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Alles hat keine Zeit XIII

Alles hat keine Zeit XIII,

Das heutige Problem „Die Mitte und die Ränder“ ist das Erbe des früheren Problems „Die Nation und das Volk“.

Als die Deutschen im 18. Jahrhundert ihre Zerrissenheit in Fürstentümer leid waren und zu einer einheitlichen Nation drängten, waren es die Eliten, die sich mit der Nation identifizierten. Das Volk war ausgeschlossen.

„Mit „Nation“ … hatte man einen Begriff, der zum Lichte, zur Höhe, zur Persönlichkeit drängte, mit „Volk“ mehr den Ausdruck für ein passives und vegetierendes, zu arbeitsamem Gehorsam verurteiltes Dasein.“ (Meinecke, Weltbürger und Nationalstaat)

Die Franzosen waren dieser Entwicklung vorausgeeilt. Dort entsprach der Begriff „nation“ der Aufwärtsbewegung des tiers état, des Dritten Standes – nach Adel und Klerus.

„Ein Wortführer des dritten Standes erklärte es 1758 für unwürdig, daß man Kaufleute, Gelehrte und Künstler zum peuble rechne (weshalb Pöbel heute noch Abschaum ist); sie gehörten vielmehr zu den höheren Schichten der „Nation“, die nach dieser Auffassung zwar auch den peuble mit umfasste, aber unwillkürlich zum Kern der Nation werden konnte. Die geistig oder politisch führende Schicht einer Nation hat ja immer die Neigung, sich selbst mit der Nation zu identifizieren.“ (ebenda)

Heute würde man den Kaufleuten, Gelehrten und Künstlern die Medien hinzufügen, die sich mit den Politeliten auf gleicher Höhe wahrnehmen. Hier oben werden die Gedanken geboren und … … verbreitet, die den Geist der Nation bestimmen.

„Die Untersuchung politischer Gedanken darf nie losgelöst werden von den großen Persönlichkeiten, den schöpferischen Denkern; dort an der hochgelegenen Quelle und nicht in der breiten Ebene der sogenannten öffentlichen Meinung, der kleinen politischen Tagesliteratur muss man sie zu fassen versuchen.“ (ebenda)

Was war der Hauptunterschied zwischen Elite und Volk? Der Machttrieb. Die Führungsschichten wollten Macht, das Volk wollte friedlich seiner Arbeit nachgehen. Alles andere war ihm fremd. Weshalb es in den Dienst der Macht gezwungen werden musste.

„Solange der Machttrieb von unten her fehlte, war auch kein Bedürfnis dazu da. Dafür war der Machttrieb von oben her am Werke, die Anfänge einer wirklichen Staatsnation zu schaffen. Friedrich der Große erzog seine adligen Offiziere dazu, die ersten Träger seines jungen Nationalgedankens zu sein. Der Prosa der gewöhnlichen staatlichen Friedensarbeit hatten sie die Poesie eines großen Heldenlebens und eines Kampfes um die staatliche Existenz hinzuzufügen. Patriotismus und Liebe für den König wurden zum Grundzug der Nation.

Bis heute hat sich fast nichts geändert. Der kriegerische Adel, zuständig für heldenhafte Poesie der Auseinandersetzung mit anderen Nationen, verwandelte sich in Industriemagnaten, die mit waghalsigen Risiken und Mut zur Zukunft die Macht der eigenen Nation vermehren. Zu diesem Mut gehört die Bedenkenlosigkeit, mit der Vergangenheit aufzuräumen, um eine Basis zu schaffen für das Unvorhergesehene, Kreative und Fortschrittliche, das alle Rivalen in den Schatten stellen soll. Schumpeter spricht von fruchtbarer Zerstörung.

„Das Hauptmerkmal des Kapitalismus sah Joseph Schumpeter in der schöpferischen Zerstörung bestehender Angebote. Gemäß Schumpeter ist ein innovativer Kapitalist zu Beginn immer Monopolist, wodurch sich bei geschicktem Management hohe Gewinne erwirtschaften lassen.“

Das wäre die Poesie des fortschrittlichen und gewinnbringenden Heldenlebens, zugleich die Destruktion des Kinderglaubens, der Vorteil des Kapitalismus sei die Konkurrenz der günstigsten Angebote, die zur größten Nachfrage führten. In dieser Hinsicht ist Jesus das Vorbild des kreativen Kapitalismus. Er zerstörte die Sitten Mose‘, um seine neue Religion zu gründen, zudem mit der Beschwichtigung, Zerstörung sei die eigentliche Bewahrung des alten Glaubens:

„Denn wir haben ihn hören sagen: Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und ändern die Sitten, die uns Mose gegeben hat.“ „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe …“

Das Urgesetz des Kapitalismus ist das Urgesetz des Glaubens, der die ganze Welt besiegt hat. Wer heute gegen Kapitalismus und Fortschritt ist und sich auf jene Natur beruft, die das Alte wiederbelebt, um es zu erneuern und es eben nicht vernichtet, der gilt heute als Ewiggestriger, Feind der Moderne und Anhänger einer „kruden“ Naturgläubigkeit.

Krude heißt roh, grausam. Das passt zur projektiven Fähigkeit der Kapitalismusfanatiker, ihren Gegnern anzuhängen, was sie selbst auszeichnet: rohe und grausame Zerstörung des Bewährten und Guten, um ein noch Besseres, sprich Profitableres, an seine Stelle zu setzen.

Einer der gigantischen fruchtbaren Zerstörer in Silicon Valley ist Peter Thiel, ein Bewunderer Trumps. Sein Hauptfeind ist die Normalität.

„Viele Leute denken heute: „Wann kehren wir zur Normalität zurück? Was ist der Weg zurück zur Normalität?“ Ich sehe das als psychologischen Indikator dafür, dass die Leute tief drin wissen: Es gibt keinen Weg zurück zur alten Normalität, weil die Normalität, die wir hatten, in vielerlei Hinsicht gar nicht zukunftsfähig war. Aber es gab kein definierendes Ereignis, nichts Ikonisches. Selbst die Autos sahen 2019 ziemlich genauso aus wie 1999. Das letzte Jahrzehnt war das Jahrzehnt, in dem nichts passierte. Dieser Zombie-Zustand konnte nicht andauern. Ich sehe Covid-19 als Waldbrand, aber es ist ein Waldbrand in einem Wald, der bereits sehr krank war.“ (WELT.de)

Wunderbarer Corona-Virus, du hast uns gebracht, wozu wir nicht mehr fähig schienen: fruchtbare Zerstörung. Der normale Wald war schon zerstört, er musste vollends zerstört werden, damit Neues kommt.

„Die katastrophalen Waldbrände in Kalifornien im Herbst 2018, bei denen über 13.000 Häuser zerstört wurden und denen über 60 Menschen den Flammen zum Opfer fielen, haben neben langanhaltender Dürre und feuerbegünstigenden Witterungsbedingungen eine Ursache: erhebliche Mengen an Totholz, die das Brandverhalten begünstigten und die Brände rasch außer Kontrolle geraten ließen.“

Es ist zu viel Totholz in der modernen Gesellschaft, das Brände notwendig macht. Zeitgenossen, fragt euch, ob ihr zum Totholz der Gesellschaft gehört, das den Gang in die Zukunft behindert: dann müsst ihr aus dem Weg geräumt werden. Wenn selbst Autos dekadenlang unverändert bleiben, wird’s Zeit für ein reinigendes Feuer. Das Normale, an das der Mensch sich gewöhnt hat, was sein Leben übersichtlich und zufrieden macht, ist die teuflische Versuchung, der Erneuerung durch Zerstörung zu entgehen.

Weil Trump ein fruchtbarer Zerstörer ist, wird er von Peter Thiel bewundert:

„Ich unterstützte Trump, und ich unterstütze ihn noch immer, weil ich glaube, dass seine Verurteilung der Zustände wahrer ist als die politisch korrekte Lüge des Mitte-links-Establishments. In diesem Punkt ist das Trump-Phänomen authentischer. Er ist der Kontrapunkt zu den Etablierten. Er ist die Alternative zu dem, was man vorher unhinterfragt für richtig gehalten hat. Diesen Kontrapunkt setzt er hervorragend.“

Trump ist der Mann der Stunde, der das Totholz der verrotteten Kultur abbrennt und Neues schafft. Wird er eines Tages zur Normalität geworden sein, schlägt auch seine Stunde des Flammentodes. Was aber ist so befremdlich an der Normalität?

Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt.“

Eine merkwürdige Definition. Wird in einer fortschritts-fanatischen Zivilisation nicht ständig über das Normale nachgedacht und entschieden, muss es nicht permanent erklärt werden, weil es angegriffen wird? In einer linearen Heilsgeschichte, deren ans Ende strebende Beschleunigung nichts Normales zulässt und Bewährtes wie Totholz traktiert, gibt es keine Selbstverständlichkeiten, die Anspruch hätten auf ein ewiges Leben. Auch nicht auf ein naturbedingtes Altern und Verschleißen. Das Neue ist keine zyklische Wiederbelebung des Alten, sondern Vernichtung des Bestehenden, um dem Wahnwitzigen den Weg zu bereiten.

Die Apokalypse beginnt nicht erst am Ende aller Tage: sie ist im Fortschritt als zuverlässige und permanente Vernichterin des Gewohnten eingebaut. Fortschritt des Neuen und Vernichtung des Alten sind dialektische Stromstöße, die das Normale aus dem Wege räumen.

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben. Erkennen des Wahren ist erst durch das Zerreißen der Einheit von Mensch und Natur möglich geworden. Der Weltgeist schreitet immer vorwärts zu, weil nur der Geist Fortschreiten ist.“ (Hegel)

Das also ist Hegels Freiheit, die von heutigen Hegelianern als humane Errungenschaft gerühmt wird. Das Gegenteil trifft zu. Freiheit ist der Zwang, Ja zum vorgeschriebenen Gang der Geschichte zu sagen. Ein Ja zur Notwendigkeit, die nicht vom Menschen bestimmt wird, sondern von göttlichen Mächten. Der Mensch soll seine eigene Vergewaltigung als Heil akzeptieren.

Fortschritt als zunehmendes Erkennen des Wahren ist fortschreitendes Zerreißen der Einheit von Mensch und Natur – der Voraussetzung, dass es eine dialektische Entwicklung gibt. Sie besteht aus einem ständigen Zerreißen der Einheit in These und Antithese, die in die nächsthöhere Synthese mündet. Auch hier gibt es kein Ankommen in glücklicher Normalität, auch sie muss sich wieder spalten lassen in Widersprüche … und so fort bis ans Ende der Geschichte, die von Hegel nicht mehr bedacht wird.

Denn als Liebhaber der Griechen war er Anhänger der natürlichen Zeitlosigkeit, als Anhänger Jesu war er, nein, hätte er Apokalyptiker sein müssen. War er aber nicht. An der dialektischen Einheit von finaler Linie und endloser kosmischer Zeit zerschellte seine Philosophie. Hier zeigte sich, dass seine Kompromisse aus Vernunft und Glauben am entscheidenden Punkt zum Scheitern verurteilt waren.

In seinem fulminanten Werk „Hegel und der staatliche Machtstaatsgedanke“ räumt Hermann Heller im Jahre 1919 mit dem Märchen auf, die Macht-Politik der Deutschen seit Bismarck und Treitschke sei das blanke Gegenteil der idealistischen Philosophie gewesen. Erst ein halbes Jahrhundert nach der Blütezeit der Dichter und Denker habe sie bruchartig eingesetzt:

„Keine wahrnehmbare Brücke scheint vom Volke der Dichter und Denker zum Volk von „Blut und Eisen“ zu führen. Und dennoch besteht diese Brücke! Ja, die nationale Machtstaatsideologie ist sogar selbst das Kind der idealistischen Philosophie und kein anderer als Hegel ihr Vater. Völlig unbekannt ist Hegel als der erste und umfassendste Verkünder des modernen Machtstaatsgedankens geblieben. Und doch hat Hegel ein halbes Jahrhundert vor Treitschke und seiner Zeit weit dringender und schärfer als diese, den Staat nicht nur als Macht, Macht und nochmal Macht verkündet, sondern die politische Macht auch als nationale Forderung, ja, als erstes und höchstes Gebot der Vernunft und Sittlichkeit, des Rechts und der praktischen Politik aufgestellt.“

Der Bruch zwischen Humanität der Aufklärung und Inhumanität der Bismarck‘schen Machtbesessenheit fand nicht in der Mitte des 19. Jahrhunderts statt, sondern bereits – bei Hegel, der Kants moralisierende Friedensträumereien vom Tisch wischte.

Hegels Vokabular war noch gesättigt von den humanen Begriffen der Aufklärung, die sich aber durch seine dialektischen Finessen ins blanke Gegenteil verkehrten. Unfassbar, dass die gegenwärtige Hegel-Vergötzung von all dem nichts weiß, dass Hellers kritische Erkenntnisse vor 100 Jahren verdrängt und ins Gegenteil verkehrt wurden. Was uns zeigt, dass der momentane Zeitgeist nicht nur Mundschutz trägt, sondern eine Binde vor dem Großhirn.

Vernunft, Freiheit und Selbstbestimmung? Vernunft war die Vernunft eines omnipotenten Weltgeistes, Freiheit das Jasagen müssen zu übergeordneten Mächten – und Selbstbestimmung?

„Freiheit im Sinne innerer Selbstbestimmung hatte wohl Friedrich im großen Stile geübt und vorgelebt, aber seinen Staat und seine Untertanen hatte er nicht auf sie gestimmt und stimmen können.“ (Meinecke)

Freiheit und Selbstbestimmung werden zu Eigenschaften der staatlichen Obrigkeit, mit den Untertanen hatten sie nichts zu tun. Bei einigen Dichtern wurde Freiheit zur inneren Freiheit, worauf alle Gymnasial-Germanisten mächtig stolz waren. Was aber ist innere Freiheit? Maul halten und der äußerlichen Politik folgen.

Liebe zum absolutistischen König Friedrich wurde zum Erkennungszeichen der preußischen Eliten, die sie im Verlauf der Geschichte großzügig an die unteren Stände weitergaben. Auch in der Gegenwart ist die Liebe zur Königin zum charakteristischen Merkmal, nein, zum typischen Defekt der Deutschen geworden. Je mehr die Völker der Welt von Belarus bis Hongkong und Amerika ihre Rechte von den Despoten der Welt einfordern, je höher steigen die Liebesquoten der Deutschen zu ihrer weltbesten Kanzlerin.

Ein besonders apartes Beispiel für blinde Obrigkeitsanbetung sind Heribert Prantls Kommentare in der SZ. Oft von partikular hellsichtiger Kritik an Missständen der Nation, bleiben seine Analysen in abstrakter Politferne hängen. Ross und Reiter werden selten genannt, Namen keine, konkrete Schuldvorwürfe nicht erhoben. Dann geht das Leben weiter, als sei nichts gewesen, weshalb man konstatieren muss: Prantl hält politisch angehauchte Predigten, oft genug im Kontext des kirchlichen Kalenders.

Er prangert die zunehmenden Überwachungsmethoden des Staates an: doch welche Personen sind dafür verantwortlich?

„Weitere Jahre später wird man sich mit dem Registrieren digitaler Fingerlinien nicht mehr begnügen wollen; man wird auch DNA-Profile speichern wollen, weil das, wie es heißen wird, noch mehr Sicherheit bringt. Sicherheitsbedürfnisse sind strukturell unstillbar. Das Konzept der Prävention hat keine eingebaute Bremse; es kennt keine Verhältnismäßigkeit; es will immer mehr. Dieser Gier nach immer mehr Erfassung muss Einhalt geboten werden.“ (Sueddeutsche.de)

„Muss Einhalt geboten werden!“ Geht’s noch blutleerer und christlicher? Christen dürfen keine reformerische Politik betreiben, um den irdisch-satanischen Staat zu humanisieren. Sie haben ihn zu verwalten, bis der Herr persönlich einschreiten wird. Spirituell durchwurschteln, wie der Herr es befahl. Der fromme Samaritaner bringt den Mann im Graben bis zur nächsten Abgabestelle, bezahlt noch einen almosenhaften Ablass – und nimmt Reißaus.

So betreibt Prantls innig verehrte Kanzlerin Politik. Hie und da nächstenliebende Mikrospuren inmitten gnadenloser Flüchtlings-, Konkurrenz- und nationaler Machtpolitik. Merkels Politik ist Bismarck‘sche Machtpolitik, drapiert mit goldenen Streifen christlicher Nächstenliebe.

Prantl schrieb einen gediegenen Kommentar gegen das Containernverbot des BVGs. Auch der zynophile Kronjurist des SPIEGEL verfasste einen Kommentar zu diesem Urteil – mit konträrer Meinung. Doch keine Attacke Prantls gegen Fischer. Die notwendige Debatte fiel ins Wasser. In Deutschland wird nicht gestritten. Prantl ist ein Anbeter des Kompromisses.

Erkennen der Wahrheit aber kennt keine Kompromisse. Nein, deswegen ist sie nicht totalitär. Kompromisse können nur auf der Ebene des vorläufig-praktischen Entgegenkommens geschlossen werden. Mit Wahrheitsfindung haben sie nichts zu tun.

Prantl hat keine Probleme, griechische und hebräische Wahrheit dialektisch zu versöhnen. Wäre doch gelacht, wenn mit Hegel die dialektischen Fähigkeiten der Deutschen erstorben wären:

„Das griechische Verständnis der „Aletheia“ (von lanthano, verbergen), ist „das Unverborgene“. Das biblische Verständnis dagegen rührt aus einer ganz anderen Vorstellung: Wahrheit ist im Hebräischen „‚emeth“. Man kann das Wort nicht einfach mit Wahrheit übersetzen, weil es zur Gruppe der Wörter gehört, die das Begriffsfeld Vertrauen und Treue beschreiben. Es bedeutet Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Vertrauenswürdigkeit. Es ist ein Beziehungsbegriff. „Zeuge der Wahrheit“ sein – das erwartet die Gesellschaft von den Medien, von den Journalisten. Erwartet wird hier zu allererst, dass sie für „Aletheia“ sorgen, dass sie das Verborgene aufdecken, dass sie den Teppich wegziehen, unter den Skandalöses gekehrt worden ist.“ (Sueddeutsche.de)

Heidnisches Aufdecken der Wahrheit aber genügt nicht. Es könnte als Akt verantwortungsloser Anarchie empfunden werden, um die ganze Gesellschaft an den Pranger zu stellen. Also muss heidnische Enthüllung kompensiert werden durch eine christliche Liebesgeste zur Demokratie:

„Diese Aufdeckungsarbeit aber ist es nicht allein. Aufdeckung geschieht nicht um der Erregung willen, sondern, nehmen wir ruhig dieses Wort, um der Treue zu Demokratie und Rechtsstaat willen.“

Typisch die angeblich sprachliche Überlegenheit des biblischen Wortes für Wahrheit, das nicht einfach als „Wahrheit“ übersetzt werden könne. Die Unübersetzbarkeit der Credosprache in weltliche Sprache hat eine lange Tradition. Sie begann als Manier graecophiler Altphilologen, griechische Begriffe für unübersetzbar zu halten. Arete = Tugend? Um Gotteswillen, so primitiv kann es nicht sein. Hätte man erklärt, dass Arete die Tugend der Starken und nicht die schwacher Moralisten war, so wäre das Rätsel enträtselt gewesen. Das aber wäre nur gegangen, wenn man deutsche Tugend als Missgeburt aus christlicher Demuts-Arroganz und griechischer Heldentugend analysiert hätte – die sich erst im Zeitalter der griechischen Aufklärung zur Tugend der sokratischen Schulen läuterte. Verwirrend? Sorry, einfacher geht’s nicht. Das Leben ist komplex.

Gesellschaftlichen Randläufern wird von Mitte-Eliten vorgeworfen, sie suchten einfache Antworten für komplizierte Sachverhalte. So simpel wäre die Chose nicht, die nur von überlegenen Mitte-Eliten verstanden werden könne:

„Eine eigene Meinung zu bilden sei „ein edler Wunsch. Er steht am Anfang der Aufklärung, als sich der Mensch aus seiner Unmündigkeit zu befreien begann. Tatsächlich hilft er aber nur wenig, die komplexe Realität der heutigen Demokratien zu verstehen. Die ja eben nicht nur aus einer Regierung besteht, die tut, was die Wähler wollen. Sondern aus einem ausdifferenzierten Geflecht verschiedener Institutionen, die sich gegenseitig zuarbeiten und kontrollieren. Und das ist nur die Politik. Die moderne Wissenschaft, auch ein Kind der Aufklärung und in der Coronakrise von zentraler Bedeutung, ruht auf einem ähnlich verzweigten Netzwerk. Nichts geht schnell in diesen Systemen. Weil in der Politik die Informationsbeschaffung, Abstimmung, Kompromissfindung und Vermittlung eben Zeit braucht. Weil in der Wissenschaft jede Erkenntnis kritisch geprüft und die Kritik dann ebenfalls kritisiert werden muss. Wer in diese Systeme mit seiner Meinung hineinplatzt, wird nicht glücklich werden.“ (SPIEGEL.de)

Was war das? Nichts Geringeres als die Beendigung der Aufklärung auf deutschem Boden. Die Befreiung aus der Unmündigkeit helfe wenig beim Verstehen komplexer Wirklichkeiten.

Woher rührt das freche Aufbegehren der Randläufer?

„Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Bewegung ist nämlich etwas Universelles: die Überzeugung, eine eigene Meinung zu haben.“

Was ist das? Nichts Geringeres als das Ende der Mündigkeit. Mündigkeit ist die Kompetenz, eine eigene Meinung zu bilden, die, im Streit verschiedener Meinungen, aus Irrungen und Wirrungen lernen kann. Der SPIEGEL-Kommentar reserviert die Mündigkeit den Experten und Eliten. Wer denen unaufgefordert in die Suppe spucke, werde sich wundern.

„Es gibt Verrückte. Leute, die sich selbst aus dem gesellschaftlichen Gespräch nehmen, weil das, was sie sagen, nicht mehr nachvollziehbar ist. Dies nicht zu vergessen, darin dürfte die Kunst im Umgang mit einer Bewegung liegen, die ganz offensichtlich keinen rationalen Kern hat. Mit gut gemeinten Appellen wird das kaum gehen. Man wird sie aushalten müssen.“

Ende der Aufklärung, Ende der Mündigkeit, Ende der Autonomie, Ende des Verstehens der „Verrückten“. Überlegenheit selbsternannter Eliten in allen komplexen Dingen. Man wird die Randläufer ertragen müssen als Wesen, die keine Menschen mehr sind. Sie sind Aliens, die man nicht mehr verstehen kann.

Ist das zu fassen? Solche ultrarechten Töne aus dem Hause Rudolf Augsteins? Augstein war einer der wichtigsten Aufklärer der Nachkriegszeit.

Ist er dieser Haltung treu geblieben? Sein journalistisches Ethos brachte er auf die Formel: Schreiben, was ist. Ist das eine demokratische Formel? Vergleichen wir die beiden ähnlich klingenden Formulierungen bei Journalisten – und Hegel:

„Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft. Als philosophische Schrift muss sie am entferntesten davon sein, einen Staat, wie er sein soll, konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr liegen kann, kann nicht darauf gehen, den Staat zu belehren, wie er sein soll, sondern vielmehr, wie er, das sittliche Universum, erkannt werden soll. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit; so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfasst.“ (Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede)

Verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Hegels Beschreibung des Erkennens, was ist und Äußerungen Augsteins und seiner bundesrepublikanischen Kollegen: sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit dem Guten. Lässt das Beschreiben des Ist keinen Raum zu für das Sollen, wird Wirkliches zur Allmacht des Unveränderlichen: das Ist wird totalitär.

Das journalistische Motto muss noch kein unbedingter Hegelianismus sein. Doch die Praxis des Raushaltens und schein-objektiven Beobachtens nähert sich immer dem Machtgedanken Hegels: was ist, muss vernünftig, also unveränderlich sein. Philosophie ist die Macht, das Ist für immer einzubetonieren.

Moralisches Sollen untergräbt die Vernunft. Sie ist des Irrglaubens, etwas Besseres zu wissen und zu erkennen als das Wirkliche. Warum ist das Wirkliche unübertrefflich? Weil es identisch ist mit Gottes Willen. Hinter der Bescheidenheit, über das Ist nicht hinauszugelangen, verbirgt sich der Hochmut der Erwählten, mit Gottes Schöpfung identisch zu sein.

Wie kann man – in einer sich abzeichnenden Endphase der menschlichen Gattung – sich aus allem raushalten? Das ist nicht nur ein Höhepunkt der Selbstverblendung, sondern eine irreversible Selbstgefährdung. Auf keinen Fall ein Akt solidarischer Fürsorge mit dem Menschengeschlecht. Die Beobachter schauen dem Untergang der Welt zu, wie sie dem Dschungel-Camp folgen. Man könnte von einem apokalyptischen Voyeurismus sprechen.

Die Liste katastrophaler Meinungen der Mitte-Eliten wird fortgesetzt durch den Historiker Herfried Münkler, der Gretas Klimawarnung an die Welt mit einem einzigen Satz in die Gülle wirft:

„Diese Beschwörung der Gefahr, der Alarmismus, der nur ein Thema in den Vordergrund stellt, siehe Greta. Und wenn nicht jetzt, dann Untergang. Aushandlungsmechanismen, wie die Demokratie sie darstellt, werden ausgesetzt, weil man durch die drohende Apokalypse ja die Befugnis hat, vermeintlich besseres Wissen umzusetzen. Extinction Rebellion ist hierfür symptomatisch. Diese Moralisierbarkeit ist neu und hat mit dem Prozess des demokratischen Nachdenkens und Abwägens, das, was man deliberative Demokratie nennt, nichts mehr zu tun.“ (WELT.de)

Greta und die FFF tun exakt das, was Münkler empfiehlt: sie rufen die Welt auf, zu „deliberieren“, zu überlegen, zu beraten. Es muss ein Fremdwort sein, um die Überlegenheit des Gelehrten auch in demokratischen Dingen zu demonstrieren.

Die WELT attackiert die Grünen, weil sie wissenschaftsfeindliche Homöopathen in ihren Reihen dulden. Wenn aber ein Professor die wissenschaftlichen Grundlagen der FFF-Bewegung an die Wand knallt, wird nicht mal eine Rückfrage gestellt. Die Jugendlichen werden an den Pranger gestellt, als hätten sie einen totalitären Alleinvertretungsanspruch formuliert.

Die Mitte und die Ränder. Die Selbstreinigung der Mitte durch Projektion ihrer Schuld auf die Ränder hat ein Ausmaß erreicht, als wäre die Nation unrettbar in verschiedene Fragmente zerfallen. Wer sich zur Mitte zählt und die Meinungen der ganz Anderen weder verstehen noch erklären kann, der hat die Agora gemeinsamen Streitens verlassen.

Die Synthese der Deutschen mit einer Heiligen hat ihnen den Boden unter den Füßen weggerissen.

Fortsetzung folgt.