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Alles hat keine Zeit XII

Alles hat keine Zeit XII,

Sündenbock-Verlust: die deutsche Presse trauert. Pegida und Populismus sind ihr abhanden gekommen.

Nein, sie trauert nicht. Schon hat sie neues Kanonenfutter an den goldenen Rändern der Gesellschaft gesichtet, zusammengerührt und ins Visier genommen, beglaubigt von Experten, die genauestens die Gazetten verinnerlichen, damit sie sagen können, was ihre Interviewer von ihnen hören wollen.

Das Empathie-Spiel heißt: wie du mir, so ich dir. Eine instinktsichere Presse fühlt, wähnt, vermutet – die Wissenschaft bestätigt mit neuesten Untersuchungen, die justament jene Ergebnisse erbringen, die die Medien schon immer ahnten.

„Diese „explosive Mischung aus Esoterikern, Verschwörungsgläubigen, Reichsbürgern und Rechtsextremen“ müsse genau beobachtet werden. Besonders gefährlich sei, dass ein Spektrum, das eher als alternativ und friedliebend gilt, sich nun mit Rechten und Reichsbürgern zusammentut.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Hach, welch ein Leckerbissen, dass nun auch die Alternativen und Friedliebenden dran glauben müssen. Hatten die Schreiber sie doch schon lange im Verdacht, dass sich hinter ihren Moral-Attrappen ruchlose Dinge verbergen.

Seitdem Sigmund Freud das Unbewusste zwar nicht erfunden, aber erforscht und beschrieben hat, gibt es verschiedene … … Möglichkeiten, dieses im Kampf der Geister in Stellung zu bringen.

Alle Menschen, die nicht Kanzlerin sind, besitzen ein hochverdächtiges Unbewusstes. Mögen sie nach außen noch so bieder und fromm erscheinen, wer genauer hinschaut, wird Verwerfliches hinter ihren Fassaden entdecken.

Bei allen Menschen, die Kanzlerin sind, ist es umgekehrt. Alles Dubiose, was nicht genauestens bewiesen ist, muss als Häme zurückgewiesen werden. Im Wirecard-Skandal könnte sie gar korrupt gewesen sein? Unverschämt, wo sie doch nur zum Wohle des Landes gute Geschäfte mit China einfädeln wollte.

Das Spiel ist asymmetrisch. Dem Unbewussten „kruder“ Reichstagsstürmer ist zu misstrauen, dem Unbewussten staatstragender Eliten hingegen, auf die man stolz ist, kann man nicht genug das Beste nachsagen – auch wenn der erste Eindruck trügen mag.

Bei üblen Kandidaten, die man längst durchschaut hat, gilt die Regel: die nächste Schweinerei der bekannten Art! War ja nicht anders zu erwarten. Beispiel: Superhero Trump.

Bei Kandidaten, die man eher gutheißt oder gutheißen müsste, gilt: auf den ersten Blick sieht manches nicht schlecht aus; doch wer näher hinschaut, entdeckt, dass der gute Mann „auch eine Agenda“ besitzt. Mit dieser will er an die Macht. Beispiel Biden. Mit einem solchen Verdacht wollen die Pressemenschen beweisen, dass sie nicht einseitig sind und durchaus in der Lage, auch das „Gute“ kritisch zu beäugen.

Bleibt eine Zweideutigkeit. Würde Biden nicht die Macht erringen wollen, wäre das Vernichtungsurteil unvermeidbar: der Gutmensch sollte Prediger oder Gefängnistherapeut werden, für Politik taugt er nicht. Wenn er aber Macht erringen muss, warum wird ihm dann die Agenda vorgeworfen, er wolle auch nichts anderes als alle machtgeilen Politiker?

Raffinierte Beobachter kennen noch eine andere Variante: sie äußern einen hässlichen Verdacht, gehen aber auf selbstkritische „Spurensuche“ – und siehe, alles löst sich in Wohlgefallen auf. Das könnte zum höchsten Lob führen: da hat einer gar die Last auf sich genommen, in falschen Verdacht zu geraten, nur um hinter den Kulissen einem guten Zweck zu dienen.

Merkel ist der Gegentyp zu Trump: ihr ist das dubiose Unbewusste abhanden gekommen. Alles, was sie tut, muss wohlwollend betrachtet werden. Wer gegen diese Regel verstößt, ist ein kleiner Kläffer.

Kommt eine Gesellschaft in die Krise, ist es wie bei Individuen: sie muss als krank betrachtet werden. Stopp, schon die ersten Kalamitäten. Eine Gesellschaft als organisches Gebilde zu betrachten: ist das nicht rechtes, esoterisches Gedankengut? Haben nicht NS-Theoretiker wie Othmar Spann den Staat als Organismus beschrieben?

Als bekennende Hegelianer haben sie. Nur, was ist daran rechts? Nicht alles, was rechte Leute von sich geben, ist typisch rechts. Zu viel der Ehre, zudem töricht, alles, was Rechte sagten, zu verdammen, nur, weil sie es gesagt haben. Dann wären sie ja ex negativo der Maßstab aller Wahrheit. Selbst hier heißt es, alles prüfet, das Beste behaltet.

Es hält sich die trügerische Fama, totalitäre Regimes seien inhaltlich und methodisch infam. Platon wollte einen gerechten Staat. Irgendwas gegen einen gerechten Staat einzuwenden, wenn man kein Neoliberaler oder christlicher Utopiefeind ist?

Das Problem mit Faschismen und Totalitarismen ist zumeist nicht ihr Inhalt, sondern die politische Methode, mit der sie den Inhalt realisieren wollen. Ihre Methode ist Gewalt und Zwangsbeglückung.

Der Unterschied zwischen Inhalt und Methode wird hierzulande verleugnet. Was zur Folge hat, dass diejenigen, die einen gerechten Staat anstreben, automatisch als Totalitäre gebrandmarkt werden. Historisch hieße das, zwischen Sokrates und Platon dürfe man keinen Unterschied machen. Eine Infamie.

Aus demselben Grund ist es unstatthaft, den Vorwurf des Antisemitismus allein aus dem Benutzen eines Begriffs der NS-Zeit zu folgern. Ein aalglatter Antisemit wird sich ohnehin hüten, solche Wörter zu benutzen. BILD gibt sich gar philosemitisch, nur, um ihre untergründige Judenverachtung zu verbergen. Gewiss, hinter allem kann sich Ruchloses verbergen, aber Genaues könnte man nur sagen, wenn man den ganzen Menschen kennen würde. Niemand kann dem Menschen in die Seele schauen, sagte Cohn-Bendit trefflicherweise.

Beispiel:

„Indem der Mensch versucht, sich gegen die eiserne Logik der Natur aufzubäumen, gerät er in Kampf mit den Grundsätzen, denen auch er selber sein Dasein als Mensch allein verdankt. So muss sein Handeln gegen die Natur zu seinem eigenen Untergang führen.“

Das war ein sinnvoller ökologischer Satz, proklamiert von einem barbarischen Sohn der Vorsehung. Die Vergangenheit der Deutschen kann nicht bewältigt sein, wenn man diesen Satz en bloc verwirft. Dann dürfte man auch von Platon keinen einzigen Satz für wahr halten.

Die Grünen hatten Angst, totalitär zu erscheinen, weshalb sie nicht mehr von Natur sprachen, sondern von Schöpfung und Schöpfungsbewahrung. Also warfen sie sich in die Arme der Kirche – die das Hitlerregime fanatisch unterstützt hatte. Aus dem Regen kamen sie in die Traufe einer Religion, deren Gott seine Schöpfung unerbittlich vernichten wird, um Neues zu schaffen. Seitdem ist das Streitthema „Philosophie der Natur versus Schöpfungstheologie“ verbannt.

Für Hegel war der Staat ein Organismus, ein völkisches Ich, das im historischen Wettbewerb stand mit allen anderen nationalen Ichs. Welche Nation, welches kollektive Ich war auserwählt, an der Spitze aller Völker zu stehen, um sie messianisch zu erlösen? Das hieß: sie ins Endreich führen, wenn sie gehorsam, sie aber von der Bühne wischen, wenn sie renitent waren.

Der von Hegel übernommen Organismusgedanke der Nationalsozialisten war nicht natürlich, sondern religiös. Wie Gott den Einzelnen bei Namen ruft, um ihn zu erlösen, so rief er ein homogenes Volk bei Namen, um ihm die Führungsrolle anzuvertrauen. Völkisches Bewusstsein war das Bewusstsein vollkommener Einheit. Kein Individuum konnte ausscheren, denn das atomisierte Ich war lebensunfähig. Wenn es eine Schwarmintelligenz gibt, könnte man hier von einer Schwarmerlösung sprechen.

Weder ist der Staat ein religiöses Kollektiv-Ich, noch ist er ein mechanisches Gebilde, das wie eine Maschine funktioniert. Seit den Erfolgen der Naturwissenschaften gab es den bis heute anwachsenden Trend aller Wissenschaften, ebenfalls berechenbare, mechanisch funktionierende Gebilde zu sein. Man muss die Gesetze der Natur kennen, um den Staat wie eine Maschine am Laufen zu halten. Der Staat war keine Erfindung des menschlichen Geistes, sondern ein physiologisches Räderwerk, dessen Knöpfe man kennen muss, um es zu dirigieren.

Dieser Nachahmung der Naturwissenschaften in allen Bereichen des Lebens muss widersprochen werden. Was der Mensch erfunden hat, liegt allein in seiner Verantwortung. Wirtschaft, Politik, Fortschritt: nichts davon wird dem Menschen von der Natur vorgeschrieben. Er bedient sich der natürlichen Gesetze, um seine menschlichen Ziele zu erreichen. Sie schreiben ihm aber nicht vor, was er zu tun oder zu lassen hat.

Eine Demokratie besteht aus vielen Individuen, die jede für sich einen Organismus bilden. Die Summe vieler organischer Individuen kann nur organisch sein. Wäre die Gesellschaft kein Gebilde individueller Organismen, könnte sich niemand ein Bild von ihr machen. Niemand könnte mitfühlen, wenn es ein entferntes Unglück gäbe, niemand einschätzen, wie der psychische Zustand der Nation wäre. Jeder Mensch wäre nichts als ein gefühlloses Rädchen im Gesamtgetriebe.

Die Menschheit ist ein globaler Organismus. Fremden, die man nie kennen wird, kann man nachfühlen, wie sie die Klimakatastrophe erleben, wie sie ihr Land verlassen müssen, weil sie von Unheil, Hunger und Not bedroht werden.

In vitalen Demokratien gibt es keinen Gegensatz zwischen Ich und Wir, Individuum und Gesellschaft. Der Einzelne kann das Ensemble seiner Sippe, der Nation und ganzen Menschheit überblicken, verstehen und mit allen Mitgliedern eine mitfühlende Verbindung aufnehmen. Indem er sich betrachtet, betrachtet er die Stimmung aller, indem er alle empfindet, empfindet er sich selbst. Die Grundlage seiner Urteilsbildung ist eine emotionale Verbindung mit seinen Liebsten, den Nachbarn, nationalen Bürgern und Mitgliedern der Menschheit. Organisch heißt nicht instinktiv, sondern alle Erkenntnisorgane des Menschen miteinander verbunden.

Erkrankt ein Organismus, führt die Ursache der Krankheit zum Symptom. Das Symptom ist nicht Ursache seiner selbst. Sonst wären alle Corona-Kranken selbst schuldig an ihrem Leiden, ihrer Atemnot.

Erkrankt ein gesellschaftlicher Organismus, sind die Symptomträger nicht automatisch schuldig am Ausbruch ihrer Krankheit. Die Ursachen der Krankheit können unsichtbar bleiben, während die Symptome unterirdisch an die Ränder der Gesellschaft wandern, wo die Schwächsten am empfänglichsten sind für ihre Gedanken und Ideen.

So verhält es sich mit rechten und linken Symptomen, die sich an den Rändern offenbaren, aber dort ins Leben gerufen wurden, wo die Mächtigsten, Gebildetsten, Einflussreichsten lokalisiert sind: in der Mitte der Gesellschaft. Mitte der Gesellschaft bedeutet die Machtzentrale der Gesellschaft. Wenn Kinder neurotisch werden, sind sie die Opfer ihrer Eltern. Wenn Unterschichtler und Außenseiter pathologisch werden, sind sie Opfer von Weltbildern, die in den Köpfen der Genies, Denker und Wissenschaftler entstanden sind und sich in der Gesellschaft verbreitet haben.

Die Stärksten bestimmen das Ganze. Haben ihre Einfälle Erfolg, werden sie von der Gesellschaft als Wohltäter der Menschheit gepriesen. Haben sie keinen Erfolg, sind sie beileibe keine Scharlatane, weil sie es geschickt verstehen, die Ursachen des Misserfolgs zu kaschieren. Schuldige sind die Letzten in der Verteilungsreihe, die ihre elitären Gedankengebilde aufnehmen und in Form von Schlagwörtern und Politparolen in die Öffentlichkeit bringen.

Wie Eltern es verstehen, ihr eigenes Desaster ihren Kindern unterzujubeln, die Erfüllung ihrer unerfüllten Größenphantasien stellvertretend von ihren Kindern zu erwarten, so verhält es sich in der Gesamtgesellschaft. Geht es einer Gesellschaft gut, ist es das Verdienst der Wirtschaft. Geht es ihr schlecht, waren die Arbeiter zu faul, die Sozialausgaben zu hoch. Weshalb Bertolt Brecht unfähigen Regierungen den Rat gab, ihr Volk aufzulösen und sich ein neues zu suchen.

So verhält es sich mit politischen Symptomträgern am Rande der Gesellschaft, die durch familiäre Erziehung, staatliche Schulen und Medien propagandistisch oder unterschwellig von Gedanken infiziert werden, deren Herkunft sie nicht kennen. Ja, sie würden leugnen, dass ihre Politparolen von außen gekommen und sie von Anderen beeinflusst seien. Sie halten sich für selbstbestimmt. Ihre Selbsteinschätzung, autonom zu sein, ist eine trügerische Mischung aus dem tatsächlichen Erfolg der Demokratie, die Menschen selbstbewusst gemacht zu haben – und der Unfähigkeit, die Fernlenkung der Gesellschaft durchschaut zu haben.

Sie sind zu ungebildet, um die eigene Manipulation zu durchschauen. Deshalb ließ man sie im Stande mangelhafter Bildung, damit sie die subliminalen Einflüsse der Mächtigen nicht wahrnehmen. Dass ihr Ich fremdgeleitet ist: das widerspricht dem Stolz ihrer scheinbaren Mündigkeit. Mündig wäre der Mensch, wenn er fähig wäre, die Ursachen seines Werdens zu erforschen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu entscheiden, welchen „Göttern“ er folgen will.

Davon ist die deutsche Gesellschaft weltenweit entfernt. Die Deutschen glauben zu agieren und werden gesteuert von unbewussten Mächten. Die Mächte sind uralte Elemente der Vergangenheit. Man könnte ihrer nur Herr werden, wenn man sie sich bewusst machen könnte. Das aber verhindert die Ideologie des blinden Fortschritts, der die Vergangenheit leugnet und jedes Ich als gottgleichen Erfinder seiner selbst rühmt.

Jede Protestgruppe müsste man gesondert hernehmen, um ihre Determination zu entschlüsseln, von Populisten über Verschwörungstheoretiker bis zu den Sündenböcken der Gegenwart: Esoterikern, Impfgegnern etc.

Nehmen wir die Reichsbürger, die mit Kaiser Willems Fahnen die Treppen des Reichstags hochstürmten. Was sich die Eliten bei der Übernahme des Reichstags gönnten: das Gebäude des vereinigten Parlaments aus historischen Idolatriegründen weiterhin als Reichstag zu benennen: eben das durften die Protestierer nicht. Was Eliten dürfen, darf der Pöbel noch lange nicht. Das nennt man double bind – oder hinterlistiges Hereinlegen.

Ein Historiker versuchte im SPIEGEL, die Prägung der Reichsbürger zu dechiffrieren:

„Man muss die mentalen Voraussetzungen der Menschen einbeziehen, ihre politische Sozialisation und Prägung, die im Kaiserreich wurzelten: Deutschland als Weltmacht nach außen, nach innen autoritär und militaristisch geprägt, in permanenter Abgrenzung gegenüber vermeintlichen Feinden innen wie außen. Vor allem gingen auch die Ordnungsvorstellungen der nationalkonservativen Eliten auf das Kaiserreich zurück: Es waren diejenigen, die sich vor 1914 geweigert hatten, die Verfassung zu reformieren und zu parlamentarisieren, die nach 1919 die Weimarer Republik bis aufs Messer bekämpften.“ (SPIEGEL.de)

Was auch immer die Randläufer prägt: es sind die wunderlichsten versprengten Reste vergangener Ideologien, philosophischer Lehren, religiöser Dogmen, politischer Selbstdarstellungen. Eckart Conze begnügt sich mit der Herleitung der Ursachen bis ins Kaiserreich. Das Kaiserreich aber fiel nicht vom Himmel.

Streng genommen müsste man die gesamte Geschichte der Nation, der Völker, der gesamten Gattung aufschlüsseln. Das wäre eine Aufgabe, die gerade jetzt in der suizidgefährdeten Krise der Menschheit überfällig wäre. Billiger werden wir nicht davonkommen.

Das Mindeste aber, das wir leisten müssten, wäre die Erforschung der nationalen Biographie bis zu den entscheidenden Markierungen der Neuzeit. Das wäre die Anamnese der Deutschen bis zu ihren Genies der Klassik oder des philosophischen Idealismus. Goethe, Schiller, Fichte und Hegel werden ständig genannt, ohne ihre negativen und positiven Einflüsse gesondert wahrzunehmen.

Im Falle der Reichsbürgerideologie ist der historische Kopf der Bewegung kein Geheimnis: es ist Hegel. Dennoch muss es ein Geheimnis bleiben, damit der Schwabe als Heros Deutschlands nicht beschädigt werde.

Hegels Anbetung staatlicher Omnipotenz ist unübertrefflich. Der Staat ist für Hegel der fleischgewordene Gott. Womit er philosophischer Erbe des größten Deutschen ist: des Reformators Luther.

Für Luther war jede Obrigkeit von Gott. Ob sie religiös war oder nicht: jeder Obrigkeit war absoluter Gehorsam zu leisten. Mit seinem göttlichen Staat wollte Hegel nichts anderes als die lutherische Obrigkeit.

In einem Punkt aber verschärft er noch Luthers Augustinismus. Augustin hatte den Staat gespalten in die civitas terrena – den irdisch sichtbaren Staat – und die unsichtbare civitas dei, den Staat Gottes oder die Kirche. Die Christen hatten kein Recht, den irdischen Staat zu bekämpfen. Bis zur Wiederkehr des Herrn musste er in Demut und Leid ertragen werden. Erst am Ende der Geschichte würde Gott ihn demontieren und sein eigenes paradiesisches Reich an seine Stelle setzen.

Gleichwohl besaß die Kirche noch eine spirituelle Überlegenheit über den Staat. Der Papst wollte den Kaiser dominieren. Die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst erfüllte das Mittelalter. Wären die deutschen Kaiser streng augustinisch gewesen, hätten sie sich kein Fingerhakeln mit dem Vater aller Christen erlauben dürfen. Dass sie es dennoch taten, trug zur Schwächung des Papsttums bei und führte zur schließlichen Trennung von Rom.

Die spirituelle Überlegenheit der Kirche über den Staat war Hegel zuwider. Er beseitigte die führende Stellung des Klerus und erschuf eine Einheit aus beiden Elementen. Der Staat war beides zugleich: ein weltliches und geistliches Regiment. Die Spaltung zwischen irdischer und transzendenter Macht war vorbei. Der Kaiser wurde zum Papst, der Staat zur Kirche der Deutschen. Höher ging es nicht mehr mit der Vergottung des Staates.

Die Deutschen feierten Gottesdienst, wenn sie politisch waren und ihrer Obrigkeit folgten. Das Dritte Reich war die Feier eines apokalyptischen Gottesdienstes. Staats- und Gottesdienst wurden eins. „Gott mit uns“ war das gemeinsame Credo der deutschen Geschichte von 1701 bis zu den Schergen des Dritten Reiches:

„Gott mit uns war der Wahlspruch des preußischen Königshauses (seit 1701) und damit auch der Deutschen Kaiser (seit 1871). Bis 1962 wurde es auch in Westdeutschland von der Bundeswehr verwendet. Der Ausspruch ist dem Buch Judit (Jdt 13,11 EU) entnommen und wurde in den Befreiungskriegen von preußischer Seite auch als Schlachtruf gebraucht. Der Ausspruch fand sich auch nach dem Ende der Monarchie auf den Koppelschlössern der Soldaten der Reichswehr sowie im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht (mit Ausnahme der Luftwaffe) wieder.“ (Wiki)

Während die Gebildeten den Erfinder der Einheit von göttlicher und irdischer Obrigkeit absurderweise als Vertreter der Vernunft und Selbstbestimmung feiern, werden die Symptomträger am Rande der Gesellschaft als Sündenböcke attackiert, damit die selbstgerechte Mitte sich ihrer Überlegenheit erfreuen kann, indem sie die Randläufer – die die hegelianische Überlegenheit der Deutschen über die Welt proletenhaft zur Schau stellen – als Abschaum der Gesellschaft an den Pranger stellen kann.

Je völkischer die Deutschen werden, je bigotter werden sie.

Fortsetzung folgt.