mehr wissen. Freiheit den Fakten!

Willy Brandt muss ein knuddliger Chorknabe gewesen sein, denn er schloss Frieden mit dem bösen Osten – sprach Josef Joffe:

„Frieden wird bekanntlich nicht von knuddeligen Chorknaben geschlossen. Das Regime (der Iran) unterwirft und greift aus; es ist keine „Friedensmacht“, wie Willy Brandt die Bundesrepublik gefeiert hat.“ (ZEIT.de)

Joffe preist den neuen Friedensblock in der Weltpolitik, das Bündnis Amerika-Israel-Arabische Emirate. Friedensschwärmer sind diese dreieinigen Kumpane nicht. Zum Frieden wurden sie genötigt von … … harten Realitäten: das Böse zwang sie zum Frieden.

„Die Geschichte geht verschlungene Wege, weil deren „List“, um den alten Hegel zu bemühen, absonderliche Bettgenossen vereint. Platt ausgedrückt: „Der Feind meines Feindes…“ Die Juden, Erzfeinde seit einem Jahrhundert, mögen zwar „Schweine und Affen“ sein, wie es im Koran heißt. Aber dank der ausgreifenden Islamischen Republik bietet sich Israel den arabischen Potentaten als gottgegebener Waffenbruder an – Glaubenskrieg hin oder her.“

Was täten wir nur, wenn wir nicht den alten Hegel mit seiner List der Geschichte hätten? Ganz schön dämlich stünden wir da. Der gemeinsame Feind eint? Gottlob, dass die List der Vernunft übereinstimmt mit trivialen Erkenntnissen der Gruppendynamik.

Nicht mehr Religion ist der Motor des Weltgeistes, sondern harte Machtinteressen:

„Ein Blick in die europäische Geschichte. Im Dreißigjährigen Krieg, scheinbar einem Religionskrieg, haben sich die katholischen Franzosen mit den protestantischen Schweden und den „ketzerischen“ Fürsten des Reiches gegen das ultra-katholische Habsburg verbündet. Es ging um Vorherrschaft, nicht um Glauben und Gebetbuch.“

Religion ist damit aus dem Schneider. Dass sie Zentrum endloser Glaubenskriege in Europa gewesen sein soll, muss dementiert werden. Religion ist besser als ihr Ruf. Die weltliche Macht hat sich ihrer bedient, um unbefleckt dazustehen. Joffe sorgt für Exkulpierung des Heiligen, um das Teuflische der Welt in die Schuhe zu schieben. Den Teufel? Natürlich nicht. Macht ist Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte. Das ist nun mal so. Wer sich ein Plätzchen auf Erden erkiesen will, muss Realist sein und Machtinteressen nüchtern zur Kenntnis nehmen. Herumjammern ist für Betschwestern, stolze Nationen lassen sich mit bösem Blick nicht verscheuchen.

Joffe scheint zu meinen, das Reich des Himmels sei nicht von dieser Welt. Die Eroberungen Roms, Europas und fast der ganzen Welt müssten demnach Irrtümer der Historiker sein. Nicht nur civitas dei, auch civitas diaboli wären ätherische Gebilde oberhalb der Realität, das Machtgetümmel der Völker nur ein Ninja-Spiel auf Legobasis. Die wahren Drahtzieher stünden über den Wolken. Religion – eine machtfreie Erfindung mit jenseitigen Erlösungsabsichten. Die irdische Welt ist nichts, das Jenseits ist alles. Eine Verleumdung, wer Religion mit Weltherrschaftsabsichten in Verbindung bringt:

„Du wirst alle Völker vertilgen, die der Herr, dein Gott, dir preisgibt. Du sollst ihrer nicht schonen und sollst ihren Göttern nicht dienen.“ „Der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ „Die Herrschaft über die Welt ist unserem Herrn und seinem Gesalbten zuteil geworden und er wird herrschen in Ewigkeit.“

Die Religion eines Schöpfergottes will dem Schöpfer seine Welt – die ihm von seinem Widersacher entwendet wurde – wieder zurückbringen. Erlöserreligion ist Allmacht im Diesseits und Jenseits.

Der Judenstaat – ein Hightechstaat – ist im Prinzip friedlich, aber nicht doof. Wenn‘s sein muss, kann er gewaltig zur Sache kommen. Das haben Irans arabische Feinde bemerkt und dem Friedensangebot der bisherigen „Schweine und Affen“, wenn auch mit anfänglichem Zögern, zugestimmt. Mussten sie doch ein schweres Zugeständnis machen und ihre arabische Brudertreue zu den Palästinensern auf dem Altar des neuen Friedens opfern. Ohne Menschenopfer kein Friede mit dem Höchsten, keine zugesagte Macht über die Völker.

Stifter des Bundes sind keine Staaten, sondern der Böse:

„Gestiftet hat den Bund eben Ali Chamenei, der Religionsführer. Die Ambitionen des Gottesstaates sind die eigentliche Triebfeder der „Umkehr der Allianzen“, wie es im europäischen Mächtespiel hieß.“

Die kreative Macht des Bösen ist gesetzt. Mephisto hätte seine Freude gehabt: „Ich bin ein Teil von jener Macht, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Teheran und die Bösen wurden in die Mangel genommen, um ihr religiöses Gift in den Dienst des Guten zu stellen. Da lachte der Himmel, der selten zum Lachen aufgelegt ist.  

„Fazit: Eiskalte Realpolitik schlägt Glauben und Gelöbnis; trotzdem darf man ein wenig träumen.“

Wer auf der Siegerstraße ist, kann großzügig sein und Gnade walten lassen. Wer das Privileg der Gnade besitzt, besitzt die Macht.

„Netanjahu hat mit Hilfe von Chamenei und Trump einen unglaublichen Coup gelandet. Jetzt dürfte er ruhig großzügig sein und den Palästinensern ein ehrliches Geschäft anbieten: zwei Staaten, einen Frieden.“

Obwohl ungewollter Anstifter zum Frieden, wird Chamenei keinen Nobelpreis erhalten.

„Denn Friedfertigkeit steht nicht im iranischen Katechismus; es geht um Expansion und Vormacht – wie immer bei revolutionären Regimen.“

Wie kann Chamenei für Religion als „Expansion und Vormacht“ stehen, wenn Religion, nach Joffe, keine weltlichen Ambitionen haben darf? Der Judenstaat hat sich den Frieden verdient durch technische Glanzleistungen. Man braucht ihn, den bisher geächteten Staat am Rande des Nahen Ostens.

Die aktuelle Geschichte Israels ist die Wiederholung der Josefsgeschichte in Ägypten, dessen Leistungen so enorm waren, dass der fremde Pharao ohne ihn nicht mehr regieren konnte.

„Josef wird ins Gefängnis gesperrt. Dort kann er dank seiner Tüchtigkeit einen hohen Posten erreichen und macht sich einen Namen als Traumdeuter beim Oberbäcker und dem Obermundschenk des Pharao – beide ebenfalls eingekerkert. Josef sagt deren Schicksal richtig voraus, nachdem Gott es ihm offenbart hat. Als – nach weiteren zwei Jahren – auch der Pharao rätselhafte Träume hat, wird Josef auf Anraten des Obermundschenks geholt. Josef kann durch Gott auch diese Träume deuten: sieben Jahre des Überflusses und sieben Jahre der Hungersnot werden kommen. Josef wird zum Vizekönig erhoben, der die Krise bewältigen soll.“

Vom Gefängnis zum Vizekönig, vom verhassten Eindringlings-Staat zum begehrten Friedensbringer. Loser wie die Palästinenser haben hier keine Chancen. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, wo historischer Fortschritt waltet, kommen Schwache unter die Räder.

Melody Sucharewicz bestätigt Joffes neueste Evolutionserkenntnisse. Israel und die Arabischen Emirate im Bündnis mit Amerika schreiten voran. Europäische Fußkranke irren desorientiert hinter der Welt-Avantgarde hinterher. Kommt davon, wenn man Menschen- und Völkerrechte höher achtet als den Gang des Weltgeistes, der, nicht mehr auf hohem Ross wie Napoleon, sondern auf Hightech mit Macht, Reichtum und Erstürmung des Weltalls daherkommt:

„Die EU steht an einer Gabelung: Weiter mit einer Haltung, die unübersehbar zum politischen Anachronismus wurde, wozu nicht zuletzt die finanzielle Unterstützung radikaler palästinensischer Organisationen und Strukturen gehört. Oder ein überfälliger Ausstieg aus dem mentalen Lockdown und Fokus auf eigene strategische Interessen. China, Indien, die USA, Afrika (!) und immer mehr arabische Staaten ziehen an Europa im Nahen Osten vorbei.“ (WELT.de)

Nach dem alten Hegel sind Trump, Netanjahu und die Führer der Arabischen Emirate die „Geschäftsführer des Weltgeistes“:

„Die welthistorischen Individuen als die Geschäftsführer des Weltgeistes; das Recht des Weltgeistes geht über alle besonderen Berechtigungen.“

Alles aus dem Weg, der Weltgeist kommt. Gegen ihn gibt’s keine Rechte, weder die des Menschen noch der Völker.“ (Jastimmen zum Artikel: 162, Neinstimmen: 5)

Die konzertierte Aktion wird gekrönt von BILD. Weil die BRD nicht an der Seite des friedensreichen Weltgeistes stehe, sei sie zur Kriegshetzerin geworden:

„Die Friedensschlüsse auf dem Balkon des Weißen Hauses zeigten deutlich: Frieden im Nahen Osten ist momentan nur gegen die EU und vor allem Deutschland zu haben. Den entscheidenden Durchbruch auf einer Nahostkonferenz in Warschau verpasste die Bundesregierung komplett. Das passt ins Bild: Berlin steht an der Seite der Kriegstreiber. So hat die deutsche Politik – gemeinsam mit Trumps Vorgänger Obama – gegenüber den Mullahs dazu beigetragen, diese in ihrem aggressiven Kurs zu bestätigen und andererseits die Golfstaaten dazu gedrängt, die Feindschaft zu Israel zu überdenken. Die Bundesregierung steht derzeit auf der anderen Seite: Aktuell bemüht sie sich darum, ein Waffenembargo gegen das Mullahregime aufzuweichen – und wird sich wohl bald wieder wundern, warum es mit ihren Friedensplänen einfach nicht klappen will.“ (BILD.de)

Nicht nur kriegshetzend ist die deutsche Regierung. Sie ist, schaut man genauer hin, sogar antisemitisch: sie will einen judenreinen Staat – im Westjordanland:

„Frieden wollte sich einfach nicht einstellen. Schuld daran seien die israelischen Siedlungen, lautete die in Stein gemeißelte Wahrheit deutscher Nahostexperten. Bevor das Westjordanland nicht judenrein sei, könne es keinen Frieden zwischen Israel und den Golfstaaten geben, denn offenbar gibt es in der Region kein dringlicheres Problem als jüdische Bauern, die irgendwo zwischen Jerusalem und Jericho Ackerbau betreiben.“

Wegen ein paar Bäuerlein, die friedlich ihre imperialen Acker pflügen, verweigern die knuddligen EU-Menschenrechtler dem Hightech-Staat Israel die Anerkennung seiner Avantgarde-Rechte? Geht’s noch? Doch lasst sie nur in ihrer rückwärtsgewandten Borniertheit: wer immer zurückschaut, dem geht’s wie Lots Frau:

Lots Frau aber schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule.“

Hiermit hat der Springer-Verlag mit BILD, seinem besten Pferd im Stall, die endgültige Hinwendung der Deutschen zum Kurs des amerikanischen Präsidenten vollbracht. Nicht aller Deutschen, doch das größte Blatt der hiesigen Presse hat die Chance, die Nation zur Buße vor Trump zu bewegen.

Trumpismus steht für endgültigen Abschied von der westlichen Politik genereller Menschen- und Völkerrechte. Jede Nation steht für sich, entwickelt ihre eigene Politik und Moral. Der Firlefanz des Generellen, eine hart erkämpfte Errungenschaft der Aufklärung, ist Schnee von gestern.

Die deutsche Bewegung des 19. Jahrhunderts ist dabei, als wiederauferstandene die Welt zu erobern. Je mehr die deutschen Zeitgenossen ins letzte Glied zurückfallen, je erfolgreicher erscheinen ihre Vorfahren – die den Karren in den Dreck fuhren.

Weil die Deutschen nicht daran denken, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, je anfälliger sind sie, ihrer früheren nationalen Egozentrik zu verfallen. Nie schafften sie es aus eigener Kraft zur Demokratie, nie waren ihre Professoren – einst die wissenschaftlichen Leuchten der Welt – Anhänger einer Pöbeldemokratie. Selbst die Mildesten unter ihnen traten für eine Monarchie ein, um den orientierungslosen Haufen zu führen, wohin er nicht will.

Als stärkste Macht in der Mitte Europas bewirkt ihre geistige Spaltung eine zunehmende Lähmung in den übrigen Staaten Europas, unter denen es nicht wenige gibt, die ohnehin nicht viel von demokratischer Leidenschaft halten.

BILD ist der lauteste Herold, der beste Verbündete Trumps, Netanjahus & Co auf dem Weg in die Zukunft omnipotenter, alles überwachender, alles beherrschender Weltmachtgiganten. Sie schauen alle nach China, das der Menschheit zeigt, was eine Harke ist.

Amerika allein ist zu schwach, um Peking Paroli zu bieten. Weshalb ihre christlichen Fundamentalisten sich mit jüdischen – und islamischen Fundamentalisten verbünden, um China in die Schranken zu weisen. Die Nachkriegsgeschichte mit hoffnungsvollem Aufbruch in ein globales Reich des Friedens wird geschreddert.

Mathias Döpfner, Chef des Springerverlags, hat eine kleine Sünde von BILD öffentlich beanstandet, um eine riesige Sünde passieren zu lassen. Die öffentliche Inthronisation des Trumpismus in BILD hat seinen wortlosen Segen empfangen, während er eine große Rede für einen liberalen, mutigen, wahrheitsliebenden und unabhängigen Journalismus hielt – dem genauen Gegenteil zum Trumpismus, der sich mit seinen Verbündeten daran macht, zu Chinas entscheidender Gegenmacht zu werden und Völker wie die Palästinenser über die Klinge springen zu lassen. Wer kein Hightech und keine Ölquellen besitzt, keine weltstrategische Schlüsselposition zu bieten hat, der soll sich in die Büsche schlagen.

Döpfners journalistische Grundsätze glänzen in puren Gegensätzen zu Trump und Netanjahu:

„Erstens: die Bereitschaft, sich mit den Mächtigen anzulegen. Für die Suche nach der Wahrheit und den Mut, gesellschaftliche Missstände beim Namen zu nennen, haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen ihre Freiheit, ihre Karriere und nicht zuletzt ihr Leben riskiert oder verloren.“ (WELT.de)

Sie legen sich mit den Mächtigen an, als sie gerade dabei sind, sich mit den Mächtigsten der Welt zu verbrüdern. Nicht nur mit den mächtigsten Männern, sondern mit den einflussreichsten Mächten der Welt: den neoliberalen Wirtschaftsgiganten, den superreichen „Klimaskeptikern“, die alle ökologischen Bemühungen der Welt torpedieren, den Elon Musks, die den Weltraum erobern und den Silicon-Valley-Erlösern, die mit ihren jesuanischen Robotern die Menschheit überflüssig machen wollen.

Suche nach der Wahrheit? Jahrzehntelang tat sich die deutsche Presse in postmoderner Wahrheits-Verdammung gütlich. Plötzlich rühmt sie sich der Wahrheitssuche. Nicht, dass Sinnesänderung verboten wäre. Wird aber eine Kehrtwende angeordnet ohne ein einziges Wörtchen selbstkritischer Besinnung, dann geschieht, was schon oft geschehen ist: der Weltgeist hat interveniert und über GPS einen neuen Kurs angeordnet.

Einen Kurs ohne Bewusstsein, ohne Rechenschaft über den Irrtum der Vergangenheit. Ach was Irrtum: jede Zeit hat ihre Wahrheit. Ist die Zeit vorüber, kommt die nächste. Das ist keine Wahrheitssuche, das ist Anpassung an den Geist des wechselnden göttlichen Augenblicks.

Was versteht Döpfner konkret unter Wahrheit? Etwa „Toleranz und kulturelle Vielfalt“? Etwa „Ideale“? Auf keinen Fall, da wären sie ja Parteigänger von festgelegten Positionen, die sie „über die Wahrheitssuche“ setzen?

Waren Ideale nicht mal Inbegriff der Wahrheit? Es müssen ja nicht gleich platonische sein mit dem Vorschlaghammer hinter dem Rücken. Wahrheit war Erkennen der Realität und Durchdenken moralischer Kriterien, die den Menschen zu sich selbst führen: theoretische und praktische Wahrheit. Von vergilbter Philosophie will der Zukunftsvisionär nichts wissen. Nein, Döpfner will objektiv und unabhängig sein – auch von demokratischen Idealen und universeller Moral.

Sein Motto ist: schreiben was ist. Würden sie der Wahrheit folgen, verstießen sie gegen das was ist. Denn vieles ist, was unwahr, töricht und unmenschlich ist. Zudem bestünde die Gefahr, das Publikum zu enttäuschen.

„Die wiederholte Erfahrung, von Medien eine Realität geliefert zu bekommen, die der eigenen empirischen Wahrnehmung teilweise oder komplett widerspricht, führt zu Skepsis gegenüber unserer journalistischen Arbeit.“

Was nun? Forderte Döpfner von seinen Kollegen nicht gerade „die Bereitschaft, sich mit den Mächtigen anzulegen?“ Unter Mächtigen versteht er Eliten und Führungsklassen. Für Zeitungsherausgeber aber muss auch das Publikum mächtig sein, für dessen Quote ihr Erfolg abhängig ist, ein Machtfaktor. Will er denn schreiben, was das Publikum erwartet? Und das wäre identisch mit dem, was ist? Da weinen die Götter, die Göttinnen alle.

Gewiss, jeder will hören, wie es in der Welt aussieht. Jeder will aber auch hören, welche Meinungen es gibt und welche von den SchreiberInnen seiner Zeitung vertreten werden. Welch Unsinn, wenn ARD-Miosga behauptet, die TV-Gewaltigen würden sich der Meinung enthalten, um ihr Publikum nicht ihres Wegs zu führen. So einleuchtend und unwiderstehlich sind ihre Meinungen nicht, um die Massen nach Belieben zu lenken.

Das Publikum spürt ohnehin, was die Objektiven denken. Es wäre also sinnvoller, das dämliche Versteckspiel aufzugeben und sich mit offenen Karten auseinanderzusetzen. Vollends abenteuerlich klingt es, wenn Döpfner behauptet:

„Für die Suche nach der Wahrheit und den Mut, gesellschaftliche Missstände beim Namen zu nennen, haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen ihre Freiheit, ihre Karriere und nicht zuletzt ihr Leben riskiert oder verloren.“

Missstände? Wer wagt es, das IST zu spalten in Wohlgefallen und Missstände? Jeder muss hier subjektiv sein Urteil abgeben. Subjektiv im Sinne: dies ist die Meinung von XY. Aber objektiv im Sinne: das halte ich a) für die lautere Wahrheit, b) ich bin mir nicht sicher, tendiere aber zu xy, c) ich zweifle und schwanke zwischen konträren Positionen, d) ich weiß, dass ich noch immer nichts weiß, bin aber dabei, mir Wissen zu verschaffen, um mir ein wahres Urteil zu bilden.

Es wurde üblich, dass Redaktionen ihr Publikum zur Debatte auffordern. Mit wem sollen sie debattieren, wenn Redakteure keine Meinungen haben dürfen? Was bleibt? Die dümmliche Aufforderung: Stellen sie uns ihre Fragen. Von daher rührt die Dominanz des Interviews, in dem mit den Befragten nicht gestritten werden darf. Journalisten können nicht „auf gleicher Augenhöhe“ streiten. Was man auch an den überflüssigen Talkshows sieht. Ihre Meinungen, die sich trotzig zu Worte zu melden, müssen sie in gedrechselten Formulierungen dennoch an den Mann bringen. Das sind weder echte Fragen noch echte Dialoge, das ist Wahrheitssuche durch gegenseitiges Erdrosseln.

Unabhängigkeit ist Mut, seine Meinung zu sagen. Wie kann man seine Meinung sagen, wenn man aus Gründen der Unabhängigkeit und Objektivität keine haben darf?

Der nächste Kalauer: „Wirkliche Unabhängigkeit setzt Vielfalt voraus.“ Wie meinen? Jeder Demokrat muss die eigene Meinung suchen und verteidigen. Er kann nur der Freiheit der Demokratie vertrauen, dass jeder seine Meinung angstfrei bilden und vertreten kann. Was er nicht darf: um den Schein der Vielfalt zu erwecken, nach Belieben andere Meinungen zu vertreten oder gar zu erfinden, die nicht die eigenen sind. Das wäre Kasperletheater der verlogenen Art.

„Der Wettbewerb verschiedener Medien ist das einzige wirksame Rezept gegen Fake News, Propaganda und Manipulation.“

Bekämpft man Lügen, Propaganda und Manipulation: wie kann man da „objektiv“ bleiben? Indem man Lügen nicht als Lügen, Propaganda nicht als Propaganda und Manipulation nicht als Manipulation entlarven darf?

„Einer neuen Studie des Reuters Institute zufolge wünschen sich 80 Prozent der Deutschen einen Journalismus, der neutral berichtet, sich auf keine Seite schlägt. Und also auch die eigenen Vorurteile herausfordert.“

Welch Heuchelei, die eigene Meinung demütig als Vorurteil zu disqualifizieren. Vorurteile entstehen dadurch, dass keine Urteile gefällt, überprüft, debattiert und vorläufig festgehalten werden – bis man neue Erkenntnisse gewinnt. Wenn nicht, müssen die eigenen Urteile nach Überzeugung vertreten werden. Dass es keine wahren und unwahren Urteile geben darf, ist Beginn des Faschismus. Aus Angst, Falsches zu vertreten, läuft man über zu lautstarken Führern, in deren autoritären Schutz man sich sicher fühlt.

Ist Demokratie keine sichere Wahrheit? Ist Totalitarismus keine menschenfeindliche Lüge? Sind Menschenrechte keine Überzeugung, für die man mit Haut und Haar eintreten sollte? Warum bewundern wir Nawalny und alle Helden der Demokratie auf der ganzen Welt, wenn wir sie für Aktivisten der Unwahrheit halten? Warum werden pathetische Reden für die Widerständler im Dritten Reich gehalten, wenn sie nichts als Mitläufer von Vorurteilen waren?

Der Höhepunkt:

„Wenn Journalisten von Aktivisten aber nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken. Dann braucht es uns nicht mehr. Aktivismus ist das Gegenteil von Journalismus, auch wenn es um etwas Gutes geht.“

Gibt es keine Aktivisten der Wahrheit? Sind die Jugendlichen der FFF fanatische Anhänger von Lügen oder treten sie ein für die Wahrheiten der Wissenschaft? Genügt es, gewisse Meinungen einmal zu sagen – um sich für immer behaglich ins Private zurückzuziehen?

Der Kern der Klimawarnung lautet: wir sind alle gefährdet, wenn wir tun, als müssten wir uns nicht alle grundlegend verändern. Leben Journalisten in einem ungefährdeten Glaspalast oberhalb der Menschheit, in dem sie gemächlich zugucken können, wie die ordinären Massen in Hitzewellen verglühen?

Sind Journalisten frei und unabhängig, wenn sie Flüchtlingskinder ihrem Elend überlassen? Würfeln sie, welcher Meinung sie folgen sollen? Heute: retten, retten, retten. Morgen: langsam mit den Idealen, wir müssen auch Orban mitnehmen können.

„Aktivismus ist das Gegenteil von Journalismus, auch wenn es um etwas Gutes geht.“

Wenn es um etwas Gutes geht, soll man nicht aktiv dafür eintreten – um das Schlechte zuzulassen?

Ist das zu fassen? Vielleicht, wenn man das Übermotto des deutschen Journalismus nicht vergisst: sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit der guten Sache. Das ist Hass auf die Wahrheit, der theoretischen und praktischen. Dieses Motto wurde wenige Jahre nach Ende der Menschheitskatastrophe eingeführt. Dieses Motto hätte sich glänzend im Dritten Reich bewährt, wenn es sich distanziert hätte vom Guten, um dem Bösen nicht im Wege zu stehen.

Journalismus jenseits von Gut und Böse wirft sich mit Aplomb auf die Wahrheitsleugner am rechten und linken Gesellschaftsrand, auf Holocaustleugner, Antisemiten, Impfgegner, Homöopathen und sonstige – Wahrheitssucher und Aktivisten, die den Mut besitzen, den Mächtigen Paroli zu bieten. Da gäbe es allerhand zu kritisieren. Gleichwohl, sie stellen ihre Meinungen mutig in der Öffentlichkeit dar. Mit den meisten kann man sehr wohl debattieren. Was man mit Journalisten, die keine Aktivisten ihrer Wahrheit sein wollen, nicht kann.

Und wer gibt sich ungewollt als Verschwörungstheoretiker zu erkennen, der unbekannte Mächte als Urheber der heutigen Zustände betrachtet?

„Wir leben in unübersichtlichen und unberechenbaren Zeiten.“

Ist Geschichte von Menschen gemacht – oder von Göttern und unbekannten Schicksalsmächten? Ist sie menschengemacht, kann sie nicht unübersichtlich sein. Denn der Mensch könnte seine eigenen Machenschaften dechiffrieren. Alle Historiker, Journalisten und Demokraten hätten versagt, die Ursachen ihres Tuns in Geschichte und Gegenwart zu verstehen. Wer solche esoterischen Fabeln vertritt, die nur von Gläubigen oder Eingeweihten verstanden werden, ist ein Vertreter der Gegenaufklärung – oder Dunkelmann.

Döpfner lässt zu, dass in seinen Presseorganen, vor allem in BILD, der antidemokratische Kurs des Trumpismus angepriesen wird. Das wäre die totale Widerlegung seiner Wahrheitssuche.

Fortsetzung folgt.