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Alles hat keine Zeit XV

Alles hat keine Zeit XV,

„Um jeder Verwechslung zuvorzukommen, erkläre ich, dass ich nie eine Zeile für dieses Blatt geschrieben habe, dessen bürgerlich-philanthropische, keineswegs kommunistische Tendenzen mir durchaus fremd sind.“ (Trier’sche Zeitung, Brüssel, den 18. Januar 1846. Karl Marx)

„Er wandte sich gegen die Auffassung von „Genossen“, die eine „abstrakte“, „über den Klassen stehende allgemeine Menschenliebe“ forderten. Dies sei unrealistisch, denn eine allumfassende Menschenliebe habe es seit der Spaltung der Menschheit in Klassen nicht mehr gegeben. Konfuzius habe sie gefordert, doch sei sie nie verwirklicht worden, da dies in einer klassenbedingten Gesellschaft unmöglich sei. Für die Zukunft war Mao jedoch optimistisch: «Die wahre Liebe zur Menschheit wird sicher einmal kommen, aber erst nach der Beseitigung der Klassen auf der Welt.»“ (Mao Zedong)

Mozi entwickelte unter der Bezeichnung „all-umfassende Liebe“ (jian ai) ein allgemein gültiges Prinzip für alle menschlichen Staaten der Welt.Statt der Familienbande ist die allgemeine Menschenliebe die Grundlage staatlicher Verfassung. Mozi betrachtet diese mit Pflichten ausgestattete Liebe als nützliche und durch nichts ersetzbare Basis für das Funktionieren von Staaten. Sie steht in seiner Theorie beispielhaft für ein Verhalten, das den Nutzen, den man voneinander hat, in den Mittelpunkt stellt.“

„Unter Philanthropie sei „das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit“ zu verstehen, das man auch dem ins Unglück geratenen Bösewicht entgegenbringe. Dieses Gefühl stelle sich auch dann ein, wenn „das Unglück, welches den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist“. Dabei handle es sich um eine Menschenliebe, «die wir … … gegen unsern Nebenmenschen unter keinerlei Umständen ganz verlieren können.»“ (Lessing)

„Die Wohltätigkeit bestehe darin, den Menschen in Not zu ihrer Glückseligkeit „beförderlich zu sein“, „ohne dafür etwas zu hoffen“. Dies sei jedes Menschen Pflicht. Maßgeblich sei die Maxime, sich das Wohlsein anderer zum Zweck zu machen. Die Vernunft nötige den Menschen, diese Maxime als allgemeines Gesetz anzunehmen. Wenn man selbst in Not sei, erwarte man von anderen Hilfe; dies sei nur dann widerspruchsfrei möglich, wenn man sich stets an die philanthropische Maxime halte. Wenn ein Reicher wohltätig sei, handle er kaum verdienstlich, da es ihn keine Aufopferung koste und er sich selbst damit Vergnügen bereite. Daher solle er sorgfältig „allen Schein“ vermeiden, er wolle den Begünstigten eine Pflicht zur Dankbarkeit auferlegen, denn eine solche „Verbindlichkeit“ werde immer als erniedrigend empfunden. Am besten sei es, die Wohltätigkeit ganz im Verborgenen auszuüben.“ (Kant)

Bill Gates ist nach Kant kein Tugendhafter. Dazu ist er zu eitel, will auf den Sockel gehoben werden.

„Zum Leitbegriff wurde die Philanthropie im Philanthropismus (oder Philanthropinismus), einer von Johann Bernhard Basedow initiierten pädagogischen Reformbewegung. Den Ausgangspunkt des Reformprogramms bildete die Überzeugung, die sozialen Übelstände seien auf Unwissenheit zurückzuführen, die das Ergebnis eines verfehlten Schulunterrichts sei.“

„Ein Gegner des Menschenliebe-Gedankens war Justus Möser (1720–1794). Er stellte in den 1770er Jahren fest, der Ausdruck „Menschenliebe“ sei in seiner Jugend noch gar nicht bekannt gewesen, seit einiger Zeit aber in Mode gekommen. Nach seiner Ansicht trug die „neumodische Menschenliebe“ zum Sittenverfall und zum Überhandnehmen staatlicher Sozialeinrichtungen bei.“

Georg Friedrich Wilhelm Hegel lehnte eine alle Menschen umfassende Liebe ab. Er hielt sie für ein „Abstractum“; „das Herz, das die ganze Menschheit in sich einschließen will, ist ein leeres Aufspreizen zur bloßen Vorstellung, zum Gegentheil der wirklichen Liebe“. Echte Liebe könne sich nur auf einige Personen richten.“

Arthur Schopenhauer verwarf Kants Bestimmung der Menschenliebe als Tugendpflicht. Die Menschenliebe sei eine weibliche Tugend, in der die Frauen die Männer überträfen. Sie stütze sich auf keine Argumentation und bedürfe auch keiner. Die alleinige Quelle von uneigennützigen Taten der Menschenliebe sei die unmittelbare, instinktartige Teilnahme am fremden Leiden.“

Friedrich Nietzsche bekämpfte den Gedanken einer allgemeinen Menschenliebe. Es handle sich um eine Utopie, deren Verwirklichung ein qualvoller und lächerlicher Zustand wäre. In der Praxis sei die allgemeine Menschenliebe „die Bevorzugung alles Leidenden, Schlechtweggekommenen, Degenerierten“. Dem Gedeihen der Gattung Mensch diene jedoch das Gegenteil: der Untergang der Missratenen, Schwachen und Degenerierten. Echte Menschenliebe sei hart, sie ziele auf das Beste für die Gattung ab und erfordere, dass untaugliche Individuen dem höherwertigen Gattungsinteresse geopfert würden.Die Wohltaten, die man empfange, seien „bedenklicher als alle Unglücke“, denn der Wohltäter wolle Macht ausüben. „Sich lieben lassen“ sei gemein; vornehmer Gesinnung entspreche es, nichts anzunehmen ohne zurückzugeben.“

Max Scheler kritisierte heftig und eingehend «die Idee und die Bewegung der modernen allgemeinen Menschenliebe», den «Humanitarismus» oder die «Liebe zu allem, was Menschenangesicht trägt». Die moderne Menschenliebe sei «nach allen Richtungen ein polemischer und protestlerischer Begriff».“

„Für grundsätzlich verfehlt hielt auch Ludwig Klages (1872–1956) den Gedanken einer allgemeinen Menschenliebe. Der „echten Liebe, die auswählt und vergöttlicht“, stehe die „christliche Liebesphrase“ gegenüber; sie habe dazu geführt, dass die „gleichmacherische Forderung der allgemeinen Achtbarkeit“ erhoben worden sei. Diese Forderung beziehe sich nominell auf den „Nächsten“, womit faktisch jeder Lump gemeint sei. Klages wandte sich gegen „Begriffsgespenster“, die man „an der Hand schulgerechten Denkens zu lieben“ habe. Die Menschenliebe sei ein blutloser Begriff, „ein Nagel am Kreuz, an das man den blühenden Leib des Eros schlug“.“

„Ein weiterer Gegner des Ideals der Menschenliebe war Sigmund Freud. Nach seiner Auffassung entsteht die Menschenliebe aus dem Bedürfnis mancher Personen, die „Schwankungen und Enttäuschungen der genitalen Liebe“ zu vermeiden. Das erreichen sie, indem sie den Trieb von seinem sexuellen Ziel ablenken, wodurch er in eine „zielgehemmte Regung“ verwandelt wird. Dabei handelt es sich um „eine der Techniken der Erfüllung des Lustprinzips“. Die aus der Umwandlung des Sexualtriebs hervorgegangene Menschenliebe hat für den Liebenden den Vorteil, dass sie ihn von der Zustimmung seines Liebesobjekts unabhängig macht. Sie ist aber aus Freuds Sicht keineswegs die höchste Einstellung, zu der sich der Mensch erheben kann. Seine Ablehnung einer solchen Triebumlenkung begründete Freud damit, dass Liebe, wenn sie nicht auswähle, damit einen Teil ihres eigenen Wertes einbüße, und dass nicht alle Menschen liebenswert seien.“

Humanitarismus sei überdehnte Liebe zu den Nächsten, so Arnold Gehlen. „Damit entfernen sie sich aus der Anschaulichkeit, „bis endlich die bloß schematische Vorstellung ‚Mensch‘ genügt“. Bei dieser Ausdehnung wird der „Verpflichtungsgehalt“ immer blasser. Schließlich tritt er „in eine bloße Hemmung zurück: Man darf den beliebigen anderen Menschen nicht verletzen, muß in ihm den ‚Bruder‘ sehen“. Damit wird das Streben nach Durchsetzung eigener Gruppeninteressen gegen andere Gruppen gehemmt; von Grund auf antistaatliche, pazifistische Einstellungen, die ursprünglich aus der Solidarität innerhalb der Familienorganisation stammen, setzen sich gesellschaftlich durch.“

Neues Testament:

a) „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

b) „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater in den Himmeln. Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Die Lästerung wider den Geist wird nicht vergeben werden. Wer ein Wort wider den Sohn des Menschen redet, dem wird vergeben werden; wer aber eins wider den heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden weder in dieser noch in der zukünftigen Welt. Suchet zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne, den Weizen aber sammelt in meine Scheune.“

Altes Testament:

a) „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“

b) „Die Gottlosen sind abtrünnig vom Mutterschoß an, die Lügner gehen irre von Mutterleib an. Sie sind voller Gift wie eine giftige Schlange, wie eine taube Otter, die ihr Ohr verschließt, dass sie nicht höre die Stimme des Zauberers, des Beschwörers, der gut beschwören kann. Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul, zerschlage, HERR, das Gebiss der jungen Löwen! Sie werden vergehen wie Wasser, das verrinnt. Zielen sie mit ihren Pfeilen, so werden sie ihnen zerbrechen. Sie vergehen, wie eine Schnecke verschmachtet, wie eine Fehlgeburt sehen sie die Sonne nicht. Ehe eure Töpfe das Dornfeuer spüren, reißt alles der brennende Zorn hinweg. Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Frevlers Blut; und die Leute werden sagen: Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht, ja, Gott ist noch Richter auf Erden.“

Griechische Polis:

„Gesetze erscheinen als Erzeugnis der menschlichen Vernunft. Gesetze „wollen und suchen das Gute und Nützliche, und, wenn dieses gefunden ist, so wird das allgemeine Gebot veröffentlicht, das für alle gleichmäßig gilt, und dies ist ein Gesetz, ein gemeinsamer Vertrag der Bürgerschaft, nach dem jedermann im Staat leben muss. Das Wesentliche ist, dass unter den Bürgern Eintracht und gesetzliche Ordnung herrscht. Die Polis soll einer durch Menschenliebe (philanthropia) verbundenen Familie gleichen, in der die verschiedenen Individualitäten sich ineinander schicken und harmonisch zusammenleben, wodurch allein die Gesamtwohlfahrt (eudaimonia, das Glück) verbürgt wird. (Anonymus, Über Gesetze)

„Die Schrift „Vom Arzt“ hält einen menschenfreundlichen (philanthropos) Charakter für unerlässlich. „Wo Menschenliebe vorhanden ist, da ist auch Liebe zum Beruf vorhanden“. Den Armen umsonst zu helfen, war Anstandspflicht. Der Arzt sollte seinen Dienst in Stille und Bescheidenheit tun und keinen eitlen Ruhm suchen. Ein idealer Arzt war ein „gottgleicher Philosoph“. Die Philosophie hatte das Zeitalter der Humanität eröffnet.“

Die Stoa im Hellenismus und Römischen Reich:

„Der Mensch war ein sociale animal, in dem naturhaft wie der Selbsterhaltungstrieb auch die Zuneigung zu den Mitmenschen wurzelt. Das war Philanthropie, die Gesinnung, die durch alles, was den andern Menschen angeht, im Innersten berührt wird, die notwendig am fremden Leid teilnimmt, jede unnötige Härte meidet und zur Hilfe und Unterstützung treibt, wo immer ein anderer Mensch sie braucht. Am schönsten betätigt sich diese „edle Menschlichkeit“ gegenüber Schwachen und sozial Tieferstehenden. Die Wohltat ist kein Geschäft, sie trägt ihren Lohn in sich. Sittlichkeit zeigt sich nicht nur im äußeren Tun, sie beginnt in den geheimsten Gedanken. Nicht Autoritäten bewerten das Tun des Einzelnen, sondern jeder sich selbst: das eigene Gewissen (conscientia) wird zur Grundlage des autonomen Menschen: „Nichts will ich um fremder Meinung, alles um meines Gewissens willen tun“.“

„Der Mensch ist seiner Natur nach ein sanftes, zu gegenseitiger Liebe geschaffenes Wesen, das auch die Fehler des anderen als bloße Irrtümer versteht, verzeiht und ihm nach Kräften zu helfen sucht. Auch Sklaven sind unsere Brüder. Epiktet ist der erste Stoiker, der aus eigenem Erleben den Satz von der Gleichheit aller Menschen mit vollem Leben erfüllt.“

„Für Dion von Prusa ist Philanthropie das Leitwort zur praktischen Arbeit. Tatkräftig nahm er sich den Armen an; er hatte aber auch einen Blick für die allgemeinen sozialen Probleme. Einen Krebsschaden seiner Zeit wollte er heilen, indem er ganz konkrete Vorschläge machte, wie man das städtische Proletariat aufs Land verpflanzen oder ihm wenigstens durch ehrliche Arbeit zu einem menschenwürdigen Dasein verhelfen könne.“

Schon genug? Am tugendhaften Riemen reißen! Es geht weiter mit Einzeltugenden:

Zenon, Begründer der Stoa, knüpfte an die sokratische Tradition an. Er bekannte sich zu den auf Sokrates zurückgeführten Grundsätzen, dass Arete Wissen und als solches lehrbar sei, dass sie allein die Eudaimonie ausmache und dass aus dem Tugendwissen die Tugendpraxis resultiere. Zenon hielt nur die Grundtugenden Einsicht (Klugheit), Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit für wahre Güter und die ihnen entgegengesetzten Laster für wahre Übel; alles Übrige betrachtete er als ethisch belanglos. Er meinte, die Tugenden seien nicht voneinander zu trennen, sie bildeten eine Einheit, denn die Gerechtigkeit, die Besonnenheit und die Tapferkeit seien Äußerungsformen der Einsicht. Der Weise sei im dauerhaften Besitz der Tugend und damit der Eudaimonie. Dieser Besitz könne ihm niemals geraubt werden.“

Mittelalterliche Tugenden waren:

a) Scholastische Anleihen bei Platon und Aristoteles: Klugheit (oder Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.
b) Biblische Tugenden: Die Zehn Gebote des Alten Testaments, die Seligpreisungen der Bergpredigt, Almosengeben, Beten und Fasten. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung.

Die Zwangsverkopplung von griechischen und sieben himmlische Tugenden – mit ihren jeweiligen Untugenden: Demut – Hochmut, Mildtätigkeit – Habgier, Keuschheit – Wollust, Geduld – Zorn, Mäßigung – Völlerei, Wohlwollen – Neid, Fleiß – Faulheit – führte zur Paranoia der Gegenwart.

Auch die Germanen hatten neun edle Tugenden: „Ehre – Treue – Mut – Wahrheit – Gastfreundschaft – Selbständigkeit – Disziplin – Fleiß – Ausdauer.“

Die Anzahl der Yoga-Buddhisten nimmt immer mehr zu im christlichen Abendland:

„Kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen,
nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wird,
keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben,
nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen,
keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.“

Bleiben die Frauen und die Preußen:

„In der abendländischen Kultur werden mit tugendhaften Frauen vor allem die Eigenschaften Häuslichkeit, Sparsamkeit und Keuschheit verbunden. Seit der Christianisierung Europas gilt Maria von Nazareth als tugendhaftes Vorbild. In jüdischen Haushalten gehört das sogenannte „Lob der tüchtigen Frau“ zur Begrüssung des Schabbatsin der Freitagabendliturgie. Es wird vom Mann vorgetragen.“

Wir treffen direkt auf die gegenwärtige Politkultur. Die von ihrem göttlichen Sohn verachtete Mutter („Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“) wurde zum Idol der Deutschen. Einschließlich der Ermahnung des Junggesellen Paulus: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen: denn es wird ihnen nicht gestattet, zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie das Gesetz es befiehlt.“

 Was prompt zur bundesrepublikanischen Realität wurde: Maria schweigt und ordnet sich dem Volk unter, indem sie gehorsam wartet, wie sich Volkes Meinung herausmendelt, um entschlossen, aber nüchtern vor die Kameras zu treten und den Willen des Volkes als eigenen auszugeben. Das Volk jauchzt, sein Wille geschehe. Ein immer wieder rührendes Beispiel direkter charismatischer Volks-Herrschaft, womit die Deutschen ihren mutterfeindlichen Erlöser in den Schatten stellen.

Moderne Frauen allerdings lassen es an biblischen Tugenden fehlen: Sparsamkeit wäre volkswirtschaftlich kontraproduktiv, die Diktatur der schwäbischen Hausfrau ist gestürzt, mit der Keuschheit ist es auch nicht mehr wie im Pietismus – und die Häuslichkeit ist seit dem Heimchen am Herd geradezu verpönt. Hier tun sich ecclesiogene Abgründe der Emanzipation auf.

Schnell zu den preußischen oder deutschen Tugenden:

„Noch heute gelten Höflichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß und Ordnung als Tugenden und Toleranz und Gerechtigkeit als Werte der Deutschen.“ Doch so billig kommen die Neugermanen nicht davon:

„Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Fleiß, Geradlinigkeit, Gerechtigkeitssinn, Gewissenhaftigkeit, Ordnungssinn, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit (= eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr), Redlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Toleranz, Unbestechlichkeit, Zurückhaltung (mehr sein als scheinen), Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit.“

Uff, geschafft. Wer hält diese sittenstrengen Sintfluten aus, die in wenigen 1000 Jahren über das Abendland hereinbrachen – um völlig ausgetrocknete moralische Wüsten und Einöden zu hinterlassen?

Endlose Sturzbäche und Platzregen der verschiedensten Tugenden, die sich kreuz und quer widersprechen, von Klerikern und Intellektuellen nach Belieben heute ausgewählt und morgen verworfen – um ein moralverhöhnendes verdorrtes und versteinertes Regime zu hinterlassen. Hier torkeln die Deutschen geistig dehydriert und demoralisiert jenem Reich entgegen, von dem sie nicht mal wissen, ob sie noch daran glauben oder dem Glauben längst Ade sagten: dem Reich Gottes.

Anstatt die kreuz und quer liegenden, übereinander gestapelten, sich heftig bekämpfenden und alles erstickenden Tugendsysteme zu sichten und zu entflechten – um sie zu koordinieren und ihr Tun eindeutig und verlässlich zu machen: was tun die Deutschen? Längst haben sie ihr Geschick jeder Moral aus den Händen gerissen, um sich von höheren Mächten fernleiten zu lassen. Ist es Gottes Wille, die Evolution der Natur, ein ehernes Geschick, dem sie sich fatalistisch unterwerfen?

Hegel, der die Widersprüche bemerkte und mit ihnen sein System baute, scheiterte auf der ganzen Linie. Er versöhnte sie nicht, die Widersprüche, um der menschlichen Vernunft und Mündigkeit zu huldigen. Er kippte ein magisches Opium über alle – und überantwortete alle Amoralitäten und Brutalitäten dem Weltgeist, den man einst Gott nannte. Die Versöhnung war ein Schauspiel, ach ein dialektisches Schauspiel nur. Nicht der Mensch war das Subjekt der Geschichte, sondern das Abrakadabra illusionärer Zauberkräfte.

So irren wir heute in einer Trümmerlandschaft aller Welt-Moralen umher, wissen nicht, welcher wir folgen sollen – und folgen der Amoral derer, die sich ohnehin mit aller Gewalt durchsetzen. Die Wirklichkeit, die sich ohne unser Zutun von Augenblick zu Augenblick realisiert, das eherne Ist, das jedes Seinkönnen und Seinsollen zur Lachnummer verdammt: das sind unsere Urgötter, denen wir folgen, indem wir uns vorgaukeln, selbst die Regie zu führen.

Der deutsche Sonderweg – den es laut unseren Historikern nicht geben darf – zeichnet sich dadurch aus, dass er den Weg des Westens, der Demokratie und Menschenrechte, mit allerhöchster Denkkraft an die Wand knallt. Wir haben eine bessere Moral als die Moral der Philanthropen, wir haben die kein Verbrechen, Not und Tod ausschließende Amoral, die die Verwegenheit besitzt, die Welt zu opfern, um sie mit Heldenmut neu aufzubauen.

Merkt es euch, ihr Zaungäste des Seins und der Zeit: Silicon Valley, das goldene Tal der besiegten Unendlichkeit, ist in deutschen Landen erdacht und ersungen worden. Der Geist war früh komplett – in Schwaben und Berlin, in Jena und Weimar. Ihr plagiierenden Techniker habt nichts anderes zu tun als die faustische Unendlichkeit in Zahlen und Figuren umzurechnen. Das werdet ihr ja wohl noch können. Solltet ihr ausnahmsweise wissen wollen, was ihr tut, müsst ihr alte Schwarten in deutscher Sprache lesen: unsere Idealisten und Himmelsstürmer, unsere Denker, die der Natur vorschreiben, wie sie zu funktionieren hat, unsere Dichter, die den Lauf der Geschichte bis ans gloriose Ende voraussehen.

„Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Donner und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.“ (Heinrich Heine)

Die Rinderställe des Augias auszumisten wie Herakles, war ein Kinderspiel gegen das, was wir heute in den Ställen des Fortschritts leisten müssen. Der Fortschritt fährt alles zu Brei, was sich ihm entgegenstellt und wir müssen den Schlamm wieder rekonstruieren, um ihn für immer zu entsorgen.

Dieses Ausmisten der Moralen, die sich gegenseitig würgen, um die Herrschaft über die Menschen zu ergattern, ist das Minimum, das wir leisten müssen, um der Zukunft unserer Kinder einen Weg zu bahnen.

Nehmen wir die Erlösermoralen, die sich rühmen, das Nonplusultra aller Tugenden zu sein. Sie bestehen aus Gutem und Bösem. Das Gute sollen wir tun, das Böse nicht lassen, um unserem Herrn der Geschichte die Ehre zu geben. Mit dem Guten brillieren die Erlöser vor der Welt, das hintergründig Böse, mit dem man alle Konkurrenten aus dem Weg räumt, bleibt im Mysterium des Verborgenen.

Gibt der Mensch sich seine Imperative oder stammen sie von Oben – und er muss ihnen folgen, ob er will oder nicht? Er muss, sonst droht ihm das Grausamste, was je Menschen erdachten. Gehorcht er, winkt ihm der Garten Eden.

Was sind das für mittelalterliche Labyrinthe aus griechischer Vernunft und biblischem Hass auf weltliche Vernunft? Derselbe Mensch soll weise sein – und gleichzeitig der Torheit Gottes folgen, die alle Weisheit der Welt aus dem Munde spucken wird?

Gemessen an den himmlischen Tugenden, wäre unser jetziges Leben eine einzige moralische Hölle. Wir sollten mäßig sein, keusch, nicht hochmütig, nicht in endlose Risiken vernarrt: und dennoch mit allem notorisch unzufrieden.

Und wo bleibt die Gradlinigkeit, die Aufrichtigkeit, der Gerechtigkeitssinn, die Redlichkeit und Unbestechlichkeit der Deutschen? In Zeiten der Wirecards und Cum-ex-Betrügereien, der lobbyistischen Gesamtversumpfung, der Pflichtvergessenheit der Politik, der gemeingefährlichen Lässigkeit und Liederlichkeit der Klima-Blindheit? Nicht mal ein bundesweites Alarmsystem bringen sie zustande.

Bislang war es hoffähig, der Moral den Marsch zu blasen. Plötzlich erregen sie sich über Putin, Trump und sonstige moralfreie Weltrüpel.

Was haben die abendländischen Werte in Deutschland wirklich hinterlassen? Gigantische Ruinen aus Heuchelei, Bigotterie und Doppelmoral.

Was war der Kern der deutschen Bewegung? Die Botschaft an die Welt: nichts ist schrecklicher und menschenhassender – als Philanthropie, die Liebe zur Menschheit.

Fortsetzung folgt.