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Alles hat keine Zeit IV

Alles hat keine Zeit IV,

„Der Mensch hat sich nicht dafür entschieden, den Planeten an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu bringen. Es ist ihm, angetrieben von der Aussicht auf Wohlstand und Wachstum, einfach so passiert.“ (Berliner-Zeitung.de)

Der Mensch ist unschuldig. Die Zerstörung der Welt ist ihm einfach so passiert. Er wollte es nicht. Shit happens. Ça, c’est la vie. Eine tragische Situation. Ein Zufall. Ein Verhängnis des Schicksals. Der Mensch kann die Natur zertrümmern, sich selbst hat er nicht in der Gewalt.

Die Männerriegen der Welt sind sehr erfolgreich im Killen der Frauen, im Verhungern lassen der Kinder, im Zerschlagen der Natur.

Wie viele Frauen werden täglich von ihren Männern zu Tode gebracht?

Lydia Cacho Ribeiro ist eine mexikanische Feministin, die seit Jahrzehnten – unter Todesgefahr, fast ständig auf der Flucht – gegen Frauenmorde, Kinderschändungen, die unheilvolle Verquickung von Verbrecherbanden, Banken, kaltblütigen Unternehmern und bestechlichen Politikern ankämpft. Im Schweizer Fernsehen durfte sie über ihre bewundernswerte und gefährliche Arbeit berichten. (3sat.de)

Im deutschen Fernsehen wäre ein solches Gespräch nicht möglich. Nicht mal die Spurensuche Daniel Cohn-Bendits nach seiner jüdischen Identität – im französischen Fernsehen gezeigt – wird vom Öffentlich-Rechtlichen ausgestrahlt. Kein Intendant wird von einem deutschen Journalisten zur Rede gestellt. „Bares für Rares“ darf nicht eingeschränkt werden.

In Trippelschritten verlassen die deutschen Medien das Fundament der Völker- und Menschenrechte. Die Grenze … … zur Barbarei haben sie längst überschritten.

China, der führende totalitäre Staat der Welt, wird von einem linken Blatt als Vorbild der westlichen Demokratien gerühmt:

„Bei aller moralisierenden China-Kritik wird der entscheidende Kontext völlig ausgeblendet. China setzt seinen tiefgreifenden Umbau fort und verändert sich erneut in rasantem Tempo. Entwicklung und Etablierung eines Rechtsstaates, einer chinesischen Form des „rule of law“, zählen zu den vorrangigen Zielen des nächsten Fünfjahrplans. Wir in Europa haben keinen Grund, in die Anti-China-Hysterie einzustimmen, die von Washington aus verbreitet wird. Wir haben allen Grund, uns auf China als den absehbar wichtigsten weltpolitischen Player dieses Jahrhunderts beizeiten einzustellen. Genau genommen und strikt völkerrechtlich betrachtet, gehen die Regelungen und Gesetze, die China in Sachen Hongkong erlässt, nur die chinesische Regierung, die Regierung der Sonderverwaltungszone und eventuell die britische Regierung als Vertragspartei des Hongkong-Abkommens etwas an, andere nicht. Leider folgen die Europäer – folgt eine willfährige deutsche Außenpolitik – auch in diesem Fall dem Willen der USA. Die dabei gezeigte moralische Entrüstung scheint von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Immerhin war die Regierung Merkel besonnen genug, sich aus dem von den USA angezettelten Handelskrieg gegen China herauszuhalten. Sobald es allerdings um Hongkong geht, sobald sich Trump und Co. mit Verve in die chinesische Innenpolitik einmischen, ist es um das politische Augenmaß schlecht bestellt.“ (der-Freitag.de)

Das Wort Demokratie fällt kein einziges Mal. Gibt es einen Rechtsstaat, der keine Demokratie wäre?

Jede Despotie besitzt auch ein Rechtssystem – ein despotisches. Das Dritte Reich war ein hochdifferenzierter Rechtsstaat, dessen Gesetze weiträumig an die Nachkriegsrepublik weitergereicht wurden. Die Deutschen reden gern von dem Recht, von dem Staat, gleichgültig ob das Recht demokratisch, der Staat eine Despotie ist. Recht muss Recht, Staat muss Staat bleiben – von welcher Qualität auch immer.

Für den demokratie-verächtlichen Zusammenhang sorgt der „Rechtspositivismus, der seit der Historischen Schule (jedes Recht ist historisch entstanden und darf durch überhistorische Naturgesetze nicht abgelöst werden) in der deutschen Jurisprudenz herrschte, ein zeitlich unabhängiges, bedingungsloses Naturrecht über dem positiven Recht verleugnete, es methodisch entwaffnete und entmannte.“ (Rüstow, Ortsbestimmung der Gegenwart)

Demokratiefeindlicher Rechtspositivismus beherrscht noch heute das Rechtssystem der BRD. Noch immer gibt es Linke, die Demokratie für überflüssig halten und machtorientierte Regeln – die für menschenrechtliche Ohren noch so abscheulich klingen mögen – für das A und O eines Staates halten, dessen Gerechtigkeit durch totalitäre Maßnahmen erzwungen werden soll.   

Wenn das vorbildliche China Hongkong kassiert oder andere Völkerverbrechen begeht, ist es nicht die Sache moralisierender Besserwisserstaaten, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Die Polemik der Mitte gegen moralische Angeber steht auf demselben Boden wie die Vorliebe der Linken für demokratiefeindliche Amoral.

Kümmert euch um euren eigenen Kram, moralisiert nicht: wie diese Argumente jenen ähneln, mit denen Israel verteidigt wird.

Die Ränder eines defekten Staates entstehen in der Mitte, werden an die Peripherie projiziert, um den zentralen Mächtigen das Privileg der Unbeflecktheit zu erhalten. Der Schmutz, der im Zentrum als hasserfüllte Theorie entsteht, wird nach außen gespült, um den Erfolgreichen ein untadeliges Image zu bewahren – ohne den Staat in seiner hasserfüllten Praxis zu behindern.

Die Linke schafft es noch immer nicht, ihre Bewunderung amoralischer Despoten einzustellen. Noch immer gibt es bei ihnen Verehrer linker Autokraten. Hauptsache, die Machthaber legitimieren alles mit zwangsbeglückender Gerechtigkeit.

Die Deutschen haben ihre Vergangenheit nicht aufgearbeitet. Sie kennen noch immer nicht den Unterschied zwischen Polis und Platon, zwischen humanem Naturrecht und totalitären Gewaltregeln.

„Nur der stellvertretende Fraktionschef Andrej Hunko meint, die Bundesregierung davor warnen zu müssen, Sanktionen gegen Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko zu verhängen. Die Tausenden von Verhafteten kümmern Hunko nicht. Wie üblich.“ (WELT.de)   

Auch die deutsche Rechte hat den Boden der Verfassung und der UN-Charta längst verlassen. Sie urteilt nach Erfolg, gleichgültig ob rechtens oder nicht. Die WELT bewundert den tollkühnen Parforceritt Netanjahus, alle Völkerrechte zuerst dreist zu missachten, nach Abklingen der Empörung das Unrecht scheinbar zurückzunehmen, Frieden mit einem mächtigen arabischen Land zu schließen – um schließlich die palästinensische Autonomie für immer zu begraben. Sollte dieses Loservolk nicht aufhören, herumzuquengeln, für seine Rechte lästig zu werden und das fantastische Friedenswerk zu untergraben, ist es selbst verantwortlich für alle unabsehbaren Folgen.

„In Israel wertet man Trumps diplomatischen Erfolg als Scheitern der EU. „Viele europäische Staaten verstehen sich als Gegenpol zu Trump. Was immer er im Nahen Osten unternimmt – sie sind dagegen. Ohne Frieden mit den Palästinensern kein Frieden mit den anderen Arabern, das war die Prämisse in der israelischen Friedensbewegung, der Arabischen Liga, den USA und in Europa. Doch Israels Friedenslager ist nach zahlreichen gescheiterten Verhandlungen mit der Palästinenserführung verstummt. Netanjahu hat die Prämisse umgedreht: Erst Frieden mit den anderen Arabern, dann sind die Palästinenser isoliert und müssen nachgeben. Trump ist diesem Weg gefolgt. Es scheint, als müssten sich nicht nur die Palästinenser, sondern auch Europa auf einen neuen Nahen Osten einstellen, in dem alte Dogmen nicht mehr gelten.“ (WELT.de)

Der WELT-Artikel ist ein Schlag gegen alle „abendländischen“ Werte. Mit Hohn wird das Verstummen der israelischen Friedensbewegung konstatiert. Erstens stimmt die Aussage nicht, zweitens lautet die Logik: Friedensbewegung tot – also Frieden tot. Menschenrechte werden zu alten Dogmen erklärt, die Trump & Netanjahu entsorgen wollen.

Eine neue Weltepoche beginnt, die Epoche der garantiert heuchelfreien globalen Rechtlosigkeit. Die Nachkriegszeit der UN-Charta ist beendet. Es beginnt das Zeitalter der religiösen Identität. Niemand kann mit sich identisch sein, der nicht auserwählt ist. Wer nicht von Gott bei Namen gerufen wird, soll sich zum Teufel scheren.

Die Europäer werden verhöhnt, weil sie alten Normen anhängen, die nichts mehr bringen. Amerika-Kritik wird als Antiamerikanismus, Trump-Kritik als Hass gegen einen verdienten Staatsmann, Netanjahu-Kritik als hinterlistiger Antisemitismus angeprangert.

Bedingungslose Loyalität gegen alles, was auf auserwählter Seite erfolgreich ist, ist die Voraussetzung einer funkelnagelneuen uralten Bündnispolitik des Westens unter dem Motto: Deus lo volt.

Zieht euch warm an, ihr Völker der alten Schule und universellen Menschenrechte. Die tollkühne Strategie von Trump & Netanjahu wird zum Paradigma der Zukunft. Die mächtigsten Staaten der Erde – China, Amerika, Russland – werden sich über den Köpfen aller zusammentun und die Weltpolitik auf Kosten der kleinen Staaten durchpeitschen.

Klimaprobleme werden so übermächtig werden, dass das Mitreden und Quasseln vieler Völker im Weltparlament niemanden mehr weiterbringt. Auf höchster Ebene werden sich die Großen zusammenraufen und in mafiöser Kumpanei das Schicksal der Welt bestimmen. Die Überflüssigen werden sich fügen oder aus den Annalen der Geschichte gestrichen werden.

Friedensschlüsse sind das Salz der Erde. Ein Friedensvertrag aber mit dem verdeckten Nebenzweck, ein schändliches Völkerverbrechen zu rechtfertigen, ist – ein schändliches Völkerverbrechen.

Es waren Stoiker, die zu Beginn des Hellenismus die Menschenrechte deklarierten. Nach einer langen mittelalterlichen Nacht wurden die Rechte in der Renaissance wieder ans Licht gebracht. Die Vereinten Nationen erklärten sie zur Grundlage einer neuen Weltpolitik, in der es nur gleichberechtigte Völker und Menschen geben sollte, die aus der Schmach der Weltkriege gelernt hatten.

Wenn es jetzt keinen Widerstand der Völker gegen den neuen politischen Amoralismus von Trump & Netanjahu gibt, wird die Epoche der universellen Menschenrechte zu Ende gehen. Omri Boehm gehört zu den Kritikern, die den Missbrauch des Holocaust-Gedenkens zu partikularen Machtinteressen energisch kritisiert:

„Die Erinnerung an den Holocaust sollte in Israel eine bürgerliche, patriotische Pflicht aller Bürger sein – und eine feste Bindung an den Universalismus. Im Gegensatz dazu befördert die Holocaust-Erinnerung derzeit eine Identitätspolitik nur für die Juden, nicht für alle Bürger, und ein mythisches Verständnis des jüdischen Staates als heiliges Gebilde. Das steht der Eigenschaft der Staatsbürgerschaft als demokratischem, vereinigendem Prinzip von Juden und Arabern im Weg.“ (TAZ.de)

Die Wichtigkeit der universellen Menschenrechte wird in der gegenwärtigen Debatte kaum erwähnt. Politiker ignorieren die Philosophie als kompromiß-unfähigen Radikalismus, Gelehrte und Historiker betrachten die Philosophie vergangener Zeiten als Schnee von gestern. Ökonomen haben alles, was nach Bildung riecht, mit ihrer neu erfundenen Bildungsökonomie erdrosselt.

So begann das internationale und universelle Recht als Spätblüte der griechischen Denkschulen:

„Neben die natürliche Theologie trat die Lehre vom natürlichen Recht. Für die Stoa war der Logos das Band, das durch das Vernunftgesetz die ganze Menschheit zu einer Rechtsgemeinschaft vereinte. So konnte sie der Neuzeit nicht bloß die allgemeine Humanitätsidee vermitteln, sondern auch den Weg zu einer rationalen Auffassung und Gestaltung der Gesellschaft weisen. Der Glaube an die sittliche Autonomie des Menschen und die Überzeugung, dass er von der Natur zu einer zielbewussten Lebensführung nach dem Gebot der Vernunft bestimmt sei und dass in dieser nicht nur seine Tugend, sondern auch seine Glückseligkeit beschlossen sein müsse, „verschafften der Stoa den stärksten und dauerndsten Einfluss, den je eine philosophische Ethik hat erringen können“. (Dilthey). In der harmonischen Persönlichkeit sollte sich berechtigter Selbsterhaltungstrieb mit dem Wohlwollen für die Mitmenschen vereinen und das Leben in Einklang bringen mit der Allnatur.“ (Max Pohlenz, Die Stoa)

Spinoza und Shaftesbury gehörten zu den ersten neuzeitlichen Denkern, die das Erbe der Stoa wieder belebten, zu dem das Motto gehörte, das uns heute allein retten kann: gemäß der Natur leben.

Die Grundlagen des westlichen Denkens müssen komplett verändert werden. Wir müssen uns verabschieden von der biblischen Naturfeindschaft, der Spaltung der Menschen in Erwählte und Verworfene und übergehen zur universellen Menschen- und Naturfreundschaft der Heiden.

„Die Vertreibung aus dem Paradies in die Wildnis setzt diese Wildnis gleich dem Bösen, das in die Welt kommt, als Eva der Versuchung der Schlange erliegt. Die Wüste verkörpert ein Land, das unterworfen und urbar gemacht werden muss. Im Gegensatz zur griechischen Tragödie, die eher die Güte der Natur hervorhob, erblickte die jüdische Tradition in der Natur etwas, was überwunden und unterworfen werden musste. Für Protestanten wie John Locke, Johannes Calvin und die Neupuritaner Neu-Englands hatte Gott den Menschen ermächtigt, sich die Erde untertan zu machen.“ (Merchant, Der Tod der Natur)

Die radikale Kritik der Bibel in Natur- und Menschheitsfragen ist die Voraussetzung aller Voraussetzungen zur rettenden Wende. Neo-orthodoxe jüdische Denker drohen mit dem Vorwurf des Antisemitismus, wenn man die Glaubensprinzipien der Heiligen Schrift einer kritischen Prüfung unterzieht. Als ob Kritik des alttestamentlichen Glaubens zugleich ein Angriff gegen die Juden wäre.

Das ist eine leicht durchschaubare Methode, um die machtpolitischen Interessen der Ultraorthodoxen in Israel durch Einschüchterung zu stärken. Omri Boehm ist einer unter vielen, die sich weigern, den einst gottlosen Geist der Zionisten dem Diktat der Frommen auszuliefern.

Die Juden gibt es nicht. Spätestens seit der jüdischen Aufklärung ist die gedankliche Bandbreite unter den Juden genau so weit gefächert und kontrovers wie unter den Christen und Muslimen. Spinozas Formel „Gott oder Natur“ war ein stoischer Schlag gegen alles biblische Denken. Von der Amsterdamer portugiesischen Synagoge wurde er zur Strafe mit dem Bann belegt und aus der Gemeinde ausgeschlossen.

Auch heute noch bedrohen Ultraorthodoxe mit den Methoden des 17. Jahrhunderts alle, die sich ihren Glaubenszwängen widersetzen wollen. Was verhindert werden muss.

In Deutschland verfügen die Kirchen nicht mehr über eine vergleichbare Macht wie die Ultraorthodoxen in Israel. Doch die unbewusste Macht des Konfirmandenglaubens ist unangetastet. Ersichtlich bei den Grünen, die Natur ersetzt haben durch das Dogma einer bewahrenswerten Schöpfung, obgleich diese von ihrem Creator zum apokalyptischen Ende verurteilt wurde.

Wie ein Schlafwandler sei der Mensch in die Rolle des Naturzerstörers gestolpert? Von wem ist dann die folgende Maxime?

„Mut zuallererst, Unerschrockenheit, Liebe zum Wagnis, Widerwille gegen Faulenzerei und Friedensverhimmelung; stets bereit sein zu wagen, im individuellen wie im Gemeinschaftsleben. Das Geruhsame verabscheuen, Disziplin der Arbeit, Achtung vor der Autorität. Den Dolch zwischen den Zähnen, die Bomben in den Händen, eine souveräne Verachtung der Gefahr im Herzen.“

Das waren die Worte eines gewissen Mussolini, der sich als Schüler Nietzsches verstand und Gewaltethik und Gewaltverherrlichung als Grundlagen seines Faschismus pries.

Streichen wir militärische Gewalt aus Mussolinis Parolen und ersetzen sie durch technische und ökonomische Dominanz, so erhalten wir die „Moral“ des heutigen Neoliberalismus. Jeder, der nicht unter die Räder kommen will, ist gezwungen, das grausame und vernunftlose Wettbewerbsspiel der Evolution mitzuspielen. Eine Moral ist in diesem Spiel nicht zu erkennen, schon gar keine vernünftige oder humane. Die Moral der Evolution übersteigt alle Vernunft des Menschen.

Hayek schließt sich Humes These an: „Die Regeln der Moral … sind nicht Ergebnisse unserer Vernunft.“ Die weitverbreitete Vorstellung „sozialer Gerechtigkeit“ beschreibe keinen möglichen Zustand der Wirklichkeit, schreibt er in seinem Buch „Die verhängnisvolle Anmaßung: die Irrtümer des Sozialismus.“

Wobei Hayek die Kleinigkeit übersah, dass der Marxismus zwar einen moralischen Zustand im Reich der Freiheit anstrebte, aber nicht mit Mitteln der Moral. Moralduselei war unter allen Umständen zu vermeiden.

Bei Hayek macht der wagemutige Mensch dem Markt ein Angebot; der Markt wird nach unerfindlichen Kriterien, jenseits aller vernünftigen Moral, seine Entscheidungen treffen. Der Glückliche wird siegen, wer Pech hat, wird untergehen. Das ist das ganze, keiner Vernunft und Moral zugängliche, Geheimnis des evolutionären Marktgeschehens.

Die Griechen kannten zwei Naturrechte, die sich unerbittlich bekämpften: das Naturrecht der Starken und das der Schwachen. Beide Naturrechte dominieren das Geschehen der Moderne bis zum heutigen Tag. Das Naturrecht der Starken ist identisch mit der Amoral des Neoliberalismus, das Naturrecht der Schwachen identisch mit dem stoischen Völker- und Menschenrecht, den Grundlagen der neuzeitlichen Demokratie.

Beide Moralen stehen sich unversöhnlich gegenüber, weshalb der Dauerkonflikt zwischen Ökonomie und Demokratie so lange ungelöst bleiben wird, solange die ethische Zentralkollision nicht beendet wird. Niemals wird die Wirtschaft sich damit begnügen, die zweite Geige zu spielen. Sie wird sich solange ins Zeug legen, bis sie gewinnt oder kläglich verliert. Verliert sie, wird die Demokratie siegen. Gewinnt sie – mit Unterstützung durch eine Religion, deren Moral identisch ist mit dem Calvinismus –, wird die Demokratie untergehen: die mächtigsten Bullenstaaten, in Verbindung mit den Riesenmonopolen und der effizientesten Technik werden den Globus unter sich aufteilen.

a) Das Naturrecht der Starken: „Die Natur beweist, die Gerechtigkeit bestehe darin, dass der Edlere mehr Vorteile hat als der Geringere, der Leistungsfähigere mehr als der Untüchtige. Im Ganzen verhält es sich so: der Stärkere herrscht über den Schwächeren und hat mehr Vorteile als dieser. Das Recht der Stärkeren besteht in hemmungsloser Zuchtlosigkeit. Die Moralisten, die der Selbstzucht und Rechtlichkeit huldigen, sind Toren und Schwächlinge. Die Moral der Schwachen ist naturwidriges und wertloses Geschwätz.“ (Nestle)

Wir sehen, die Verhöhnung der Gutmenschen zugunsten moralfreier Willkür ist ein uralter Hut.

b) Das Naturrecht der Schwachen.: „Die Natur hat alle Menschen freigelassen, sie hat niemanden zum Sklaven gemacht.“ Diese Lehre einiger Wanderlehrer wurde von Aristoteles mit dem Satz wiedergegeben: „Manchen scheint das Herrsein (oder Despotsein) wider die Natur gerichtet; denn nur aus Sicht der Menschen sei der eine Sklave, der andere ein Freier. Von Natur aus bestehe zwischen beiden kein Unterschied. Weshalb der Unterschied nicht gerecht sei, denn er beruhe nur auf Gewalt.“

Wenn wir die Zukunft der Menschheit sichern wollen, müssen wir das brutale Naturrecht der Starken beenden, die mit wirtschaftlicher, technischer und militärischer Überlegenheit die Menschheit ihres Wegs führen wollen.

Nur Gleichheit und emotionale Verbundenheit, die den Menschen ein Leben ihrer Wahl ermöglichen, ohne ihre Nachbarn zu demütigen, für dumm zu verkaufen oder übers Ohr zu hauen, werden den Einsichtigen eine Überlebenschance bieten.

Waren die Menschen nur zufällig in die Katastrophe geraten?

Seit Beendigung der matriarchalen Naturverbundenheit tobt der Kampf des Mannes gegen die weibliche Natur.

Die Natur zerteilen, dissecare naturam, war die Losung Francis Bacons, des Urvaters der modernen Wissenschaft und des Kampfes gegen die Natur.

Eindringen in die Natur, um Gold zu suchen, war ein Eindringen in die Eingeweide der Mutter. Mineralien und Metalle reiften im Uterus der Mutter Erde. Bergwerksminen wurden mit ihrer Vagina verglichen, Metallurgie war die vom Menschen bewirkte Beschleunigung der Geburt.

Warum wurde die Vulva in der Neuzeit zum Tabu? Weil der Mann ein schlechtes Gewissen hatte, die Vulva der Mutter Erde zerstört zu haben. Diese Schuld wollte er für immer aus dem Gedächtnis tilgen.

Bacons literarische Bilder, um seine Wunschwissenschaft zu beschreiben, entstammten vor allem  dem Gerichtssaal. Die Frau als Mutter Natur wird mit mechanischen Geräten gequält und gefoltert, das erinnert an die Verhöre in Hexenprozessen. Der Natur müssten die Geheimnisse ebenso entrissen werden wie man Hexen ihre Geheimnisse mit inquisitorischen Gewaltmethoden entrissen hatte.

„Der Mann der neuen Wissenschaft solle nicht glauben, das Verhör der Natur sei etwas Unerlaubtes oder Verbotenes. Die Natur müsse durch „Mechanik bezwungen und bearbeitet werden.“ Die Untersucher und Erforscher der Natur haben die Aufgabe, die Pläne und Geheimnisse der Natur mit List und Tücke auszukundschaften. „So wie der Schoß der Frau sich symbolisch der Zange öffne, so hegt der Schoß der Natur Geheimnisse, die man ihm zum Besten des Menschen durch Technik entreiße.“

Bacon beschreibt die Materie (= das Mütterliche) häufig als „allgemeine Coquette und Hure“. Nur dadurch, dass sich die Menschen immer tiefer in den Schacht der Naturerkenntis graben, können sie die verlorene Herrschaft über die Natur zurückgewinnen.

Die Neugier eines Weibes habe zwar den Sturz des Menschen verursacht, aber das erbarmungslose Verhör eines anderen Weibes – der Natur – könne sie zurückgewinnen. „Wir haben kein Recht zu erwarten, dass die Natur zu uns kommt. Vielmehr muss man die Natur bei der Stirnlocke packen, denn hinten ist sie kahl.“

Die Vergewaltigung der Mutter Natur ist eine Rache des Mannes für die Übeltat der Eva, den Sündenfall der Menschheit durch Neugierde verursacht zu haben.

Noch heute sprechen Wissenschaftler vom Einsperren der Natur im Labor, vom Eindringen in ihre Geheimnisse, von harten Fakten, vom durchdringenden Geist oder der Stoßkraft seiner Argumentation. Zum Wohl des Menschen darf die Natur vergewaltigt werden.

Merchant fasst zusammen: „Die Vernehmung von Hexen als Sinnbild für das Verhör der Natur, der Gerichtssaal als Modell für ihre peinliche Befragung und die Folter durch mechanische Hilfsmittel als Instrument zur Unterjochung des Chaos: dies alles ist grundlegend für die wissenschaftliche Methode als Ausübung von Gewalt und Macht.“

„Der Mensch hat sich nicht dafür entschieden, den Planeten an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu bringen. Es ist ihm, angetrieben von der Aussicht auf Wohlstand und Wachstum, einfach so passiert.“ Eine Feststellung, die nach so vielen Jahren der Naturbewegung nur noch fassungslos macht.

Der Mensch hat sich sehr wohl für das dissecare naturam entschieden: zuerst in Form eines Erlöserglaubens, sodann in Form eines religiös motivierten technischen Fortschritts.

Und nochmal sage ich euch: dieser Wahn muss aufhören. Männer und Frauen werden sich nie lieben, wenn sie nicht die Natur lieben. Die Natur werden sie nie lieben, wenn sie sich nicht selber lieben.

Fortsetzung folgt.