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Alles hat keine Zeit XVII

Alles hat keine Zeit XVII,

nicht Donald Trump, sondern sein Schwiegersohn Jared Kushner sollte mit dem nächsten Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden.

Er war es, der den Friedensvertrag zwischen Israel und einigen arabischen Staaten zuwege brachte. Er zerschlug den gordischen Knoten mit den Palästinensern, die mit links aus dem Weg geräumt wurden und nun die besten Chancen haben, als Menschen zweiter Klasse in Israel zwangsintegriert zu werden. Die Theokratien in Nahost sind entschlossen, ein militantes Gottesurteil über die Frage zu erzwingen: wer unter ihnen besitzt den wahren Gott?

Unverhohlen darf Netanjahu über den Siegfrieden triumphieren, zu dem seine ultrafrommen Verbündeten die biblische Losung ausgaben:

„Und da sie wider euch stritten, gab ich sie in eure Hände, dass ihr das Land besaßt.“

Großes Aufatmen in Deutschland, dem Land der Täter, die ihre Reue und Buße über die Menschheitsverbrechen ihrer Väter nicht anders erweisen können, als erneut zu Tätern zu werden. Nicht so entsetzlich wie ihre väterlichen Welterlöser, doch schrecklich genug, dass ihr kritikloses Wegsehen als passive Zustimmung zur Verletzung von Menschen- und Völkerrechten definiert werden muss.

Kann man von Frieden sprechen, wenn die Rechte eines Volkes geopfert werden?

Kann man von Frieden sprechen, wenn das neue Bündnis vor allem dazu dient, die Spannungen gegen den gemeinsamen Feind zur Gefahr eines atomaren Krieges zu verschärfen?

Peter Münch ist eine Stimme, die verlässlich … … gegen den Strom schwimmt:

„Einen neuen Nahen Osten kann es erst geben, wenn Israel auch mit den Palästinensern Frieden geschlossen hat. Auf den Wind des Wandels in Nahost reagieren die Palästinenser gerade mit Wut und Ablehnung. Sie scheinen das böse, alte Bonmot zu bestätigen, dass sie nie eine Gelegenheit verpassen, eine Gelegenheit zu verpassen. Dabei fühlen sie sich zu Recht an den Rand gedrängt. Denn die Lippenbekenntnisse der arabischen Brüder aus den VAE und Bahrain zur Zwei-Staaten-Lösung helfen ihnen nicht weiter. Trump ignoriert den Wunsch der Palästinenser nach einem eigenen Staat seit Langem, und Netanjahu weist triumphierend darauf hin, dass die Palästinenser ihr Vetorecht gegen Israels Beziehungen zu anderen arabischen Staaten verloren haben.“ (Sueddeutsche.de)

In BILD muss ein Wunder der Menschwerdung geschehen sein. Julian Reichelt scheint seine – von Döpfner verhängte – Büßerphase zu nutzen, um sich von seinen unerträglichen Heuchelsünden zu befreien: er tritt ein für die verletzten Rechte der Palästinenserkinder:

„Die unter unmenschlichen Umständen lebenden Kinder der Palästinenser brauchen unsere Hilfe. Unerträglich viele Familien mit kleinen Kindern sitzen seit Jahrzehnten unter desolaten Umständen im Westjordanland und im Gazastreifen fest. Es ist nicht nur unsere moralische Pflicht, kleinen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Der amerikanische Traum lehrt uns: Ein Land ist immer so gut wie die Chance auf die Zukunft, die es den Schwächsten bietet.“ (BILD.de)

Ausgerechnet der Traum jener Weltmacht, die ihre Träume längst ausgeträumt und das Elend der Palästinenser festgeschrieben hat, um ihre Öl- und Machtinteressen in Nahost zu stabilisieren?

Reichelt beruft sich auf die wunderbare Amira Hass, die einzige israelische Journalistin, die lange Zeit mitten untern den Palästinensern lebte und die Brutalität beider Seiten täglich protokollierte:

„Seit Beginn der 2. Intifada, die am 29.September 2000 ausbrach und bis 30. April 2013 ging, tötete Israel, die Besatzungsmacht im Gazastreifen und in der Westbank 1373 palästinensische Kinder unter 18 Jahren. Wie viele Soldaten, Kommandeure, Piloten, Drohnen-Operateure, High-Tech-Genies, Shin Bet-Agenten und Waffenverkäufer – private und von der Regierung – waren nötig, um 1375 Kinder zu töten. In den letzten 13 Jahren haben bewaffnete Palästinenser 129 israelische Kinder (bis 18 Jahre alt) bei Selbstmordanschlägen, Schießerei, Raketenbeschuss und Messerstechereien getötet. 50 dieser Kinder waren unter 13. Das kollektive palästinensische Gedächtnis vermeidet, die große Zahl unbewaffneter israelischer Zivilisten und palästinensischer Kindersoldaten, die bei verschiedenen Vorfällen getötet wurden, aufzuschreiben. Was die Palästinenser betrifft, die 129 israelische Kinder töteten, deren Namen allgemein bekannt sind, so sind die meisten getötet worden oder sie sitzen lebenslang in Israels Gefängnissen. Die Soldaten, die 1373 palästinensische Kinder töteten, bleiben namenlos. Sie leben weiter als freie Bürger, die ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt haben.“ (Israel-Palästina.de)

„Zutiefst beschämt“ zeigte sich die Kanzlerin beim Zentralrat der Juden über das Anwachsen des Antisemitismus. Lehrreiche Analysen über die Entstehung des Antisemitismus, pädagogische Gedanken über dessen prophylaktische Verhinderung erwartet man von ihr vergebens. Nie erwähnt die Christin das Christentum, nie erwähnt die Lutheranerin den judenhassenden Reformator. Nie erwähnt die Physikerin die historische Kontinuität des menschenmordenden Giftes in den Jahrhunderten deutscher Geschichte.

Alles, was sie kann, ist nach Polizei und schärferen Gesetzen zu rufen – wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wie immer lässt die sozialisierte Christ-Marxistin das Elend akkumulieren, nicht, um den Zeitpunkt zur Revolution auszurufen, sondern um mit unerwarteten Almosen ihre Reputation zu stärken. Dann verschwindet sie wieder in den Katakomben.

Deutsche PolitikerInnen geben sich gern hochemotional, wie Margarete Stokowski schreibt, konsequente Taten hingegen sucht man bei ihnen vergeblich:

„Deutsche Politiker beschreiben die Brandbilder aus Moria hoch emotional als „erschütternd“, „furchtbar“ oder „grauenvoll“. Das reale Elend und Leid der Flüchtlinge scheint sie jedoch kaltzulassen. Die Statements lesen sich dann aber auch nicht so, als sei jetzt das große Umdenken angebrochen. Helfen diese Bilder, bei denen es dann immer heißt, es müsse „jetzt“ und „endlich“ etwas „passieren“, nur den politisch Verantwortlichen dabei, eine Attrappe von Empathie zu erhalten?“ (SPIEGEL.de)

Seit ihrer Trennung von der Aufklärung kennen die Deutschen nichts Universelles mehr. Gemessen an Maßstäben universeller Humanität hätten sie in ihrer langen Geschichte schlecht ausgesehen. Also wechselten sie zum Einmalig-Individuellen.

Nationen waren Erfindungen Gottes, die ihre einmaligen moralischen Vorstellungen besaßen und es ablehnten, sich wie Krethi und Plethi an einem generellen Maßstab messen zu lassen. Es musste so viele ethische Maßstäbe geben, wie es individuelle Völker und Menschen gab.

Damit war das generelle Menschenrecht der Griechen abgeschafft – just in dem Moment, als die Klassiker begannen, sich graecophil zu gebärden. Eine historische Selbsttäuschung ersten Grades. Weiter als zu den anarchischen Göttern und mythischen Helden kamen sie nicht.

Als die Philosophen begannen, sich auf der Agora, in Säulenhallen und lauschigen Gärten zu treffen und ihre universellen Stimmen ertönen zu lassen, nahmen die Deutschen Reißaus. Das Christentum übernahm das Regiment, in dem Gott seine Geschöpfe nicht nach immergleichen Maßstäben bewertet, sondern nach unergründlich-einmaligen Kriterien erwählt oder verwirft.

Der Westen verharrte bei den Griechen, Deutschland schlüpfte zurück in den Kokon seines Kinderglaubens. Das ist der deutsche Sonderweg, der bis zum heutigen Tage den hiesigen Kurs anzeigt.

Deutsche Politik ist christliche Politik, was bedeutet: sie ist – keine. Vernünftige Politik ist allmähliche Realisierung universeller Menschenrechte. Was sie für richtig hält, muss richtig sein für alle Menschen.

Solange es verschiedene Meinungen über das Richtige gibt, muss gestritten werden – nach Regeln universeller Logik. Wer auf Erleuchtungen und Offenbarungen setzt, tue das in seinem Kämmerlein. Geht er mit ihnen in die Öffentlichkeit, müssen private Erleuchtungen als universelle Erkenntnisse betrachtet werden, bei denen jeder mitreden und argumentieren kann. Tun sie es nicht, disqualifizieren sie sich als esoterische Idiotien: ein Idiot ist ein griechischer Privatier. Wer schießt am meisten auf die esoterischen Anderen? Die esoterischen Christen aus der Mitte abendländischer Werte.

Merkel ist eine barmherzige Samariterin, die jene Aufgaben vollbringt, die ihr Gott vor die Füße wirft – per Zufall.

Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Mit Erkenntnis des Gesetzmäßigen begann in Griechenland die europäische Wissenschaft. Die Scholastik konnte ihren Gott nicht dem Zugriff des heidnisch-Generellen überlassen, weshalb Duns Scotus den Zufall auf den „absoluten, aber unerkennbaren Willen Gottes“ zurückführte.

Nur für eine unendliche Vernunft wäre aller Zufall logisch aufgehoben. Weshalb die Wissenschaft auch heute noch jeden Rückzug auf den Zufall als „asylum ignorantiae“ (Zuflucht der Ignoranz) bezeichnet.

Wissenschaftliches Erkennen ist Kampf gegen den Zufall. Allgemeine Gesetze lassen keinen Zufall zu. Solange es in der Natur Zufälle gibt, ist sie nicht vollständig durchschaut.

Wie aber beim Menschen, der zugleich Natur- und Geistwesen ist? Das ist die Crux der Medizin und aller „Geisteswissenschaften“. Sofern der Mensch Natur ist, kann er auf mechanische Gesetze reduziert werden. Sofern er Geist ist, bleibt er solange unberechenbar, solange er nicht die Reife universeller Vernunft errungen hat. Das Irrationale ist Hort des Zufalls und der Unvernunft. Vernünftige Menschen sind „berechenbar“, denn sie folgen den immer gleichen Maßstäben der Vernunft. Sokrates: ich sage immer das gleiche mit immer den gleichen Worten.

Unerträglich für moderne Anarchisten, die unter Freiheit das Unvorhergesehene und Absurde verstehen, weshalb deutsche Freiheit Inbegriff der rasenden Unvernunft sein muss. Je verrückter, abenteuerlicher, risikobereiter, umso freier. Einen größeren Gegensatz zwischen Logos und moderner Entfesselung kann es nicht geben. Die Deutschen müssen irrational sein, um sich von der Rationalität des Westens nicht uniformieren zu lassen. Kein deutsches Genie will ordinärer Abdruck eines „abstrakten“ Allgemeinen sein.

Bei Hegel und Adorno ist das Abstrakte minderwertig, weil es noch nicht die Würde des konkret-Individuellen erreicht hat – weshalb bei Adorno (und Horkheimer) die Aufklärung, das Reich des abstrakt Universellen, totalitär sein muss. Totalitarismus hasst das Individuelle und egalisiert es zum leblosen Abdruck eines gewalttätigen Allgemeinen.

Das erkennt man an der deutschen Politik, die einerseits generelle Gesetze erlässt, vor denen alle gleich sein müssen, andererseits die „Gleichmacherei“ hasst wie die Pest. Demokratische Politik darf nie eine Anhäufung samaritanischer Akte sein. Denn das hieße, die Probleme des Staates Zufällen zu überlassen. Eine vitale Gesellschaft würde man an der überall in gleicher Qualität vorhandenen Fürsorglichkeit erkennen. Weshalb sie eine utopische sein müsste, denn jedem würde sie das Optimale in gleicher Qualität bieten. Das aber verstieße gegen die christliche Verfluchung des Irdischen als Kot und Unflat. Das Gutsein auf Erden muss sich mit dem Zufall begnügen. Wer den ganzen Staat, ja, die ganze Welt universell utopisieren wollte, wäre ein Feind Gottes.

Das erklärt die brummige Unfreundlichkeit der deutschen Bürokratie. Zwar sollte sie jedem „Bittsteller“ in gerechter Gleichheit das Seine geben, was sie aber nicht daran hindert, die Prozedur als „kalt und unpersönlich“ zu empfinden.

Merkels Politik bedient das Allgemeine in griesgrämig-stummer Pflichterfüllung und das Besondere und Samaritanische in der Kür einer plötzlichen Erleuchtung des Zufälligen. Die Bewertung ihrer Arbeit spaltet sich demnach in Anerkennung ihres Durchwurschtelns durch das Immergleiche – und in Bewunderung ihrer charismatischen Begabung zum einmaligen Almosengeben.

Das Charismatische Merkels ist für die Deutschen Beweis ihrer göttlichen Einmaligkeit. Ihre Mutterroutine hingegen dient dem Trott des Allgemeinen. Das finden ihre Untertanen beruhigend, gleichzeitig murren sie, weil sie sich als auswechselbare Atome eines anonymen Universellen vorkommen.

Der Konflikt zwischen Allgemeinem und Besonderem erklärt auch die Schwierigkeiten der Deutschen, sich im europäischen Rahmen zu integrieren. Einerseits empfinden sie den Zusammenschluss als richtig und notwendig, andererseits juckt es ihnen ständig in den Fingern, mit Einmaligkeit auszubrechen.

Fallen europäische Nachbarn in eine Krise, sorgen die Deutschen dafür, dass die Versager mit der ganzen Härte des Allgemeinen „bestraft“ werden, denn sie haben nichts Besseres verdient. Sie selbst benötigen ein kontrastierendes Spielfeld des Besonderen, auf dem sie brillieren können mit Wettbewerb und Wachstum als Beweis individueller Erwähltheit.

Im deutschen Reich Bismarcks war die Aufteilung von Besonderem und Allgemeinem eine andere als heute im europäischen Verbund. Im völkischen Binnenraum waren alle Menschen vor der Obrigkeit gleich, im Vergleich zu anderen Nationen aber waren die Deutschen die Messiasse der Welt.

Die Bekämpfung des Antisemitismus ist ein geistiger Akt, keine polizeiliche Maßnahme. Dieser geistige Akt findet bei uns nicht statt. Religionen bleiben unberührt, antisemitische Traditionen deutscher Genies müssen im Dunkeln bleiben. Weshalb der öffentliche Kampf gegen Antisemitismus eine schandhafte Farce ist.

Die gelegentliche Äußerung, Antisemitismus sei ewig und unbesiegbar, ist eine arrogante und törichte Abwertung aller, die die Wiederkehr des Gleichen verhindern wollen. Wird die Bekämpfung des Antisemitismus dem Polizeiknüppel und dem Gerichtsdiener überantwortet, kann Deutschland in Aufarbeitung seiner Vergangenheit Konkurs anmelden.

Eine erfreuliche Ausnahme und ein wertvoller Beitrag zum Thema ist ein Interview von Bascha Mika und Inge Günther mit Cilly Kugelmann und Wolf Iro. Die israelischen Stimmen der Netanjahukritiker fallen hierzulande unter den Tisch. Selbsternannte Antisemitismus-Experten halten sich für qualifiziert, Juden erster Klasse von Juden zweiter Klasse zu unterscheiden. Während hierzulande Israelkritik als bösartiger Antisemitismus attackiert wird, erklärt Wolf Iro die Notwendigkeit einer scharfen Kritik am Kurs der Ultraorthodoxen, gehorsamst ausgeführt von Netanjahu:

„Die israelische Gesellschaft hat in den letzten Jahren eine sehr bedenkliche Entwicklung genommen, zivilgesellschaftliche und demokratische Errungenschaften wurden abgebaut, die Besatzung verfestigt. Dies zu kritisieren hat nichts mit einer antisemitischen Haltung zu tun, sondern mit der Sorge um das Land. In ultrarechten Kreisen in Israel gibt es ein hohes Interesse daran, Antisemitismus und Kritik an Israel gleichzusetzen und diese Agenda massiv zu puschen. Ein Ergebnis davon ist die Bundestagsresolution zum BDS. Das Problem ist: Deutschland will damit Verantwortung ausdrücken, aber in Wahrheit hat man keine Kenntnis von den gesellschaftlichen Realitäten vor Ort.“

„Kugelmann: Es gibt inzwischen in Deutschland eine anti-antisemitische Strömung, die für mich Analogien zu dem aufweist, was sie bekämpft. So wie Antisemiten überall Juden sehen, sehen Anti-Anti-Semiten überall Antisemiten. Wir werden überflutet mit absurden Definitionen.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Kugelmanns Bemerkung trifft auf BILD zu, dessen Einschätzung der israelischen Juden, die keine Kritik an ihrem Land ertrügen, ihre wirkliche Einschätzung der Juden als minderwertige, päpstlich-unfehlbare Demokraten entlarvt.

Warum versagen die Deutschen so jämmerlich in Humanität? Weil sie sich diese Norm des Handelns seit 200 Jahren abgewöhnt haben. Stellvertretend für viele Äußerungen der Satz von Alfred Hugenberg:

„Wir dürfen nicht zögern, aus irgendeiner falschen Humanität heraus, Frankreich so schwer wie möglich zu belasten.“

„Aus falsch verstandener Humanität heraus“: das ist noch immer das Stereotyp der Gegenwart. Die Kirchen laufen mit und segnen alles ab, bis sie an einer günstigen Stelle im Namen des Hl. Geistes ihre Strafpredigt halten: So nicht, Welt! Das reicht dann wieder zur bergpredigenden Überlegenheit für die nächste Dekade.

Wer sprach den Satz: „Ich bin Christ, Darwinist und Imperialist“?
Pfarrer Friedrich Naumann, Gründer der Liberalen, auf den sich die FDP noch heute bezieht.

Franz Grillparzer brachte die verhängnisvolle Entwicklung des 19. Jahrhunderts auf die Formel:
„Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität.“

Heute predigen wir – an Feiertagen – Humanität im Kontext der Nationalität, die immer mehr zur Brutalität ausartet. Was sich in Moria abspielt, ist das Ende zivilisierter Nationen und Vorahnung auf die Brutalität der apokalyptischen Endphase der Geschichte.

In allen Dingen des materiellen und technischen Fortschritts soll jedes Individuum, jede Nation alle anderen Individuen und Nationen überrunden und zur Strecke bringen. Nur nicht in moralischen. Hier soll es umgekehrt sein. Hier darf niemand die Phalanx der Fußkranken und Menschenfeinde verlassen. Hier gelten die Gesetze kasernierter Schulen: in gleichem Schritt und Tritt – zurück! Keiner prescht vor, um Lehrers Liebling zu werden. Moralität ist Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, technischer Fortschritt hingegen Glanz und Gloria einer phantastischen Zukunft.

Spätestens seit Newton und Galilei hat der technische Fortschritt dem moralischen den Kampf angesagt. In der Aufklärung waren beide gleichstark. Spätestens seit dem Sieg des Kapitalismus hatte der technische Fortschritt den moralischen eingesargt. Heute weiß niemand mehr, was Moral bedeutet. Wen wundert es, dass Menschenrechte nicht mehr angesagt sind? Was hat die UN-Charta mit Moral zu tun? Welchen Knopf des Laptops muss man drücken, um den Fortschritt zu beschleunigen?

Individualität äußert sich nicht mehr in Menschlichkeit, sondern in technischer Überlegenheit. Geht es ausnahmsweise um Humanität, wird sie generell – hinterherhinken. Nur nicht auffallen in moralibus, das wäre missverstandene Humanität.

Technik adelt, Menschenliebe schändet. In Amerika ist Philanthropie zum Almosenhobby von Milliardären verkommen. Die Stärksten wollen nicht nur die Reichsten, sondern die Heiligsten sein. Dort gibt es keine Kritik an der gottschmeichelnden Eitelkeit der Superreichen.

Von der Mühe, immer menschlicher zu werden, entlastet sich die ausgelaugte Moderne, indem sie alles der Maschine überträgt. Die Maschine soll den Menschen nicht nur in Intelligenz, sondern auch in Tugendhaftigkeit übertreffen. Die Zeitgenossen sind so ausgebrannt, dass sie weder in Intelligenz, noch in Solidarität etwas zu bieten haben. Homo sapiens ist am Ende und entäußert sich zur Maschine.

In der Maschinenwerdung der Menschen wiederholt sich die Entäußerung des Sohnes Gottes zum Menschen:

„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht.“

Der Mensch entäußert sich zur Maschine und erniedrigt sich selbst: zu welchem Zweck? Dass er als Maschine erhöht werde zu Gott, der das Universum beherrscht.

Jedes moralische Bemühen des Menschen ist ein Vergehen an seiner Entäußerung zur Maschine, um seine Gottähnlichkeit zu erringen.

Sein Glaube an die Heilsgeschichte war Absage des Menschen an seine Fähigkeit, sein Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Der Glaube an die Maschine ist die Fortsetzung der Selbstentäußerung mit konkreten Innovationen des Menschen. Je übermächtiger sich der Fortschrittler fühlt, je mehr ent-äußert er sich und verrät die Autonomie seiner selbstbestimmten Tat.

Was fehlt, um der vorwitzigen Moral den Todesstoß zu versetzen? Der Hinweis auf Max Weber, der einzige aus der Reihe unendlich vieler deutscher Gelehrter, der heute noch zitierbar scheint:

„Es klingt barmherzig und menschenfreundlich, wenn gefordert wird, die Menschen aus dem Lager Moria hier aufzunehmen. Das ist es aber nicht. Weitere Migrationsanreize werden damit gesetzt. Dabei sind es nicht die Bedürftigsten, die bis nach Moria und andere Ankerplätze gelangen, sondern diejenigen, die den Schleppern die stattlichen Summen bezahlen können. Deutschland will zu den besonders Barmherzigen gehören und stellt diejenigen an den Pranger, die aus vernünftigen Gründen keine Migranten aufnehmen. Jetzt soll zur Abwechslung am deutschen guten Wesen die Welt genesen. Welch eine Hybris! Max Weber hat Politikern ins Stammbuch geschrieben, dass sie verantwortungsethisch zu handeln haben und nicht gesinnungsethisch.“ (WELT.de)

Die Deutschen sind nicht mal fähig, ihre Vorbilder richtig zu zitieren:

„Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ‚Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘ – oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“ (Max Weber)

Der Angriff gegen die Gesinnungsethik ist ein Angriff gegen die christliche Religion. Nur dort gibt es Gesinnung, die keine Tat benötigt, denn Gott selbst sorgt für die rechte Tat. Auch Gesinnung ist keine Quelle der Tat. Eine solche wäre Blasphemie. Wahre Gesinnung entäußert sich aller moralischen Kompetenz, um alles in Gottes Hand zu legen. Was ich will, tu ich nicht, was ich nicht will, das tu ich. Gesinnung? Vergiss es, die Verantwortung für die Folgen der Tat nicht minder.

Auch säkulare Verantwortung kann die Folgen der Tat nicht garantieren. Hätte die Weiße Rose sicher sein müssen, dass ihr Widerstand den Schergenstaat schwächt? Hätte sie sich nicht sagen müssen: möglicherweise reizen wir die Berserker noch mehr, die Drangsale der Bevölkerung zu verschärfen.

Hätten die mutigen Geschwister sich sagen müssen: wir dürfen keine Vorbilder sein? Wir dürfen erst zur Tat schreiten – wenn uns die ganze Gesellschaft in gleichem Schritt und Tritt unterstützt?

Selbstbewusste Moralisten waren immer Vorbilder, besonders, wenn sie keine sein wollten. Vorbilder kopiert man nicht. Durch sie fühlt man sich bestärkt, das eigene Urbild der Autonomie zu entbinden und zur Tat werden zu lassen.

Heute erleben wir den Tod des Vorbilds und die Rückkehr zur Deutschen Bewegung, die „aus falsch verstandener Moralität heraus“ die richtige zur Strecke brachte.

Wie eine richtig verstandene Moral aussehen könnte, beschreibt Maximilian Popp im SPIEGEL:

„2015 dürfe sich nicht wiederholen, heißt es quer durch alle politischen Lager. Warum eigentlich nicht? Wollen wir ein Volk der Empathielosen und Engherzigen sein? 2015 könnte auch als ein Moment verstanden werden, in dem viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland über sich hinausgewachsen sind, in dem sie sich entschieden, empathisch zu sein statt engherzig, ein Moment, der das Land, das kann man fünf Jahre später durchaus so festhalten, offener und vielfältiger gemacht hat. Anders als 2015 verfügt Deutschland heute über die nötige Infrastruktur, um auch eine größere Zahl an Neuankömmlingen zu beherbergen. Es gibt überall im Land Erstaufnahmeeinrichtungen und Sprachschulen. Nicht umsonst sagten Dutzende Städte und Gemeinden nach dem Brand in Moria: Wir haben genügend Platz, Menschen aufzunehmen. Es ist Zeit, dass die Bundesregierung auf sie hört.“ (SPIEGEL.de)

Gestern war Welttag der Demokratie. Hat das irgendein Demokrat bemerkt?

Fortsetzung folgt.