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Alles hat keine Zeit XIV

Alles hat keine Zeit XIV,

seitdem Fritz Walter tot und Beckenbauer in der Tiefe des untugendhaften Raums verschwunden ist, sind alle männlichen Lichtfiguren aus Deutschland verschwunden. Nur eine schlichte, zwiefältige Frau steht allein auf der Bühne, nutzt die Gunst der heldenlosen Zeit, um alle Anbetung auf sich zu ziehen.

Dem nationalen Notstand muss abgeholfen werden. BILD importiert ein neues männliches Idol aus dem Ausland, nicht nur, um seiner fallenden Quote aufzuhelfen, sondern dem Land eine strahlende Leitfigur für die zukünftige, ach so schreckliche Zeit zu bescheren.

Der Name des Superhelden ist Programm. Elon, Baum, steht für Uresche Yggdrasil, Musk für musculus, das Mäuschen, dem Inbegriff der unscheinbar-unbändigen Kraft, die den Baum der Welt gegen alle Feinde schützt und schirmt.

„Nachdem die Götter den Ur-Riesen Ymir getötet haben, erschaffen sie dem Mythos nach aus seinem Leichnam alle existierenden Dinge. Die Weltenesche Yggdrasil ist der erste Baum, der wächst. Er ist der größte und prächtigste Baum der Welt. Seine Äste breiten sich über alle neun Welten aus und erstrecken sich über den Himmel. Unter den Zweigen des Baums halten die Götter Gericht. Am Fuße Yggdrasils liegt auch der Urdbrunnen, an dem die drei Nornen Urd (das Gewordene), Werdandi (das Werdende) und Skuld (was da kommen soll) ihren Sitz haben, die das Schicksal der Menschen bestimmen.Wenn Yggdrasil zu beben (oder zu welken) beginnt, naht … … das Weltenende Ragnarök.“

Wie hellsichtig unsere Vorfahren waren! Skuld – was kommen soll – heißt Schuld oder Zukunft. Alles muss gestorben sein, damit aus Werdandi Skuld werden kann. Das war schon das Schicksal des Ur-Riesen Ymir, der von den Göttern Odin, Ve und Vili getötet wurde, damit sie aus seinen Körperteilen die neue Welt bauen konnten.

Recyclenda, die Kunst der sparsamen Welterschaffung, war das Geheimnis der Götter, die sie den Menschen vorenthielten, damit sie bei Ungehorsam in ihrem eigenen Müll ersticken sollten. So degenerierten die Götter zu Esoterikern und wurden zur Strafe von allen zukünftigen Demonstrationen der Menschen ausgeschlossen. Auch Götter haben sich an Regeln zu halten.

„Aus Ymirs Fleisch wurde die Erde, aus dem Blut das Meer, aus seinen Knochen Felsen und Gebirge, aus seinem Haar die Bäume, aus seinen Augenbrauen Midgard, aus seinem Schädel der Himmel und aus seinem Gehirn die Wolken.“

Hier schon liegen die Wurzeln der gegenwärtigen Algorithmenmacht. Wer aus dem Schädel den Himmel erbauen kann, der kann aus Gehirnwindungen Maschinen schaffen, die alle Menschen übertreffen.

Die frohe Botschaft Elons ist kurz, aber von überwältigender Zukunftskraft:

„Ich will die Welt retten und besser machen!“ (BILD.de)

Der Deutsche – der nur von anderen Nationen lernen kann, aber stolz ist auf seine weltüberlegene Geisteskraft – steht und rätselt: wie soll das gehen? Will Elon sich zum neuen Erlöser ernennen?

„Die Welt-Feinde: Die Klima-Erwärmung und die künstliche Computer-Intelligenz! Musk: „Die Computer werden einmal klüger sein als wir Menschen!“

Wie denn nun? Ist das Verheißung oder Bedrohung, dass Computer die Menschen übertreffen werden? Müssen sie aus dem Weg geräumt werden, damit Musk die Klimagefahr bewältigen kann? Oder sind sie es, die das Armageddon der Welthitze verhindern werden?

BILD nennt ihn Zweistein, obgleich er an wissenschaftlichen Erkenntnissen wie Einstein nichts zu bieten hat. Seine Ähnlichkeiten mit Jesu Leiden aber sind frappant.

„Er wurde als Kind in der Schule gemobbt und krankenhausreif geprügelt – weil er anders war. Er schläft oft im Büro – auf dem Boden. 15 Jahre hatte er kein Haus im Silicon Valley – er übernachtete bei Milliardärs-Freunden oder in der Fabrik.“

Da stehen wir bereits auf sicherem messianischem Boden:

„Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege.“

Vor allem war er früh genial:

„Er hat ein fotografisches Gedächtnis – und las als Kind die „Encylopedia Britannica“ durch – das sind 32 Wissens-Bände mit 75 000 Experten-Artikeln und 44 Millionen Wörtern!“

Dem entspricht die erstaunliche Frühreife des jungen Jesus, der sich mit Quizwissen nicht begnügte:

„Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.“

Wie immer erkennt die Mutter nicht die Fähigkeiten ihres Sohnes und muss sich von dem göttlichen Frechdachs zurechtweisen lassen.

Wenn Elon die Intelligenzmaschinen als Gefahr ansieht: müsste er sie dann nicht bekämpfen? Wenn er sie aber bekämpfen und aus dem Verkehr ziehen will: mit welchen Computern will er den Weltraum erobern? Auf jeden Fall ist Elon eine charismatische Figur, die Jesu Selbstbeschreibung: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, in die Tat umsetzen und das Reich der Erwählten im Jenseits suchen wird.

Deutschland braucht Skuld-Idole, die hier als Kultfiguren eingesetzt werden können. Denn weit und breit ist nichts mehr Geniales im Lande zu entdecken. Überall sinkt das Niveau ins Bodenlose, überall verwahrlost die deutsche Tüchtigkeit in Wurschtlerei und Schlamperei. Zeigt sich irgendwo in der Provinz ein schlaues Bürschchen, schon ist es über den weiten Ozean ins heilige Silicon-Valley-Tal entkommen.

Noch sind die frommen Amerikaner nicht ganz auf der Höhe des Herrn – der nicht im Tal, sondern auf dem Berg seine Predigten hielt, auf dass viele Menschen ihn hören könnten. Doch längst haben die Musks aller Welt, die sich hier zusammenfanden, den Berg durch ein weltweites Netz ersetzt, auf dass jeder Mensch die Frohe Botschaft digital vernehmen könne.

Die Botschaft ist geteilt in esoterische Kunde für die Eingeweihten: der technische Fortschritt ist, psst, um der Heilsgeschichte willen da – und in die exoterische: der Fortschritt ist um des schnöden Mammons willen da.

Mit dem Menschenmaterial der Deutschen ist kein Staat mehr zu machen. Alles ordinäre Karrieristen und Proletenaufsteiger, die es als Aufgestiegene nicht schaffen, ihre von Geltungssucht und Gier gezeichneten Proletengesichter in adlige Wir-sind-Wir-Mienen zu glätten. Man schaue sich das entstellte Gesicht eines deutschen Exkanzlers an, der durch seinen mächtigen russischen Freund als Verbrecher-Kumpan entlarvt wurde. Doch halt, das ist ja Privatsache.

Stehen Neuwahlen vor der Tür und die Hohe Frau wird ihre Deutschen im Regen stehen lassen, wird die Republik im Loch versinken. Dann drohen Verhältnisse, wie man sie in anderen Staaten schon beobachten kann. Das Volk will sich nicht mehr entscheiden, um nicht schuld daran zu sein, eine falsche Regierung gewählt zu haben.

Dass die Deutschen verwahrlosen, ist kein Novum der Gegenwart.

Ein Klassiker warnte bereits zu seinen Lebzeiten vor der „Charakterlosigkeit der Deutschen“.

„Die Charakterlosigkeit der Deutschen, wie ER es nennt, ist ein Ergebnis ihrer sklavischen Erziehung, die Kümmerformen von Menschen, nicht gesunde Wachstümer schafft.“

Was wollte ER? Er wollte eine „Erziehung des Menschen zum praktischen, nüchternen, liebenden Verständnis der Wirklichkeit.“ Darunter verstand Er eine Erziehung, die in deutschen Staatsschulen verhindert wird. Hier sollen die Kinder nicht zu Menschen erzogen werden, sondern: damals zu Soldaten in Schritt und Tritt, heute zu Industriesoldaten, die den Ruhm des Landes in alle Welt exportieren.

SEINE Vorstellung von Erziehung war: „Jede Anlage ist wichtig und sie muss entwickelt werden …“ „Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist die Weisheit der Lehrer.“

Wie war die deutsche Erziehung in Wirklichkeit? Das genaue Gegenteil. „Sie wollte die schlechten Anlagen, worunter sie nicht zuletzt die Leidenschaft der Liebe und der Freiheit versteht, „ausrotten“, „mit der Wurzel ausrotten“.“

Heute in der liberal-individuellen Gesellschaft ist das kein Deut anders. Eine individuelle Entwicklung in Versuch und Irrtum, in selbstbestimmter Langsamkeit oder Geschwindigkeit, in Umwegen oder Abkürzungen, ist eine Sünde wider kapitalistische Effizienz.

Früher waren es „Klerus und Pfaffen, die als Meister des Volksbetrugs das Volk von oben und unten betrogen. Betrogene Betrüger und bewusste Betrüger verführen den Pöbel und viele reine Seelen.“

Heute sind es Bildungsökonomen, die sich zu Herren der Pädagogik ernannten. Sie prognostizieren auf Heller und Pfennig den Einkommens-Verlust der Corona-Fehltage für das ganze Leben. Wenige Tage gefehlt und nicht unter der Knute der Stundenklingel – und schon ist es soweit: du solltest dich aus dem Fenster stürzen, dein zukünftiges Einkommen wird gerade für ein Hartz-4-Leben taugen.

Bildungsökonomen ist jede Bildung gleichgültig, es sei, sie qualifiziere für ein reibungsloses Funktionieren. Leidenschaft zur Freiheit, zur furchtlosen Meinungsäußerung und einem realistischen Bild der Wirklichkeit? Träumt weiter, GenossInnen.

In Seinem ersten Werk ging es um Rebellion: „Erhebung der Jugend gegen eine falsche, verlogene Moral, die nicht mehr Lebenslehre ist, sondern Zwang, Betrug, Terror. Freie Erziehung hingegen war gegen eine klassengemäße, spießbürgerliche Gesellschaft gerichtet, die innerlich tot, egoistisch, erstarrt ist.“

Nach außen zeigte ER klassischen Optimismus, in Wirklichkeit sah er voller Ängste in die Zukunft:

„Voll Sorge sieht der Greis in seinen letzten Jahren riesenhafte Zerstörungen heraufkommen. Die Zeit des Menschen- geht sie nicht zu Ende? Unendliche Massen von Krankheit, Wahnsinn, Verbrechen hat die Weltgeschichte im Menschen aufgespeichert. Der Mensch ist reich an Krankheiten: werden sie ihn nicht zerstören? ER sieht Europa, das Christentum, seine geistigen und seelischen Verhältnisse als Herd von Krankheiten, die die Völker und Individuen vergiften, unheilvoll infizieren. Eine Hälfte der Gesellschaft wird zum Lazarett, um von der anderen Hälfte kuriert zu werden.“

Das Erdbeben von Lissabon hatte dem sechsjährigen Knaben den christlichen Glauben zerstört. Gewiss, die Menschheit werde voranschreiten, aber besser und glücklicher werde sie nicht:

„Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er abermals alles zusammenschlagen muss zu einer verjüngten Schöpfung. Ich bin gewiss, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann diese Verjüngungsepoche eintritt. Das Ew’ge regt sich fort in allem; Denn alles muss in Nichts zerfallen, Wenn es im Sein beharren will.“

Der Vertreter einer freien Erziehung hielt nichts von Freiheitskriegen, nichts von der Französischen Revolution. Womit werden die Deutschen ihre nationale Einheit erringen? Bestimmt nicht durch die unklaren Illusionen und das trübe Geschwätz der Sänger und Träumer. Sondern durch gute Chausseen und Eisenbahnen.

„Intuitiv spürt er die weltverwandelnde, schöpferische und zerstörende Kraft des aufsteigenden Kapitalismus, dieses großen Motors des europäischen 19. Jahrhunderts. Nach den drei Epochen der Poesie, der Theologie und der Philosophie trete die Menschheit in eine vierte Epoche, der Prosa, ein: in ihr verendet der radikale Versuch der Vernunft, das Geheimnisvolle zu humanisieren und zu rationalisieren mit einer Perversion: das entrechtete Geheimnis wirkt im Dunkel und nimmt wieder seine urzeitliche und barbarische Gestalt an. Der Menschengeist, erregt durch Katastrophen, stürzt sich kopfüber in die Pfühle schaler Mythologien, bringt die schlammige Poesie der Tiefe nach oben und erhebt sie zu Glaubensartikeln.“

Die romantische Generation, die nach IHM kam und die er für krank hielt, stürzte sich wieder in die Arme der Religion. Das widerte IHN an. SEINE Frömmigkeit war gegen das Christentum seiner Zeit gestellt.

Was wollten die Romantiker? Sie wollten die Welt verzaubern:

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ (Novalis)

Die Deutschen halten sich bis zum heutigen Tag für romantisch, wenn sie, weit weg von ihrer hässlichen Stadt und einer aberwitzigen Technik, einen verstohlenen Blick auf die Natur werfen können.

Es ist umgekehrt. Indem sie von Segnungen der Technik träumen, vom Abschied von der Erde und Leben auf dem Mars – dann sind sie romantisch. Dem Unbekannten haben sie die Würde des Bekannten verliehen, dem Unendlichen den Schein des Endlichen.

Der Klassiker sah es umgekehrt:

„Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ (ER = Goethe)

Nie wird die Moderne sich mit irgendetwas begnügen und sei es noch so zufriedenstellend. Nie wird sie ein Unerforschliches akzeptieren – und wenn sie dabei krepieren sollte. Das Endliche muss eliminiert, das Unendliche an dessen Stelle treten.

Eben das war die Formel der Romantiker: allem Endlichen einen unendlichen Schein geben. Romantiker begnügten sich mit der Magie der Einbildung. Forscher verwandeln Magie in Macht über die Natur. Romantiker träumten vom Geheimnisvollen und Unbekannten, die Musks übersetzen ihre Träume in Algorithmen. Sie wollen nichts mehr in Ruhe verehren, sie wollen herrschen.

Ihnen geht es gar nicht um Erkenntnisse. Es geht ihnen um Wissen als Macht. Sie wollen die Natur zur Strecke bringen. Wissen ist für sie nur ein nützlicher Idiot. Vernarrt in die Defloration des Unendlichen vernichten sie das Endliche. Je mehr ihr Wissen ins Unendliche expandiert, je mehr gefährden sie das Endliche.

Wie überwältigend glücklich und vom Schicksal auserwählt werden sich die Musks fühlen, wenn sie in ihren Raumschiffen zum Mars aufbrechen werden – und just in diesem Moment würde eine gigantische Explosion die Erde in Stücke reißen. Wie sänken sie auf die Knie, um ihrem Schöpfer und Erretter zu danken.

Deutsche Eliten rücken zusammen, um ihre Gegner zu exkludieren. Diese Vernunftlosen, die sich erdreisten, eine eigene Meinung zu haben, müssen sie erdulden, ob sie wollen oder nicht. Dabei kommt es zu Heuchelorgien, die es in der Geschichte der Deutschen noch nicht gegeben hat.

Homöopathen werfen sie Feindschaft gegen die Wissenschaft vor. Sie selbst attackieren Jugendliche, die, auf Grundlage der Wissenschaften, das Leben der Gattung retten wollen. Sie spielen Klimaskeptiker, die mit hohlem Raunen die Ergebnisse der Naturwissenschaften verhöhnen. Sie stellen Verschwörungstheoretiker an den Pranger, die Eliten vorwerfen, in geheimnisvollen Zusammenkünften das Schicksal der Erde zu bestimmen. Dabei erfährt man nicht mal genau, was in offiziellen Politikertreffen hinter den Kulissen wirklich gesprochen wird. Die Öffentlichkeit wird mit leeren Statements abgespeist. Wie oft geschieht es, dass kritische Anfragen an Behörden unbeantwortet werden mit der Auskunft: unterliegt der Geheimhaltung. Die schlimmsten Verschwörungen werden täglich in der Presse verbreitet: Volk, halte dich raus aus unseren Komplexitäten, die du nie verstehen wirst. Das ist Verschwörungstheorie in höchster Transparenz.

Dem Volk wird Esoterik vorgeworfen, doch ihre eigene elitäre Macht-Philosophie, der sie alle folgen – ob sie es wissen oder nicht – ist ein esoterisches Gebilde.

„Die Philosophie ist nichts für das Volk; sie zerfällt, streng genommen in zwei völlig verschiedene Bereiche: in einen exoterischen Bereich, in dem man „alles“ verstehen kann, wie es in Staat und Bürgertum nicht ungern verstanden wird; – und in einen esoterischen Bereich, der, viel zu gefährlich für das Volk und die Massen, sieht, was seit langem zu sehen ist: den Tod Gottes, die Verwesung der Religionen, die Hinfälligkeit aller alten Ordnungen Alteuropas. Es ist Sache der „Eingeweihten“, die „Aufhebung“ etwa des Christentums in seinen Konsequenzen zu durchschauen.“ (F. Heer, Europa, Mutter der Revolutionen)

Aktualisieren wir den Text, erhalten wir: der Kapitalismus ist am Ende, wir müssen ihn verändern. Stopp: zu einfache Antworten, um Komplexes zu verstehen! Der Markt ist am Ende, er war kein faires Spielfeld, um naturverträgliche und preisgünstige Produkte herzustellen.

Der Markt richtet alles? Sieht man bei den Autokonzernen, die beim Staat betteln gehen, um dem Absturz zu entgehen. Gottlob sind sie too big to fail, also unersetzbar. Gehen sie pleite, geht der ganze Staat pleite. Jahrzehntelang haben sie in vollendeter Borniertheit panzerähnliche CO2-Emittenten hergestellt. Jetzt gucken sie in die Röhre. Kleine Versager stünden längst auf der Straße, große Pleitiers werden für ihr Versagen vom Staat belohnt.

Hegels Philosophie ist nichts anderes als Theologie in philosophischen Metaphern. Das Christentum ist eine esoterische Religion, die nur von Getauften und Erwählten verstanden wird. Die Anderen hören zwar das Wort, allein, ihnen fehlt der Glaube, der ihnen das Mysterium entschlüsselt. Deutschland will eine christliche Nation sein, also ist sie eine esoterische.

„Hegel weiß sich als Sprecher der Autorität des Seins, als Sprecher der Gottheit. Hegel ist sich des mystischen Charakters seiner „Spekulation“ bewusst: „Das Spekulative ist das Mystische. Das Wesen der Spekulation ist die Einheit der Gegensätze, die Koinzidenz.““

Noch nie hat jemand die Logik der spekulativen Dialektik verstanden, denn sie ist unverständlich. Sie verstößt gegen alle Regeln der rationalen Vernunft. Sie ist Magie, ja eine „Zauberkraft“:

„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die in das Sein umkehrt. Durch den Tod hat Gott die Welt versöhnt und versöhnt sich ewig mit sich selbst. Er ist der wirkliche Gott, der sich opfert.“

Wären die Deutschen nur ein einziges Mal ehrlich, würden sie den Kopf schütteln und für immer Abschied nehmen von esoterischer Dialektik. Da waren selbst mittelalterliche Theologen ehrlicher, die den Satz sagten: credo, quia absurdum, ich glaube, weil es absurd ist. Verstehen nannten sie Verstehen, Verstand Verstand – und Glauben nannten sie Glauben. Hegel wollte mit dem Zauberkunststück des Glaubens als rationale Methode brillieren.

Das Unverständliche, Vernunft-Übergreifende und Göttliche hat er transsubstantiiert in Menschliches, Allzumenschliches, das (fast) jeder begreifen kann. Nur nicht der bornierte Verstand der Vielzuvielen, sondern die gesalbte Vernunft der Eingeweihten. Jesus rettete nicht 99 Vielzuviele, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, sondern das eine Schaf, das er auserwählt hatte.

„Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“

Wer ist errettungswürdig? Wer Buße tut, weil er das Auserwählungsgeheimnis des Himmels kennt, nicht die ordinäre Mehrheit, die aus eigener Kraft die Gebote befolgen will. Man muss in das Mysterium eingeweiht sein. Gott fordert die Einhaltung seiner Gebote. Doch wehe, du glaubst, diese Forderung erfüllen zu können, anstatt bußfertig um Absolution zu bitten.

Hegel ist der große Magier, der den Glauben in Vernunft verwandelte – aber nur für Eingeweihte, die glaubten, den Zauber verstanden zu haben. Seit 200 Jahren dominieren Hegel und seine Schüler den Fortgang der deutschen Geschichte. Auch Marx ist ein Magier, der mit unfehlbarer Methode das Reich der Freiheit auf die Matte zaubert. Das sind die Linken und die Rechten, die zurzeit die Mitte der BRD bilden – und jene Randläufer verabscheuen, die ihnen mit kindischem Plärren den Spiegel vorhalten.

Was wahren Esoterikern erlaubt ist, ist noch lange nicht dem Pöbel erlaubt, der sich erdreistet, esoterisch zu sein.

Fortsetzung folgt.