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Alles hat keine Zeit IX

Alles hat keine Zeit IX,

Im Lutherjahr läuteten die Glocken der protestantischen Kirchen.

Im Hegeljahr erklingen im ganzen Land die Hymnen der Historiker, Philosophen und Edelschreiber auf den weltbewegenden Schwaben.

Zwei Protestanten von echtem Schrot und Korn. Seid untertan der Obrigkeit, hieß es bei Luther. Seid untertan dem Weltgeist, bei Hegel. Hegels Wappen war die lutherische Rose im Kreuz: die natürliche Rose muss durchs Kreuz vernichtet werden, auf dass sie als übernatürliche auferstehe. Das Wunder der Einheit von Tod und Leben, Nichts und Allem, Bösem und Gutem nennt Hegel Dialektik.

Dialektik kommt von Dialog, der Gesprächskunst, welche Meinungsverschiedenheiten aufklären und miteinander versöhnen will. Im Gegensatz zu menschlichen Dialogen, die gelingen und misslingen können, ist Dialektik eine über-menschliche Versöhnungskunst aller Widersprüche, die am Ende mit absoluter Sicherheit gelingen wird. Wenn nicht mit Argumenten, so mit Gewalt.

Luther und Hegel: zwei totalitäre, gewaltverherrlichende, demokratiefeindliche, antisemitische Anbeter einer automatischen Heilsgeschichte, die den Menschen zur Marionette degradieren, zwei deutsche Idole der obersten Qualität.

Alle Probleme und Konflikte der Heilsgeschichte sind mit Absicht erschaffen worden, damit der Schöpfer, der Weltgeist, die Weltvernunft, ein Probierfeld besitzen, um ihre überlegene Versöhnungskunst … … unter Beweis zu stellen. Am Anfang war alles sehr gut, über Nacht wurde alles sehr schlecht, am Ende muss alles wieder sehr gut werden.

Der Ring schließt sich. Die Linie des Verhängnisses wird zum Circulus, der Wiederkehr alles Verlorenen im Kreislauf der Natur. Die oberen Mächte benötigten eine Bewährungszeit, um ihre Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart zu überprüfen. Wenn Anfang und Ende der Zeiten alle Weltkonflikte gelöst haben und wieder miteinander vereint sind, ist der Test des Seins bestanden.

Das Vollkommene hat den Sieg über das Unvollkommene, das Identische über das Nichtidentische, das Perfekte über das Misslungene errungen. Männliche Schöpfung und weibliche Natur haben zueinander gefunden. Hen kai Pan, Ein und Alles sind eins. Die Welt ist die beste aller Welten.

Theo- und Kosmodicee: Mann und Weib, Gott und Natur sind rechtfertigt. Was geschah, was geschieht, was geschehen wird: alles ist sinnvoll. Rechtfertigung durch den Glauben und Rechtfertigung durch das Denken erleben ihren finalen Orgasmus. Denken und Glauben, Vernunft und Anbetung, Autonomie und Demut, Heiden und Kinder Gottes feiern fröhliche Urständ. Und tun sie es nicht freiwillig, werden sie dazu gezwungen.

Die Zwangsversöhnung des Seins ist Totalitarismus. Totalitarismus will das Höchste und Kostbarste der Menschheit: Frieden und Versöhnung alles Widerstrebenden und Misslungenen. Ist aber das Widerstrebende störrisch, muss es zu seinem Glück gezwungen werden. Totalitarismus ist Zwangsbeglückung.

Der Traum vom Frieden aller müsste vom Menschen hergestellt werden. Beginnt er an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, bleibt ihm nichts anderes übrig als seine finale Utopie – oberen Mächten anzuvertrauen, die sein Glück erzwingen.

Totalitarismus will nichts Böses. Er will das Beste für den Menschen. Er will, was der Mensch sich selbst gewünscht, aber nicht vollbracht hat. Wer das Beste des Menschen nicht verstanden hat, wird auch das Schlimmste nie verstehen. Das Schlimmste ist die Herstellung des Besten – durch Gewalt. Der Inhalt ist das Gleiche, nur das Vorzeichen des Inhalts ist das Gegenteil.

Humane Utopie will das Beste mit humanen Mitteln. Totalitäre Utopie will die gleiche Utopie mit inhumanen Mitteln. Nicht in verschiedenen Zielen liegt der Unterschied zwischen Humanität und Totalitarismus, sondern in diametralen Methoden.

Totalitarismus ist heute unbekannt. In Abscheu starrt man auf die Methoden, versteht aber nicht das Ziel, das er mit Gewalt erreichen will. Er will das Reich der Freiheit, die Erlösung der Welt durch eigene messianische Kraft.

Wie eine humane Utopie das Beste ist, was die Menschheit erreichen könnte, ist eine totalitäre Utopie das Schrecklichste, was der Gattung zustoßen könnte. Dennoch muss das Schlimmste als bloßes Mittel durchschaut werden, um das Beste zu erreichen.

Abscheu vor dem Totalitären ist verständlich, zeugt aber von mangelndem Verständnis seiner mit brachialer Gewalt angestrebten Ziele. Hass und Ablehnung genügen nicht, um etwas Ungutes zu überwinden. Man muss den Dingen ins Herz geschaut haben, um ihre Macht zu brechen. Es gibt nur eine Methode, das Schreckliche zu überwinden: man muss es verstanden haben.

Wer etwas verstanden hat, weiß, wie es entstanden ist. Er weiß, wie das Abscheuliche sich zu dem entwickelte, was es ist: das Böse. Nicht Waffengewalt bricht das Böse, sondern die überlegene Kraft des Geistes, der die Entwicklung der Welt durchschaut. Wer weiß, aus welch frühen und unscheinbaren Ursachen etwas entstanden ist, der kann andere Ursachen setzen, um andere Ergebnisse zu erzielen.

Nur der verstehende Mensch ist utopiefähig. Verstehen aber heißt erkennen. Wer den Totalitarismus nur hasst, hat ihn nicht verstanden. Sein mangelhaftes Erkennen ersetzt er durch blindwütende Emotionen, die gut gemeint, aber nicht effizient sind, um den Totalitarismus beiseite zu räumen.

Corruptio optimi pessima, der Verderb des Besten führt zum Schlimmsten. Verstehen ist heute verboten. Wer das Schreckliche zu verstehen vorgibt, wird der Kumpanei mit demselben verdächtigt. Es ist umgekehrt. Wer das Schreckliche nicht versteht, will es als Hassobjekt verewigen.

Menschen, versteht die Welt, durchschaut euch selbst: dann habt ihr die Chance, eine menschliche Welt zu gestalten.

Hegel war ein totalitärer Denker, der den Totalitarismus der Nationalsozialisten vorbereitet hat. In Deutschland wird er als König der Aufklärung gefeiert. Denn er spricht von Vernunft, Freiheit und Versöhnung.

Tatsächlich hatte er als Aufklärer begonnen, war ein jugendlicher Anhänger der Französischen Revolution, einer der schärfsten Kritiker des Christentums und ein Bewunderer des Sokrates gewesen. Dann kam die Krise, das Schuldgefühl, den Glauben seiner Kindheit an die Heiden verraten zu haben.

Was tun? Alles wieder bereuen und zurückehren zu den Ursprüngen seiner Jugend? Das wäre ein Verrat gewesen an seinen bewunderten Griechen. Was blieb? Ein Kompromiss, würde man heute sagen. Kompromisse aber gibt es nur in quantitativen Dingen. In qualitativen Dingen, gar in unvereinbaren Widersprüchen, sind Kompromisse ausgeschlossen. Dass es Widersprüche gibt, die sich vollständig ausschließen: nein, das wollte Hegels noch immer vorhandener Glaube an Gottes Omnipotenz nicht wahrhaben.

Also machte er sich an die unendliche Arbeit, Gottes Schöpfung mit dem Kosmos der Heiden, die Hörigkeit der Frommen mit der Selbstbestimmung der Ungläubigen, die biblische Theokratie mit der Demokratie Athens, den Messias ohne Gestalt und Schöne mit der gleißenden Schönheit der griechischen Kunst, die Tugend des Sokrates mit der antinomischen Moral aus Liebe und ewiger Höllenstrafe, den irdischen Machtwillen mit dem leidenden, aber auf einen jenseitigen Triumph hoffenden Siegerwillen in ein Prokrustesbett zu zwingen.

Es durfte keinen unversöhnbaren Riss mehr auf der Welt geben. Mit außerordentlicher Geduld und universalen Kenntnissen begab sich Hegel auf die Reise durch Natur und Geschichte. Kein Konflikt, keine Reibung, kein Antagonismus entging seinem Blick, alles, was porös schien – also alles – nähte und stichelte er zusammen.

Um faulen Kompromissen zu entgehen, wählte er einen Dreierschritt, den er, nach Heraklit, Dialektik nannte. Doch mit Heraklit hatte seine Methode nur äußerlich zu tun. Bei Heraklit gab es keine grundsätzlichen Feindschaften und Unvereinbarkeiten wie in der Heiligen Schrift, die Hell und Dunkel, Weiß und Schwarz, Gott und Teufel in unversöhnlichem Widerspruch sahen.

Selbst dieser Eindruck stimmte nicht, wenn man genauer hinschaute. Der Teufel war nicht nur Widersacher, sondern Knecht des Schöpfers, der letztlich nichts anderes konnte, als den Willen seines Erschaffers zu vollbringen.

Das Ende der Heilsgeschichte war ein Problem für Hegel. Alles, was nach Apokalypse, Ende der Geschichte und Spaltung in ewige Seligkeit oder ewiges Höllenfeuer aussah, war dem Erdenliebhaber unannehmbar. Sein Weltgeist, wie er Gott nannte, sollte sein Werk erfolgreich zu Ende bringen. Alles wird gut werden. Alles wird, nach Streit und Auseinandersetzung, sein endgültiges Plätzchen finden. Verändert und doch identisch: eine neue Geburt des zänkischen Paares These und Antithese, die auf neuer Stufe vollendet in sich sein wird. Alle Dinge werden ihren Platz finden, der ihnen angemessen war.

Für die Einen war das eine unerschütterliche Zuversicht in Gottes Willen, für die Anderen ein lächerlicher Kinderglaube, der nicht sehen wollte, dass die Welt kein Wünschdirwas war. Oben wird eine Münze in den Automaten geworfen, dann rasselt es über alle Stationen, bis es endlich sein festgelegtes Ziel erreicht.

War Dialektik eine christliche Sache? Auf keinen Fall. Gott intervenierte unvorhersehbar in der Geschichte und nicht nach Schema F. Schon gar nicht mit eingebauter Versöhnungsgarantie.

War es eine griechische Sache? Noch weniger. Auf den ersten Blick sah Dialektik zwar wie Logik aus, aber es war das Gegenteil der Logik. Griechische Logik sollte Widersprüche erkennen, um im Dialog herauszufinden, welche Seite Recht hatte. Widersprüche waren Zeichen der Unwahrheit, sie mussten ausgemerzt werden. Es gab oberflächliche Widersprüche, die versöhnbar waren. Es gab aber auch prinzipielle Widersprüche, die unauflöslich waren. Hier musste der Schmerz des Widereinanderseins ausgehalten werden.

Ein Prinzip Hoffnung, das alle Probleme löste, war nicht vorgesehen. Von Apokalypse und Jüngstem Gericht wollte Hegel nichts wissen. Sein Glaube an ein gutes Ende war unerschütterlich. Was nicht bedeutete, dass es in der Weltgeschichte nur friedlich herging. Bedenkenlose Brutalität gehörte zum Heilsplan der Geschichte. Die Allgewalt des Weltgeistes bestimmte, was überlebenswürdig war und Zukunft besaß – und was von der Weltvernunft zerquetscht werden musste. Hegels Fortgang der Geschichte ähnelte Darwins Selektion der Stärksten. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Nach Hegel waren die Deutschen ausersehen, mit ihren überlegenen messianischen Fähigkeiten die Welt zu erlösen. Wer sich ihnen entgegenstellte – wie scheinbar die Juden – war chancenlos. Die Weltgeschichte war das Weltgericht, eine prophylaktische Apokalypse, die in Form eines dialektischen Naturgesetzes das Gute und Vortreffliche vom Abfall der Geschichte trennte.

Popper nannte Hegel einen Historizisten. Das schreckliche Fremdwort, das ein übersteigerter Historismus sein sollte, bedeutete nichts anderes als einen Automatismus der Geschichte, der eine Heilsgeschichte sein wollte: streng die Spreu vom Weizen trennen, die Spreu ins Feuer, den Weizen in die Scheuer.

Dieser Automatismus der Geschichte war der Kern des Totalitarismus, nicht anders als bei seinem Schüler Karl Marx. Der Weltgeist ist kein demokratisches Parlament, in dem Menschen sitzen und über das Geschick ihrer Gattung mitreden. Die Lenkung der Geschichte ging mit unerbittlicher Macht über alle Köpfe der Menschen hinweg. Niemand wurde um seine Meinung gefragt. Geschichte bestimmte alles, der Einzelne nichts.

Totalitäre Ideologien sind Mächte, bei denen kein Mensch mitreden kann. Hier muss sich jeder ducken, von Alexander dem Großen bis zum Diogenes in der Tonne.

Dem Menschen bleibt nur, auf der rechten Seite der Geschichte auf den Zug aufzuspringen, um als Mitläufer, Mitfahrer, auf Siegerseite das Ziel zu erreichen. Oder sich protestierend vor den Zug auf die Gleise zu werfen, um als bedeutungslose Leiche zu enden.

Dies war die Vernunft oder die Gerechtigkeit des Weltgeistes – Begriffe, die das Gegenteil der humanen Vernunft bedeuteten. Hegel hatte alle Hauptbegriffe der Aufklärung verinnerlicht. Die Begriffe ließ er unangetastet, ihre Bedeutung änderte er aus dem Plus politischer Selbstbestimmung in das Minus omnipotenter Gewalt über alles.

Das Ziel blieb: eine zu sich gekommene, friedliche Menschheit. Aber die Mittel, sich eine stoische Kosmopolis zu erarbeiten, waren nicht mehr der friedliche Dialog, die besseren Argumente – sondern der militante Stechschritt aus These, Antithese und Synthese. Das war Dialektik, exaktes Gegenteil des friedlichen Dialogs, die blutrünstige und grausame Methode, die Geschichte des Menschen zu lenken, ohne dass ein Mensch mitreden durfte.

Nicht anders bei Marx. Auf wen das zufällige Los der Erwählung fiel, der hatte nur den Signaltönen der Heilsgeschichte zu folgen. Alles andere wurde für ihn erledigt. Weder moralische, wissenschaftliche oder politische Fähigkeiten berechtigten ihn, auf ein siegreiches Ende seines Lebens zu hoffen.

Es gibt einen theologischen Begriff, der diese Unmündigkeit trefflich bezeichnet: Quietismus, die passive Unterordnung unter Gottes Willen. Hegel und Marx brachten das Kunststück zustande, die Leitlinien der Aufklärung durch einen totalitären Rahmen ins Gegenteil zu verkehren und den deutschen Quietismus mit einem philosophischen Überbau zu versehen.

Was machen die deutschen Hegelbewunderer? Sie verwenden isolierte Begriffe und verfälschen den Totalitarismus in Aufklärung.

Die Verfälschung ursprünglich sinnvoller Gedanken in Parolen totalitärer Henker passierte den Deutschen nicht zum ersten Mal.

Als Liebhaber Platons wollten sie partout nicht einsehen, wie der Schüler die Begriffe seines Lehrers Sokrates durch Erfindung des Urfaschismus ins blanke Gegenteil verkehrte. Wie herrlich klingen viele Einsichten bei Platon, die in seinem idealen Staat zum Entsetzen wurden.

„Der freie Mann soll frei von Todesfurcht sein.“ Doch in der Politeia musste der freie Mann fürchten, ins KZ zu kommen, weil er sich den Luxus des Selberdenkens nicht verbieten lassen wollte. Hätte Sokrates in dieser Zwangsutopie leben müssen, hätte er keinen Tag lebend überstanden, wie Popper meinte.

Die wundersam humanen Gedanken des Sokrates wurden durch Einkerkerung in einen totalitären Zusammenhang ins Gegenteil verkehrt.

Was Platons Einkerkerung der Utopie gelang, gelang dem folgenden Christentum weitaus besser.

Es gab beeindruckende ethische Formeln in der Bibel, die durch den Zusammenhang mit einem göttlichen Belohnungs- und Bestrafungssystem alle Humanität verloren und sich ins totalitäre Gegenteil verkehrten.

a) Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. b) Den unnützen Knecht stoßet hinaus in die Finsternis, die draußen ist. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. c) Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß die wollten von hinnen hinabfahren zu euch, könnten nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren.“

Das humane Vermächtnis der Griechen wurde durch einen Gott der Seligkeit und Unseligkeit ins Gegenteil verkehrt.

Wie gehen die Christen mit diesem Erbe um? Sie selektieren von oben, paradieren mit Texten, die ihnen in den Kram passen und verschweigen alle Worte, die schrecklich klingen. Sie deuten oder exegesieren die heiligen Worte wie im Warenhaus. Was ihnen passt, wird gekauft, was ihnen missfällt, landet im Container.

Ihr hermeneutischer Lieblingssatz lautet: Hegel – oder die Bibel – kann man so oder so lesen. Man traut seinen Ohren nicht, welche beliebigen Weisheiten die postmoderne Beliebigkeit zu bieten hat. Mit dieser Methode kann man jedes A in ein Non-A verwandeln.

Beispiel:

„Eine solche Entwicklung herbeiführen, heißt aber dann doch nichts anderes, als Sünde treiben wider den Willen des ewigen Schöpfers. Indem der Mensch versucht, sich gegen die eiserne Logik der Natur aufzubäumen, gerät er in Kampf mit den Grundsätzen, denen auch er selber sein Dasein als Mensch allein verdankt. So muss sein Handeln gegen die Natur zu seinem eigenen Untergang führen.“

Klingt das nicht nach einem frommen Schöpfungsbewahrer? Rein zufällig heißt der Schöpfungsbewahrer Adolf Hitler, seine Sätze stehen in „Mein Kampf“. War also doch nicht alles schlecht beim Führer?

Kein System, das aus Widersprüchen besteht, darf zitiert werden, als sei es monolithisch. Wenn Böses und Gutes gleiche Wertigkeit haben, ist das Gute verloren, denn es kann vom Bösen jederzeit ins Feuer geworfen werden.

Deutschlands hermeneutische Grundsätze sind anschlussfähig an jeden beliebigen Totalitarismus.

Was bei Platon und im Christentum passierte, geschah auch bei Hegel. Seine jugendlichen Aufklärungsgedanken wie Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit, verwandelten sich durch Regression ins Lutherische in totalitäre Begriffe.

Hehre Begriffe der Aufklärung wurden zu minderwertigem Abfall. Beispiel aus dem Buch eines „dialektischen“ Nazigelehrten:

„Trotz dieser tiefeinschneidenden Maßnahmen genießt der Untertan eines solchen autoritären Regimes die wahre, die sittliche Freiheit, die hoch über jenem „leeren Freiheitsschwindel“ steht, der da jedem misstraut, welcher der gepriesenen Freiheit zu nahe treten könnte.“ (in Topitsch, Die Sozialphilosophie Hegels als Heilslehre und Herrschaftsideologie)

Besonders NS-Pfarrer hatten mit Hegels Historizismus die Möglichkeit, im Dritten Reich die Wirklichkeit der sittlichen Idee zu verstehen, die nach vielen dialektischen Umwegen „zu sich selbst zurückgekehrt sei.“

Hegel war nicht nur die philosophische Quelle des Dritten Reiches, sondern auch Wegbereiter dessen Antisemitismus. Nur ein Satz unter vielen:

„Das Volk der Juden ist in der Verruchtheit des Hasses zur Hölle gefahren.“

Hegel und Luther, zwei hasserfüllte antisemitische totalitäre Vordenker der Deutschen werden heute als Ikonen der Vergangenheit gefeiert. Kann es deutlichere Beweise geben für eine überaus gelungene Vergangenheitsbewältigung?

Was meint die Physikerin, die als lutherische Pastorentochter die Hegel‘sche Rose im Kreuz trägt?

Fortsetzung folgt.