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Alles hat keine Zeit X

Alles hat keine Zeit X,

Verabscheuenswürdig. Entsetzlich. Unerträglich.

Furchtbare Ereignisse sind über die Republik hereingebrochen. Corona? Nein. Klima? Ach was!

Früher waren es Verschwörungstheoretiker, Populisten, Extremisten, Impfgegner, Rechtsradikale, Reichsbürger, Neonazis. Heute sind Esoteriker, Demokratiefeinde, Anhänger eines geschlossenen Weltbilds, Querdenker dazugekommen.

Christen besitzen ein geschlossenes religiöses Weltbild. Im lutherischen Deutschland gelten Fromme als gefährliche Randgruppen? Dann müsste auch die Kanzlerin zu den geschlossenen Weltbild-Besitzern gehören. Wenn das kein Fortschritt in der politischen Selbsteinschätzung ist!

Man nehme eine Demo-Gruppe von 100 Menschen, 99 von ihnen seien Gute, Einer sei ein Böser: wie wird die deutsche Presse darüber berichten? „Wie sich harmlose Bürger vor den Karren eines Volksverführers spannen lassen.“

Das Böse ist dem Guten haushoch überlegen. Eine Mehrheit von Guten hat keine Chancen gegen den verhängnisvollen Einfluss einer ruchlosen Minderheit. Only bad news are good news, nur böse Zeitgenossen sind interessante Zeitgenossen – die unsere Auflage garantieren.

Ausgeschlossen, dass viele Gute den bösen Geist von Wenigen reduzieren oder unschädlich machen könnten.

Gute Demokraten sind leichte Beute ihrer schlitzohrigen, raffinierten oder ausgekochten Gegner. Wenig Teuflisches ist stets in der Lage, den … … großen Acker der Arglosen zu zersetzen und zu zerstören.

So war es im Dritten Reich. Einer entschlossenen kleinen Gruppe gelang es, die Mehrheit der Anständigen ins Verderben zu führen.

Die Psychologie der Masse ist passiv und formbar. „Eine Masse ist grundsätzlich impulsiv, beweglich, irritierbar, suggestibel, leichtgläubig, besessen von schlichten Ideen.“

Als die Demokratie zur führenden Regierungsform im Westen wurde, erfanden ihre Gegner die leicht erregbare und verführbare Massenseele.

„Die Mitglieder einer hochemotionalisierten Masse büßen ihre Kritikfähigkeit ein, die sie als Individuen im Zustand der seelischen Ruhe haben.

– Die individuelle Persönlichkeit schwindet in der Masse und macht einer gemeinschaftlichen Persönlichkeit Platz: Der Einzelne empfindet und denkt nun als Teil eines Ganzen, nicht mehr als Individuum.

– Die Masse kann Persönliches nicht von Sachlichem unterscheiden.

– Sie erliegt leicht Suggestionen, deren Wirkung der Hypnose vergleichbar ist und wird unter bestimmten Umständen hysterisch.

– Gehorcht sie einer gemeinsamen Führung, ist die Masse leicht lenkbar. Tut sie dies nicht, ist sie in ihrem Verhalten spontan und unberechenbar.

– Die Masse ist empfänglich für naive Legenden, die von meist heldischen Führern und Ereignissen handeln.“

Warum lehnten fast alle deutschen Gelehrten und Intellektuellen die Weimarer Republik ab? Weil sie die Demokratie als Herrschaft des Pöbels verachteten.

„Der Mensch ist, wenn er als Masse da ist, in der Masse nicht mehr er selbst. Masse löst einerseits auf; in mir will etwas, das nicht ich bin. Masse isoliert andererseits den Einzelnen zum Atom, das seiner Daseinsgier preisgegeben ist; es gilt die Fiktion der Gleichheit aller. Was der Andere hat, möchte ich auch gern haben; was der Andere kann, würde ich auch gekonnt haben. Der Neid herrscht heimlich und dabei die Sucht, zu genießen durch Mehrhaben und Mehrgelten.“ (Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit)

Drängt die Mehrheit des Volkes an die Macht, wird sie zur wertlosen Masse. Der Einzelne verliert seine Einmaligkeit, der Abschaum von unten will den Edelsten gleichen. Der Neid der Habenichtse missgönnt den von Natur aus Tüchtigen, was jene sich redlich verdient haben, indem sie die Habenichtse seit Jahrhunderten ausgenommen haben. Die Masse ist der Plebs, der etwas sein will, was er niemals werden kann.

Das war keine neue Erfindung. Als die athenische Demokratie entstand, indem sie die Vorrechte des Adels abschaffte, wurde das aufmüpfige Volk von den Starken als Masse beschimpft:

„Das Naturrecht als Recht der Freien und Gleichen wurde von den Starken als „Werk der Schwachen, der minderwertigen Masse geächtet, die nur durch ihre große Zahl etwas vermag und, hierauf gestützt, die Gesetze der Moral und der politischen Gleichheit aufstellte, durch die sie ihren Vorteil fand und sich gegen die überlegene Kraft des starken Menschen schützte, den sie damit in Fesseln schlug. Das alles aber ist nur künstliche Fiktion und Konvention, deren Bestand lediglich auf systematischer Suggestion beruht. Die denkende Betrachtung der Natur aber entlarvt diese ganze Lebenshaltung als eine widernatürliche Sklavenmoral, die nur Toren und Schwächlinge gutheißen können. Auch in der außermenschlichen Natur bei Pflanzen und Tiere springe es ja in die Augen, dass das Starke sich das Schwache unterwirft.““

Nichts hat sich geändert bis zum heutigen Tag: Moral gilt als Erfindung derer, die es nötig haben, die Starken der Gesellschaft mit ihren Predigten an die Kette zu legen. Das wahre Naturrecht – das der Starken – beruft sich auf die wirkliche Natur, in der die stärkeren Tiere und Pflanzen die schwächeren zur Beute nehmen. Darwin war keine Erfindung der Neuzeit.

Selbst die humaner Gesinnten unter den Altphilologen der Weimarer Zeit hielten es für übertrieben, dass die Massen sich auf die Stufe der Eliten stellen wollten:

„Man darf nicht vergessen, dass die Lehre vom Recht der Stärkeren einen sehr berechtigten Kern enthielt. Sie war eine notwendige Gegenwehr gegen die gedankenlose Verherrlichung der demokratischen Gleichmacherei und verfocht ihr gegenüber das Recht der großen Einzelpersönlichkeit über die Masse.“

Das Recht der Starken hatte noch andere Vorteile:

„Es hatte das Verdienst, das innerste Wesen der internationalen Politik, in der bis auf den heutigen Tag Macht vor Recht geht – und nur Macht imstande ist, auch Recht zu schaffen –, erkannt und sie ihrer pseudomoralischen Hülle entkleidet zu haben. Sie hat unbedenklich dem Tatmenschen den Vorrang vor dem Denker und Forscher zugesprochen. In der Neuzeit hat der „Principe“ Machiavellis und Nietzsche mit seiner Lehre vom „Willen zur Macht“ seinem Preis des Herrenmenschentums bewusst an diese sophistische Theorie angeknüpft.“

Es ist ein Ammenmärchen, dass die deutschen Dichter und Denker leidenschaftliche Griechenfreunde gewesen wären. Sie verehrten nur die Mythen Homers mit ihrer Adelsethik und die nackten Schönheiten aus Stein, die für sie ein Ausbruch aus christlichem Muff und Sinnenfeindschaft bedeuteten. Alles, was mit Demokratie, Aufklärung und universeller Moral zusammenhing, war Tabu für die Möchtegernpolitiker, die Machiavelli für sich entdeckt hatten.

Auch Sokrates war für die deutschen Gelehrten kein Demokrat. Sonst hätte er vom Volksgericht nicht zum Tode verurteilt werden können. Ging das ganze Bemühen des Sokrates nicht von der Überzeugung aus, dass es den Athenern an demokratischer Fähigkeit fehle, weshalb er ihnen ständig lästig fiel, sie sollten sich durch Denken und Streiten jene Kompetenz erwerben?

Sokrates stellt sich gegen den Volkswillen, weshalb er zu Recht zum Tode verurteilt wurde – so Hegel, der Absegner dessen was ist und Verflucher dessen, was sein soll. Was vernünftig ist, ist wirklich und vice versa: diesem Urgebot des Weltgeistes hatte Sokrates es gewagt, seine lächerliche Idealmoral entgegenzustellen.

Sokrates stand für Hegel in einem unversöhnlichen Gegensatz zum „Geist des athenischen Volkes. Er wurde mit Recht angeklagt. Denn in dieser Anklage trat der Volksgeist Athens auf gegen das Prinzip, welches ihm verderblich geworden ist.“

Auch die gegenwärtigen Hegel-Anbeter verachten Sokrates. Seine zeitlos gültige Moral ist eine Generalblockade jedes Fortschritts, jeder Beschleunigung in die Zukunft.

In einem Hegelbeitrag der „Kulturzeit“ konnte man den Stuttgarter sehen mit – dem Mercedes-Stern auf der Brust. Hegel, der geistige Urvater der Porschebeschleunigung. Da wollte Porsche-Liebhaber Poschardt nicht zurück stehen und adelte den Schwaben zum philosophischen Erfinder der Turbogeschwindigkeit:

„Diese DNA der hegelschen Philosophie ist der Antrieb des Fortschritts, und eine Bremse hat Hegel nicht eingebaut, auch keinen Rückwärtsgang. Hegels Werk in der ersten Ableitung kann wie ein Tuning-Kit für alle müden, status-quo-verliebten, im Hier und Jetzt vertäuten Opportunismusgedanken benutzt werden. Hegels Dreiklang, die Dinge zu negieren, aufzuheben und gleichzeitig zu erhöhen, ist als Grundmeditation bis heute unübertroffen. Es ist eine Yogaübung, um den Hang zur Fixierung von Einsichten und Weltanschauungen permanent infrage zu stellen.“ (WELT.de)

Poschardt bringt das Kunststück zustande, beim Rasen Yoga und Speed dialektisch zu vereinigen. Allerdings könnte er in Kalamitäten geraten, wenn Weltgeistpolizist Hegel ihn auf der Autobahn anhält und ihm mahnend den Satz vorhält:

„Was die Langsamkeit des Weltgeistes betrifft, so ist zu bedenken: er hat nicht zu eilen; er hat Zeit genug – tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag –; er hat Zeit genug, eben weil er selber außer der Zeit, weil er ewig ist.“ (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

Kein Speed, keine Beschleunigung. Der Weltgeist ist eine Schnecke. Seitdem sah man Poschardt nur noch mit einem klapprigen Fahrrad unterwegs mit der Aufschrift: wo Ich bin, da ist der Weltgeist.

Versteht sich, dass Hegel vom Volk nicht viel hält. Der Weltgeist bedient sich herausragender Helden, die Massen haben zu parieren:

„Es ist eine gefährliche Voraussetzung, dass das Volk allein Vernunft habe.“

Wenn das Volk keine Vernunft hat, weshalb ist Hegel-Verehrer Poschardt ein Fan der Volksherrschaft? Seine geheime Motivation, den Schwaben zu verehren, erfahren wir dennoch:

„Ich halte mich daran, dass der Weltgeist das Kommandowort zu avancieren gegeben. Solchem Kommando wird pariert“.

Das ist das Motto der WELT. Sie pariert dem, was ist. Das ist vernünftig und wirklich. Oben wird befohlen, unten wird gehorcht. Dafür sorgen die Redaktionen. Ein Sollen darüber hinaus wäre Hybris, zudem völlig sinnlos. Denn jede Ermahnung, jedes Sollen als Erneuerung des Seins wäre vergeblich:

„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Sie kommen, wenn alles zu spät, das Leben alt geworden ist: die Edelschreiber und Weltgeistbeobachter. Quizfrage: warum wurde Hegel schon in jungen Jahren „der Alte“ genannt? Seinem Jünger Poschardt kann das Alt- und Grauwerden nie passieren: beim Beschleunigen verjüngt er sich regelmäßig. Fast besteht die Gefahr, dass er in pubertäres Aufbegehren regrediert.

Gewiss gibt es auf Demonstrationen demokratiefeindliche Stinkefinger. Warum aber scheinen sie sich momentan rasend zu vermehren? Weil sie eine hervorragend effiziente Presse haben. Es vergeht kein Tag, an dem ihre aufsässigen Fähigkeiten nicht in extenso ausgebreitet werden würden – von den Medien, die sie angeblich so hassen. Gehasst werden ist auch eine Auszeichnung.

Die Verachtung der Masse durch die Presse, die sich als elitäre Mittlerin zwischen Oben und Unten versteht, ist grenzenlos. Besonders, wenn BILD, die Zwillingsschwester der WELT, vorgibt, dem Volk aufs Maul zu schauen. Auch Luther hatte dem Volk aufs Maul geschaut: mit welcher Absicht?

a) Seid untertan der Obrigkeit, auch heute gibt es keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre. Das galt nicht nur für die Bauern, deren Selbstbestimmung damals für immer vernichtet wurde.

b) Cujus regio, ejus religio: wessen das Land, dessen die Religion, so die Formel des Augsburger Religionsfriedens. Ein wahrer Frieden auf Kosten des Volkes, das seitdem die Religion seiner Landesfürsten zu übernehmen hatte – oder seine Bündel packen und in die weite Welt auswandern durfte.

Im Beschreiben der Berliner Demo herrscht die typisch deutsche Verachtung der Vielzuvielen und die gehässige Bewunderung der Starken, die dem Ganzen das Gepräge geben: das ist praktiziertes Naturrecht der Starken als Verachtung der Schwachen.

So weit haben wir‘s gebracht im Fortschritt der Demokratie. Pardon, in Politik und Moral gibt es keinen Fortschritt. Nur in Silicon Valley, wo die Unsterblichkeit der Seele experimentell erprobt wird. Laut ARD-Doku von heute Abend mit ersten Erfolgen.

War es vorgestern wirklich bedrohlich für unsere Demokratie? Da stürmten Wenige die Treppen des Reichstagsgebäudes hoch – und was geschah? Nichts. Wenigen Polizisten gelang es, die Stürmenden zurückzudrängen. Und deshalb das Geschrei der Politiker?

Oh, pardon: Symbole der Demokratie wurden angegriffen. Was waren Symbole noch mal?

„Der Ausdruck Symbol wird mehrdeutig und uneinheitlich verwendet. Unter einem Symbol versteht man „allgemein ein wahrnehmbares Zeichen bzw. Sinnbild (Gegenstand, Handlung, Vorgang), das stellvertretend für etwas nicht Wahrnehmbares (auch Gedachtes bzw. Geglaubtes) steht.“ (Wiki)

Symbol ist ein Zeichen für etwas, aber nicht identisch mit diesem Etwas. Wenn ein Symbol zerstört wird – was, genau genommen, gestern gar nicht der Fall war –, ist noch lange nicht zerstört, wofür es steht. Kein Tumult, Athener! Es scheint, als ob in Deutschland Zeichen und Symbole wichtiger wären als das, worauf sie hinweisen sollen. Keine Demokratie ist gefährdet, wenn ihre Symbole gefährdet sind.

Warum dann der Aufschrei? Weil die Politeliten sich selbst symbolisch angegriffen fühlten:

„Reichsflaggen und rechtsextreme Pöbeleien vor dem Deutschen Bundestag sind ein unerträglicher Angriff auf das Herz unserer Demokratie. Das werden wir niemals hinnehmen“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.“

Das Herz der Demokratie wurde angegriffen? Das einzig Unerträgliche der ganzen Geschichte ist die Übertreibung der Obrigkeit beim Reagieren auf Petitessen, die, als Ausdruck der weltweiten Empörung der Völker, in Deutschland geradezu zimperlich ausfielen.

„Um Missverständnissen vorzubeugen“: dies ist kein Aufruf zur Gewalt, aber ein Aufruf zur elementaren Notwehr gegen eine Regierung, die beim Erfüllen ihrer Pflichten elementar versagt.

Was wären die wahren Aufgaben der Regierung und wo versagen sie kläglich in suizidaler Gefährdung?

Christian Stöcker muss es wieder sagen, weil es sonst fast keiner von der edlen Journaille sagt:

„In Wahrheit betreiben wir rücksichtslosen und außerdem extrem kurzsichtigen Klimakolonialismus. Die Bundesregierung fährt mit hohem Tempo auf eine Wand zu und hofft auf ein Wunder, statt zu bremsen. Zwar hat Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer Sommerpressekonferenz am Freitag das Thema Klima selbstverständlich wieder als zentral benannt. Dass Deutschland seine Emissionen aber um jährlich mehr als sechs Prozent senken und bis Mitte der 2030er CO₂-neutral sein müsste, sagte sie wieder einmal nicht. Der Parteitag der US-Republikaner war ein Schauspiel des kollektiven Betrugs und Selbstbetrugs. Das Schlimme ist: Beim wichtigsten Thema der Gegenwart macht es die Bundesregierung nicht besser. Trump hat aber keineswegs ein Monopol auf Realitätsverweigerung. Auch in Deutschland wird sie praktiziert, seit vielen Jahren und mit absehbar katastrophalen Folgen. Hier wird zwar nicht mit der gleichen Verve in die Kameras gelogen wie die Republikaner das in den USA tun. Aber bei einem entscheidenden, genauer: beim wichtigsten politischen Thema der Gegenwart und Zukunft lügen sich deutsche Regierungen genauso in die eigene Tasche.“ (SPIEGEL.de)

Die unfassbare selbstgefährdende Unzuverlässigkeit und Fahrlässigkeit der Regierung im Kontext ihrer betrügerischen Versprechungen, die im selben Moment, in dem sie gegeben werden, nicht ernst gemeint sind: diese Lügenpolitik ist ein „unerträglicher Angriff gegen das Herz der Demokratie“, verehrter Herr Bundespräsident. Sie und ihre Führungsklasse haben alle Maßstäbe einer redlichen Politik zu Feinstaub zermahlen.

Oh, fast vergessen: christliche Politiker dürfen lügen. Lügen, dass sich die Balken biegen: in den Zehn Geboten ist das Lügen nicht verboten:

„Das achte Gebot wird in unseren Tagen oft auf das simple Motto „Du sollst nicht lügen“ verkürzt – doch das ist Unsinn. Denn davon, dass Menschen im Alltag nicht lügen sollen, steht nichts in der Heiligen Schrift. Im Gegenteil: In der Bibel wird getäuscht und geflunkert, geschummelt und betrogen, verleugnet und gelogen, dass sich die Balken biegen. In der Bibel kommt es niemals zu einer moralischen Verdammung von Menschen, die es aus Schwäche oder weil sie ein bestimmtes Ziel erreichen wollen mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Die Erzväter des Volkes Israel schummeln sich nur so durch die Genesis, aber keiner wird bestraft – außer höchstens dadurch, dass er seinerseits getäuscht wird. All die Lügen und Listen sind nämlich letztlich Teil der menschlichen Natur und gehören selbstverständlich irgendwie zu Gottes Plan.“ (ZEIT.de)

Wer garantiert uns, dass die biblischen Geschichten nicht selbst zum höheren Lobe Gottes erlogen sind?

Merkel & Co lügen uns an, dass sich die Balken biegen – und wenn dabei die Welt unterginge. Das, Herr Steinmeier, ist das absolute, die ganze Menschheit gefährdende, Skandalon. Dazu sagen Sie kein einziges Wort. Ist das der Sinn des Amtseides: Schaden vom Volk fern zu halten? Ein schlimmeres Verbrechen gegen die Menschheit kann es nicht geben. Das ist nicht nur eine Verletzung äußerer Symbole, das ist eine Bedrohung der Menschheit selbst.

Nun höre man, wie fromme lügendürfende Schreiber die Kanzlerin zur sündlosen Heiligen transsubstantiieren – nicht anders, wie Brot und Wein in Leib und Blut Jesu verwandelt wird:

„Die erste Erste, eine, wie es keine Zweite gibt. Weil sie sich, ja doch, um Deutschland verdient gemacht hat. Und sei es durch ihre gleichbleibend ausgleichende Art, die weltweit einzig ist. Nennen wir sie darum die Merkel-Art. Das klingt fast nach Kunst, und irgendwie ist sie es auch. Ihr Stoizismus in jeder Hinsicht und Situation, auch jetzt wieder in ihrer Sommer-Pressekonferenz, hat inzwischen die politische Kultur verändert. Die Kanzlerin ist im Stoff, bis ins Kleingedruckte hat sie alles gelesen, kennt jeden Spiegelstrich, bleibt auf keine Frage eine Antwort schuldig. Ja, Wasserstoff, auch dazu hat sie eine Antwort. Überrascht kann über diesen Punkt nur sein, wer vergisst, wie groß sie im Kleinen ist. Wie sehr sie erhaltene Informationen geradezu neuronal vernetzt.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Was die Kanzlerin sagt, ist für die Geschichtsbücher, ihre Worte sind ihr Vermächtnis. Politik hat nichts mehr mit der Gegenwart zu tun, sondern mit der Zukunft – die wir nicht mehr erleben, für Geschichtsbücher, die wir nie zu Gesicht bekommen werden. Merkel antwortet auf alle Fragen – nichtssagend. Sie kennt alle Kleinigkeiten, weiß aber nicht, welche Politik sie damit treiben soll. Sie ist freundlich im Ton – wenn sie den Menschen das Blaue vom Himmel verspricht. Und eigentlich wissen es alle. Die Deutschen wollen belogen werden. Politik in Deutschland ist ein nationales sich gegenseitig in die Tasche-Lügen. Journalistischer Höhepunkt des Jahres ist die Pressekonferenz mit der Kanzlerin, in der ausgebrannte Edelschreiber einer erloschenen Regierungschefin alberne Fragen stellen, die mit neckischen Albernheiten beantwortet werden.

Hier liegen die Gründe für die immer aggressiver werdenden Demos. Was auf den Plakaten steht, sind nur notdürftige Ersatzformeln.

Die Medien, zumeist auf der Seite der Mächtigen, wüten gegen Demonstranten, doch nie im selben Ton gegen pflichtvergessene Politiker. Unfreiwillig verrät der SPIEGEL die Übertreibungen seiner Zunft:

„Am Ende war der versuchte Sturm auf den Reichstag, von dem nun viel zu lesen ist, ein Sturm, der auf den Stufen ziemlich rasch abflaute. Doch vielleicht ist gerade deswegen die Symbolik der Bilder so verheerend, sind die Sturmschäden so groß. Der Rechtsstaat wird bedrängt von einem Pulk Rechtsstaats-Verächter, die sonst – ohne die Gefahr, die von ihnen ausgeht, kleinreden zu wollen – ein ziemlich tristes Außenseiterdasein in dieser Gesellschaft führt. Und Hinz und Kunz sind mit dabei, stehen mit leuchtenden Augen vor dem Reichstagsportal und glauben womöglich allen Ernstes, sie würden gegen einen vermeintlichen Unterdrückungsapparat zu Felde ziehen. Wie kann so etwas sein?“ (SPIEGEL.de)

„Der Sturm flaute rasch ab, die Schreihälse führen ein ziemlich tristes Außenseiterdasein!“ Aber auch die Gutmeinenden kriegen ihr Fett ab: Hinz und Kunz stehen mit leuchtenden Augen dabei und glauben an das Gute im Menschen. Gutmenschen und Idealisten sind die Schlimmsten. Sie glauben an eine moralische Politik.

Merkels Zeit läuft ab, indem sie ein anschwellendes Chaos hinterlässt. Ein Sollen gibt es für sie nicht, das wäre ein illegitimer Eingriff in Gottes Regiment.

Ja, es gibt einen rechten, demokratiefeindlichen Rand. Auch der fiel nicht vom Himmel. Sondern war eine jahrelang aufgestaute Reaktion gegen einen Staat, der ihnen ein würdiges Plätzchen auf Erden versagte. SPIEGEL-Wittrock spricht empört von einem „vermeintlichen Unterdrückungsapparat“, gegen den sich die Empörten wehrten.

In Wirklichkeit ist es noch schlimmer, es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Unterdrückungsapparat. Wie soll man eine Regierung nennen, die ständig verspricht und nichts hält?

Die rechten Wirrköpfe haben sich ihre gewalttätigen Ideen nicht aus den Rippen geschnitten. Eine Tradition der allgewaltigen Obrigkeit ist in Deutschland noch immer lebendig. Einer der Urväter dieser Tradition heißt Hegel. Und dieser Hegel wird – wie Luther, der Anbeter einer allmächtigen Obrigkeit – in Deutschland gefeiert! Zwei antisemitische Demokratiefeinde, die jede Gewaltausübung gegen das renitente Volk für richtig halten, werden in Deutschland als Idole verehrt.

Der sittliche Staat, sagt Hegel, verkörpere den „absoluten Geist, der keine abstrakten Regeln von Gut und Böse, List und Trug anerkennt. Eine moralische Verpflichtung gibt es für den Staat nicht. Den Krieg abzuschaffen, wäre der tödliche Schlag für das politische Leben.“ Kants Entwurf eines ewigen Friedens hielt er für Humbug.

„Von seiner frühen Jugend an hatte Hegel „humanitäre“ Ideale verworfen. Die allgemeine Menschenliebe erklärte er für nichts als eine törichte Erfindung. So eine Liebe, die kein wirkliches, konkretes Objekt hat, ist seicht und unnatürlich. Viel besser, alle Fehler des wirklichen politischen Lebens hinzunehmen. Die Menschen sind so närrisch, in ihrem Enthusiasmus für Gewissensfreiheit und politische Freiheit die Wahrheit zu vergessen, die in der Macht liegt.“ (in Ernst Cassirer, Der Mythus des Staates)

Cassirer kommentiert: „Diese Worte, geschrieben vor etwa 150 Jahren, im Jahre 1801, enthalten das klarste und unbarmherzigste Programm des Fascismus, das jemals durch irgendeinen politischen oder philosophischen Schriftsteller vorgetragen wurde.“

Mitten aus der Gesellschaft, mitten aus dem hehren Reich der Bildung, mitten aus dem Revier der Intellektuellen, stammen jene Gewaltparolen, die bis zu den Irregeleiteten durchgedrungen sind und ihre Gehirne verwüsten.

Zu den Lobrednern des totalitären Hegel gehört Ulf Poschardt. Poschardts absurde Verherrlichung Hegels als Turbo des Fortschritts: das, werter Herr Bundespräsident, ist ein direkter Angriff ins Herz der Demokratie. Und wie beurteilen Sie sich selbst, Frank-Walter Steinmeier?

Fortsetzung folgt.