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Alles hat keine Zeit XI

Alles hat keine Zeit XI,

Vorsicht! Bitte abgrenzen, es folgen Geständnisse eines Esoterikers aus dem Kellerloch.

„Esoterisch: nur für Eingeweihte bestimmt.“ Da passt es doch, dass Esoteriker vor der Weltöffentlichkeit die Treppen zum „Reichstag“ empor stürmten, um sich von sage und schreibe drei Polizisten wieder in die Gosse zurückjagen zu lassen. Das Spektakel wird doch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sein?

„Exoterisch: für die Öffentlichkeit bestimmt.“ (Hoffmeister, Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Wie? Waren die Esoteriker etwa in der Wolle gefärbte Exoteriker? Was wollten sie verheimlichen, wenn sie ihr Anliegen dem Weltpublikum darboten?

Wie hingegen nennen sich diejenigen, die Jagd machen auf Esoteriker? Sie nennen sich gar nicht, sie haben keine diffamierende, ausgrenzende Schubladenbezeichnung.

Sie sind – die Mitte des Weltgeistes, Anbeter eines deutschen Philosophen, der das Geheimnis der Versöhnung aller Konflikte und Widersprüche kennt, ohne politische Mitwirkung selbsternannter Demokraten, deren Parlamente der „Inbegriff politischer Verderbniß und Unvernunft“ sind. „Es ist der Lärm und Pomp der formellen Freiheit, welcher die reelle Freiheit und das Nachdenken darüber nicht aufkommen lässt. Hinter dem allen steckt der Unverstand der Menge und die Leidenschaften des Pöbels.“ (In Rudolf Haym, Hegel und seine Zeit)

Die Deutschen glauben an die Dialektik, jene jesuanische Wundermethode, welche verdorbene Natur und diabolische Geschichte miteinander … … versöhnt und mit dem göttlichen Endreich des Weltgeistes (oder dem marxistischen Reich der Freiheit) überwölbt.

Wie unfassbar sind die Tiefen esoterischer Dialektik! Der dialektische Streit zwischen Behauptung und Gegenbehauptung ist der alte Kampf zwischen Gott und seinem Widersacher – der zugleich sein bestes Pferd im Stall ist, um alle Rennen der Heilsgeschichte für Ihn zu gewinnen. Der Kampf der Streithähne wird geschlichtet und gewonnen durch den ursprünglichen Gott, der sich noch nicht in Widersprüche gespalten hat, um am Ende der Geschichte wieder alles in allem zu sein.

Es geht nicht nur um Versöhnen in der Theorie: Denken und Handeln, Geist und Realität sind eins. Der Weltgeist sprach – und es ward Licht, Versöhnung, Friede, Freude, Eierkuchen. Die jesuanische Versöhnung der Welt ist kein einmaliger Akt, sondern ein permanenter Prozess quer durch das Sein vom Anfang bis zum Ende der Welt.

„Die Denkdialektik und die sog. Realdialektik sind zugleich. Durch die Ineinssetzung von Weltgeschehen und Menschendenken ist die Dialektik das „Waltenlassen der Sache oder der allgemeinen Vernunft in uns, die mit dem Wesen der Dinge identisch ist.“

Die Schüler Hegels spalteten sich in die hegelianische Linke und Rechte. Die Rechte wurde zum Urahnen des Reichs: von Bismarck über Kaiser Willem bis zum Führer. Die Linke zum Urahnen des Leninismus, Stalinismus und letztlich des totalitären, modernen Fortschritts ins Reich der Unendlichkeit und Unsterblichkeit in der ärmlichen Hülle der Demokratie.

Reichstagsfahnen hätten den Reichstag geschändet? Warum wird dann, was Bundestag heißen müsste, „Reichstag“ genannt und damit geschändet?

Die gemeinsame Grundmelodie aller Hegelianismen: Macht, Macht und Macht über alles in der Welt, gleichgültig mit welchen Methoden. Sei es mit technischem Herrschaftswissen, ökonomischer Macht oder neuer KI-Omnipotenz.

Karl Marx verlegte die Kommandozentrale aus dem Geist in die Materie, das Prinzip blieb dasselbe. Die Heilsgeschichte des Mammons führt über Leid und Schmerz zum sicheren Sieg im Reich der Freiheit. Menschen können auf den Triumphzug aufspringen, verantwortlich für ihn sind sie nicht. Alles läuft ohne sie.

Die Rechte und die Linke des Bundestags sind Hegelianer, inklusive der Christen, die sich in der Mitte wähnen, aber auch an den Endsieg durch den Weltgeist, die Materie, den Heiligen Geist oder sonstige Silicon-Valley-Geister glauben.

Das ist die Erklärung der erstaunlichen Kompromissgewandtheit aller Parteien, die, ohne es zu wissen, alle hegelianisch-marxistische Dialektiker sind. Gott sei mit ihnen. Sie glauben alle, dass die Geschichte für sie gut ausgehen wird. Diesen Glauben verkörpert eine lutherische Pastorentochter, deren Segnungsgesten sie zu ihrem Heil dringlich benötigen.

Staatlich anerkannte Philosophen beteiligen sich an der Heiligsprechung Hegels als Vertreter der Aufklärung, der Vernunft, Freiheit und Menschenrechte.

Schrecklicher kann der Verblendungsirrsinn der Deutschen nicht mehr sein.

„Die Rechtsphilosophie als Kassiber an Freiheitsfreunde und Republikaner: Klaus Viewegs große Hegel-Biografie entdeckt im preußischen Staatsphilosophen den Erben der Französischen Revolution.“ (Sueddeutsche.de)

„Georg Wilhelm Friedrich Hegel werde oft missverstanden, sagte der Philosoph Klaus Vieweg … Zu Beginn des Hegel-Jahrs liefert der Biograf Argumente für die Aktualität des Denkers der Freiheit, dessen Ideen es bis in unser Grundgesetz geschafft hätten. „Bei Hegel sind Freiheit und Vernunft immer verknüpft. Zum Beispiel inhumanes Handeln ist für Hegel kein freies Handeln, sondern eben nur willkürliches Handeln.“ (Deutschlandfunk.de)

Das pure Gegenteil ist wahr. Zwar ist richtig, dass Hegel als junger Theologiestudent – zusammen mit Hölderlin und Schelling – im Tanz um den Freiheitsbaum die Französische Revolution feierte. Nach seiner Krise aber verkehrte er alle Begriffe der französischen Aufklärung und Revolution ins Gegenteil.

Die Vernunft der Aufklärer wurde zum platten, abstrakten Verstand der Welt, der durch den dialektischen Prozess – der Versöhnung mit dem Glauben, den die Vernünftler verflucht hatten – auf die Stufe der Erlösung gehoben wurde. Erlösung war Zwangsbeglückung des Seins mit Gewalt.

„Was er Kant, Fichte und der Französischen Revolution vorwarf, war, dass die von ihnen auf den Thron gesetzte und proklamierte Freiheit „bloß formal“ blieb. Das Denken hatte die Berührung mit der wirklichen Welt verloren. Die wirkliche Welt ist eine historische Welt und alles, was die Revolution tun konnte, war, die historische Ordnung der Dinge zu zerstören. Das aber konnte nie als wahre Versöhnung zwischen „dem Realen“ und dem „Rationalen“ betrachtet werden. Ein ideales Bild der Dinge, ein bloßes „sollte sein“ kann niemals die Aufgabe der Philosophie sein. Ein solcher Idealismus wäre eitel und vergeblich. Hegel bekennt sich zu einem „objektiven Idealismus“, der die Ideen nicht betrachtet, wie sie im Gehirn der Menschen herumspuken. ER sucht sie in der Realität, im Verlauf der historischen Ereignisse.“ (Cassirer)

Hegel warf Kant und Fichte einen „subjektiven Idealismus“ vor, einen, der im Kopf der Subjekte als bloße, wirkungslose Absicht – verkümmerte. Die Schwarmgeisterei der Moralisten verachtete Hegel. Sein Idealismus hingegen war Theorie und Praxis in einem. Seine Gedanken waren Gottes Gedanken, Hegel war Sprecher und Offenbarer des Weltgeistes, kein Grübler am Ofen, dessen Gedanken und Utopien für die Katz waren.

Hegels Begriffe wie Freiheit, Vernunft – die er den Franzosen entwendete, um sie von der Ohnmacht aufmüpfiger Kammerdiener zu befreien und in Gottes Gedanken zu verwandeln, die identisch waren mit Seinen Taten (Gott sprach und es ward) – waren ergo das genaue Gegenteil der autonomen Vernunftbegriffe der Aufklärung.

Da Vernunft, Freiheit etc. keine Menschenbegriffe, sondern Gottesbegriffe waren, hatten sie totale Gewalt über alles irdische Geschehen gewonnen. Totale Gewalt ist totalitäre Gewalt. Gottes Macht ist Allmacht, der niemand widerstehen kann. Gottes Recht ist sein Machturteil über die ganze Welt. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Es gibt keine andere Möglichkeit, als an dieses höchste Tribunal zu appellieren, dessen Urteil unfehlbar und unwiderruflich ist.“

Das Jüngste Gericht steht nicht am Ende der Geschichte, sondern ist im dialektischen Prozess unermüdlich vom Anfang bis zum Ende der Geschichte tätig.

Hegel entband den Staat von allen moralischen Verpflichtungen und erklärte, dass die Regeln der Moralität ihre Universalität verlören – wenn wir vom privaten Verhalten absehen und zum Verhalten der Staaten übergehen würden. In jeder Epoche der Geschichte gibt es immer nur eine Nation, die die wahre Repräsentantin des Weltgeistes ist und das Recht hat, alle anderen Nationen total zu beherrschen. „Gegen das absolute Recht dieser Nation, der Trägerin der gegenwärtigen Entwicklungsstufe des Weltgeistes, sind die anderen Völker rechtlos, deren Epoche vorbei ist, sie zählen nicht mehr in der Weltgeschichte.“

Recht ist Macht, Vernunft ist Macht, Politik ist Macht: alle Begriffe der Revolution werden auf eine höhere Stufe erhoben, um zu Omnipotenzbegriffen zu werden. Der Führer sprach – sein Wort ward Fleisch, Politik, Realität, Auschwitz und Dachau. Weil er als Inkarnation des Weltgeistes sprach, sprach er zugleich im Namen einer höheren Moral, die der Moral der Kammerdiener Hohn sprach.

Der „inflationäre“ Vergleich mit Hitler wird von Samira EL Ouassil abgelehnt:

„Hitlers Verbrechen waren so unbeschreiblich schlimm, dass man keine Vergleiche mehr für ihn fand – und er selbst schließlich zum Archetyp des Bösen stilisiert wurde. Er wurde zum inflationär gebrauchten Vergleich für alles Darauffolgende, Hitler ersetzte das transzendental Böse. Die stumpfe Abkürzung der NS-Analogie, die heute Geschichtsvergesser nehmen, ist ein Zeichen dafür, dass sie das Politische nur über den Bezug zu einem Bösen denken können. Das lähmt aber die intellektuelle Debatte und ethische Diskussionen. Und es missbraucht die Geschichte und die Opfer, wenn es sie nicht gar verhöhnt.“ (SPIEGEL.de)

An diesem Angriff ist alles falsch. Wie soll man die Frage untersuchen, ob wir in der Gefahr sind, das Fürchterliche zu wiederholen, wenn wir das Fürchterliche nicht bei Namen nennen? Sind wir in Wiederholungsgefahr oder nicht? Wenn nein, können wir das Dritte Reich aus dem Gedächtnis streichen und den Futuristen folgen: nie zurückblicken, wir schauen nach vorn.

Die Kommentatorin vertritt einen absoluten Historismus. Aus der Geschichte kann man nichts lernen, weder im Guten noch in Vermeidung des Schlechten. Einerseits sind Hitlers Verbrechen „unbeschreiblich schlimm“. Anderseits wird moniert, Hitler würde zum „transzendental Bösen“ gemacht.

Wie meinen? Offenbar ist das transzendente – also jenseitig-göttliche – Böse gemeint. Da dieses Wort zu religiös klingt, bevorzugen die sensiblen Stilisten der Gegenwart das kantische Wörtchen transzendental. Das jedoch bedeutet das genaue Gegenteil von trans-zendent.

Kant: „Das Wort transzendental bedeutet nicht etwas, das über alle Erfahrung hinausgeht, sondern was ihr (a priori) vorhergeht, aber zu nichts anderem bestimmt ist, als Erfahrungserkenntnis möglich zu machen.“

Erst was die Erfahrung überschreite, könne transzendent genannt werden. Wie bei allen Grundbegriffen gibt es auch beim Guten und Bösen eine doppelte Prägung: eine heidnisch-weltliche und eine religiöse. In Erlöserreligionen sind Gut und Böse Synonyme für Gott und Teufel, bei den Griechen sind sie das moralisch Gute und das moralisch Verwerfliche. Mit Gott und Teufel haben sie nichts zu tun.

Dasselbe gilt für das Helle und das Finstere. Entweder bezeichnen sie das Reich Gottes und das seines Widersachers – oder das Licht der Vernunft und Aufklärung und das düstere Reich der Gegenaufklärung und Dunkelmänner.

Es gibt hochgebildete Edelschreiber, die nicht mehr wissen, dass in religiösen Staaten die Reiche Gottes und des Teufels politische Relevanz besitzen. Besonders in den USA. Dass die beiden Kontrahenten um das höchste Amt immer mehr mit Metaphern des Lichts und der Finsternis hantieren, erstaunt den ZEIT-Schreiber Thomas Assheuer:

„Es ist jedenfalls verstörend, welche Karriere das uralte Bild vom „Kampf des Lichts gegen die Mächte der Finsternis“ derzeit im US-Wahlkampf macht. Der Demokrat Joe Biden präsentierte sich bei seiner Nominierungsrede als strahlender Mann des Lichts, der die Nation von der Trumpschen Finsternis erlöst. Trump habe „Amerika viel zu lange in Dunkelheit gehüllt“, in Wut, Angst und Spaltung. „Ich werde ein Verbündeter des Lichts sein, nicht der Dunkelheit.“ Biden hat diese Rhetorik nicht erfunden, Trump war schneller, wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen. Bei ihm sind die Demokraten die Fürsten der Finsternis und er selbst der Erlöser, der den Weltfeind niederringt. „Wir sind jetzt dabei, die radikale Linke, die Marxisten, die Anarchisten, die Unruhestifter und Plünderer zu besiegen.“ (ZEIT.de)

Die forcierte Verwendung der Licht- und Finsternismetaphern in Amerika zeigt die apokalyptische Befindlichkeitsverschärfung der ganzen Gesellschaft. Der Herr ist näher gekommen, bald steht er vor der Tür. Die klugen Jungfrauen freuen sich schon darauf, in den Harem des Bräutigams aufgenommen zu werden. Die törichten pennen. Wer sich in Beschleunigungszeiten vegetativen Schlaf gönnt, der riskiert, nie mehr im Lichte zu erwachen. Dass ein deutscher Publizist, stolz auf das Abendland, auf eschatologische Zeichen verstört und töricht reagiert, zeigt, in welcher profanen Dunkelheit wir uns bewegen.

Ob Hitler für Gott ein Teufel ist, muss Er selbst entscheiden. Sollte Gott ein Fan Hegels sein – vieles spräche dafür –, wäre Hitler ein Messias der Weltgeschichte gewesen, der nichts anderes tat, als gehorsam den Gesetzen der Heilsgeschichte zu folgen.

Verharren wir hingegen bei der heidnischen Vernunft, muss Hitler als Inbegriff des moralisch Bösen bezeichnet werden. Freilich, hat man Probleme mit der Moral, bleibt nur der transzendentale, pardon, der transzendente Teufel.

Etwas Unbeschreibliches gibt es nicht in der Geschichte der Menschheit. Was Menschen taten, entzieht sich nicht der Fassungskraft des Menschen, sonst wäre es ein Numinosum, ein unbeschreiblich Göttliches. Auch der Holocaust muss begriffen werden, er ist das Werk von Menschen und nicht von Teufeln und Dämonen.

Insofern war es kontraproduktiv, den Holocaust als unvergleichlichen dem Begreifen und Verstehen des Menschen zu entziehen. Zwar werden religiöse Schauer empfunden, wenn man des Menschheitsverbrechens gedenkt, begriffen aber wird nichts. Man kann nur verstehen, was man vergleichen kann. Nur was man verstanden hat, kann den Menschen befähigen, das Schreckliche nicht zu wiederholen.

Die pseudoreligiöse Illumination des Grauens dient nicht der Vergangenheitsbewältigung, im Gegenteil. Wer vom Unnennbaren erschüttert wird, sinkt in sich zusammen und besitzt weder Kraft noch Verständnis oder Willen, das Grauenhafte für immer zu vermeiden. Da er den Eindruck hat, gegen das Böse ohnehin nicht anzukommen – gibt er sich im Wahn des Untergangs die Erlaubnis zum „Unvorstellbaren“.

Intellektuelle Debatten und ethische Diskussionen kann es deshalb nur geben, wenn autonome Ethik zugelassen wird. Die aber gibt es nicht im Sonderangebot ohne positiven und negativen Pol, genannt das Gute und das Böse. Die generelle Schlussfolgerung muss anders lauten. Je mehr Hitler und das Dritte Reich aus den Debatten verschwinden – aus Gründen eines unzulässigen Noli me tangere –, desto mehr verschwinden ihre Taten in der Verdrängung.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen? Worüber man schweigen muss, darüber kann man weder nachdenken, noch debattieren oder zu notwendigen Taten kommen. Die Entrückung des Holocaust zu einem religiösen Ereignis, das sich dem Fassungsvermögen der Menschen entzieht, macht ihn zu einem Tremendum und verhängnisvollen Faszinosum, das die Verantwortung des Menschen übersteigt. Am Ende waren nicht Deutsche die Täter, sondern Teufel und Dämonen.

Regelmäßig werden die schwarzen Schafe des jeweiligen Zeitgeistes von den medialen Platzhirschen ausgewechselt, damit ihr Jagdtrieb nicht erlahmt. Eben waren es noch Populisten, die in jeder Scheltrede vorkamen. Dann kamen die Verschwörungstheoretiker. Die verblassen bereits im Hintergrund. Nun sind Esoteriker an der Reihe, dazu die „Impfskeptiker… Anthroposophen, Freunde der Naturheilkunde und Homöopathie. Ein alternatives Milieu, das sich noch immer oft den Grünen verbunden fühlt.“ (SPIEGEL.de)

Das Angebot der Buhmänner und -frauen ist pittoresque. Seit wann sind Freunde der Naturheilkunde staatsgefährdend? Papperlapapp, wer auffällt, kommt ins Feuer. Die Aufkleber sind verteilt, erklärt werden muss nichts, die Weltgeist-Mitte eröffnet das fröhliche Jagen.

Dass es zu jedem Begriff einen Gegenbegriff gibt, hat sich in Deutschland noch nicht herumgesprochen. Wer Esoteriker beschimpft, sollte der sich nicht als Exoteriker vorstellen und begründen, was er gegen Impfgegner und Homöopathen vorzubringen hat?

Nein, die Exoteriker verharren im Dunkeln der Macht. Da sind keine Argumente gefragt, da wird das Privileg verteidigt, auf solche zu verzichten. Wer argumentieren muss, gehört seit Sokrates zum Plebs. Echter Adel kann auf Gründe verzichten, er befiehlt und also geschieht es.

Nennen wir sie also falsche Exoteriker. Denn richtige sind es nicht, sonst müssten sie sich in der Öffentlichkeit zu erkennen geben. Tun sie aber nicht, sie verstecken sich.

Was uns zur Definition bringt: Exoteriker sind die wahren Esoteriker, die es nicht nötig haben, sich zu erklären. Es ist ein Etikettenschwindel. Wer Macht hat, hüllt seine Lizenz, nichts begründen zu müssen, in Dunkelheit, die er – Komplexität nennt, etwas, was den platten Verstand des Pöbels überschreitet.

Noch immer wissen wir nicht, was esoterisch bedeutet. Eine Lehre für Eingeweihte? Dann kann es nur das Christentum sein, in dem allein Prädestinierte und Erwählte in das Mysterium des Glaubens eingeweiht werden. Wer das Abendmahl nimmt ohne innere Erwählung, schädigt sich selbst:

„Es prüfe aber ein Mensch sich selbst, und also esse er von dem Brot und trinke aus dem Kelch; denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.“

Hier werden wir fündig:

„Moderne Esoterik in der Nachkriegszeit hatte dann viele Gesichter und tendenziell wenig Interesse an der Aufarbeitung der rassistischen Vergangenheit. Das Denken präsentierte sich radikal ahistorisch, jetzt- und selbstbezogen: zurück zur Natur, zur inneren Mitte, gefühlig, wohlig, individuell. Ob im Hippiegewand oder mit Lehrertasche war es damit durchaus anschlussfähig an eine Linke und eine Ökologiebewegung, die auch wiederum Entfremdung, Fremdbestimmung und den Raubbau an natürlichen Ressourcen kritisierten.“ (ZEIT.de)

Ist hier nicht die Utopie der Ökologen und Klimakämpfer beschrieben? „Ahistorisch, jetzt- und selbstbezogen: zurück zur Natur, zur inneren Mitte, gefühlig, wohlig, individuell.“

Müssen wir nicht zurück zu jener Natur, die uns erträgt, ohne sich in eine Hölle zu verwandeln, die wir nicht überleben würden? Ist es kein Zeichen der Eintracht mit der Natur, dass es uns hier und jetzt gut geht, dass wir unsere Mitte fühlen: wohlig und individuell, keinem Gegensatz zum Wohlgefühl der Gattung? Dass es jedem um sein Selbst gehen muss, denn nur, wer um sein eigenes Wohl besorgt ist, ist es auch um das seines Nachbarn? Klima betrifft uns alle, selbst die Superreichen werden nur wenige Dezennien länger überleben. Dann fällt auch für sie die Klappe. Was aber ist ahistorisch und warum wird es verfemt?

Ahistorisch ist ungeschichtlich. Gibt es so etwas? Natürlich nicht. Alles lebt in der Zeit, den Ablauf der Zeit nennen wir Geschichte.

Doch jetzt wird‘s spannend: welcher Geschichte? Exoteriker meinen die Heilsgeschichte. Heiden kennen keine Geschichte als göttlichen Zeitplan. Sie sind Anhänger der zirkulären Zeit, in der sich alles wiederholt. Erst die Erlöserreligionen haben die Zeit den Zyklen der Natur entrissen und eine künstliche Linearität erschaffen. Erlösungsgeschichte und Natur wurden auseinandergerissen, die Natur wurde zur minderwertigen Begleiterin der Heilsgeschichte, die sie am Ende massakrieren wird, um einer neuen Natur Platz zu schaffen.

Zwar ist die Natur an sich göttlich; „aber wie sie ist, entspricht ihr Sein nicht ihrem Begriffe. So ist die Natur auch als der Abfall der Idee von sich selbst ausgesprochen worden.“

Natur ist Abfall, Abfall der Idee von sich selbst. Das ist die Hegel‘sche Rechtfertigung der Naturzerstörung, die philosophische Hinrichtung der Natur, um der Idee zu ermöglichen, eine neue Naturbegleiterin aus dem Zylinder zu zaubern. Der Gang des Weltgeistes geht auch mitten durch die Natur, aber nur mit der Absicht, sie als unvollkommene hinter sich zu treten. Wer Natur zum Abfall erklärt, darf sich nicht wundern, dass sie dazu wird.

Hegel war der erste Philosoph, der die Heilsgeschichte zur Substanz seiner Philosophie machte. Der Gang des Weltgeistes ist ein Gang durch die Geschichte. Wo könnte der Weltgeist sich vollenden, wenn es keine Geschichte gäbe? Wir müssen das Gesetz der Historie anerkennen, um den Wettlauf der Geschichte zu gewinnen. Wer also die Frechheit besitzt, ahistorisch zu sein, demontiert die Grundelemente der abendländischen Heilsgeschichte. Er ist ein Heide, der an die Zyklen der Natur glaubt. Grenzt ihn aus, er ist ein Verräter der kapitalistischen Heilszeit ins Grenzenlose.

Anerkennung der Geschichte bedeutet: Anerkennung dessen, was ist. Das Ist wäre nicht, wenn die Heilszeit es nicht erschaffen hätte. Also ist das Ist (oder das Wirkliche) auch das Vernünftige. Nichts muss verändert werden.

„Was aber das wahrhafte Ideal betrifft, so ist die Einsicht, zu der die Philosophie verhelfen soll, dass die wirkliche Welt ist, wie sie sein soll.“ Alles Gefasel, das die Wirklichkeit moralisierend verbessern will, ist ein Feind der Realität, die selbst ihre Wahrheit ist.

Aus diesem Grund wurde Hegel, einst Anhänger der Französischen Revolution, zu ihrem entschiedenen Gegner. Die Revolution hatte „das Gesetz des Herzens“ – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – zum höchsten moralischen Prinzip erklärt. Dann aber kam die Guillotine und aus dem Gesetz des Herzens wurde „ein destruktives und subversives Prinzip. Die Französische Revolution hat diese Zerstörung verherrlicht.“

Merkwürdig, wie Hegel, Befürworter der Macht zum Schutz aller amoralischen Politik, jene Macht verabscheut, die sich des Guten annehmen will. Da waren selbst die totalitären Systeme der Moderne idealistischer, die ihre Macht benutzten, um ihre „Utopie“ zu etablieren.

Wittrock zählt gar die Fraktion der antiautoritären Erziehung zu den Gegnern des herrschenden Systems. Dabei war es Schumpeter, ein Theoretiker des Kapitalismus, der das Antiautoritäre zum Motor der Erneuerung der Wirtschaft machte. Er nannte das Prinzip: fruchtbare Zerstörung.

Woher die Aversion der Etablierten gegen die Anhänger der Natur? Just, da wir alles unternehmen müssten, um die Natur als Grundlage des Überlebens zurückholen?

„Doch auf anderen Feldern ist der Glaube an Forschung und Technik weniger ausgeprägt – der Riesenzoff um die Haltung zur Homöopathie steht dafür exemplarisch, auch wenn das Wort Impfpflicht fällt, reagieren viele an der Basis allergisch.“

Sind Naturanhänger eo ipso wissenschaftsfeindlich? Oder umgekehrt: waren Wissenschaftler automatisch Naturgegner? Was ein Schrott. Zudem sind Exoteriker alles andere als Verteidiger der Wissenschaften. Sie können nicht unterscheiden zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und angewandter Wissenschaft, die mit exakter Berechnung nichts zu tun hat, sondern mit schnöder und schwankender Politik.

Zudem waren es Naturwissenschaftler selbst, die vor etwa einem halben Jahrhundert scharf ihre Zunft kritisierten und die erste Ökobewegung anstießen. Darüber herrscht heute absolute Dunkelheit. Seit Francis Bacon wurde Wissenschaft – Wissen ist Macht – in den Dienst der Naturvergewaltigung gestellt.

Wie viele beeindruckende Bücher gibt es zu diesem Thema, auch von feministischer Seite. Der heutige Feminismus wagt es kaum, gegen den Kapitalismus anzutreten, geschweige gegen eine männlich-wissenschaftliche Naturzerstörung.

Kann es sein, dass Homöopathen einen anderen Naturbegriff haben als Exoteriker, die blind an die Wissenschaft glauben? Man muss ihnen nicht zustimmen, doch wie wär‘s mit Verstehen und verständigem Streiten?

Woher die ganze Unfähigkeit, einen rationalen Naturbegriff zu erarbeiten und die Erde als Überlebensplatz der Menschheit zu bewahren? Die Grünen sind nicht unschuldig. Hektisch brachen sie ihre Gründerphase der Grundsatzdebatten ab, um den zynischen Realos an die Macht zu folgen. Keine Debatten über christliche Naturfeindschaft und griechische Kosmosverehrung. Und schon standen fixe Theologen bereit, um ihre absurde Schöpfungsbewahrung als Ideologie der neuen Partei zu etablieren. Seitdem ist das Thema Natur an der Biegung des absterbenden Flusses begraben worden.

Jetzt, da wir uns verständigen müssten, wie wir eine intakte Natur zurückkriegen, jetzt fällt den etablierten Exoterikern nichts Besseres ein, als die letzten Häuflein derer, die sich darum bemühen, in alle Winde zu verjagen.

Jetzt entlarvt sich die untergründige Naturfeindschaft der Gegenwart. Hier liegt die Antwort auf die Frage: warum versacken wir in Lähmung und Apathie, obgleich unsere gemeinsame Hütte brennt?

Die deutsche Gesellschaft, die immer mehr einer esoterischen Theokratie mit unfehlbarer Madonna gleicht: ausgerechnet diese Deutschen beschimpfen die letzten Aufrechten unter den Naturliebhabern als Esoteriker. Diesen muss man nicht zustimmen, man sollte aber den liebenden Kampf um die Wahrheit mit ihnen kämpfen.

„Natur liebt sich zu verbergen. Nur, wer aufmerksam auf sie horcht, gelangt zu wahrer Erkenntnis, zu richtigem Denken und Handeln.“ (Heraklit)

Wie können wir glauben, richtig zu denken und zu handeln, wenn wir die Natur zerstören? Warum aber verbirgt sie sich? Sie will nicht länger von Menschen zerrissen werden.

Fortsetzung folgt.