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Alles hat keine Zeit VIII

Alles hat keine Zeit VIII,

Dekadenz?

Woran ist das Römische Reich untergegangen? Woran wird das Heilige Reich westlicher Nation untergehen – und den unheiligen Rest der Welt mit sich reißen?

An Niedergang, Verfall?

Was verfiel? Die Macht? Die Tugenden? Die Gerechtigkeit des Staates? Die Intelligenz? Der Sinn des Lebens? Die Hoffnung? Die Vitalität? Die Familie als fürsorgliche Zelle? Wir haben die Kunst vergessen?

Nehmen wir an, wir wüssten, unsere Welt sei untergegangen. Mit knapper Not – und Elon Musks genialer Hilfe – wären wir auf dem Mars gelandet und wollten rückblickend der Geschichte der irdischen Menschheit gedenken.

Wie sähen wir den Untergang der Menschheit auf Erden? Welche schrecklichen Fehler waren ihr unterlaufen, dass sie in Hitze verglühen, in Trockenheit verdursten, in Mangel verhungern musste? Wie viele Menschen hatten sich selbst getötet, um den Qualen eines langsamen Dahinsiechens zu entgehen?

Würde die Handvoll Geretteter die Heilige Schrift der Erde beenden, um eine des Mars zu beginnen?

Das heilige Buch der Erde hatte mit den Worten geendet:

„Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie sein Werk ist. Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Selig sind, die … … ihre Kleider waschen, dass sie Zugang haben zum Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt. Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“

Würden die neuen Bewohner des Mars niederknien und die bevorstehende Ära des Heils mit dem Gelöbnis beginnen, nie mehr vom Schöpfer Himmels und des Mars abzufallen? Würden sie der Bibel der Erde eine Bibel des Mars folgen lassen?

„Und allerlei Bäume auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und allerlei Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und es war kein Mensch, der das Land baute. Aber ein Nebel ging auf von der Erde und feuchtete alles Land. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.“

War das die Kardinalsünde der irdischen Menschheit, dass sie sich die Erkenntnis des Guten und Bösen angeeignet hatte, indem sie sich dem Gebot des Höchsten widersetzte? Würden die Frauen des Mars zur Sprachlosigkeit verurteilt werden, damit sie das Erkenntnisverbot nicht noch mal mehr übertreten konnten?

Hatten die Männer den Fehler begangen, blind den neugierigen Frauen gefolgt zu sein, anstatt sie zurechtzuweisen? Hatten sie Frauen und Kindern nicht viel zu viel Freiheit eingeräumt, anstatt dem Heiligen des Evangelii zu folgen, der nach der Speisung der Viertausend und Fünftausend den Satz diktiert hatte:

„Die aber gegessen hatten, waren etwa 5000 Männer, ohne die Frauen und Kinder“.

Hatte Elon Musk überhaupt Frauen und Kinder in seiner Rakete zugelassen – oder setzte er auf intelligente Maschinen, die sich selbst fortzeugen konnten? Gab es den homo novus als überragendes technisches Wesen, das auf biologische Fortpflanzung und autonomen Geist verzichten konnte, weil es sich nicht den kleinsten Rest Unvernunft leisten wollte? Würde der Mars die Bühne des ganz neuen Menschen werden, der kein Mensch mehr war, sondern das technische Geschöpf des Menschen, das seinen Erfinder in allen Dingen überrunden würde, um ihn überflüssig zu machen?

Zuerst mussten die fundamentalen Fehler des Schöpfers vermieden werden, der seinem Geschöpf die Freiheit gelassen hatte, sich seinen Geboten zu widersetzen und mit dem eigenen Kopf zu denken.

Das war – aus heutiger Sicht nicht mehr zu verstehen – der Erkenntnisdrang der Frau gewesen. Die Denkfreiheit des Weibes, mit der sie das ganze Menschengeschlecht verseucht hatte, musste von Anfang an vermieden werden.

„Siehe, der Mensch ist worden wie unsereiner, dass er weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baume des Lebens breche und ewig lebe!“

Der Mensch wusste zwar, was Gut und Böse ist, doch das Gute tat er nicht, sondern das Böse. Das musste verhindert werden – durch eine höhere Freiheit als die Freiheit, gegen das Gute zu verstoßen. Es war, um mit einem deutschen Philosophen zu reden: die Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit.

Was der Mensch auf Erden unter Freiheit verstand, war die schmähliche Freiheit, seinem bösen Willen zu folgen. Diese minderwertige Freiheit war ein kolossaler Konstruktionsfehler des Schöpfers gewesen. Dieser Defekt musste auf dem Mars vermieden werden.

Zu dieser Aufgabe war Elon wie prädestiniert. Elon, auf Deutsch der Baum, hatte seinen Namen als Verpflichtung empfunden, vom Baum des Lebens zu brechen, um ewig zu leben. Dazu waren intelligente Maschinen ausersehen, die die Fähigkeit hätten, durch zeitlose Algorithmen den Tod zu überwinden. Die dea ex machina würde sich nicht nur ständig übertreffen, sondern sich selbstdenkende Sprösslinge aus den Rippen schneiden. Die neue Freiheit würde unbefleckte Vernunft gebären – als Herrscherin des Universums.

Elons selbstlernende Maschinen würden auch die Bibel II schreiben, die Heilige Schrift des Mars.

Am Anfang der Erde machte der Schöpfer den Fehler, seine Geschöpfe in falsche Freiheit zu entlassen. Diese Freiheit zum Bösen war die Erstursache des menschlichen Niedergangs. Der Neuanfang auf dem Mars musste diesen Anfängerfehler vermeiden und der alles überragenden IQ-Maschine die vollendete Freiheit einprogrammieren. Durch Vermeiden des Sündenfalls war eine mäandernde Heilsgeschichte, eine Apokalypse nicht mehr nötig.

Am Anfang der Erdgeschichte schuf Gott den fehlbaren Menschen, um in der Mitte der Zeit durch Erlösung des Irrwischs seinen Fehler wiedergutzumachen.

Am Anfang der Marsgeschichte schuf Elon die unfehlbare Maschine, die den Mars in ein Paradies verwandeln würde. Der Mensch würde sein eigener Schöpfer werden, sich selbst übertreffen, sich überflüssig machen und als Maschine ewig leben. Und siehe, die zweite Schöpfung überragte die erste, der Mensch setzte sich an die Stelle Gottes, den er erfunden hatte, um durch Glauben an sich selbst über sich hinauszugelangen.

Das war eine Verdoppelung des Menschen, um auf dem Rücken seiner Imagination sich selbst zu übertrumpfen – und den Weltraum Stück für Stück zu erobern. Elons Bibel wird die erste Bibel fortsetzen und übertreffen durch einen Algorithmus, aus dem die Stimme Gottes persönlich sprechen wird.

Das interessante Spiel aus illusionärer Frühvollendung, Enttäuschung des Misslungenen, Fall ins Bodenlose, Erlösung als Korrektur des Bösen und Rückkehr ins Vollendete konnte als Präludium dessen angesehen werden, was auf dem Mars unvorstellbare Triumphe im Universum erleben wird.

Die Zukunft liegt vor uns im Unendlichen. Lasst uns die Erde als irreparable Probierbühne betrachten, die wir abstoßen müssen, um unserer wahren Bestimmung in Vollendung entgegenzueilen.

Wo war die Dekadenz? Aus biblischer Sicht war sie die Hybris des Menschen, dem Gott gleich sein zu wollen, um ihn in den Schatten zu stellen.

Religion, die alle Sehnsüchte der Schwachen und Elenden befriedigte, eroberte die Politik der irdischen Machtgebilde, die es nicht weiterbrachten als zur Spaltung der Menschheit in Erfolgreiche und Versager. Wer hier nicht zu den Glücklichen und Starken gehörte, musste jede Hoffnung fahren lassen, ein gelungenes Leben zu führen.

In der griechischen Demokratie waren es die Starken, die die Gleichheit der Menschen und das politische Gleichgewicht der Kräfte nicht ertrugen – und das Wunder der Polis zerschlugen. Auch außenpolitisch verstieß sie allzu oft gegen ihre eigenen Prinzipien. Die Polis war noch keine Kosmopolis.

Im Hellenismus wurden die Menschen- und Völkerrechte proklamiert. Doch die Machtbesessenheit Alexanders ließ die volle Realisierung der stoischen Forderungen nicht zu.

Kam Rom. Ein Mischgebilde aus enthemmter Gewalt und humanen Idealen. Je länger es regierte, ohne sich grundsätzlich zu wandeln und alle besiegten Völker in Freiheit zu entlassen, umso gnadenloser entwickelte sich sein kapitalistisches Unrechtssystem. Riesigen Massen der Entrechteten und Mittellosen stand eine winzige Elite aus Superreichen gegenüber. Hier gab es keine Hoffnung mehr für die Entmachteten, die mit Brot und Spielen erniedrigt wurden.

Da erscholl der Ruf der Religion: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, Gott, was Gottes ist. Was war des Kaisers? Eine Zukunft, die sich selbst zerstörte. Was war Gottes? Der Sieg über Zeit und Ewigkeit, der Triumph über alle lächerlichen Potentaten auf Erden:

„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Und darüber hinaus. Die Kaiser wurden dekonstruiert, die Hoffnung auf die siegende Kirche überwand das Reich des Teufels auf Erden.

Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, war keine Formel der Toleranz, sondern die Herablassung der Himmlischen, die sich ihrer Allmacht absolut sicher waren: lasst sie noch ein wenig im Sandkasten Muskelmänner spielen und duldet ihre böse Macht. Nicht lange und Gott wird sie hinwegfegen.

Die Menschheit hatte schon die unterschiedlichsten Modelle des Zusammenlebens erprobt. Die Frauen hatten den Ackerbau, das friedliche Zusammenleben der Sippen und die Eintracht mit der Natur erfunden. Männer mit Minderwertigkeitsgefühlen ertrugen nicht die Fähigkeiten der Frauen, Kinder zu gebären und Probleme ohne Gewalt zu lösen.

Sie zerstörten die Gleichheit der Menschen und türmten sie übereinander zu Schichten einer pyramidalen Herrschaft. Ganz oben standen sie selbst, ließen sich von ihren Untertanen ernähren, um sie nach Belieben zu dirigieren. Das waren die Hierarchien: unten die Massen der Rechtlosen und Ausgebeuteten, oben die winzigen Eliten der Despoten. In der Mitte all jene, die nach unten traten und nach oben Bücklinge machten. Unter ihnen die Priester, die Klugen und Weisen, von deren Kompetenz die Oberherrscher lebten.

Hat sich bis heute etwas geändert? Scheinbar hat sich die Pyramide verflacht, demokratische Spielregeln suggerieren, jeder könnte bis an die Spitze aufsteigen, jeder könnte superreich und mächtig werden.

„Der Reichtum der wohlhabendsten Menschen der Erde vergrößert sich in derart atemberaubendem Tempo, dass sogar Experten staunen. Und trotz der Coronavirus-Pandemie, die global schwere Rezessionen auslöste: Sie wirkte bei den Top-Milliardären wie ein Turbo. „Der gesamte Reichtum des Oligarchen-Dutzends ist größer als die Wirtschaftsleistungen von Belgien und Österreich zusammen“.“ (BILD.de)

Über die immer schneller wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen spricht niemand. Jeden Monat die gleiche Meldung ohne Kommentar der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Der Kapitalismus wird als beste Wirtschaftsform der Geschichte gepriesen. Dabei kann sich jeder selbst ausrechnen, wie lange es noch dauern wird, bis die Superreichen aller Länder sich die Welt als Privateigentum einverleibt haben werden.

„Trump lässt sich gerade bei einem Parteitag feiern, der zwar offiziell von der Republikanischen Partei ausgerichtet wird, bei dem es aber um praktisch nichts anderes geht als um Donald Trump. Das sieht man gut an den Rednerlisten. Über vier Abende verteilt treten nicht weniger als sechs Familienangehörige von Trump auf, um dessen Lob und Preis zu singen. Der Präsident selbst, Trump Nr. 7, hat in aller Bescheidenheit beschlossen, gleich an allen vier Tagen eine Rede zu halten. Dass Trump als Person diesen Parteitag so dominiert, hat auch etwas damit zu tun, dass es in der Republikanischen Partei sonst nichts und niemanden mehr gibt – kein politisches Programm, keine ernsthaften Ideen, keine Prinzipien oder Ideale und schon gar kein Personal, das nicht von Trumps Gnade abhinge. Die Republikaner, gegründet 1854 und damit eine der ältesten Parteien der Welt, sind zu einem Personenkult geworden, der sich nur an einem Mann ausrichtet und nur einem Mann huldigt.“ (Sueddeutsche.de)

Einst vorbildliche Demokratien werden zu Nepotismen oder Familienunternehmen. Trump droht, keine Wahlniederlage zu akzeptieren. Schwarze Menschen werden täglich niedergeschossen. Die demokratischen Fassaden stürzen unter sich.

Die deutsche Kanzlerin spricht mit Jugendlichen über die Klimakatastrophe und verspricht Besserung ihrer nichtexistenten Reformpolitik. Was wird sie tun? Nichts.

Demokratische Regierungen stehen immer mehr unter der Regie der Wirtschaft und ihrer allgegenwärtigen Lobbyisten. Entweder ist die Politik zu träge oder zu inkompetent, um ihre Pflichten zu erfüllen. Unter ständigem Geschrei, der Staat werde immer dominanter, erobert die Wirtschaft die Lenkung der Gesellschaft:

„Das sind keine Fehlleistungen eines ansonsten vernünftigen Systems. Die gesamte Konstruktion ist krank. Institutionalisierter Lobbyismus höhlt die Demokratie aus. Man muss nicht gleich eine Diktatur der Konzerne anbrechen sehen, wie Foodwatch-Aktivist Bode. Aber je größer Unternehmen werden, desto größer ist ihr Erpressungspotenzial. Wenn Tesla irgendwo auf dem Globus eine Fabrik bauen will, rollt die Politik den roten Teppich aus – und wird so zum Diener. Das Grundproblem ist das Kompetenzgefälle zwischen Wirtschaft und Politik. Bei Themen wie künstlicher Intelligenz, Blockchain oder strukturierten Finanzprodukten sind Ministerien allein verloren.“ (SPIEGEL.de)

Weltreiche sterben auch durch unregelmäßig auftretende Seuchen – wie jetzt durch Corona. Die Reichen kommen immer am besten weg. Schon längst weiß die Wissenschaft von diesen Gefahren. Doch sie hält es nicht für nötig, Alarm zu schlagen, so wenig wie Regierungen es nötig haben, sich diese Erkenntnisse zunutze zu machen und permanente Vorsorge zu betreiben. Man lässt sich überraschen, um seine Unschuld zu demonstrieren: ach, die Welt ist so komplex und undurchschaubar:

„Wenn sie in hervorragenden Umständen lebten, starben die meisten Menschen der Antike an Infektionskrankheiten wie Typhus, Malaria oder Tuberkulose. In den späten 160er-Jahren aber trat eine neue Seuche auf. Es war die erste Pandemie, also eine Epidemie, die auf mehreren Kontinenten wütet – die Antoninische Pest, benannt nach dem Geschlecht des Kaisers Mark Aurel.“ (ZEIT.de)

Wie steht es mit der Wissenschaft, die ihre Elfenbeintürme rings um den Globus errichtet hat?

Der führende Virologe der USA zeigt eine stupende Fähigkeit, die Qualität von Politikern einzuschätzen, obgleich er sich als politischen Privatmann – oder Idioten – bezeichnet:

„Im Ernst, der Präsident ist ein kluger Mensch, er versteht die Dinge. Er hat seine eigenen Vorstellungen davon, drückt sie anders aus, aber er ist ein ziemlich kluger Kerl. Einer der Gründe, warum es mir möglich war, sechs Präsidenten der Vereinigten Staaten bis zurück zu Ronald Reagan effektiv und erfolgreich zu beraten, ist, dass ich völlig unpolitisch bin. Ich bin Wissenschaftler. Ich bin Mediziner. Ich bin ein Experte des öffentlichen Gesundheitswesens. Ich folge keiner Ideologie, und ganz gewiss sage ich auch nichts, was in eine solche Richtung ginge. Und ich mische mich nie und nimmer in die Politik ein. Sobald Sie das tun, können Sie Ihre Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler und als Leiter eines nationalen Forschungszentrums vergessen! Und so konnte ich im Umgang mit allen sechs Präsidenten, denen ich gedient habe, stets neutral bleiben.“ (SPIEGEL.de)

Das ist der offensichtliche Ruin der Wissenschaft, die nicht daran denkt, sich als Teil der Demokratie zu definieren. Ohnehin war es nur ein Bruchteil der Wissenschaftler, die vor der Klimakatastrophe warnten. Würde die ganze globale Wissenschaft geballt auf die Straßen gehen, um mit Streik zu drohen, wäre das Problem schon vor 50 Jahren gelöst worden. Doch nein, sie fühlen sich als Hohepriester der Erkenntnis, die ihre Logenplätze nutzen, um ins Volk herniederzuschauen und sich ihre abschätzigen Urteile über den Pöbel bestätigen zu lassen.

In Wirklichkeit sind sie keine unabhängigen Selbstbestimmer, sondern buckeln vor Militär, Wirtschaft und Potentaten, um ihre sündhaft teuren Spielzeuge entwickeln zu können. Was immer sie an phänomenalen (oder weniger phänomenalen) Entdeckungen zu bieten haben: die Entdeckungen müssen in Maschinen mit unbekanntem Gefahrenpotenzial verwandelt werden. Sollen sich doch die Politiker mit ihren Höllenmaschinen herumärgern. Das geht sie nichts mehr an.

Dem Volk wird diese Abhängigkeit von den Schmankerln der Wissenschaft als Fortschritt, als Gesetz der Geschichte präsentiert – dem sich niemand verweigern dürfe.

Man stelle sich vor, die gerechte Unterstützung der Arbeitslosen, der alleinstehenden Mütter, Pflegekräfte und sonstigen Retter der Gesellschaft würde man als „Gesetz der Geschichte“ propagieren, dem sich keine Gesellschaft widersetzen dürfe: was dann?

Woran sterben Gesellschaften, woran verdirbt die Menschheit? Historische Beispiele wie der Untergang des Römischen Reiches werden von Experten als Lehrstücke abgelehnt:

„Die angebliche „Dekadenz“ war nach Ansicht der allermeisten heutigen Forscher kein entscheidender Faktor, wenngleich es durchaus Quellenaussagen gibt, die den (angeblichen oder tatsächlichen) „Sittenverfall“ der Oberschicht beklagen – denn derartige Klagen gab es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften.“ (Wiki)

Wir sprechen von Historismus. Historismus ist die empörte Absage der Historiker, Erkenntnisse ihrer Disziplin zur Lösung aktueller Probleme zu nutzen, um permanente Vorsorge zu betreiben. Warum? Weil es keine vergleichbaren Erkenntnisse gäbe. Jede Epoche sei unvergleichlich und dürfe zu überzeitigen Zwecken nicht missbraucht werden.

Schon gar nicht könnten moralische Schlussfolgerungen benutzt werden, um aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Eine überzeitliche Moral gebe es nicht. Die Vergangenheit dürfe nicht benutzt werden, um die Gegenwart zu moralisieren.

Nicht nur Menschen seien unvergleichlich, alle Momente der Geschichte seien nur anhand ihrer eigenen Werte zu beurteilen. Versteht sich, dass der Historismus zum Relativismus und zur Leugnung einer objektiven Wahrheit führte. Historismus und Relativismus waren die Urquellen der Postmoderne.

Besonders die Deutschen stürzten sich in den Historismus, um sich die Ansprüche eines überzeitlichen Naturrechts vom Leibe zu halten. Das Naturrecht war die humanistische Moral der Aufklärer, die sie bei den alten Griechen gelernt hatten.

Der Historismus der Deutschen begann in der Sturm und Drang-Zeit, prägte die Romantik, den Hegel‘schen Weltgeist, Bismarcks Machiavellismus, Nietzsches Willen zur Macht – bis zur „Moral“ der Nationalsozialisten, die ihre Verbrechen als ihre individuelle Moral definierten. Da es keine universellen Werte gebe, könne keine Nation der anderen ihre ethischen Begriffe vorschreiben. Die Nazis hatten sogar eigene Gerichte zur Bestrafung ihrer KZ-Schergen, wenn sie gegen die „Moral“ ihrer Vernichtungspolitik verstoßen hatten.

Mit diesem radikalen Historismus und nationalen Individualismus isolierten sich die Deutschen von der westlichen Entwicklung zu allgemeinen Menschenrechten. Wir reden von der Deutschen Bewegung.

Nicht schwer zu verstehen, warum die Deutschen in allen Dingen ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Die Aufklärung hatte universelle Maßstäbe entwickelt, denen keine Nation des Abendlandes standhalten konnte. Voltaires Bewertungen der christlichen Historie waren vernichtend.

Europa, erfüllt vom Lärm permanenter Religionskriege, Hexenprozesse, Inquisitionen und Ketzerhinrichtungen, hatte in moralischen Glanzleistungen nichts zu bieten. Die Aufklärer, besonders die französischen, machten kein Hehl aus ihrem Abscheu. Écrasez l’infâme: zermalmt die infame Kirche, war der Schlachtruf Voltaires. In Deutschland ging es gemäßigter zu, doch die Macht unfehlbarer Kirchen war auch hier vorbei.

Die Deutschen, ohne politisches Profil, stolz auf ihren Magister Luther, ertrugen nicht die scharfe Kritik der Franzosen. In der Aufklärung hatten sie sich von den Kanzelpredigten ihrer Pastoren gelöst – um aus dem Regen in die Traufe der scharfen Aufklärungskritik zu geraten. Das war zu viel.

Stürmer und Dränger waren die ersten, die sich in wilde Anarchie stürzten, um sich alle Moralpredigten vom Leibe zu halten. Ob christliche oder vernunftgeleitete. Romantiker übernahmen die aggressive Ablehnung der Vernunftmoral – um stante pede zurückzukehren in die weit geöffneten Arme vor allem der katholischen Kirche. Das waren wilde Reaktionsbewegungen, um sich gegen die Ansprüche der Vernunft zu schützen, indem man sich monadenhaft gegen andere abkapselt und die eigene moralische Inkompetenz als Genius individueller Unvergleichlichkeit feiert.

Dekadenz ist Verfall bestimmter Werte, mit denen man hausieren geht, ohne sie zu realisieren und mit Leben zu erfüllen. Sofern Deutschland sich auf Werte der Aufklärung beruft, ist das Land ein Volk der Trickser und Täuscher. Eine Kanzlerin, die ständig gegen ihre eigenen Werte verstößt, vom Wahlvolk aber auf Händen getragen wird, hat mit Vernunftpolitik nichts mehr zu tun.

Deutsche Politik ist zur Weihrauchmesse mit goldener Madonna verkommen.

Fortsetzung folgt.