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Alles hat keine Zeit VII

Alles hat keine Zeit VII,

Deutschland, Mutterland. In der Welt regiert die kalte Vernunft, zu Hause die mütterliche Sprache des Herzens:

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

„Warum sind unsere deutschen Trainer heute so viel besser? Sie sind alle gut ausgebildet. Abitur, Germanistikstudium, Studium der Sportwissenschaften, BWL. Klopp spricht fließend englisch, Tuchel spricht fließend französisch. Flick spricht fließend die Sprache des Herzens. Ich mag diese Champions League. Ich freue mich, dass unsere deutschen Trainer so erfolgreich sind.“ (BILD.de)

Deutsche sprechen alle Sprachen der Welt, doch die beste bleibt die deutsche Sprache des Herzens. Warum sind die Deutschen so tüchtig? Weil sie sich alles Wissen der Welt angeeignet, ihre innige Herzensbildung aber nie vergessen haben.

Sie sind Naturwissenschaftler und Intellektuelle, Autobauer und Ökonomen – und bleiben doch immer verbunden mit … … dem Gemüt ihrer Mutter – die sie anfänglich verachteten, weil sie das Heimchen am Herd spielte. Inzwischen hat sie die Welt erobert und führt die Männer hinter sich her. Eine bewundernswerte Tat der Mutter, die sich wie selbstverständlich in der Welt der Männer bewegt und sich dennoch gleich geblieben ist.

Die gleisnerische Sprache der Männer lehnt sie ab, sie spricht die einfache Sprache des Gemüts. Ihre Innigkeit ist der wirksamste Kontrast zur Welt der starken Männer, ihre schlichte Demut hat die Deutschen bezaubert und die Welt in Erstaunen versetzt. Wenn Deutschland eine solche Frau hervorbringen kann, kann es nicht schlecht bestellt sein um die deutschen Wälder und Auen.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Sterben wird sie so schnell nicht, aber abtreten und die Deutschen sich selbst überlassen. Wie kann sie nur so grausam und kaltherzig sein und sich hinter den mecklenburgischen Seen verkriechen – wenn Deutschland darbt? Ein Widerspruch?

Widersprüche gibt’s in der deutschen Seele nicht. Wenn Gegensätze sich wichtig tun, werden sie in Liebe miteinander verkuppelt. In Gottes Welt kann es keine unlösbaren Konflikte geben. Alles ist versöhnbar, alles kompromissfähig. Gott ist Herr seines Widersachers, daran lässt er keinen Zweifel.

Sie fahren in die weite Welt, bewundern die Schönheiten der Fremde und kehren zurück voller Sehnsucht nach dem Heimischen. Sie waren gefangen von der Schönheit und Weisheit der griechischen Heiden und kehrten zurück zu ihrem Erlöser, dessen Weisheit alle Torheit der Heiden niederschlägt.

Weil Deutschland die Sprache des Herzens spricht, hat es die Welt überwunden.

Kameraden, fremde Welten
Wachen nachts bei unsern Zelten,
Wenn die Feuer tiefgebrannt.
Kameraden, fremde Welten
Singen leis‘ von unserm Land.
Kameraden, fremde Welten
Singen leis‘ von unserm Land.

Ist die Welt durchdrungen vom Gesang der Deutschen, wird das vergrämte Gesicht der Mutter aufleuchten.

Nicht zum ersten Mal, dass der „schmähliche Verfall von Europa“ das Abendland bedrohte. Doch gottlob, in der Mitte Europas wohnten die „Starken, Reinen und Guten“, deren „heiliger Bund“ die „Völker befreien und die Welt beruhigen kann“.

„Das eigentliche Werk der Befreiung muss auf Deutschem Boden geschehen. Von hier muss die Wiederherstellung ausgehen, so wie hier die Zerrüttung entschieden, das Verderben zur Vollendung gebracht ward. Europa ist durch Deutschland gefallen; durch Deutschland muss es wieder emporsteigen.“ (Friedrich Gentz, deutscher Romantiker, Berater von Fürst Metternich)

Warum sind die Deutschen zur Rettung Europas und der Welt prädestiniert? Weil sie das Verderben zur Vollendung brachten. Wer satanische Kompetenz bewiesen hat, der besitzt auch die Lizenz zur Erlösung. Nicht Oberammergau ist die Stätte des Karfreitagsgeschehens mit Kreuzigung, Tod und Auferstehung, sondern die zum Individuum gewordene Nation.

Deutschland ist – seit Hegel und der Romantik – nicht mehr das zufällige Beieinander vieler Menschen, die sich durch einen rationalen Vertrag, zumeist unter der Ägide einer mächtigen Obrigkeit, zusammenraufen müssen, um den Naturzustand zu überwinden: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Durch den Willen des Weltgeistes verschmolz Deutschland zur Einheit (später wird man diese Einheit eine völkische Gemeinschaft nennen), die den Auftrag hatte, den Ruf des Himmels zu vernehmen. Wie Gott den Einzelnen bei Namen ruft, um ihn zu seinem Werkzeug zu erheben, so ruft er seine auserwählte Nation.

Einst waren das die Kinder Israels, jetzt sind es die Kinder Luthers. Auch hier eine Parallele zwischen Deutschland und Amerika: beide fühlten sich als alleinige legitime Erben des jüdischen Volkes. Was Amerika als Vorteil sah: die Entdeckung des neuen Kontinents als zweiter Garten Eden und Vorwegnahme des neuen Himmels und einer neuen Erde, war für Deutschland die Mission, als prädestinierte Nation Europas die Welt zu erlösen. Was für Amerika Kapitalismus, militärische und technische Macht waren, war für Deutschland – die Philosophie. Hegel ließ den Weltgeist in Berlin als Endstation landen, die Rolle Amerikas ließ er unterbelichtet.

Der folgende Text aus der Zeit der Romantik beleuchtet die Rolle des alle Nationen überflügelnden Deutschlands:

„Die deutsche Nation ist, vermöge ihrer Bevölkerung, die beynahe die Hälfte von Europa ausmacht, durch ihre Lage im Mittelpunkte Europens, und noch mehr durch ihren edeln und großmütigen Charakter bestimmt, die erste Rolle in Europa zu spielen, sobald sie unter einer freyen Regierung in einen einzigen Körper vereint seyn wird. Wenn die Zeit gekommen seyn wird, wo die englisch-französische Gesellschaft durch den Zutritt Deutschlands sich vergrößert, wo man ein allen drey Nationen gemeinschaftliches Parlement errichtet, dann wird der Wiederaufbau der übrigen europäischen Staaten schneller und leichter von Statten gehen, denn diejenigen Deutschen, welche man berufen wird, an der gemeinschaftlichen Regierung Theil zu nehmen, werden in ihre Meinungen jene Reinheit der Moral, jenen Seelenadel übertragen, der sie auszeichnet, und durch die Macht des Beyspiels werden sie die Engländer und die Franzosen zu sich erheben, die ihres Handelsverkehrs wegen mehr an ihre eigne Person denken, und sich nicht so leicht von ihrem Privatinteresse losmachen können, dann werden die Prinzipe des Parlements freysinniger, ihre Arbeiten uneigennütziger.“

Das sollten wir uns klar machen: am Projekt Europa arbeiten wir schon länger als 200 Jahre. Schon damals begann – zugleich mit der Vision eines gemeinsamen „Parlements“ – die entgegengesetzte Entwicklung einer unterschiedlichen nationalen Moral. Die europäische Aufklärung war sich sicher, eine gemeinsame Vernunft-Moral zu besitzen. Doch gegenüber dem englischen Frühkapitalismus und den Gewaltexzessen der Französischen Revolution glaubten die Deutschen, einen historischen Moment lang, die Reinsten und Edelsten zu sein. Da sie aber noch keine Nation waren, beschränkten sich ihre Selbstdarstellungen auf philosophische und dichterische Luftgebilde.

Schiller, einst glühender Anhänger der Französischen Revolution, verlegte, mangels Politik, die Moral auf die Bühne und machte sie zum Gegenstand der Kunst. Der Kunst gefiel das gar nicht. Innerhalb kürzester Zeit warf sie die moralischen Fesseln ab und ermächtigte sich, zum schauerlichen Vergnügen ihres spießigen Publikums beizutragen durch Darstellung aller Frivolitäten, Verbrechen und sittlichen Ungeheuerlichkeiten. Ursprünglich diente die Anarchie der Kunst durch Bebilderung des Grauens zur Ertüchtigung der Moral. Sehet, liebe Kinder, werdet nicht wie die ruchlosen Gestalten auf der Bühne. Lasset euch abschrecken durch die pralle Darstellung des Bösen. Die Bühne hatte eine ähnliche Funktion wie die heutigen Konsolenspiele oder literarischen Gruseldarstellungen. Das Beispiel des Bösen sollte zum Guten animieren.

Das wäre sinnvoll gewesen, wenn das Publikum seine paradoxen Erkenntnisse in Realität hätte umsetzen können. In welche Realität? Inzwischen waren die zersplitterten deutschen Lande dabei, sich aufeinander zuzubewegen und zu einer Einheitsnation zu werden. Da war kein Raum mehr für idealistische Träumereien. Die Realpolitik Bismarcks stand vor der Tür und forderte Einlass mit der Brechstange.

Realpolitik war der Einfluss Machiavellis auf die bis dahin hochmoralische Nation. Es kam zur Spaltung der Ethik: auf der einen Seite das moralische Wohlverhalten auf privater Ebene, auf der anderen die bedenkenlose Amoral jenes Italieners, dem Friedrich der Große ursprünglich Widerpart geboten hatte, bis er selbst als Kriegstreiber und Absolutist seine Feinde malträtierte und seine Untertanen peinigte. Seine damals eingeführte staatliche Pflichtschule als Kaserne für Kinder haben wir heute noch an der Backe.

Aufstehen! Setzen! Schreiben! Hefte einsammeln! Wer will eine Kopfnuss? Damals wurde die Pubertät als Bruch mit der unschuldigen Kindheit eingeführt. Das war nicht die Entdeckung der eigenen Sexualität, das war die Erfindung der Doppelmoral: was bisher als moralische Regel galt, wird ab jetzt ungültig. Wenn ihr erwachsen werden wollt, müsst ihr die Moral eurer Kindheit in den Schornstein schreiben.

Realpolitik war das Ende der Moral in der Politik und die klaftertiefe Spaltung der Nation in „Anstand versteht sich von selbst – im Privaten“ und in Hohn auf jede Moral beim Verfolgung politischer Interessen.

Vor dieser Spaltung gab es noch glühende Visionen friedlich vereinigter europäischer Staaten.

„Es kommt zweifelsohne eine Zeit, wo alle Völker Europens fühlen werden, dass die Punkte des allgemeinen Interesses geordnet werden müssen, bevor man zu dem besonderen Interesse jeder Nation übergeht, dann wird das Elend anfangen, sich zu vermindern, die Unruhen werden sich besänftigen, die Kriege erlöschen; das ist das Ziel, wonach wir unaufhörlich streben, dahin treibt uns die Richtung des menschlichen Geistes! Das goldene Zeitalter ist nicht hinter uns, es ist vor uns, in der Vollkommenheit der gesellschaftlichen Ordnung; unsere Väter haben es nicht gesehen, unsere Nachkommen werden einst dazu gelangen; uns kommt es zu, ihnen den Weg zu bahnen.“

Die Romantiker setzten sich ab von der Moral der „kalten“ Vernunft und regredierten ins mittelalterliche Europa, als das Heilige Römische Reich deutscher Nation den Kontinent beherrschte.

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte. – Eine zahlreiche Zunft zu der jedermann den Zutritt hatte, stand unmittelbar unter demselben und vollführte seine Winke und strebte mit Eifer seine wohltätige Macht zu befestigen. Jedes Glied dieser Gesellschaft wurde allenthalben geehrt, und wenn die gemeinen Leute Trost oder Hülfe, Schutz oder Rat bei ihm suchten, und gerne dafür seine mannigfaltigen Bedürfnisse reichlich versorgten, so fand es auch bei den Mächtigeren Schutz, Ansehn und Gehör, und alle pflegten diese auserwählten, mit wunderbaren Kräften ausgerüsteten Männer, wie Kinder des Himmels, deren Gegenwart und Zuneigung mannigfachen Segen verbreitete. Kindliches Zutrauen knüpfte die Menschen an ihre Verkündigungen.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Der junge Schlegel plante ein Organ, dessen Beiträge die religiöse Neugeburt Europas dokumentiert.

„Europa ist also letztlich als ein Eschaton (endzeitliches Geschehen) zu verstehen, als eine geschichtsphilosophische Idee, mit der ein erstrebter Kulminationspunkt der Menschheit bezeichnet werden soll. Mit der Religion ist es uns keineswegs Scherz, sondern der bitterste Ernst, dass es an der Zeit ist, eine zu stiften. Das ist der Zweck aller Zwecke und der Mittelpunkt.“

Was, noch heute, politische Mitte bedeutet, erklärte Adam Müller, einer der Vordenker der Romantik:

„Wohlan, so drängt alles zurück in die lange versäumte Mitte, in den Mittelpunkt der Familie, des Staates, der Menschheit, der Weltgeschichte, demnach zu – Christus. Christus, dieser eine im Mittelpunkt der Weltgeschichte stehende Mittler, ist der einzige wahre Universalmonarch.“ (Alle Zitate in „Europa, Analysen und Visionen der Romantiker, herausgegeben von P. M. Lützler)

In seinen „Englischen Fragmenten“ bezieht Heine die präzise Gegenposition. Von einer Glorifizierung des Papstes und der Kirche will Heine nichts wissen. Er spricht vom „Großpfaffen von Rom“, der die „Geister gekerkert“ habe. Das wird man dem Juden Heine im aufkommenden Antisemitismus der 70er Jahre verübeln: Juden sind Feinde der deutschen und christlichen Glorie. Antisemitismus ist Kampf gegen die Juden, um deren primäre Auserwähltheit für sich zu reklamieren. Die Nationalsozialisten wollten dieses Problem ein für allemal durch Auslöschen der Juden lösen.

Solange der christliche Westen sich unter das apokalyptische Diktat der Heilsgeschichte duckt, wird dieses Problem nicht verschwinden. Im Gegenteil: je näher die Fundamentalisten das Ende sich nähern sehen, umso gefährlicher wird es wieder für die Juden.

Das gegenwärtig seichte Geschwätz um Antisemitismus vermeidet religiöse Fragen wie der Teufel das Weihwasser. Trumps gespaltene Beziehung zu den Juden verschärft das momentane Aufkommen des Antisemitismus in Amerika. Die Medien verschweigen das Problem und machen sich mitschuldig.

Wie ist das parallele Aufkommen einer religiösen Stimmung und einer – völlig konträr scheinenden – machiavellistischen Amoral zu erklären?

Beide Moralen sind amoralistisch. Machiavelli sagt es frank und frei, das Christentum sagt es antinomisch: Gutes und Böses ist gleichermaßen Gottes Willen.

„Das Böse erstritt sich einen Platz neben dem Guten, wo es nun auch als ein Gut, wenigstens als ein unentbehrliches Mittel zur Erhaltung eines Gutes sich geberdete. Die durch die christliche Ethik scheinbar gebändigten Mächte der Sünde erfochten einen grundsätzlichen Teilsieg, der Teufel drang in Gottes Reich ein.“ (Meinecke, Die Idee der Staatsraison)

Der Begriff Staatsraison ist heute verschollen. Er wäre notwendig, um die bigotte Politik der Deutschen unter ihrer bigotten Kanzlerin zu erklären. Stopp, sie ist ja nicht bigott: aus ihrem christlichen Glauben macht sie kein Hehl, auch wenn sie sich in Sanftmut übt.

Jeder Deutsche könnte es wissen. Doch alle Experten und Beobachter bevorzugen die selbstgewählte Borniertheit. Die Deutschen wissen nicht, welche Politik in ihrem messianischen Land exekutiert wird. Das bisherige Wohlgefühl glaubte sich mit Wirtschaftszahlen erklären zu können. Geht’s noch hirnrissiger?

Gegenwärtig ereignet sich ein Bruch, ein Umkippen vom messianischen Hochgefühl in apokalyptischen Schrecken – den man mit allen Mitteln verdrängen muss. Die Corona-Hysterie ist eine verdrängte, sekundäre Klima-Hysterie.

Anhand einer Industrie, die sich nicht nur Mund und Nase, sondern das Großhirn eingehüllt hat, zeigt Stöcker die Verbohrtheit der Deutschen in der Klimagefahr:

„Die deutsche Industrie will also auf dem Weg, den die ganze Welt zwangsläufig gehen muss, wenn der Planet bewohnbar bleiben soll, lieber nicht zu weit vorangehen. Lieber mit obsoleter Technik noch ein paar Quartale lang Umsätze machen. … Die Welt muss sich aber nicht nur verändern, sie wird es auch tun, zwangsläufig. Die deutsche Industrie möchte dabei aber offenbar lieber erst mal nicht mitmachen. Wie ein Pilot, der mit Loch im Tank lieber weiterfliegt, als endlich den Kurs zu ändern.“ (SPIEGEL.de)

Warum sind die Deutschen zur wirklichen Realpolitik nicht fähig? Warum können sie die Dinge nicht sehen, wie sie sind? Weil sie noch immer in spätromantischer Selbstvernebelung durch die Welt wanken. Aus ihren messianischen Träumen wollen sie nicht wachgerüttelt werden. Es wiederholt sich die Realitätsverleugnung wie beim Selbstmord ihres Führers, des Sohnes der Vorsehung. Narkotisiert machten sie weiter, als wäre nichts geschehen.

Gelegentlich erschallt der Ruf nach einer deutschen Realpolitik, um sich in der immer schärfer werdenden Konfrontation zwischen China und Amerika eine unabhängige Position zu sichern. Gemeint ist die Wiederaufrüstung der Bundeswehr und eine Stärkung der NATO.

Sollten China und Amerika tatsächlich einen globalen Atomkrieg beginnen, um die Führungsposition in der Welt zu bestimmen, wäre Europa chancenlos. Es gibt nur eine Chance, der Gefahr eines globalen Selbstmordes zu entgehen, und das wäre: eine rigorose Friedens- und Menschenrechtspolitik, die nach allen Seiten frank und frei ihre Meinung verkündet.

Doch was geschieht? Deutsche und europäische Eliten denken nicht daran, durch klare Stellungnahmen ihre wirtschaftlichen Gier-Interessen zu gefährden. Von sofortigen Maßnahmen zur Umkehr in der Klimafrage gar nicht zu reden. Eine Weltgefahr wird verleugnet, indem die andere negiert wird. Es ist wie bei jenem Selbstmordkandidaten, der sich nicht entscheiden konnte, ob er sich durch Gift oder mit der Pistole umbringen sollte. Und wenn er nicht gestorben ist, zweifelt er noch heute – bis der Herr kommt und ihn persönlich in seine Wohnungen einlädt.

Was geschah, als zeitgleich mit den Romantikern der Weltgeistphilosoph Hegel seinen italienischen Heros Machiavelli zum Inbegriff einer neuen Politmoral der Deutschen kürte?

„Hegel begriff den Staat als „individuelle Totalität“, die sich nach ihrem eigenen und besonderen Lebensgesetz entfaltet und damit alle Hindernisse ihrer Entfaltung rücksichtslos beiseite schieben durfte, damit auch die allgemeinen Moralgesetze. Damit handelte er, wie seine eigenen Worte bezeugen, nicht unmoralisch, sondern im Sinn einer höheren, über der allgemeinen und gewöhnlichen Moralität stehenden Sittlichkeit. Der Staat hat sich nach seinem eigenen Interesse zu richten, nicht nach allgemeinen Moralgeboten.“ (Meinecke)

Damit war etwas Entscheidendes und Verhängnisvolles in Deutschland und Europa geschehen.

„Es war die vielleicht größte Revolution des Denkens, die das Abendland erlebte. Der bisher herrschende Glaube an die Allgemeingültigkeit der Vernunft und ihrer Forderungen wurde erschüttert. Es war ein Bruch mit den alten Traditionen des stoischen Naturrechts, der Allgemeinheit und Gleichheit der Vernunft und ihrer Ideale.“ (Meinecke)

Dieses Jahr ist ein Jubiläumsjahr Hegels. Überall sind Hymnen auf den Schwaben zu lesen. Hegel sei der Philosoph der Freiheit und der Vernunft gewesen. Auch die Marxisten stimmen mit ein, um ihren materiellen Heros in gleicher Weise zum Inbegriff der Vernunft und Humanität zu erheben.

Die vom deutschen Genius Berauschten erkennen nicht, dass Hegels Vernunft und Freiheit keine Werte der Aufklärung waren, sondern widerrechtlich angeeignete Werte im Dienst des antinomischen Weltgeistes, somit der Rechtfertigung des absoluten Grauens dienten.

Was im Dritten Reich geschah, war der eschatologische Triumph des Weltgeistes. NS-Schergen fühlten sich als Inbegriff der Hegel‘schen Geschichtsmoral, die Menschen wie rechtlose Marionetten an den Galgen führte.

„Der deutsche Machtstaatsgedanke, dessen Geschichte mit Hegel begann, sollte in Hitler eine ärgste und verhängnisvollste Steigerung und Ausbeutung erfahren.“ (Meinecke, Die deutsche Katastrophe)

Die deutsche Stimme des Herzens hat ihre Vergangenheit nicht bewältigt, sondern verklärt und aller Kritik enthoben.

Fortsetzung folgt.