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Alles hat keine Zeit V

Alles hat keine Zeit V,

„Möget ihr niemals den Schmerz erfahren, wenn euer Land gestohlen wird; möget ihr niemals das Leid erfahren, unter Besatzung und in Gefangenschaft zu leben; möget ihr nie die Zerstörung eurer Häuser und die Ermordung eurer Lieben erleben. Möget ihr niemals verkauft werden von euren ‚Freunden‘.“ (Hanan Ashrawi, Palästinenserin)

„Israelische Kampfjets im deutschen Luftraum, am Himmel über dem ehemaligen Konzentrationslager Dachau – was für ein historischer Moment, was für eine grandiose Symbolik. Dieses einmalige Foto sollte uns aber nicht bloß friedensbeduselt und rührselig stimmen. Es sollte uns vor allem daran erinnern, was das deutsche Versprechen „Nie wieder!“ konkret bedeutet: Nämlich moralische Klarheit gegenüber jenen, die unterdrücken, die sich über andere Menschen stellen.“ (BILD.de)

Schreiender kann eine Doppelmoral nicht sein. Mit einer sorgfältig geplanten, gemeinsam orchestrierten Propagandawalze des Täter- und des Opfervolkes wird die Holocaust-Verpflichtung zur Einhaltung der Menschenrechte im Triumphgeheul zur Strecke gebracht.

Der Aufstand der Menschen in Belarus wird in Deutschland bewundert, der jahrzehntelange verzweifelte Kampf der Palästinenser nicht mal zur Kenntnis genommen. Keine Talkshow, kein „Brennpunkt“, kaum ein Artikel in den Medien:

„Der Mut der Menschen, die auf die Straße gehen, ist bewundernswert. In Belarus liegt Wandel in der Luft, aber es ist ungewiss, ob es wirklich dazu kommt, ob … … das Militär und die Polizei doch noch alles blutig niederschlagen oder sogar eine russische Intervention erfolgt. Minsk erlebt einen dieser revolutionären Momente, in denen alles möglich scheint – die aber auch unberechenbar sind.“ (SPIEGEL.de)

Die wenigen Kommentare zur Politik Netanjahus werden immer snobistischer und herablassender. Im TAGESSPIEGEL schreibt der fromme S.A. Casdorff, der irrsinnige Einfluss Trumps passe zum Nahen Osten. In Deutschland kann sowas nie passieren?!

„Aber geradezu eine Ironie der Geschichte, dass die erratische Trump-Administration hier beteiligt ist. Diese Wendung passt zum Nahen Osten.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Für BILD ist Frieden Friedensduselei und Rührseligkeit. Völker- und Menschenrechte sind nicht mal erwähnenswert. „Moralische Klarheit gegenüber jenen, die unterdrücken, die sich über andere Menschen stellen“: diese Forderung dient dem Schutz ausgerechnet jener Politik, die andere unterdrückt und sich über andere Menschen stellt.

Die eine Nation tut es, die andere billigt es in stillschweigender Kumpanei. Beide Nationen zeigen ihre Nachkriegsmacht mit silberglänzenden Flugzeugen dem Himmel so nah.

Mit Moral amoralische Taten absegnen ist der Gipfel zynischer Inhumanität, ein Sieg des Trumpismus über Deutschland, die Bestätigung, dass Deutschland seine Vergangenheit nicht bewältigt hat und zur Deutschen Bewegung zurückgekehrt ist: Recht hat, wer Macht hat. Die aufgeputzten Gespenster der Vergangenheit haben die Gegenwart in Besitz genommen.

Die WELT begann den Reigen mit einem Artikel von Christine Kensche:

„Viele europäische Staaten verstehen sich als Gegenpol zu Trump. Was immer er im Nahen Osten unternimmt – sie sind dagegen. Ohne Frieden mit den Palästinensern kein Frieden mit den anderen Arabern, das war die Prämisse in der israelischen Friedensbewegung, der Arabischen Liga, den USA und in Europa. Doch Israels Friedenslager ist nach zahlreichen gescheiterten Verhandlungen mit der Palästinenserführung verstummt. Netanjahu hat die Prämisse umgedreht: Erst Frieden mit den anderen Arabern, dann sind die Palästinenser isoliert und müssen nachgeben. Trump ist diesem Weg gefolgt. Es scheint, als müssten sich nicht nur die Palästinenser, sondern auch Europa auf einen neuen Nahen Osten einstellen, in dem alte Dogmen nicht mehr gelten.“ (WELT.de)

Danach steigt Michael Wolffsohn kampferprobt in den Ring:

„Deutsche Nahostpolitik lässt sich von wirklichkeitsfernen Dogmen leiten. Deutsche Akteure fantasieren, andere reagieren interessengeleitet auf Realitäten.“ (WELT.de)

Julian Reichelt, unterstützt von himmlischen Hieroglyphen, zündet das finale Feuerwerk, gekrönt durch den Beitrag von David Harris, Chief Executive Officer des American Jewish Commmittee. Sir, yes, Sir!

„Nein, der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel ist nicht die zentrale Herausforderung im Nahen Osten, wie ich unisono Dutzende Male in europäischen Hauptstädten gehört habe. Es ist vielmehr der hegemoniale Anspruch des Iran, der im Irak, in Syrien, im Libanon, im Jemen, in Gaza und nicht zu vergessen in Bahrain und Saudi-Arabien zu spüren ist. Selbst ein weit entferntes Land wie Marokko hat seine diplomatischen Beziehungen zum Iran wegen dessen destabilisierenden Aktivitäten im eignen Land abgebrochen. Wenn die arabischen Staaten sich nicht länger auf Washington als Schutzmacht verlassen konnten, von Europa ganz zu schweigen, wer würde dieses Vakuum füllen? Wer hatte die drei wesentlichen Voraussetzungen: politischen Willen, militärische Fähigkeiten und erstklassige Geheimdiensterkenntnisse? Israel, natürlich. Zweitens setzte sich mit der wachsenden Einsicht, dass Israel ein strategischer Partner ist, auch die Erkenntnis durch, dass der jüdische Staat viel anzubieten hat, wie etwa Ernährungs- und Cybersicherheit, wichtige Technologie bei der Bekämpfung des Terrorismus, Wassermanagement und dass es ein attraktiver Investitionsstandort ist.“ (BILD.de)

Während Amerika versinkt, stilisiert sich Israel als neues Amerika des Nahen Ostens. In allen Dingen überlegen und daher berechtigt, die offizielle Schutzmacht im krisengeschüttelten Vorderen Orient zu werden.

Israel, militärisch durch die Atombombe überlegen, verfügt über den stärksten politischen Willen und erstklassige Geheimdiensterkenntnisse, bietet überlegene Ernährungs- und Cybersicherheit, wichtige Technologie zur Bekämpfung des Terrorismus und gegen Wasserprobleme und ist ein attraktiver Investitionsstandort.

Wie Amerika sich das auserwählte Recht nahm, unter dem Vorzeichen der Ausbreitung der Demokratie andere Völker zu dominieren und seine Weltmacht zu vergrößern, so fühlt Israel sich berechtigt, zur Demonstration seiner Macht ein anderes Volk zu besetzen.

Wie Amerika Inbegriff des Fortschritts und eines neuen Gartens Eden auf Erden ist, so will Israel seine völkerbeherrschende Zukunft als auserwähltes Volk unter Beweis stellen, indem es, geprägt durch den Geist der Ultraorthodoxie, der prophetischen Zusage folgt:

„Aber das Reich, Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden, des Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen.“

Nicht nur der Vordere Orient, sondern auch das zerrüttete Europa – unfähig, eine selbstbewusste Politik durch Abnabelung von den USA zu entwickeln – soll sich Israels Führungsmacht anschließen.

Die neucalvinistischen Einwanderer in Amerika hatten sich erdreistet, das zweite und eigentliche auserwählte Volk Gottes zu sein. Diesen Titel holt sich Israel zurück und beansprucht den Titel der wahren Kinder Gottes wieder für sich. Das wird die Biblizisten Amerikas erzürnen. Noch immer gehen sie davon aus, dass sie die Lieblinge Gottes sind, die Juden sich rechtzeitig zum christlichen Glauben bekennen werden, damit der Herr wiederkehren kann.

Die Neokonservativen haben die Missionierungspolitik Amerikas profiliert vertreten. Zwischenzeitlich waren sie Anhänger Trumps. Nun scheinen sie sich wieder den Demokraten zuzuwenden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Joe Biden die Missionierungspolitik Amerikas fortsetzen.

Die Grundsätze dieser Politik sind: „Die neokonservative Reagan-Schule besagt: Es ist die Qualität der Regierung, die zu Kriegen und zu internationalem Wettstreit führt. „Wir betrachten unsere Werte als universelle Werte“, erläutert Donnelly. „Und Amerikaner hatten in der Geschichte sehr viel Erfolg damit, ihre Werte zu exportieren.“ Der neokonservative Lieblingstext über auswärtige Angelegenheiten ist – dank Professor Leo Strauss aus Chicago und Donald Kagan aus Yale – der von Thukydides über den Peloponnesischen Krieg. Vielfach wird Strauss’ Einfluss dafür verantwortlich gemacht, dass der Neokonservatismus sehr ausgeprägte Züge des Machiavellismus aufweist. Insbesondere geht auf Strauss die Idee des „Mythos“ zurück (insbes. Religion und Nation). Dieses Konzept ist eng verbunden mit Strauss’ Ansatz, dass das Volk von der Elite belogen werden müsse.“

Universelle Werte werden in zweierlei Version vertreten: a) als friedensstiftender Humanismus aller Menschen, die durch Vorbild ihre Ideen verbreiten und b) als militante demokratische Werte, die sich berechtigt fühlen, ihre Ideen mit Gewalt in der Welt zu verbreiten.

Thukydides war Vertreter des Naturrechts der Starken und gilt als Vorbild Machiavellis, der zur Erlangung und zur Garantie der Macht jede Unmoral gestattet. Lügen ist noch eine der harmlosesten Varianten dieser Unmoral. Trumps Lügen sind dem demokratischen Machiavellismus Amerikas immanent. Zum Mythos gehört die Fama von der Auserwähltheit des biblizistischen Amerika. Ob die Amerikaner an diesen Mythos glauben oder ihn nur zynisch zu Machtzwecken benutzen, ist gleichgültig.

Interessant, eine Bewertung Irving Kristols aus dem Jahre 1988 nachzulesen – just aus der Feder eines damaligen Mitglieds des Jewish Committees namens Alan Mittleman:

„Kristol zufolge hängen die neue positive Einstellung der Juden zu ihrer eigenen partikularen Identität und das erstarkte Selbstbewusstsein im Gemeinwesen mit einer Abwendung vom „universalistischen säkularen Humanismus“ zusammen. Die Juden werden jüdischer; aber sie scheinen merkwürdigerweise auch zu wünschen, dass die Christen „christlicher“ werden. Tatsächlich sei die Wende zur höheren Wertschätzung religiöser Identität im Rahmen eines weltweiten Trends zu verstehen, als Reaktion auf „eine tiefgreifende moralische und spirituelle Krise, die die gesamte westliche liberal-säkulare Mentalität erfasst hat.“ Die Neokonservativen bestehen darauf, dass Politik und Recht abgestützt werden müssten durch transzendente Werte. Die Autorität religiöser Symbole sollte das öffentliche Leben strukturieren. Säkulare Legitimationen des Gemeinwesens sind unzulänglich, wenn es um das Überleben der Demokratie geht. Die Neo-Konservativen neigen dazu, das Problem der politischen Nützlichkeit von Religion ohne Rücksicht auf die Wahrheitsfrage zu beantworten.“(In „Gott und Politik in USA“, herausgegeben von K.M. Kodalle)

Religion ohne Wahrheit ist Mythos à la Leo Strauss. Hauptsache, die Leute glauben, dass sie an Mythen glauben.

Hier sehen wir nicht nur die wahren Ursprünge der inflationären Identitätspolitik der Gegenwart, die nur eins im Kopf hat: die Privilegien der eigenen partikularen Gruppe auf Biegen und Brechen durchzusetzen. Identitätspolitik ist ein großkotziger Begriff für ordinären Gruppenegoismus. Hier sehen wir auch den Grund der Hassbeziehungen zwischen Iran und Israel: fast parallel entwickelten sich beide Staaten zu theokratischen Gebilden.

Israel beansprucht die amerikanische Führungsrolle im Bereich des Nahen Ostens und Alteuropas. Bislang als Juniorpartner der USA. Doch wer weiß? Die Ultraorthodoxen glauben unverrückbar an die apokalyptisch-korrekte Führungsrolle der Kinder Israels, wenn es dem Ende entgegen geht.

Das bedeutet: die Ära der Menschen- und Völkerrechte der UN-Charta ist vorbei. Die Springer-Presse als machiavellistische Avantgarde der BRD will Deutschland der UN-Charta entreißen und dient sich Israel als medialen Verbündeten der neuen Ära an.

Das ist kein neues Pflaster. Wir kehren zurück zur deutschen Bewegung, jener nachkantischen Abkehr von der Moral der Aufklärung zur egoistischen Machtpolitik der Nationalstaaten, die 100 Jahre später in schrecklichen Weltkriegen münden sollte.

„Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine spezifische deutsche Form des Machiavellismus, die bald den Decknamen „Realpolitik“ erhielt. Bereits im liberalen Frankfurter Parlament machte Dahlmann das prophetische Geständnis: „Die Bahn der Macht ist die einzige, die den gährenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird.“ Im Taumel der Reichsgründungsbegeisterung proklamierte Treitschke mit aller Brutalität, „dass das Wesen des Staates zum ersten Macht, zum zweiten Macht und zum dritten nochmals Macht ist.“ Das war jener deutsche nationalistische Machiavellismus, wie er in dem verbreiteten Bild vom Eisernen Kanzler, dem „Realpolitiker“ Bismarck seine volle Verkörperung fand.“ (Rüstow)

Da die Deutschen ihr nationales Streben für „hoch idealistisch und berechtigt“ hielten, rechtfertigten sie den bis dahin als verrucht geltenden Machiavelli als Urvater der nationalen Einigung Italiens. Die Verwandlung Machiavellis aus einem amoralischen Monstrum – der junge Friedrich der Große hatte einen Antimachiavell geschrieben, wurde aber als König seinen Jugendidealen untreu – in den neuen politischen Heiligen war die Vorwegnahme der Bismarckschen Politik: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.“

BILD-Reichelts Verhöhnung des Friedens als Friedensduselei gehörte zum eisernen Bestandteil der Bismarck‘schen Realpolitik, die die Deutschen zur Siegerrasse Europas dressierte. Der Rassismus des Dritten Reiches wurde in jenen Jahren erfunden, als Deutschland zum beherrschenden Reich der Mitte wurde. Brutale Ereignisse wie die von Bismarck angeordnete Brandschatzung der Freien Stadt Frankfurt erzogen das deutsche Volk dazu, die Vergewaltigung selbst von Volksgenossen hinzunehmen und vor solchen Handlungsweisen die Augen zu schließen. Die öffentliche Meinung sollte dazu erzogen werden, „Erfolg vor Recht“ gehen zu lassen. Erfolg vor Recht, wird heute realpolitisches Interesse genannt.

Dies ist der gemeinsame Nenner der trumpistischen Springerpresse: Deutsche, lasst euer dämliches moralisches Getue, schließt euch dem erfolgreichen Kurs Amerikas & Israels an.

„Während andere Länder interessengeleitet auf Realitäten reagieren, lässt sich deutsche Außenpolitik von wirklichkeitsfernen Dogmen leiten. Ihre Akteure fantasieren – und produzieren allenfalls geduldiges Papier.“

Diese Sätze Wolffsohns lauten in Klardeutsch: ihr Deutschen seid drittklassige Memmen, die ihre Feigheit hinter moralischen Luftschlössern verstecken. Folgt Netanjahu, dem Helden meiner Träume, und ihr werdet erfolgreich, groß und mächtig wie jener.

Haben die Deutschen ihre Vergangenheit bearbeitet? Zu dieser Vergangenheit gehören nicht nur die 12 Jahre des 1000-jährigen Reiches, wie die meisten Deutschen glauben wollen, sondern ihre ganze Geschichte, deren stetig wachsende reaktionäre Elemente ihnen zum Verhängnis wurden.

In seinem neuen Büchlein „Kollektive Unschuld, Die Abwehr der Shoa im deutschen Erinnern“, schreibt Samuel Salzborn:

„Es ist nicht weniger als die größte Lebenslüge der Bundesrepublik: der Glaube an eine tatsächliche Aufarbeitung der Vergangenheit. Hartnäckiger denn je wird die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit abgewehrt, der Abschied vom eigenen Opfermythos und die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Täterschaft in so gut wie allen Familiengeschichten der BRD.“

Seinem Anspruch, diesen überfälligen Satz zu beweisen, wird Salzborn leider nicht gerecht. Auch er beschränkt sich auf die 12 Jahre plus Nachkriegsgeschichte. Die Entstehung des autoritären deutschen Charakters, vor allem die entscheidende Rolle der Religion als Quelle des Antisemitismus, bleiben unerwähnt. Zwar kritisiert Salzborn die wahrheitsverleugnende Postmoderne, übersieht aber, dass die Vergangenheit als Ganze negiert wird – bis zur Fanfare der Gegenwart: wir schauen nicht zurück, wir schauen in die Zukunft.

Die Erforschung ihrer Innerlichkeit, um die unaufgearbeitete Vergangenheit der Deutschen zu analysieren, ist notwendig. Allerdings müsste die Frage gestellt werden: woran erkennt man einen vergangenheits-verleugnenden Charakter? Der Kampf der Innerlichkeit muss sich an einem untrüglichen Maßstab messen lassen: an den Taten des Charakters. Aufgearbeitet ist eine neurotische Verstrickung, wenn der Mensch frei geworden ist von Ressentiments aller Variationen der Menschenverachtung und des Menschenhasses. Das Tun ist das Fazit der Gefühle, die Resultante aller seelischen Verstrickungen. Am Tun erkennt man den aufgeräumten oder unaufgeräumten Zustand der Innerlichkeit des Menschen.

Erkenne dich selbst! Wie erkenne ich mich selbst? Nicht, indem ich mich bis zur masochistischen Eitelkeit selbst bespiegele, sondern indem ich meine Taten betrachte. Die Probe aufs Exempel aller Selbsterkenntnis ist das Tun. Selbsterkenntnis ist Selbstbefreiung von seelischen Verstrickungen, die den Menschen hindern, ein voller Mensch zu werden.

Ein voller Mensch zu werden, das ist Sinn der Humanität, der universellen Menschenrechte oder der Aufklärung. Omri Boehm:

„Ein Deutscher, der in Bezug auf die israelische Politik Selbstzensur übt … weigert sich, den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald er sich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt. Er weigert sich buchstäblich, selbst zu denken.“ (Israel – eine Utopie)

Das ist der nervus rerum, die Probe aufs Exempel aller Vergangenheitsbewältigung. Just diesen verfehlt Salzborn, indem er jede Kritik an Netanjahus Politik des Antisemitismus verdächtigt:

„… aber auch für den vorzugsweise unter dem Deckmantel der Israel- und Globalisierungskritik vorgetragenen Antisemitismus von links.“

Hinter vernehmbaren Worten und sichtbaren Taten können sich immer Gefühle verbergen, die jenen zu widersprechen scheinen. Was möglich ist, ist noch lange nicht wirklich. Zu welchen Ergebnissen emotionale Verstrickungen führen, erkennt man nur durch den Blick auf – die äußerlichen Taten. Das Objektiv-Äußerliche und Überprüfbare ist das Kriterium des Innerlich-Subjektiven.

Das Kritisieren einer israelischen Unrechtspolitik als Beweis einer unvollständigen Vergangenheitsbewältigung zu nehmen, ist inakzeptabel. In einem methodisch strengen Gruppenprozess wäre dieser Vorwurf selbst des Irrationalismus verdächtig.

Vorbildlich ist hier die Haltung Daniel Cohn-Bendits, der die Grenze der Erkennbarkeit einer fremden Seele respektiert. Es gibt keinen Röntgenblick, um einen Anderen mühelos zu durchleuchten.

„Die BDS-Bewegung wird damit antisemitisch festgelegt. Das hilft niemandem. Der Bundestag soll Gesetze verabschieden, die antisemitische Straftaten ahnden. Aber Meinungen zu sanktionieren ist immer sehr, sehr gefährlich. Ich fordere eine radikale Auseinandersetzung mit BDS – aber nicht unsinnige Beschlüsse. Auch mit dem muss man sich auseinandersetzen. Ich finde vieles, was er schreibt, falsch. Aber wenn man ihn mit dem Stigma antisemitisch belegt, hört die Auseinandersetzung auf. Meine Position ist: Ich kann weder in die Köpfe noch in die Herzen der Menschen hineingucken und wissen, ob sie nur kritisch gegenüber Israel und kritisch gegenüber dem Zionismus sind oder auch antisemitisch. Das ist schwer festzustellen.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Die Einsicht in die Begrenztheit des Durchschauens eines anderen fehlt in der immer polemischer werdenden Antisemitismus-Debatte. Anetta Kahane bezeichnet sich gar als unfehlbar beim Erkennen von Antisemiten:

„Wenn heute also in offenen Briefen an Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten, ernsthaft bestritten wird, dass es so etwas wie israelbezogenen Antisemitismus gibt, kommt das einer Leugnung der häufigsten und aggressivsten Form des Antisemitismus gleich. Ich kann nur sagen, das ist wie ein Faustschlag ins Gesicht für Menschen wie mich, die solches täglich lesen müssen. Ich weiß, wann etwas antisemitisch ist, ich kann sehr wohl unterscheiden, obwohl gerade Juden wie mir dieses Urteilsvermögen immer wieder abgesprochen wird.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Verständlich, dass Juden sich bedroht fühlen, wenn antisemitische Straftaten rasant zunehmen. Angst aber ist keine unfehlbare Erkenntnismethode – die es ohnehin nicht gibt. Im Gegenteil, sie muss ihre Empfindsamkeit besonders sorgfältig als mögliche Fehlerquelle beim Beurteilen Anderer berücksichtigen.

Dass selbst Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, irre ging mit seiner Selbsterkenntnis durch Analyse seiner Person: daran erinnert Micha Brumlik in einem ZEIT-Artikel. Ja, die Menschheit bedürfe für ihr Überleben der Moral, eines Gewissens, eines Über-Ichs. Wie aber kommt man zu dieser Moral?

„Im „Unbehagen in der Kulturschreibt er: „Das Über-Ich einer Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem Eindruck, den große Führerpersönlichkeiten haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft oder solche, in denen eine der menschlichen Strebungen die stärkste, reinste, darum auch oft einseitigste Ausbildung gefunden hat.“ Eine solche Persönlichkeit muss für Freud Benito Mussolini gewesen sein. Zur demokratischen Selbsterbauung aber taugt das „Unbehagen in der Kultur kaum.“ (ZEIT.de)

Von anderen Menschen kann man immer lernen. Lernen aber heißt nicht kritiklos bewundern oder sich einer Autorität unterordnen, wie der Begründer des italienischen Faschismus forderte. Lernen heißt nicht: imitieren oder gehorsam sein, sondern das Vorbild sorgfältig unter die Lupe nehmen, das Gute übernehmen, das Schlechte beiseitelegen. Wer Vorbild sein will, stellt sich dem kritischen Blick seiner Kinder, Schüler, Abhängigen. Heute gibt es keine Vorbilder, Lernen wird als Fremdbestimmung geächtet. Von denselben Leuten, die keine Skrupel haben, andere zu nudgen, durch Reklame zu verführen und durch Framing zu Marionetten zu stempeln.

Der israelische Staat basiert auf höchst unterschiedlichen Traditionen des Judentums und antijüdischer Denkweisen. Der ursprüngliche Zionismus war ein Protest junger, aufmüpfiger Ost-Generationen gegen den aus Moral wehrlosen Juden der Tradition. Die Einwanderer wollten braungebrannte, stolze und starke Helden werden, Inbegriff des neuen Juden, der seine Opferhaltung abgeschüttelt hatte. Als Israel durch Kriege und Vertreibung der Palästinenser immer mehr von den Geboten der Thora abwich, kam es zu zwei kontroversen Reaktionen.

a) Die Ultraorthodoxen, die anfänglich den Staat ablehnten, dann aber akzeptierten, um ihn religiös zu kontaminieren, wurden eine dominante Elite des Staates.

b) Die Frommen, die auf ihrer Ablehnung beharrten, weil der Staat immer mehr von der Ethik der Barmherzigkeit abwich, wurden die strengsten Kritiker des Staates. Sie wurden zu jenen Moralisten mit erhobenem Zeigefinger, die von angeblichen Judenfreunden in Deutschland mit Spott und Hohn bedacht werden.

Yakov M. Rabkin zitiert in seinem bemerkenswerten Buch: „Im Namen der Thora“ den Mendel Hirsch:

„Israel muss ein heiliges Volk sein, bereit, sich dem Guten und Gerechten aufopfernd zu widmen. In Israel darf kein Platz sein für den Gedanken, dass die Gesetze der Moral nur für das private Leben gelten, während der Staat, um seine sogenannten staatlichen Interessen zu verteidigen, angeblich von der Befolgung dieser Gesetze befreit sei. Im Gegenteil: Dem jüdischen Staat muss die Umsetzung der moralischen Gebote erste Bedingung und letztes Ziel sein.“

Hier erkennt man die tiefe Kluft zwischen Juden- und Christentum. Christliche Ethik ist antinomisch; sie kann nach Belieben sündigen – wenn sie nur glaubt. Eine antinomische Anarchie kennen strenge antizionistische Juden nicht. Weshalb sie den jüdischen Staat als moralisch befleckten in toto ablehnen.

Im Christentum könnte man höchstens die Quäker oder die Zeugen Jehovas als strenge Moralisten bezeichnen, die keine antinomische Lizenz zum bösen Tun kennen.

Die Springer-Apologeten der Unrechtspolitik Netanjahus haben – aus der Sicht antizionistischer Kritiker Israels – die moralischen Grundlagen des Judentums verraten.

Deutschland spricht weder über das Christentum, noch über das Judentum. Eine bedingungslose Loyalität zu Israel, die keine menschenrechtliche Bedingung kennt, ist bedingungslos unmenschlich.

Die FAZ-Schlagzeile über Merkel gilt nicht nur für Belarus, sie gilt für alle relevanten Probleme der Gegenwart:

„Merkels Schweigen ist skandalös.“

Fortsetzung folgt.