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Alles hat keine Zeit XIX

Alles hat keine Zeit XIX,

„Die Kunst muss frei sein. Wenn man sich moralisch einschränken lässt, wenn einem immerzu Böses unterstellt wird, dann werden wir über kurz oder lang verstummen. Und dann sind die Debatten so moralisch. Das wundert mich am meisten, wie viele bereit sind, sich moralisch über andere zu erheben. Schon weil das voraussetzt, dass es überhaupt Gut und Böse gibt. Nicht mal daran glaube ich.“ (Lars Eidinger) (Berliner-Zeitung.de)

Ist Kunst das Leben? Darf Leben alles? Darf es auch Verbrechen?

Dann wären die Deutschen die Freiesten aller gewesen. Völker, schaut auf dieses Volk, wie es sich befreit hat von moralischen Einschränkungen – um sich anderen Völkern nicht in eitel-moralischer Pose überlegen zu zeigen. Kumpanei im Bösen ist wahre Demut.

„“Viele unserer Nachbarn sagen mir: Warum sollen wir uns beteiligen, wenn die Deutschen immer wieder als Moral-Weltmeister auftreten und uns damit unter Druck setzen.“ Da könne man ihnen schwer widersprechen.“ sagt der katholische Innenminister Seehofer. (SPIEGEL.de)

In allen Dingen sollen sie Champions sein, nur nicht in Tugend, Sittlichkeit, Moral … oder wie diese Freiheitsfeinde sonst noch heißen mögen. Nun verstehen wir die Demut der Kanzlerin: mit heißer Nächstenliebe will sie niemanden beschämen. Lieber mit anderen brüderlich im Schlamm waten, als überheblich von der Kanzel auf sie herab predigen – oder sie auf der Agora mit philosophischer Moral anzupflaumen.

Kanzel und Agora werden in Deutschland nie unterschieden. Aversionen gegen klerikale Bevormundung richten die … … Neugermanen gegen die Humanität der Demokraten: für sie ein und dasselbe!

Nicht mal an Gut und Böse glaubt der Künstler. Ist er in Nietzsches Reich Jenseits von Gut und Böse angekommen?

Ist Jenseits von Gut und Böse – gut? Dann wäre es nicht jenseits von Gut und Böse.

Ist Jenseits von Gut und Böse – böse? Dann wäre es nicht jenseits von Gut und Böse.

Gibt es etwas, was weder gut noch böse ist?

Warum beklagt sich der Künstler und will ins Jenseits, wenn er sich nicht vorstellen kann, das Jenseits sei besser als das Diesseits? Das würde er nicht, wenn er das Jenseits nicht für besser hielte.

Der Sprachgebrauch Nietzsches verrät seine Herkunft aus der Theologie des pastoralen Vaters: Jenseits ist der Garten Eden vor dem Sündenfall, Diesseits das Reich des Sündigen oder Teuflischen.

Lars Eidinger kann das Jenseits vom Diesseits nicht unterscheiden. Er glaubt nicht an das Gute und Böse – im Diesseits. Wenn er glaubt, schon jetzt im Jenseits von Gut und Böse zu weilen: warum beklagt er sich über das Diesseits? Das Jenseits müsste mit dem Diesseits identisch sein – oder in Konfirmandendeutsch: mitten im Reich der Welt erlebt Eidinger das Reich Gottes. Deutsche Hymnen vor Corona: wir leben im Paradies, wären pralle Wirklichkeit.

Frei wäre – nach Eidinger – die Abwesenheit von Gut und Böse. Das Böse müsste nicht verboten werden, denn es existierte nicht. Warum hätten wir Gesetze, die das Böse verhindern sollen?

Gibt es kein Elend auf der Welt? Gibt es keine Kinder von Moria? Gibt es keine Schwachen, Verhungernden und Gequälten?

Wenn es kein Gut und Böse gäbe: warum sollte das Elend der Menschheit abgeschafft werden? Das Böse wäre gar nicht zu definieren. Wer es dennoch empfände und darunter litte, müsste an Phantomschmerzen leiden. Er wäre ein Fall für den Psychiater. Das moralische Problem wäre ein pathologisches.

Die Geschichte der Weltethik wäre ein Fall für Medizinhistoriker, die eine Antwort suchen auf die Frage: wie konnte das Kranke sich derart kostümieren und unter falschen Vorzeichen aufschwingen zu einer der edelsten Disziplinen menschlicher Selbstbesinnung? Streitigkeiten der Philosophen wären Protokolle des Absurden aus Verwahranstalten von Verrückten.

Warum wird Putin von deutschen Amoralisten der Amoral geziehen? Müsste er mit seinen bösen Taten nicht ihr Vorbild sein? Warum wird Trump als Vernichter der Demokraten attackiert, wenn er durch Vernichten des Guten das Böse unterstützt? Die Unterstützer Netanjahus – der die dümmliche Moralphase der Menschenrechte hinter sich ließ – wären im Recht. Die deutsche Regierung, die verstohlene Kritik an ihm übt, wäre arrogant, ja, hinter ihrem scheinheiligen Schutzschild mit der Aufschrift „Moral“ wäre sie antisemitisch.

Die Zerstörung der UN durch die Gewaltigen der Welt, einst das Völkerparlament, das sich für die Einhaltung der Menschen- und Völkerrechte einsetzte, wäre ein Akt der Freiheit. Das jetzige Jubiläum der UN-Charta findet unter Ausschluss der Völker statt. Berlin schweigt.

Warum werden die mutigen Demonstranten für Humanität und Demokratie in Belarus, Hongkong und rund um den Planeten bei uns gelobt, wenn sie doch für das Gute eintreten? Sind die Deutschen schizophren? Was sie bei uns für böse halten, bewundern sie bei anderen als gut?

Die deutschen Corona-Gehorsamen, die es für gut halten, alles Menschenmögliche gegen den Virus zu tun, mokieren sich über diejenigen, die sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen und das Böse als Gutes anpreisen? Ist das nicht Bigotterie?

So in allen nationalen und internationalen Problemen der Politik. Wer eine humane Politik verfolgt, will der nicht das Gute? Wäre er damit nicht Vertreter eines scheinheiligen Bösen?

Nehmen wir das wichtige Thema der Abrüstung.

„Die USA, Russland und China reden mehr über- als miteinander. Das muss sich dringend ändern, damit die Welt wieder sicherer wird. Deutschland könnte und sollte vermitteln. Von zukünftigen multilateralen Atomwaffenverträgen bis hin zur Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden: Deutschland sollte Teil der Debatte über die Zukunft der Rüstungskontrolle und das Schicksal unserer Welt sein.“ (SPIEGEL.de)

Um Gottes willen! Das wäre ein gregorianischer Friedensgesang knuddliger Chorknaben, würde Machtpolitiker Josef Joffe dagegenhalten. Keine trügerischen Friedensschalmeien, würde Weltstratege Michael Stürmer in permanenter Gefechtslaune sekundieren.

Was geschieht in Deutschland? Zwei Moralsysteme, die bislang in privat-nationale Menschlichkeit, (oft Anstand genannt), und überprivat-internationalen Machiavellismus getrennt wurden, vermischen sich zusehends in konfliktreichem Getümmel. Das globale Zusammenwachsen der Völker schleift die Grenzen der Nationen und bildet zunehmend einen Geist solidarischer Völker.

Die Trennung in nationales Zusammenhalten versus internationalen Streit mit allen machiavellistischen Mitteln wird von den Menschen beendet. Das digitale Weltnetz hat das Bewusstsein gefördert: entweder werden es alle schaffen – oder keiner. Die Spaltung der beiden Moralen verläuft immer weniger zwischen einzelnen Völkern, aber immer mehr zwischen den Despoten der Welt. Staatsraison, das Bewusstsein einer notwendigen Militanz, ist nicht-elitären Mehrheiten der Völker kein Begriff mehr.

Eine parallele Entwicklung ist im Streit der Generationen zu beobachten. Bislang war das Einfältig-Humane die Ethik der Kinderzimmer – bis zum Alter der Pubertät, wo der Sündenfall als Initiationsritus des Erwachsenwerdens exekutiert wird. Spätestens hier, ausgestattet mit dem falschen Etikett sexuellen Erwachens, wird von den Heranwachsenden das Einüben rabiater bis brutaler Erwachsenenmoral eingefordert. Die Entfremdung atomisierter Einzelnen durch Konkurrenz, die Empathielosigkeit mit den Rivalen, das Überlegenheitsgefühl der Erfolgreichen über die Minderwertigkeitsgefühle der Versager, wird zum darwinistischen Überlebenskampf junger Erwachsener

Die Einführung der Jungen in das rabiate Lebensgefühl der Erwachsenen hatte die Politisierung der Jungen, die Einübung einer gemeinsamen Politik, bis gestern verhindert. Seit der FFF merkt der Nachwuchs seine aufoktroyierte Asozialität und strömt in beeindruckender Geschlossenheit zusammen. Die Jungen merken, dass sie par force auseinanderdividiert, von ihren Familien und Freundschaften getrennt wurden, um die Zellen der Gesellschaft noch verwundbarer zu machen. Das Erbe des amerikanischen Calvinismus, eigene Kinder wegen der Gefahr allzu großer Liebe zum eigenen Fleisch in andere Familien zu schicken, ist zum dogmatischen Bestandteil des Kapitalismus geworden.

Humanität und Machiavellismus, die beiden unvereinbaren, dennoch parallel laufenden Ethiken Deutschlands, sind dabei, sich in Turbulenzen zu durchmischen. Die Völker nähern sich einander, werden sich sympathischer, fühlen miteinander. Die Regeln der Politik haben sie allmählich verinnerlicht, sodass sie fähiger wurden, den Irrsinn der Gewaltigen zu durchschauen und – zu verabscheuen. Die Völker würden einen pazifistischen Kurs einschlagen, doch ihre rückständigen Recken verfallen immer mehr steinzeitlichem Gewaltgehabe. Zeit, sie auf ihre Alterssitze zu jagen. Nur ein internationaler Bund der Frauen und der Jugend wird dieses Wunder vollbringen.  

Internationale Krisen wie Klimagefahr oder Sicherung des Friedens sind Beschleuniger der internationalen Solidarität unter den Machtlosen, deren wahre Kraft ihre Entschlossenheit und Unbeugsamkeit ist.

Wartet noch ein Weilchen, ihr Gewaltigen. Längst haben eure Untertanen sich geistig über euch erhoben. Nicht lange und ein internationaler Sturmwind wird eure Vernichtung der Natur – vernichten. Genießt eure unverdienten Pensionen, die eure baldige Machtlosigkeit versüßen.

In der Zeit Goethes und Schillers, die sich von der Französischen Revolution abwandten – Goethe hatte sie schon immer verabscheut –, entstand die Kunst als wahre politische Kraft. Nicht in den Niederungen ordinärer Auseinandersetzungen auf der Straße, schon gar nicht in Parlamenten des Pöbels, würden die Menschen zur Humanität erzogen, sondern in den Tempeln der Kunst.

„Nie vorher und nie nachher hatte Kunst eine ähnliche Bedeutung gehabt wie in der deutschen Goethezeit. Gehabt hat sie eine solche gewiss auch im griechischen Altertum – begriffen worden aber ist sie niemals tiefer als von der deutschen Kunstphilosophie“, schreibt H. A. Korff in seinem „Geist der Goethezeit.“

Schon der Beginn der Analyse ist eine Fehldeutung. Das Volkstheater der Griechen war a) kein elitäres Ereignis, b) keine vom politischen Geschehen abgesonderte Kunst, sondern c) die Spiegelung der realen Politik auf der Agora und d) kein Dampfkesselereignis in separaten Bühnen. Das ganze Volk strömte in das Dionysos-Theater, um seine Geschichte in nachträglicher Reflexion erneut zu erleben und gedanklich durchzuarbeiten. Mit einem isolierten Bürgertempel der Moderne hatte dieses, das ganze Volk umfassende, Ereignis nichts zu tun.

„Das ist das Grundgefühl, dass Kunst kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für den Menschen ist. Und damit scheidet sie sich von der gesamten Kunst des französischen Klassizismus, die ihrem höfischen Ursprung gemäß nur einen dekorativen Charakter hatte. Die Kunst der Goethezeit dagegen hatte ihren Ursprung in einer seelischen Not.“ (ebenda)

Falsch. Es war nur die Not der intellektuellen Jugend, der Stürmer und Dränger, denen der Glaube abhandenkam. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb untertänig-christlich und hatte mit den genialen Eskapaden einiger Verrückter nichts gemein. In Athen gab es weder einen Klerus noch einen Feudaladel.

„Erst die Kunst, die Ausbildung des ästhetischen Sinnes, hat den Menschen zur Humanität erzogen. Erst in der ästhetischen Erziehung vollendet sich unsere Humanität.“ (ebenda)

Das ist der Kern der deutschen Selbstverblendung. Weder gab es in Deutschland eine ästhetische Erziehung, noch waren sich die Ästheten über den Inhalt dieser Erziehung einig.

Die gebildeten Theaterläufer wurden schnell wieder apolitisch, ja unterwarfen sich der beginnenden Machtpolitik Bismarcks. „Nichts als Kunst“, hatten junge Rebellen dem alten Goethe vorgeworfen. Das Theater wurde zur Kirche derer, die sich nicht ganz von den alten Mächten trennen und schon gar nicht dem westlichen Geist der Volksherrschaft ergeben wollten. Sie hörten sich die Botschaften der Tragödiendichter an, die schnell ihr Politfeuer verloren und sich der Ratlosigkeit, Unentschlossenheit und dem Pessimismus zuwandten.

Wenn heutige Kunsttempel jedes Leben verloren haben, liegt das nicht an Corona. Corona ist nur die offizielle Erlaubnis, sich dem skurrilen Kinderspiel der Erwachsenen zu entziehen, die ihre zwei- bis dreistündige Freiheit als anarchisches und ganz gewiss nicht politisches Getümmel verstehen.

„In der Not der Humanität, die ja das Grundthema der Goethezeit ist, wird die Kunst erst zur wahren Notwendigkeit. Nur sie vermag die Wunden zu heilen, die dem Menschen von der immer fragwürdiger werdenden Kultur geschlagen werden. Wenn die Kunst zunächst eine emporziehende Funktion ausgeübt hat, so erhält sie auch eine erlösende.“

Falscher und christlicher geht’s nicht. Goethe hatte jugendliche Humanitätsvorstellungen, die sich im Laufe seines Lebens immer mehr ins Gegenteil verkehrten.

Was fehlt? Goethes Hinwendung zu Hegel:

„Das Höchste leistet die Kunst erst, wenn ihr nicht nur die Erlösung des Menschen von der Wirklichkeit, sondern auch seine Versöhnung mit der Wirklichkeit gelingt. Das ist die Funktion einer Wiederverbindung, einer re-ligio mit dem Leben. Sie erhebt den Menschen nicht nur über das Leben empor, sondern führt ihn auch ins Leben zurück. Klassische Kunst erfüllt die Doppelfunktion: Erlösung aus der Not des Lebens wie auch Versöhnung mit dem Leben. «Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.»“ (Korff)

Hier haben wir Kunst als Religion, als Verklärung des Wirklichen als Vernunft und der Vernunft als Wirklichkeit. Vernunft ist keine Stimme des Menschen, sondern des göttlichen Weltgeistes.

„Ob dieser oder jener stirbt, dieses oder jenes Volk untergeht, ist mir einerlei, ich wäre ein Tor, mich darum zu kümmern.“ „Es liegt nun einmal in meiner Natur: Ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung zu ertragen.“

„Goethe lehnte das moralische Urteil da, wo es hinpasse, nicht ab, doch insgesamt sei es untauglich, die Weltgeschichte im ganzen zu meistern. “Mir ist abermals aufgefallen, dass man aus dem moralischen Standpunkt keine Weltgeschichte schreiben kann“.“

Sollte widrigenfalls die Humanität siegen, „werde die Welt zu gleicher Zeit ein großes Hospital und einer des anderen humaner Krankenwärter sein.“ (alle Zitate in Meinecke, Die Entstehung des Historismus)

Kunst übernimmt die Funktion des Erlösungsgottesdienstes. Erlösung aber bedeutet: Erlöser machen alles, die Erlösungsbedürftigen nichts. Das genaue Gegenteil autonomer Politik.

Die heutigen Kunsttempel sind zu Fluchtstätten vor der Politik geworden. Gelegentlich ein politisch aufgemotztes Stück, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, wenn das Publikum zu randalieren beginnt: eine Ablass-Lizenz zur Flucht vor demokratischen Verantwortung in feuilletonistische Selbstbewunderung.

Wundert es jemand, dass den NS-Schergen, in begeisterter Nachahmung klerikaler Prozessionen und Wagner‘scher Erlösungsaura, die Reanimation der Deutschen zu einem Heldenvolk mit Hilfe ästhetischer Masseninszenierungen gelang?

Welche Feier- und Festelemente pflegt die „nüchterne und sachliche“ Berliner Politik? Eröffnungsgottesdienste für die politische Kaste, wenn‘s hoch kommt, Reden im Parlament, denen niemand zuhört.

Demokratische Feste als Erinnerungen an deutsche Humanisten, die man an zwei Händen abzählen kann, gibt es keine. Stattdessen Luther- und Hegeljahre, die die Obrigkeit verherrlichten und zu den radikalsten Antisemiten gehörten. Hört man irgendwo kritische Anmerkungen professioneller Antisemitismus-Experten?

Wer kennt die Bedeutung des Bismarcks-Gegners und Naturwissenschaftlers Rudolf Virchow, der selbst in den Zellen des Körpers eine „Demokratie im Organismus“ erkannte?

„Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft und die Politik ist weiter nichts als „Medizin im Großen“. Politik muss sich mit der Pathologie der Gesellschaft befassen, wenn sie nicht selbst fataler Ausdruck pathologischer Zustände der Gesellschaft werden soll.“

„Epidemien beruhen auf „Mangelhaftigkeiten der Gesellschaft. Die Hässlichkeit der großen Städte, das ungesunde Wohnen der Massen! Abnorme Bedingungen erzeugen immer abnorme Zustände. Die künstlichen Seuchen deuten auf Mängel, welche durch staatliche Gestaltung erzeugt werden und treffen daher auch vorzugsweise diejenigen Klassen, welche die Vorteile der Kultur nicht mit genießen.““

Virchows Motto: „Denken ohne Autorität“.

Solche Devisen würden heute als antiautoritäre Staatsfeindschaft ausgepfiffen werden. Heutige „Wissenschaftskommunikatoren“ plädieren für Vertrauen in die Wissenschaft, nicht für Lernen und sachkundiges Überprüfen:

„Die Wissenschaft muss sich mehr Kommunikationskompetenz aneignen. Ich denke nicht, dass die Lösung darin besteht, dass die Gesellschaft kompetenter wird. Denn das alleine reicht nicht aus. In einer extrem komplexen Welt, in der eigentlich jedes Thema – egal ob Covid-19 oder die Klimakrise – sehr kompliziert ist, ist es unmöglich, in einem Dauernachhilfeunterricht alle so kompetent zu machen, dass sie mitreden können. Wir brauchen andere Brücken, und ganz wichtig ist da eine Basis des Vertrauens anstelle von Misstrauen. Das Vertrauen hat mit Wahrhaftigkeit zu tun. Mit einer Ehrlichkeit, die nicht das Anliegen hat, etwas zu verkaufen. Wenn ein Wissenschaftler ehrlich ist und auch mal offen sagt, dass er unsicher ist, Zweifel hat oder die eigene Meinung revidieren muss, wie das zum Beispiel Christian Drosten ganz großartig macht, dann hilft das. Das gilt es zu transportieren. Wenn das nicht nur einmal, sondern ganz oft geschieht, und Menschen merken, dass Wissenschaft keine Glaubenslehre ist, sondern ein dynamischer Prozess der Erkenntnis – bei dem Erkenntnisse sich auch durchaus ändern können –, hilft das auch.“ (ZEIT.de)

Der Pöbel ist zu dumm, um das Hochkomplexe der Wissenschaft zu begreifen. Also soll er vertrauen. Man vertausche Wissenschaft mit Froher Botschaft und Vertrauen mit Glauben – und schon erhält man die klerikale Botschaft: glaubt blind dem Evangelium, das nur Priester und Pastoren verstehen. Diese Esoteriker freilich stehen nicht im Sturm der Presse.

Nie wird die Frage gestellt: wenn das Publikum das Hochkomplexe nicht versteht, wer ist es dann, der es versteht? Die Eliten? Wenn sie es verstehen, warum sind sie nicht in der Lage, die schrecklichen Folgen globaler Krisen abzuwenden? Wenn sie es verstehen und nicht steuern können – oder wollen? – sind sie Feinde der Gesellschaft. Sie benötigen Krisen, um das Volk einzuschüchtern und nebenbei ihren Reibach zu machen.

Sollten sie es verstehen, ohne sich zu bemühen, ihr Wissen ans Volk weiterzugeben, wären sie keine Verschwörungstheoretiker, sondern Verschwörer! Sollten sie es nicht verstehen, warum setzen die Wissenschaften nicht alles dran, die angeblichen Mysterien der selbstgemachten Geschichte aufzuhellen? Vom Mars und Mond wissen sie bereits alles, von ihren eigenen Machenschaften fast nichts.

Hätten wir heute Wissenschaftler wie Virchow, hätten sie das Volk längst über alle Gefahren des Virus aufgeklärt. Wer für Wissenschaft wirbt, muss erklären, wie sie wirkt. Persönliche Demutserklärungen sind Augenwischereien.

Wenn Wissenschaften sich widersprechen, müssen sie ihre Antagonismen coram publico ausfechten. Und zwar so, dass sie ihre Wissenschaftssprache in Starkdeutsch übersetzen. Gab es je einen öffentlichen Dialog zwischen Drosten und Lauterbach? Von Politikern, die sich ihrer physikalischen Ausbildung rühmen, waren nie aufklärende Worte zu hören. Was man vernahm, waren täglich wechselnde Mundschutzäußerungen.

Das ist das Ende der Wissenschaft, wenn sie nicht selbst zur Sprache kommt, sondern mit Framing und Wording das Publikum einseift. Yogeshwar hält nichts von wissenschaftlicher Aufklärung und plädiert dennoch für mehr aufklärende Wissenschaftsmagazine in TV. Das nennt man wissenschaftliche Logik.

Gemessen am Spiel- und Sportanteil des TV-Programms spielt Wissenschaft keine Rolle. Das Wort zum Sonntag wird nur von Theologen gesprochen, Wissenschaftler haben kein Mitspracherecht beim Erklären der Welt.

Wissenschaftler werden zu Demokraten, wenn sie sich in die Politik „einmischen“, was sie skandalös zu wenig tun. Es soll Virologen geben, die Trump widersprechen und sich dennoch für unpolitisch erklären. Es soll psychoanalytische Narzissmusexperten geben, die der Meinung sind, den bösartigen Narzissten durchschaut zu haben und sich dennoch für unpolitisch halten. Für die meisten Wissenschaftler gilt das Wort: politisches Geschäft, schmutziges Geschäft.

„Zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl in den USA haben Psychologen in einem neuen Dokumentarfilm US-Präsident Donald Trump als „bösartigen Narzissten“ bezeichnet. Gartner sagte der Nachrichtenagentur AFP, Trump weise Charaktermerkmale auf, die bereits Diktatoren wie Adolf Hitler, Josef Stalin und Benito Mussolini gezeigt hätten. „Dieser Typ von Anführer taucht überall in der Geschichte auf und ist immer äußerst zerstörerisch.“ In dem Dokumentarfilm, der nach Angaben seiner Autoren nicht politisch motiviert ist, kommen auch Anwälte, Historiker, frühere Geheimdienstmitarbeiter und bekannte Trump-Kritiker zu Wort.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

„Der Glaube an die universale Kraft der Wissenschaft“ war charakteristisch für Virchow und die besten Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, weswegen sie als Feinde Bismarcks verleumdet und geschmäht wurden.

Heute nimmt kein Wissenschaftler die Worte Moral oder Humanität in den Mund. Die Führungs- und Feuilletoneliten ohnehin nicht. Die deutsche Tradition wird von Experten nur in rosigem Licht geschildert. Goethe ist der Dichter von: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Das genügt zur Beweihräucherung.

Rüdiger Safranski steht beispielhaft für die Tiefenreinigung deutscher Dichter und Denker:

„Und was die Freiheit betraf, so hat Goethe sie politisch-rhetorisch nie gefordert, aber er hat sie gelebt.“

Welche Freiheit? Freiheit gibt es in Deutschland erst im 20. Jahrhundert. Sein Leben lang war Goethe ein Günstling des Adels. Börne nannte ihn einen Fürstenknecht.

„Goethe ist ein Ereignis in der Geschichte des deutschen Geistes – Nietzsche meinte, ein folgenloses.“ Wenn Nietzsche das meint, muss es stimmen. Die Verwandlung der Politik in Kunst war ein deutsches Desaster bis zum heutigen Tag.

Fortsetzung folgt.