Kategorien
Tagesmail

Alles hat keine Zeit XVI

Alles hat keine Zeit XVI,

heute geht es nur um die Weltordnung – und niemand schaut hin. Außer Dirk Kurbjuweit:

„Es wird nichts Wesentliches entschieden, aber es wird von wichtigen Akteuren darüber geredet, wie Staaten mit Staaten und wie Staaten mit Menschen umgehen wollen und sollen. Im Prinzip geht es um das demokratische gegen das autoritäre Prinzip. Es gibt zwei Möglichkeiten: Erstens, die EU will vor allem Handelspartner sein und wirtschaftlich von China profitieren. Zweitens, die EU will in der künftigen Weltordnung politisch eine Rolle spielen, als Macht des Guten, die sich friedlich, aber nachdrücklich für Demokratisierung, Rechtsstaat und Menschenrechte einsetzt und damit gegen Willkür. Fall eins würde heute ein eher unterwürfiges, angepasstes Verhalten erfordern, Fall zwei ein selbstbewusstes, hier und dort auch freundlich forderndes. Fall zwei wäre besser. Will die EU eine Macht des Guten sein, muss sie auf dem eigenen Kontinent damit anfangen, sich für Demokratisierung, Rechtsstaat und Menschenrechte einzusetzen. Sie sollte das für die verfolgten und gedemütigten Menschen tun, aber auch für sich selbst. Die EU wird nie die Waffen haben, über die die USA verfügen und irgendwann auch China verfügen wird. Wenn sie in der Welt eine Rolle spielen kann, dann über die Kraft ihrer Wirtschaft und ihre moralische Klarheit. Mit Letzterer kann sie Verbündete in aller Welt finden.“ (SPIEGEL.de)

Eindeutige Worte. Tut sich was in der Presse? Plötzlich hört man Begriffe wie Humanität, Moral und Menschenrechte, bislang kontaminierter als Corona-Viren.

Gab es Berichte in ARD und ZDF? Hat Anne Will in bester Aufgeräumtheit debattieren lassen? Wo denkst du hin? Deutschlands Ordnung ist wichtiger als die Weltordnung, genauer: Deutschlands Unordnung, die sich mit heilsgeschichtlicher Notwendigkeit dem Zustand eines Tönnies‘schen Saustalls nähert.

Doch ohne Sorge, sei ohne Sorge: deutsche Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit wird alles richten – durch Abducken, Verstummen und Selbstregulierung des Marktes, der … … heimlich, still und leise beim Staat alle Hände aufhält.

Wie kann Europa im stets schärfer werdenden Konflikt zwischen USA und China seine Unabhängigkeit bewahren? Durch Aufrüsten? Zwei Befehle auf Nuklear-Amerikanisch und Atomar-Chinesisch würden ausreichen, um das christliche Abendland von der Platte zu putzen.

Nur eine Macht hat die Chance, der horriblen Gewalt zu widerstehen: der Glaube. Neeiiin, nicht der Glaube an Mirakel-Wesen, sondern an die Macht der solidarisch-kooperierenden Gattung. Der Mensch steht an der entscheidenden Weggabelung seiner Entwicklung:

Will er durch Eintracht mit der Natur für ein erträgliches Klima sorgen?

Will er durch universelle Zusammenarbeit seine Existenz sichern – oder durch Hass und Verachtung?

Beide Fragen sind miteinander verknüpft, ja, identisch. Wer sich das Leben zur Hölle macht, wird in Klimafragen nicht zusammenarbeiten. Wer im Kampf gegen Erderhitzung sich nicht gegenseitig unterstützt, braucht kein atomares Arsenal: zusammen mit allen Völkern wird er dem Hitzetod nicht entgehen.

Auch die Wirtschaft muss sich entscheiden, ob sie Dominanz durch Konkurrenz – oder Überleben durch Kooperation anstreben will. Ökonomischer Wettbewerb dient dem Fortschritt des nationalen Egoismus, nicht dem Fortschritt gemeinsamen Überlebens.

Technischer Fortschritt auf Teufel komm raus dient nur noch dem Unheil aller. Er will über alle triumphieren, ignoriert die Grenzen der Natur und die Urbedürfnisse des Menschen, sich wechselseitig zu unterstützen und nicht zu schaden. Zudem missbraucht er die kreativen Fähigkeiten und ökonomischen Ressourcen des Menschen, um sinnlose Ziele im Universum anzusteuern. Technischer Fortschritt im nationalen Alleingang dient allein der Eitelkeit eines Volkes, das sich dem Wahn hingeben darf, ein göttlich erwähltes zu sein.

Humanität ist Inbegriff der Moral. Nur eine moralische Weltpolitik kann die Menschheit retten. Alle Interessenpolitik, die sich amoralisch definiert, ist das wirksamste Selbsttötungsmittel der Nationen.

In der Geschichte waren Interessen immer Machtinteressen. Der Habermas‘sche Begriff der Erkenntnisinteressen ist ein typisch deutscher Kompromiss, der die Differenzen zwischen Moral und Macht verwischt. Klarer wäre es, die Interessenpolitik als Machiavellismus zu bezeichnen. Die gegenwärtigen Machtpolitiker scheuen den brisanten Namen des Italieners und reden lieber von „natürlichen“ Interessen, die offen lassen, ob die Wettbewerbspolitik der Kanzlerin machiavellistisch anrüchig oder noch christlich erlaubt ist.

„Ihre Moriapolitik ist unchristlich“, schleuderte der linke Politiker Bartsch im Bundestag der Regierungsbank entgegen. Eine absurde Tradition jener Parteien, die kein hohes C im Firmenschild tragen, um den C-Parteien Heuchelei vorzuwerfen. Eine sinnlose Attacke, denn niemand weiß, was christlich ist. Wurde die Kanzlerin je befragt, wie sich ihre 90%ige flüchtlingsfeindliche Politik mit Agape verträgt? Sie verträgt sich immer, selbst Hexenprozesse und Religionskriege waren Akte der Liebe. Kein einziger Satz im Neuen Testament ist politisch gemeint, sondern aufs Jenseits gerichtet. Das Diesseits ist längst gerichtet und durch nichts zu retten.

Zudem ist biblische Moral antinomisch: was privat verboten, ist im Dienste Gottes immer erlaubt. Die Pointe der Parlamentarier ist zudem, dass sich auch die Kritiker der C-Parteien als Christen zu erkennen geben – aber als wahre und aufrechte Christen.

Hier ist das Muster der Deutschen Bewegung erkennbar: deutsche Moral ist biblische Moral, die nichts ausschließt, aber immer noch besser ist als westliche Politmoral der Aufklärung.

Was unterscheidet deutsche Moral von der Moral Trumps? Nur die Posen. Trump bekennt sich zu seinem Unflat, den er für ehrlicher hält als die heuchelnden Ehrbarkeiten der „Demokraten“. Die Deutschen attackieren die Moral des Tages – aus der Überlegenheit einer Supermoral, die sich alles erlaubt, aber durch pathetische Feiertagsreden alles überheuchelt und verhimmelt.

Womit bewiesen, dass Trumps Anhänger unwissentlich die Deutsche Bewegung kopieren. Lieber ehrliche Amoral als verlogene Moral. Das bezieht sich stets auf die Moral der Aufklärung. Auf biblische Moral kann sich der Protest nicht beziehen, denn die ist durchweg zweideutig. Das Böse im Dienst des Heiligen darf nicht ausgeschlossen werden.

Christliche Moral verachtet alles Weltliche als hoffnungslos dem Untergang geweiht. Wer sich zu Christus bekennt, hat mit der Welt abgeschlossen. Eine weltrettende Christenpolitik wäre ein Widerspruch in sich. Christus und Welt schließen sich aus.

„Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben.“

Dreck ist Unrat, Kot. Dem Christen ist die Welt zu einem fäkal verseuchten Planeten geworden. Drastischer kann die Verfluchung der Welt nicht sein. Keine Pastorentochter wird auf die Idee kommen, die beschissene Welt in eine lebenswerte Heimat der Menschen zurückzuverwandeln.

Die Kanzlerin ist Christin, die über die politische Impotenz ihres Glaubens kein Wörtchen verliert. Ihr Schweigen über ihre innerste Motivation ist, bitte festhalten: Esoterik. Nur Eingeweihte wissen, was sich hinter der Haushälterinnen-Politik verbirgt.

Selbst schuld, wenn die Untertanen nichts wissen. Sie wollen auch nichts wissen, sonst erführen sie etwas über sich selbst. So bleibt die Ursache der deutschen Romanze zwischen Untertanen und Obrigkeit ein Mysterium. Weshalb die Kanzlerin nicht nur esoterisch, sondern auch populistisch sein muss. Ihre Eiapopeia-Sprache verspricht dem Volk: alles gut, schlaft weiter. Ich wache allein mit meinem Gott. Ihr seid Penner, als Magd des Herrn habt ihr mich nicht verdient.

Sagt sie natürlich nicht, sondern denkt sie in ihrem Herzen. Es wird ein böses Erwachen geben für die Untertanen, wenn ihre Ikone in den Tiefen der mecklenburgischen Seenplatte verschwinden wird und uncharismatische Nachfolge-Kandidaten in die Manege torkeln.

Moral ist keine überflüssige oder gar selbstschädigende Reputation einer egoistischen Nationalpolitik, sondern conditio sine qua non gemeinsamen Überlebens. Moral ist kein Schmuck, mit dem man prahlen oder auf den man „ehrlicherweise“ verzichten kann, sondern die einzige Methode, mit der die Menschheit überleben kann. Moral wird zur Überlebenspflicht des Menschen.

Seit Anbruch der jüngsten Neuzeit sind die moralischen Entwicklungen des Westens auseinandergegangen. In der Aufklärung waren die progressiven Staaten Europas noch in hohem Maße einheitlich gewesen. Als in England der Frühkapitalismus und in Frankreich die Revolution ausbrach, blickte das zerrissene und zurückgebliebene Deutschland eifersüchtig und neidisch auf die Ereignisse im Westen, mit denen es nicht mithalten konnte. Als Napoleon zudem Preußen und die deutschen Fürstentümer überrannte, waren die wachen Deutschen gespalten. Einerseits begrüßten sie die politischen Fortschritte, die der Korse den Obrigkeitsstaaten verpasste, andererseits trug die beschämende Niederlage dazu bei, die einstige Bewunderung der Freiheit und Menschenrechte ins Gegenteil zu verkehren.

Die Progressiven wurden reaktionär und aufklärungsfeindlich. Sie öffneten sich wieder dem Einfluss des Klerus und der jeweiligen Macht, die sich durchgesetzt hatte. Was wirklich war, wurde vernünftig, was vernünftig, hatte es durch Macht zu beweisen.

In Ablehnung der Aufklärung waren sich Hegel und die Romantiker einig. Nur in der Beurteilung der Gegenwart unterschieden sie sich. Die Romantiker träumten von einem geeinten Europa, in dem päpstliche und kaiserliche Gewalt eine heilsgeschichtliche Einheit bildeten: das „Dritte Reich“ des Joachim di Fiore sollte Realität werden.

Das Dritte Reich der Nationalsozialisten war ein Erbe der Romantik. Allerdings wollten die Nazis keine von weit entfernten Zeiten schwärmenden Romantiker sein, sondern knallharte, technisch und kriegerisch versierte, kaltblütige Realpolitiker, die sich vor den schlimmsten Verbrechen nicht fürchteten. Die Einheit aus Sehnsucht nach dem Reiche Gottes und nach Vernichtung seiner Feinde entzückte ihre dialektischen Grundbedürfnisse. Wo das Unmögliche versöhnt schien, da war Reich Gottes. Hegels Traum von der Versöhnung aus Gottes Geist und Weltgeist war in Erfüllung gegangen.

Wenn wir die Moral der Aufklärung Naturrecht nennen (das Naturrecht der Schwachen), so können wir die Antimoral der Deutschen Gottesrecht nennen. Die sich stetig erweiternde Kluft zwischen West und Ost war äußerst fruchtbar und gebar zwei Weltkriege, die das Gottesurteil sein sollten über die Frage: wer war das wahre auserwählte Volk?

Um 1800 war die Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland noch intensiv. Wie die Deutschen den Urquell ihrer Heilsbotschaft in den Tiefen Asiens vermuteten – um sich dem Kampf zwischen Hellas und Jerusalem zu entziehen –, so war Deutschland für Frankreich das geheimnisvolle Land jener tiefen Dichter und Denker, die von Napoleons Feindin Mme de Staël spöttisch-bewundernd in einem Buch beschrieben wurden.

„La veille Allemagne, notre mère a tous. Das alte Deutschland, unsere Mutter, Mutter für uns alle: das bekennt Gerard de Nerval für eine junge französische Generation, die sich um 1820 als „Junges Frankreich“ gebildet hatte. „Europa war im 19. Jahrhundert vom deutschen Denken fasziniert. Michelet nannte Deutschland „das Indien Europas“. Auch der amerikanische Historiker Henry Adams war damals überzeugt, dass die Wahrheit allein in Deutschland fortlebte.“ (Friedrich Heer)

Verstehen wir allmählich, warum die Mutter der Deutschen von den Europäern – trotz ihrer überwiegend stiefmütterlichen Lieblosigkeit – als Mutter Europas gesehen wird? Gelegentlich hassen sie diese Mutter, aber so, wie man eine Mutter hasst, von der man noch immer hofft, sie werde zur guten Mutterrolle zurückfinden.

Europa ist schon so weit zusammengewachsen, dass die Völker eine symbolische Führungsfigur begehren. Aber wen? Wer bietet sich an? Früher war es zumeist ein amerikanischer Präsident. Trump hat die Reihe dieser Projektionsfiguren beendet. Johnson, der Clown des versinkenden Commonwealth, ist die britische Karikatur Trumps. Macron, ein bisschen Napoleon und de Gaulle, ist zu französisch, um europäisch zu sein. Bleibt: Mutter Angela, an deren Person sich uralte Visionen emporranken, was den Deutschen gefällt. Alles, was uns im Ausland Punkte bringt, ist bei uns unantastbar.

Das war jene Zeit, in der das alte feudale Europa zerbrach und das moderne demokratische und kapitalistische Europa begann. In Deutschland aber gegenläufig zu England und Frankreich. Die Französische Revolution hatte sich durch Robespierres Guillotine-Politik unglaubwürdig gemacht. Schiller, ein Bewunderer der aufmüpfigen Pariser, wandte sich ab und verlegte die politische Bildung ins Innere des Menschen. Der „neue Mensch“ sollte die Politik ignorieren, er war kein zoon politicon. Es war die Kunst, die zur pädagogischen Erweckerin des Menschen werden sollte. Die Kunst des Theaters.

Erneut war der Deutsche zurückgekehrt in eine Welt der Fiktion. Es war nicht die Fiktion einer religiösen Phantasiewelt, die von der Aufklärung abserviert worden war. Es war eine fiktive Welt, die nur passive Zuschauer duldete, keine Agierenden, die die reale Welt auf den Kopf stellen könnten. Die Welt der deutschen Intellektuellen verengte sich auf das Theater. Weil sie in der Realität nichts durften, erfanden sie das Motto ihrer scheinpolitischen Ästhetik: Kunst darf alles.

Wer die Theatermacher der Nachkriegszeit rückwirkend betrachtet, kann sich über ihr trumpistisches Omnipotenzgebaren nur wundern. Alles, was lutherische Untertanen nicht durften, dürfen Künstler im Übermaß. Auch Feuilletonisten schwärmen über die skurrilen Erfindungen der Literaten, ohne ihre politische Pädagogik in Frage zu stellen. Je irrealer die Bühne, je freier scheint sie.

Hier treffen wir auf die Kehrseite der deutschen Dialektiker: auf die Spaltung aller Realität in unvereinbare Teile, deren Komplexität kein Pöbel-Verstand nachvollziehen kann.

Weil Kunst alles darf, die Bühne der Kunst aber den neuen „politischen“ Menschen bilden sollte, hat sich in Deutschland die Meinung gebildet: politische Moral darf alles – sonst ist sie nicht frei.

„Ich bin mal weg, ich muss raus aus Deutschland in die Welt: ich will frei sein“: wie oft sind solche Sätze in deutschen TV-Filmen zu hören. Deutsche sind Romantiker, die eine jenseitige Welt suchen. Die irdische ist ihnen Dreck und Unrat. Einer der Gründe, warum sie die Welt nicht retten wollen. Sie stinkt ihnen.

Nun ade, du mein lieb Heimatland,
lieb Heimatland ade.
Es geht nun fort zum fremden Strand,
lieb Heimatland, ade.

Begleitest mich, du lieber Fluß,
lieb Heimatland, ade.
Bist traurig, daß ich wandern muß;
lieb Heimatland, ade.
Vom moos’gen Stein, vom wald’gen Tal,
da grüß‘ ich dich zum letztenmal.

„Die Brasilianerin Maya Gabeira hat in Portugal die höchste jemals von einer Frau gesurfte Welle geritten. Sie ist mehr als eine Sportlerin, sie zeigt: Nur wer bereit ist, etwas zu riskieren, erlebt die wahre Freiheit. Der freie Mensch kann fliegen. Beim Skateboarden, im Ballett, beim Parkour, beim Skifliegen. Maya Gabeira ist 33 Jahre alt und hat zweimal hintereinander den Weltrekord beim Surfen hoher Wellen gebrochen. Jüngst surfte sie eine 22,4 Meter hohe Wasserwand, und die Bilder dieses Rekords sind aufrüttelnde Denkmäler für die Grenzenlosigkeit der Freiheitssehnsucht des Menschen.“ (WELT.de)

Die Geschichte der Menschheit ist eine Surferwelle, die ins Grenzenlose muss, damit der Mensch sich ihrer Rasanz anvertrauen kann, um den Problemen der Erdverhafteten zu entfliehen. Was Klimageschwätz! Was erbärmliche Moral, wo wahre Moral in der Freiheit des Himmelsuchens und Wolkenüberwindens besteht.

Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Blieben darunter verborgen
Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein

Wenn man nicht verstanden hat, dass Deutsche amoralisch sind – aus hochmoralischen Gründen –, hat man sie nicht verstanden. Sie schwingen sich in die Lüfte ihrer Träume, alle Erdenschwere ihres politischen Versagens unter sich lassend. Hyperion muss es sich von der Seele schreiben, denn seine Landleute verstehen nichts von ihrem Elend.

„So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tief unfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Anstatt ihr Leben zu vitalisieren, fliehen sie dorthin, wo sie keine Verantwortung tragen. Dann fühlen sie sich frei. Ein Volk von über 80 Millionen in wohlhabenden Verhältnissen ist unfähig, wenige 1000 Flüchtlinge aufzunehmen. Wenn ihre Nachbarn nicht mitgehen, denken sie nicht daran, moralisch zu sein.

Aus Solidarität mit Amoralischen bleiben sie amoralisch: das ist Kumpanei der Trostlosen. Mit dieser deutschen Tugend der Aufrichtigkeit werden sie Europa sicherlich befähigen, zum moralischen Bollwerk der Welt zwischen China und Amerika zu werden.

„Eine Journalistin des Deutschlandfunks erklärte in einem langen Text, warum sie gegen die Aufnahme der Moria-Bewohner sei. Die pflichtgemäße Einordnung des Textes aus dem Spektrum der Guten kam prompt. „Der hässlichste Kommentar zu Moria“, echauffierte sich der Social-Media-Star der Linken, Tilo Jung. Es ist nur ein Beispiel von vielen: Jeder, der nicht auf Linie ist, wird verdammt. Was moralisch ist und was nicht, das entscheiden die, die am lautesten schreien.“ (WELT.de)

Wer schreit in Deutschland, dass den Verantwortlichen die Ohren gellen? Plötzlich beginnen die Amoralischen vor Angst zu zittern, weil sie zur Minderheit werden könnten. Wär das ein Triumph. Als sie noch in Überzahl über die Moralisten herfielen, war das keine Verdammung. Wenn der Wind sich jetzt gegen sie drehen könnte, werden sie plötzlich zu Weicheiern. In allen Disziplinen sollen die Menschen miteinander konkurrieren, sich gegenseitig übertreffen und die Besten sein. Nur nicht in Menschenliebe und in Suche nach der Wahrheit.

„Die Flüchtlinge von Moria sind zu einem Spielball einer innenpolitischen, moralisch geführten Debatte geworden, bei der es vor allem darum geht zu zeigen, wer der beste, wer der großzügigste Mensch ist.“ (Berliner-Zeitung.de)

In Deutschland sucht man eine durchdachte Politik vergebens. Was sind die Gründe des Flüchtlingselends? Die Kanzlerin fliegt zweimal in den dunkeln Kontinent, dann sind alle Ursachen des Elends behoben. Nur keine historischen Erläuterungen, nur keine umfassenden Analysen der Gegenwart.

Merkel ist zwar der deutschen Sprache mächtig, aber nur der Eiapopeia-Sprache beim Einschlafen der Kinder. Die Macht des Wortes, mit dem sie Putin & Co öffentlich entlarven sollte, ist ihr nicht gegeben. Begriffe wie Neoliberalismus, Aufklärung, Vernunft, Autonomie, sind ihr unbekannt. Mit dem Treibholz gottloser Intelligenzler lässt sie sich nicht ein. Sie verharrt bei ihrem Kinderglauben, mit dem sie auf dem Marktplatz nicht hausieren geht.

Die Deutschen vagabundieren zwar durch alle Welt, doch die Meinungen der Welt nehmen sie nicht zur Kenntnis. Warum kommen die Flüchtlinge zu uns?

„Menschen werden kommen, solange sich die Rahmenbedingungen nicht verändert haben und solange wir nichts von unserem großen Kuchen abgeben, den bereits unsere Vorgenerationen in der westlichen Hemisphäre sich angefressen haben. „We are here because you where there“, lautet ein alter Slogan aus der Migrant*innenbewegung. Unsere eigene Geschichte schlägt zurück.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Sollten wir Deutsche Kolonialmächte gewesen sein wie Engländer und Franzosen? Besitzen wir nicht wenigstens in diesem Punkt eine reine Weste? Fragt doch mal nach in Deutsch-Südwest-Afrika, in Deutsch-Ostafrika, in Deutsch-Somaliküste, in Deutsch-Neuguinea, auf dem Bismarck-Archipel etc. etc.

Wie verläuft die deutsche Debatte? Da setzt sich eine Politikerin für Flüchtlingskinder ein und was geschieht`?

„Dasselbe gilt für die verlogenen Krokodilstränen, die sich manche PolitikerInnen gerade aus den Augen pressen. Etwa SPD-Chefin Saskia Esken, die per Twitter verkündete: „Die #Verzweiflung der Geflüchteten verträgt kein Warten mehr. Wir wollen jetzt handeln.“ Das sah dann so aus, dass am selben Tag, am Freitag, ihre Fraktion im Bundestag gegen den Antrag der Linksfraktion stimmte, die 13.000 Geflüchteten aus Moria in Deutschland aufzunehmen. So viel zum Thema Menschlichkeit.“ (TAZ.de)

Nur nicht zu moralisch werden: das macht erpressbar! Am Schluss ist man der Idiot vom Dienst, der sich wegen Gutgläubigkeit ausnutzen ließ. Und die anderen lachen sich ins Fäustchen. Das nennt man gesundes Selbstbewusstsein: immer schauen, was die anderen tun. Ohne Schutz gegen spöttisches Gelächter regt sich nichts im Lande. Gewisse Politiker müssen in ihrer Jugend Ministranten gewesen sein, die von den Rüpeln auf der Gasse ausgelacht wurden. Kein zweites Mal!

Nicht nur in Klimafragen steht die deutsche Politik vor dem Offenbarungseid. Mit ihrem Niedergang ist gut Weltordnung zu machen. Schaffen wir es, die oberste Illusionspolitikerin ein wenig beiseite zu räumen?

„Zwölf große deutsche Hilfsorganisationen schrieben am Freitag einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin. Die „beschämende Lage“ in dem Lager und die Brandkatastrophe seien „direktes Ergebnis einer verfehlten europäischen Flüchtlingspolitik“, heißt es darin. Neben effektiver Akuthilfe forderten sie die Evakuierung der Menschen in andere EU-Staaten und eine Abkehr von den Plänen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, neue Asyllager an den europäischen Außengrenzen zu errichten, in denen es Vorprüfungen für Asylverfahren geben soll.“ (TAZ.de)

Fortsetzung folgt.