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Alles hat keine Zeit VI

Alles hat keine Zeit VI,

Hurra, wir sind keine schwäbischen Hausfrauen mehr: wir leben auf Pump.

„Am 22. August sind alle erneuerbaren Ressourcen verbraucht, die auf der Erde in diesem Jahr zur Verfügung stehen.“ (SPIEGEL.de)

Ohne Corona wäre der Erdüberlastungstag schon am 22. Juli gewesen. Der Virus hat uns einen ganzen Monat Natur-Schonung beschert. Wie viele Epidemien bräuchten wir, um die Erdüberlastung an den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben?

September, Oktober, November, Dezember: tückische Wildnis, schicke uns vier Coronas – und wir werden dich nie mehr ausrauben. Wir begnügen uns mit deinem Überfluss, den du jährlich hervorbringst, um uns zu ernähren. Du lässt so Vieles und Kostbares wachsen, dass wir Erdenkinder gut davon leben könnten – wenn wir unsere Bedürfnisse nicht entarten ließen.

Wir aber sind unersättlich und müssen dir zeigen, dass deine Produktionskünste unsere Fressgier nicht stillen kann. Gib endlich zu, dass wir dir überlegen sind. Du kannst uns noch so viel auf den Esstisch schwemmen: unseren endlosen Schlund wirst du nie füllen.

Du hättest gern, dass wir deine Kinder sind und du stolz sein kannst auf liebenswürdige Wesen, mit denen du in Einklang leben kannst.

Mutter Natur, da müssen wir dich enttäuschen. Wir sind Kinder eines Vaters, der deine Macht unendlich übertrifft, ja, dich selbst aus Nichts geschaffen hat. Scheinbar sind wir deine Kinder. Tatsächlich sind wir Geschöpfe eines fernen allmächtigen Vaters, dem … … auch du dein Leben verdankst.

Er hat uns bei dir ausgesetzt, dass wir uns in der Fremde – unter harten Bedingungen – bewähren können. Dann wird er zur großen Prüfung schreiten. Wer Ihm die innere Treue gehalten hat, den wird Er auserwählen, dass er in Triumph zu Ihm nach Hause zurückkehren kann. Wer übergelaufen ist zu deinen Verführungskünsten, der wird die Quittung erhalten.

Das gefällt dir nicht, wir wissen es, du scheinst traurig zu sein, wenn wir dich daran erinnern. Bist du so verbittert, dass du unsere väterliche Herkunft gleich mit Naturkatastrophen bestrafen musst?

Je lebensfeindlicher deine Natur wird, je mehr glauben wir, dass dir unsere vornehme, fremde Herkunft unerträglich wurde. Du willst nicht nur die Leihmutter spielen, die sich mit dem Erziehen der Kinder plagt, bis der Vater am Ende alles kassieren wird, ein Vater, den du nicht kennst und nicht kennen willst. Du verleugnest ihn. Klug ist das nicht, dein Schöpfer wird dich dafür bestrafen.

Solange der Mensch im Fleische wandelt, darf er nicht dem Trug seiner Sinne, sondern muss dem Glauben an etwas folgen, das höher ist denn alle Vernunft.

Gesteh, Natur, dass du unseren Bedürfnissen nicht gerecht wirst, nicht gerecht werden kannst. Denn die sind unbegrenzt, du aber bist in allen Dingen begrenzt. Der grenzenlose Vater hat uns unbegrenzte Bedürfnisse mitgegeben, dass wir in engen Grenzen Seiner nicht vergessen. Unser Hunger nach unbegrenzter Ausdehnung, Genialität und Macht soll uns immer an das väterliche Erbe gemahnen.

Schau selbst, Natur: schon versiegen deine Quellen, vertrocknet dein Ackerland, sterben viele Tiere und Pflanzen. Wir wachsen dir über den Kopf, du wirst unseren Ansprüchen nicht mehr gerecht. Dabei tun wir alles, um deine Rohstoffe durch Kultur zu ersetzen. Doch es hilft nichts, du bist das Alte, das durch Neues ersetzt werden muss.

Auch uns tut das weh. Gelegentlich haben wir uns bei dir so wohl gefühlt, dass unsere einfühlsamsten Dichter dich besungen haben:

Hörst du nicht die Bäume rauschen
Draußen durch die stille Rund‘?
Lockt’s dich nicht, hinabzulauschen
Von dem Söller in den Grund,
Wo die vielen Bäche gehen
Wunderbar im Mondenschein
Und die stillen Schlösser sehen
In den Fluß vom hohen Stein?

„Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte. Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.“

Dass alles neu wird, das war einmal. Natur, du tanzt nicht mehr, deine Zyklen zerfallen und werden unfähig, sich zu erneuern. Natur, du wirst alt und verbraucht. Das Neue, von uns Menschen erdacht, ist nicht das Alte, das dich erfreut. Es ersetzt das Alte, macht es überflüssig. Deine Tage, die Tage des Alten, sind gezählt.

Deine Zyklen werden immer poröser und sterben ab. Was kommt, ist die Linie, die nicht zurückschaut, alles Alte vernichtet und sich täglich neu erfindet. Unsere Zukunft ist das Neue, das Alte ist vergangen.

Die Welt ähnelt immer mehr den Städten Sodom und Gomorrha, die der Vater bestrafte:

„Der Herr ließ auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs.
Als Lots Frau zurückblickte, wurde sie zu einer Salzsäule.“

Wieder die neugierige Frau, die sich dem Gesetz des Vaters widersetzt und zurückschaut, um zu wissen, was geschah. Sie will den Zyklus retten und kann nicht verstehen, dass die phallische Linie den weiblichen Zyklus besiegt hat. Wer das Vergangene nicht erinnern darf und zwanghaft nach vorne schauen muss, der hat den Naturzyklen das Kreuz gebrochen.

„Frage nicht: wie kommt es, dass die früheren Zeiten besser waren als die jetzigen? Das wäre keine weise Frage.“

Alles, was auf Feldern wuchs, wurde vernichtet. Dem Ackerbau, einer Erfindung der Frau in Eintracht mit der Natur, wurde die Axt an die Wurzel gelegt.

Eine Natur, die den Bedürfnissen des göttlichen Mannes nicht just in time zur Verfügung steht, ist des Todes.

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen.“

Natur hat unermüdlich den Bedürfnissen der Menschheit zu dienen. Tut sie es nicht, hat sie versagt.

Rund um den Globus wird das Wasser knapp, Ernten werden schlechter, Meere verpesten, Wälder gehen zugrunde, die Atmosphäre erhitzt sich – die Natur ist nicht mehr fähig, sich zu regenerieren. Täglich sieht man sie kollabieren.

Noch immer gibt es Schreiber, die die Frage stellen: ist dies der Klimawandel? Nein, das sind Zufälle, Hirngespinste von Alarmisten und Wichtigtuern. Der Mensch wird doch nicht so töricht sein, sich selbst den Teppich unter den Füßen wegzureißen?!

Den Wettbewerb mit Vater hat Mutter Natur verloren. Den Bedürfnissen der Menschheit hat sie nichts zu bieten.

Nehmt Abschied Brüder,
Ungewiss ist alle Wiederkehr,
Die Zukunft liegt in Finsternis …
Die Welt schläft ein und leis erwacht
Der Nachtigallenschlag.“

Vergesst den Nachtigallenschlag, die Welt schläft ein, nichts wird erwachen.

Wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch göttliche Unendlichkeit. Dort strömen die Wasser des Lebens.

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das sprudelt, um das ewige Leben zu spenden. Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nicht hungern und wer an mich glaubt, wird nimmermehr dürsten. Mühet euch nicht um die Speise, die vergeht, sondern um die Speise, die ins ewige Leben führt.“

„Denn zwiefach hat mein Volk gefrevelt: mich hat es verlassen, den Quell lebendgen Wassers, und hat sich Brunnen gegraben, rissige Brunnen, die das Wasser nicht halten.“

Deutschland, heißt es, habe genug Wasser – doch das Wasser werde ins Meer gepumpt, falschen Zwecken zugeführt, anstatt es dorthin zu leiten, wo es gebraucht wird. Es wird vergeudet und verprasst.

Die wahren Bedürfnisse des Menschen werden nicht gestillt. Womit wir bei der modernen Wirtschaft gelandet wären:

„Unter Wirtschaften werden alle menschlichen Aktivitäten verstanden, die mit dem Ziel einer bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung planmäßig und effizient über knappe Ressourcen entscheiden. Die Notwendigkeit zu Wirtschaften ergibt sich aus der Knappheit der Güter einerseits und der Unbegrenztheit der menschlichen Bedürfnisse andererseits.“ (Wiki)

In der Natur gibt’s keinen Überfluss. Was sie bietet, ist knapp. Gottlob hat die Menschheit die Ökonomie erfunden, um die unbegrenzten Bedürfnisse des Menschen mit knapper Natur zu befriedigen.

Grenzenloses soll mit Begrenztem befriedigt werden? Ist das nicht Wahnsinn? Du sagst es: es ist der Wahn moderner Ökonomie, die das Wunder Jesu mit Effizienz, Allokation und Distribution nachäffen will. Halleluja.

Wie die Wissenschaften sich dem theologischen Spruch unterwarfen: Macht euch die Erde untertan, so unterwarfen sich die Ökonomen der Verheißung Jesu, die unendlichen Bedürfnisse des Menschen auf der endlichen Erde zu stillen. Was ausgeschlossen ist. Was der irdische Verstand für abwegig erklärt, ist die Kompetenz des göttlichen Mannes, der alle Grenzen übersteigt.

Das Heil der Erlöser ist das Unendliche im Endlichen, die Vorwegnahme des Himmlischen auf Erden.

Wie soll das gehen? First of all durch Wettbewerb. Wettbewerb ist das Zaubermittel, aus endlichen Ressourcen Unendliches hervorzulocken. Ressource heißt Quelle, womit wir beim Quell des Lebens gelandet wären. Was ein Prediger in der Wüste kann, wird ein exakter Ökonom mit links vollbringen.

Was ist Wettbewerb? Schauen wir in ein Wirtschaftslexikon:

„Wettbewerb ist die Existenz von Märkten, mit mindestens zwei Anbietern oder Nachfragern, die sich antagonistisch (im Gegensatz zu kooperativ) verhalten – oder ihren Zielerreichungsgrad zu Lasten anderer Wirtschaftssubjekte verbessern wollen. Der Wettbewerb bringt zweifellos ein antagonistisches Element in die sozialen Beziehungen. Dies hat den Menschen seit Jahrhunderten theoretische und ethische Probleme bereitet. Wirtschaftsethik hat deutlich zu machen, dass der Wettbewerb eine ethische Begründung hat: er hält alle Akteure zu Kreativität und Disziplin an und garantiert so, dass die Allgemeinheit sehr schnell in den Genuss der relativen Problemlösungen gelangt. Wettbewerb ist nach F. Böhm „das großartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte.“ (Gabler)

Weisheiten, die die Welt beherrschen, doch die Welt spricht nicht darüber. Die Grundlagen der Ökonomie sind keine Naturgesetze, die sich gleich bleiben und die man exakt berechnen kann, sondern nichts als – Gedanken. Simple Gedanken oder Philosophien, die bei exakten Naturwissenschaften als „talking sciences“, als Schwätzerwissenschaften abgetan werden.

Der pseudo-wissenschaftlichen Ökonomie (pseudo heißt lügenhaft) haben wir ihre Geheimnisse entrissen. Marx, der Revolutionär, fühlte sich als Newton II, der die Gesetze der Wirtschaft in Natur und Geschichte entdeckt haben wollte. Die Revolution wird nicht von autonomen Menschen durchgeführt, sondern durch Natur & Geschichte, die nach bewundernswert-bösartigen Leistungen zur Einsicht kommen und höchst selbst das Reich der Freiheit eröffnen wird.

Die Proleten dürfen nebenherlaufen oder aufspringen, um mit dem selbstfahrenden Zug das Ziel der Geschichte zu erreichen. Geschichte müsse dem Menschen entgegenkommen, wie Habermas zu formulieren pflegte.

Moralisten sind eitle Typen, die auf der rechten Seite der Geschichte stehen wollen – zu welchem Zweck? Um zu den Endsiegern der Geschichte zu gehören. Alles, was nach Geschichte klingt, hängt mit Heilsgeschichte zusammen. Wie die Weltmeere mit Plastikresten verseucht sind, so ist die Ideologie der Moderne mit theologischen Dogmen verseucht.

Wo sind die unbegrenzten Bedürfnisse geblieben? Hallo, Bedürfnisse: wo habt ihr euch versteckt? Wie könnt ihr eure Unbegrenztheit beweisen?

Nichts leichter als das. Sie sind unstillbar und unbegrenzt, weil sie sich weigern, zufrieden zu sein. Zufriedenheit ist strengstens verboten. Sie ist die das Abstoßendste und Bösartigste, was Bedürfnissen zustoßen kann. Denn sie verurteilt den Menschen zum Stillstand. Stillstand ist das Satanische, das jeden Fortschritt blockiert. Es geht um Fortschritt.

Fortschritt braucht einen Motor, sonst fällt er in sich zusammen. Der Motor muss künstlich eingebaut werden, denn von Natur gibt’s keinen Motor des Fortschritts – sagen Avantgardisten des westlichen Fortschritts. Unterentwickelte, am Busen der Natur lebende Indianer sehen das anders. Gottlob haben diese Loser der Geschichte nichts zu sagen.

Von Natur aus ist der Mensch minderwertig und böse: sagen die Erlöserreligionen, die dem „Fleisch“ den „Geist“ einflössen. Der Geist ist der Motor von Oben, der die träge und perverse Natur auf Vordermann bringt.

Wie kann man beweisen, dass Bedürfnisse endlos sind und einem endlosen Fortschritt dienen? Wer hat recht? Westliche Fortschrittler oder stagnierende Natureinwohner?

Schauen wir, wie Kapitalisten ihre grenzenlosen Bedürfnisse nachweisen:

„Seit man sich zum Ziel gesetzt hat, das Bruttoinlandsprodukt permanent zu steigern, werden durch strategische psychologische Manipulation (u. a. durch Werbe-Kampagnen), Bedürfnisse (Mehrbedarfe) geweckt oder erzeugt, die die Interessen der Industrie (und derer Finanziers) nach mehr Absatz bedienen. Man kann also von „echten“ und „falschen“ Bedürfnissen in diesem Zusammenhang sprechen. Der Gesellschaft wird versucht glaubhaft zu machen, dass für sie ein Bedürfnis bestehe bzw. ein neues Bedürfnis entstanden sei. Bedürfnisse, die von uns konkret verspürt werden, wie beispielsweise das Verlangen nach Lob oder Nahrung, werden als bewusste oder offene Bedürfnisse bezeichnet. Andere, die unterschwellig empfunden werden, sind den latenten oder verdeckten Bedürfnissen zuzuordnen. Sie schlummern im Verborgenen und können zu offenen Bedürfnissen werden, wenn sie geweckt werden. Dies geschieht sehr häufig durch Werbung (Bedürfniserweckung). (Wiki)

Wie Ungläubige zum Glauben erweckt und durch den Quell des Lebens getauft werden, so werden Bedürfnisse erweckt durch – psychologische Manipulation, Werbe-Kampagnen; heute reden sie von Nudging etc.

Entweder gibt es unendliche Bedürfnisse überhaupt nicht, dann müssen sie aus Nichts hervorgezaubert werden. Oder sie schlummern, dann müssen sie dem bruttosozial- und fortschrittsfeindlichen Schlummer entrissen werden.

Auf, ihr Faulpelze, ran an den Wettbewerb, den wir Deutsche gewinnen müssen. Warum gerade wir, Frau Doktor Merkel? Lasst doch mal andere gewinnen, dann haben wir Ruhe. Was kann uns Besseres passieren als Bedürfnisse, die selig vor sich hinschlummern und uns nicht plagen? Warum müssen ausgerechnet wir immer die Nase vorn haben, die wir den amerikanischen Präsidenten für sein Motto schelten: America first?

Antwort aus dem Kanzleramt: „Ich freue mich über jedes Bedürfnis, das wir dem Schlaf der Gerechten entreißen können. Die Erlösung der unnütz schlafenden Natur ist ihre Erweckung zum fortschrittlichen Geist. Ich bin sicher: wir Deutsche schaffen das. Wenn nicht wir, wer dann?“

Also wurden alle Propagandamaschinen der Republik in rasende Bewegung gesetzt. Unter ihnen die wirksamsten Entschlummerungs- und Entmachtungsinstrumente der Republik: die Medien.

Entmachtungsinstrumente? Welche Macht sollte denn entmachtet werden? Zuerst die Macht feudaler Eliten, die sich einbildeten, ihre Macht von Gott erhalten zu haben. Dann aber die Macht der Gosse, die ständig nach Gerechtigkeit schrie. Die Ent-Machter waren selbst zu Mächtigen geworden, die alles unternahmen, um ihre Bastionen zu verteidigen.

Das Maximale dem Geringsten zu entlocken, ist eine Annäherung an die Allmachtsattitüde des Schöpfers, der aus Nichts Alles macht. Kapitalisten sind – nicht anders als Genies – Imitatoren des Schöpfers. Aus dem Geringsten holen sie das Größtmögliche.

Je mehr wir uns dem modernen Kapitalismus nähern, desto verwirrender wird es. Sind es nicht die Ökonomen, die sich mit Leib und Seele gegen die Moralisierung ihrer Disziplin wehren? Wie man Naturgesetze nicht durch Moral dirigieren kann, so könne man keine Wirtschaftsgesetze mit dem kategorischen Imperativ steuern.

Naturgesetze sind von eiserner Unveränderbarkeit. Was nicht bedeutet, dass die Anwendung dieser Gesetze zur Herstellung von Maschinen und technischem Fortschritt nicht politisch-moralisch debattiert werden müsste – wie einst der Einsatz der Atombombe.

Just diese moralabweisende Ökonomie legt Wert darauf, die wahre Moral zu sein – im Gegensatz zu jener Moral, die kooperativ sein will wie die humanistische Moral.

Wettbewerb als Antrieb zur individuellen und politischen Entwicklung hat eine lange Tradition. Immer der Erste zu sein und voranzustreben den Anderen: diese Urformel finden wir schon bei Homer. Ohne sie hätte es keine aufstrebende athenische Polis gegeben, keine Erfindung der olympischen Spiele, keine Wettbewerbe der Tragödiendichter, Sänger und Redner, keine Darstellung schöner Menschen in der Kunst. Keine agonalen Streitgespräche auf dem Marktplatz, keine Entwicklung des Dialogs und der Mäeutik. Keine demokratischen Debatten in der Volksversammlung. Kein neugieriger Grieche wäre durch die Welt gewandert, um von anderen Völkern zu lernen – und sie zu übertreffen. Einen Wettbewerb durchzustehen ohne Angst vor Gesichtsverlust, wenn man ihn verliert (wie in der Postmoderne), war eine entscheidende Methode zur Entwicklung stolzer autonomer Demokraten, die die damalige Welt in ihren Bann zogen.

Die Konkurrenz des Kapitalismus hingegen erzeugt mit kaltblütiger Absicht Gewinner und Verlierer. Dies schon seit Jahrhunderten, sodass der Graben zwischen Sieger und Verlierer längst zur unübersteigbaren Kluft wurde. Auch in Athen gab es heftige Kämpfe zwischen Adligen und Plebejern, Reichen und Armen. Doch diese Kluft führte nicht dazu, dass die konkurrierenden Gruppen sich feindlich voneinander entfernt und zwei Staaten im Staat gebildet hätten.

Im philosophischen Agon gab es ohnehin keine Verlierer – auch wenn man in einem Streitgespräch den Kürzeren zog. Denn jeder konnte dazulernen. Aus seinen Denkfehlern und Widersprüchen kann jeder seine Schlüsse ziehen. Der Wettstreit der Geister im Suchen nach der Wahrheit war – die Erfindung der Demokratie. Demokratie ist ein kollektiver Wettbewerb um die humanste Art des Zusammenlebens.

Diese Qualitäten des athenischen Agons werden vom kapitalistischen Wettbewerb demontiert. Hier gibt’s kein Kräftemessen der Wahrheitssucher, der politischen Gestalter, der Sucher nach der friedensstiftenden Polis und Kosmopolis.

Es ist Irrsinn, sich jede Moral vom Leibe zu halten mit dem hintergründigen Anspruch, die beste Moral aller Zeiten zu sein.

Kommt hinzu, dass der Neoliberalismus die Mängel des Kapitalismus zur Totengräberideologie der Menschheit verschärft hat. Ein Zentralbegriff Hayeks ist „spontane Ordnung“. Jede durchdachte und bewusste Moral mit Hilfe der Vernunft lehnt Hayek ab. Eine solche Vernunft wäre Anmaßung. Über eine solche Vernunft verfüge die Menschheit nicht. Der Mensch müsse sich bescheiden mit einer spontanen Ordnung, die nicht vom Menschen zu verantworten ist, sondern durch die übermenschliche Vernunft der Evolution, eines Gottes, der Geschichte hergestellt wird. Adam Smith hätte von einer unsichtbaren Hand gesprochen.

Der Mensch soll aufhören, seine Lage bewusst zu planen. Er soll sich daran gewöhnen, dass die beste Ordnung diejenige ist, die sich – niemand, weiß wie – zufällig und absichtslos ergeben wird. Das ist eine Abkehr von der Aufklärung und eine Rückwendung zum religiösen Untertanengeist, der seiner Obrigkeit blind vertraut. Das ist der Kurs der Deutschen unter ihrer lutherischen Kanzlerin. Der Sieg des Neoliberalismus war nicht zufällig jene Wirtschaftsform, die die Regression des Westens in national-religiösen Chauvinismus unterstützte.

„Der Rationalist, der alles der menschlichen Vernunft unterordnen will, ist mit einem wirklichen Dilemma konfrontiert. Der Gebrauch der Vernunft zielt auf Kontrolle und Vorhersagbarkeit. Dagegen beruht aber der Prozess des Fortschreitens der Vernunft auf der Freiheit und Unvorhersagbarkeit der menschlichen Handlung.“ (Hayek)

Die Klimakatastrophe bekämpfen mit neoliberalen Instrumenten, hieße, mit der Kapuze über dem Kopf in den Krieg zu ziehen. Das Herstellen einer spontanen Ordnung wäre die Fahrlässigkeit, alles dem selbstmörderischen Zufall zu überlassen. Neoliberalismus ist – in wirtschaftliche Metaphern übersetzt – der katholische Kinderglaube des jungen Hayek in Wien:

Herr, vor dir sind wir unnütze Sünder. Doch du führst uns an der Hand – im Angesicht unserer Feinde. Ohne Dein gnädiges Regiment wären wir verloren.

Fortsetzung folgt.