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Alles hat keine Zeit III

Alles hat keine Zeit III,

„Der Schwarze Tod, so furchtbar er unter der Bevölkerung gehaust haben mochte, stellte nicht nur das ökologische Gleichgewicht wieder her, sondern hob auch den sozialen Status der Bauern.“ (Carolyn Merchant, Der Tod der Natur)

Corona ist ein Fortschritt. Ein Fortschritt der Menschheit, die furchtlos in das düstere Reich der Natur eindringt, um sie von lebensfeindlichen Elementen zu befreien. Kühn ruft sie die giftigen Elemente bei Namen, überträgt sie auf sich selbst, reinigt sich mit ihrer Hilfe, verabschiedet sich von den Vielzuvielen und schrumpft sich gesund. Es gibt zu viele Menschen auf der Erde, die der Natur die Haare vom Kopf fressen.

Der bösartigen Mutter Natur muss der Stachel gezogen werden. Wie der Herr die Sünden des Menschen auf sich lädt, um ihn stellvertretend vom Bösen zu befreien, so lädt der Mensch die Sünden der Natur auf sich, damit sie als neue auferstehen kann.

Wie der Mensch durch höhere Wesen erlöst wird, so erlöst er die unter ihm stehende Natur, indem er sie mit dem Ende bedroht. Der Mensch ist der Heiland der Natur, die er foltert und quält, damit sie ihn ans Kreuz nagelt und beide in einer neuen Schöpfung auferstehen.

Hat der Mensch der Natur Gutes gebracht – oder hat er sie ins Verderben gestürzt? Das Feuer bringt es an den Tag. Feuer ist … … der Test der Bewährung:

„So aber jemand auf diesen Grund baut Gold, Silber, edle Steine, Holz, Heu, Stoppeln, so wird eines jeglichen Werk offenbar werden: der Tag wird’s klar machen. Denn es wird durchs Feuer offenbar werden; und welcherlei eines jeglichen Werk sei, wird das Feuer bewähren. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird selig werden, so doch durchs Feuer.“

Das Feuer ist der Test aller Machenschaften des Menschen. Übersteht seine Kultur das vorhöllische Feuer, wird er belohnt werden. Besteht sie es nicht, wird der Mensch Schaden erleiden, aber davonkommen: das Feuer wird ihn reinigen.

Höllenfeuer ist endloses Grauen. Fegefeuer oder Purgatorium ist ein Gnadengeschenk, mit dem der Mensch seine Bosheiten in Rauch auflösen kann, auf dass er als gebranntes, aber gerettetes Kind mit dem Schrecken davonkomme. Das Purgatorium ist eine Selbstbestrafung, um die Strafe Gottes vorwegzunehmen.

Der Fortschritt der Menschheit eilt dem Purgatorium entgegen: den rund um den Globus auftretenden Weltenfeuern. Endzeit, vom Menschen hergestellt, damit er sie als Werk Gottes fürchten und bewundern kann. Mit den Zedern des Libanon beginnt es:

„Das Land sieht traurig und jämmerlich aus, der Libanon ist zuschanden geworden und verdorrt. Scharon ist wie eine Steppe, und Baschan und Karmel stehen kahl. Nun aber will ich mich aufmachen, spricht der HERR; nun will ich mich erheben, nun will ich aufstehen. Mit Stroh geht ihr schwanger, Stoppeln gebärt ihr; euer Zorn ist ein Feuer, das euch selbst verzehren wird. Und die Völker werden zu Kalk verbrannt werden; wie abgehauene Dornen werden sie im Feuer verzehrt.“

Das Neue Testament will nicht zurückstehen beim Ausmalen der Endzeitschrecken:

„Wehe den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen, und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt unter alle Völker, und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind. Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“

Biblizisten nehmen jedes Wort buchstabengetreu. Amerikanische Fundamentalisten beobachten penibel die Zeitläufte und haken ab, was sie als Erfüllung des prophetischen Wortes betrachten. Weshalb sie die gesamte Ökologie als Teufelswerk verfluchen. Es war nicht nur die amerikanische Ölindustrie, die die ersten Naturrettungsversuche zu Fall brachte.

„Und wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Völker, und er soll sie weiden mit eisernem Stabe – wie die tönernen Gefäße werden sie zerschmissen –, wie auch ich Macht empfangen habe von meinem Vater.“

„Die Zahl der amerikanischen Bürger, die Geschichte und Politik aus der Sicht biblischer Prophezeiungen interpretieren, ist gigantisch. Mehr als ein Drittel spekuliert darüber, in welchem Zusammenhang aktuelle Nachrichten mit den Weissagungen der Heiligen Schrift stehen. 59% sind davon überzeugt, dass wir in einer Zeit leben, in der sich die Ereignisse der Johannesoffenbarung realisieren und ein Viertel glaubt, der 11. September sei in der Bibel vorausgesagt.“ (Trimondi, Krieg der Religionen)

Endzeitperspektiven sind nicht auf das Christentum beschränkt.

„Der „apokalyptische Wahn“ ist keineswegs eine rein amerikanische Krankheit, sondern hat sich in den letzten 20 Jahren wie eine Epidemie in allen Religionen verbreitet. Westliche Demokraten „kultivieren“ ebenso eine „Armageddon-Philosophie“ wie islamische Terroristen, wie radikale jüdische Siedler, wie indische Kongressabgeordnete, wie Dalai Lama-Anhänger, wie neue chinesische und japanische Mega-Sekten. Die gefürchtete islamische Djihad-Ideologie ist ebenfalls von ihren Ursprüngen an auf einem apokalyptischen Dogma aufgebaut. Millionen von Muslimen denken heute apokalyptisch.“ (ebenda)

Der Hass des Westens auf Muslime, Terroristen und sonstige „Systemfeinde“ entlarvt sich als Selbsthass. Als Hass auf alle Alarmisten und Apokalyptiker, die es hierzulande nicht geben dürfte: denn Deutschland ist aufgeklärt und jenseits vom Jüngsten Tag.

Verbrecher und Terroristen muss man nicht hassen, um sie unschädlich zu machen und dem Gesetz zuzuführen. Man muss die Ursachen analysieren, die schrecklichen Fehlentwicklungen ihrer Biographien verstehen (auch Täter sind Opfer; was sie als Gründe angeben, sind nachträgliche Rationalisierungen) – um die Nachahmung dieser Taten zu verhindern.

Sieht man, wie Medien sich in kollektivem Wahn auf die vermutlichen Täter stürzen: „er meint uns alle, er zielt auf unser System, sperrt ihn weg für immer“, muss man sich fragen, woher dieser Gegenhass kommt? Weder will er die Tat, noch die eigene pathologische Reaktion verstehen. Am heftigsten reagieren jene, die sich über „Gutmenschen mit erhobenem Zeigefinger“ nicht genug ereifern können.

Die Bösen teilen die Welt immer in Gute und Böse. Nur die Bösen? Die Deutschen wollen immer die Guten sein, die zu stolz sind, um sich von anderen gut nennen zu lassen. Sie wissen, dass sie gut sind, das genügt. Moralische Belehrungen brauchen sie nicht. Sie haben noch nicht die „apokalyptische Matrix“ zur Kenntnis genommen, die die Politik des Westens prägt. Sie haben noch nicht entdeckt, dass es zweierlei Moralen, zweierlei Gutes und Böses gibt.

a) Autonome Moral definiert das Gute, Empfehlenswerte und Menschliche – und das Böse, Verabscheuungswürdige und Unmenschliche.

b) Erlöserreligion definiert ebenfalls das Gute, aber als fremdbestimmt Göttliches und Lohnwürdiges – und das Böse als Teuflisches und Strafwürdiges. Der Mensch ist nicht seinem selbstgeleiteten Gewissen untertan, sondern einem Gerichtsurteil am Ende aller Tage.

Autonome Moral muss alles selbst durchdenken, im eigenen Leben erproben, sich mit rivalisierenden Moralen auseinandersetzen, ethische Entscheidungen in Politik übersetzen, sich auf der öffentlichen Agora verantworten – und die Folgen ihres Denkens und Handelns erst mal akzeptieren. Nur aus Versuch und Irrtum kann man lernen.

In jeder nichtutopischen Demokratie gibt es Elemente der Unvernunft, die man, wenn durch Macht unterstützt, vorläufig hinnehmen muss. Vorläufig deshalb, weil es in einer recht-mäßigen Republik Instanzen gibt, die sich um die Einhaltung der Regeln kümmern. Hält man das Tun dieser Instanzen – Regierung, Polizei, Justiz – für falsch, muss man sie öffentlich zur Rede stellen und zur Selbstkritik auffordern. Hält man Regeln und Gesetze für falsch, muss man sie demokratisch zu ändern versuchen. Alles andere wäre Selbst- und Lynchjustiz.

In einer utopischen Demokratie gäbe es kein Verhalten, das nicht durchdrungen wäre vom Geist der Vernunft. Alles, was sich nach eigener Einschätzung verändern müsste, um eine vernünftige Polis zu werden, wäre der Abstand zwischen Realität und Utopie.

Jede Erlösermoral muss selbstbestimmtes Denken verbieten. Was gut und böse ist, wird von göttlicher Allmacht bestimmt. Keine Erlösermoral lässt subjektiven Eigenwillen zu. Es steht geschrieben! Daran hältst du dich, Kreatur. Verboten ist jede Einmischung subjektiven Besserwissens.

Im Abendland haben sich griechische Autonomie und religiöse Heteronomie durchdrungen und verschiedene Mischformen erfunden. Aus methodischen Gründen bleiben wir bei den idealtypischen Urformen.

Im Luthertum und im Calvinismus gibt es keine Selbstbestimmung des Menschen. Je mehr autonome Vernunft den Gottesbegriff zu kontaminieren beginnt, je weniger Unterschiede zwischen Vernunft- und Gottesmoral gibt es. In der Aufklärung gab es Menschen, die fromm und vernünftig sein wollten. Biblische Gesetze waren für sie rational – oder mussten rational interpretiert werden.

Die Frage: kann eine von Gott verordnete Moral zugleich autonom sein? wurde verschieden beantwortet. Wenn Vernunft Gottes und des Menschen rational waren – da sie beide Teile derselben Natur sind –, konnte es keine Unterschiede geben.

Den Vernunft- oder Naturgott lehnten Fundamentalisten ab. Ihr Gott war mehr und größer als Natur. Er überragte nicht nur die Natur, sondern war ihr omnipotenter Schöpfer. Allmacht kennt keine Mitwirkung anderer, schon gar nicht der eigenen Kreaturen, die sich dem Kreator widersetzen könnten.

Bei Calvin und Luther gibt es keine Mitwirkung der Geschöpfe, Katholiken hingegen sollen einen freien Willen haben.

Die Widersprüche zwischen fremd- und selbstbestimmter Moral werden in Deutschland tabuisiert. Psychologisch müsste man sagen: wer gegen gut und böse wütet, ohne zu sehen, dass seine Wut gut sein will, glaubt, gut zu sein – ohne das Gutsein beweisen zu müssen. Sein Gutsein kann er nicht rechtfertigen.

Demokratisch kann dieses Gute nicht sein. Denn autonome Politmoral muss immer wieder erstritten werden. Kann man sich allmählich einigen, wird die Demokratie zu einer Schwarmintelligenz unterwegs nach Utopia.

Das Gutsein, das jede Rechtfertigung wütend ablehnt, kann nur religiös sein. Die Guten sind die Erwählten, die ihr Gutsein als Gnadengeschenk von Oben erhalten haben und es als Blasphemie betrachten, sich vor Gottlosen und Heiden rechtfertigen zu müssen. Man könnte von einem religiösen Narzissmus sprechen, der es ablehnt, mit Nichterwählten in der Arena der Demokratie um wahre Moral zu streiten. Sie fühlen sich vollkommen, weil sie von Oben erwählt sind und deshalb wissen, dass sie keinen moralischen Nachhilfeunterricht benötigen.

Würde das nicht bedeuten, die etablierten Deutschen fühlen sich als etwas Besseres, verglichen mit ihrem gottlosen Plebs oder anderen Nationen, die weit unter ihrem Niveau stehen?

„Die Figur des selbst ernannten Querdenkers hat wieder Konjunktur. Sie entspringt der Illusion, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. … Damit ist klar, dass die Proklamation eines Querdenkens gerade keine konkreten Ideen des Denkens verfolgt. Im Vordergrund stehen stattdessen gesinnungsethische Appelle und verschwörungsmythische Perspektiven. Diese zielen denn auch weniger auf ein offenes Denken denn auf ein vorbestimmtes Handeln.“ (ZEIT.de)

Der Artikel lässt keine Konfusion der gegenwärtigen Debatte aus. Querdenker waren ursprünglich – Kritiker. Ohne Kritik weder Denken noch Demokratie. Ja, es gibt neurotisches Dagegensein. Doch Gesinnungen mit Taten zu verwechseln ist Unfug. Die vermutete psychische Herkunft eines Denkens mit diesem gleichzusetzen, ist Gesinnungsterror.

Ob Einstein aus querulatorischen Gründen die damalige Physik auf den Kopf stellte, ist belanglos. Nicht seine – vermuteten – Motive entschieden über die Richtigkeit seiner Theorien, sondern seine fachliche Kompetenz, seine kritische Unbefangenheit, schließlich die empirische Bestätigung seiner Behauptungen.

Welche Psyche muss Jesus gehabt haben, um sich der Welt als Messias zu präsentieren? Welchen Narzissmus mussten all jene gehabt haben, die ihre Welt auf den Kopf stellten? Wenn sie heute anerkannt sind, gelten sie als Genies mit intellektuellem Sendungsbewusstsein. Hatten sie keinen Erfolg, werden sie in Geschichtsbüchern als skurrile Einzelgänger, penetrante Wichtigtuer oder Wahnsinns-Genies mit einer Anmerkung bedacht.

Gesinnungsethik ist religiöse Gehorsamsethik. Nur wer eine reine Gesinnung besitzt, kann gute Werke vollbringen. Gute Werke sind nicht gut, weil sie klaren Kriterien entsprechen, sondern weil sie Früchte einer gnädig geschenkten Gesinnung sind. Luthers Spruch hieß: Sündige tapfer, wenn du nur glaubst. Rechter Glaube macht jede Tat zur „guten“, gottgenehmen Tat – und sei sie noch so pervers.

Deutsche kritisieren die Moral ihrer abendländischen Religion ohne das geringste Bewusstsein. Das deutsche Über-Ich muss ungetrübt lutherisch sein, obgleich es nicht weiß, was lutherische Theologie ist.

Sollten über-ich-blinde Deutsche einst vor dem Richterstuhl Jesu erscheinen, um ihre Sünden zu verantworten, würde Petrus, ihr Pflichtverteidiger, die lapidare Formel benutzen: eigentlich müssten die Deutschen verurteilt werden. Als Lutheraner aber sind sie freizusprechen. Mögen sie noch so viele Verbrechen begangen haben: als glaubensfeste Diener Gottes können sie nicht schuldig sein. Ihre Gesinnung war über alle Kritik erhaben. Ihr Glaube muss ihnen als Gerechtigkeit angerechnet werden.

Will ein Querdenker auf der rechten Seite der Geschichte stehen? Was bedeutet dieser Ausdruck, dessen Merkwürdigkeit keinem Deutschen auffällt? Offensichtlich befinden sich die meisten Deutschen so sehr auf der rechten Seite der Geschichte, dass sie diese Trivialität nicht mehr wahrnehmen.

Griechische Querdenker kämpften um Wahrheit, um Moral, um den besten Staat. Es soll sogar dazu gekommen sein, dass eitle Tröpfe um der Wahrheit willen den eigenen Kopf riskierten. Eine Geschichte allerdings, die identisch war mit Wahrheit, kannten die Heiden nicht. Was eine rechte Seite der Geschichte sein soll: da wären sie ratlos gewesen.

Der Grund ihrer Ratlosigkeit ist einfach, für die Moderne allerdings ein Unding. Wahrheit war keine Eigenschaft der Zeit oder einer linearen Geschichte, die heute Heilsgeschichte genannt wird. Da der Herr seine ständig veränderbaren Wahrheiten nach Belieben offenbaren kann, ist Wahrheit abhängig von der jeweils aktuellsten Offenbarung der linearen Heilsgeschichte. Was früher als Wahrheit galt, kann heute Schrott von gestern sein. Das Alte ist vergangen, siehe, der Fortschritt wird jeden Tag neu erfunden.

Auf der falschen Seite der Geschichte steht, wer das Alte unverändert als Wahres verkündet, obgleich es von der Heilsgeschichte längst geschreddert wurde.

Gestern galt Kant, heute gilt Hegel: Aufklärung vorbei. Gestern galt Hegel, heute gilt Marx, der Hegel vom Kopf auf die Füße stellte: Philosophie und autonome Moral vorbei. Was tritt an dessen Stelle? Die angeblichen Gesetze der Natur, die zugleich Gesetze der Geschichte sind. Was bedeutet: nicht der autonome Mensch bestimmt sein Schicksal, sondern die Geschichte. Der Mensch ist entmündigt, er muss tun, was die Geschichte von Fall zu Fall von ihm verlangt.

Kennt irgendjemand die Frau Geschichte? Wer ist sie, welche Sprache spricht sie? Sie selbst spricht nicht. Sie lässt sprechen durch Auserwählte, die ihre geheimnisvolle Stimme hören und deuten: wir sind wieder in der Religion, obgleich die Gründer des Marxismus vehemente Religionskritiker waren. So einfach entkommt man der Prägung einer jahrtausendealten Religion nicht. Sprache kann sich verändern, die Substanz bleibt.

Im Papismus ist es der Klerus, der die wechselnden Wahrheiten der Heilsgeschichte empfangen und beurteilen kann. Sitzt der Papst auf seinem Thron, ist er sogar unfehlbar. Im Marxismus gibt es auch einen „Klerus“: es sind die Führer und Autoritäten der Partei. Wer hat sie ernannt? Sie sich selbst. Können sie sich nicht einigen, wer die wahren Führer sind, gibt es ein einfaches Mittel, dies herauszufinden. Sie schlagen sich solange tot, bis einer oder wenige übrig bleiben. Im westlichen Kapitalismus sind es die Erfolgreichen, die den Gang der Geschichte bestimmen. Im Osten waren es ebenfalls Erfolgreiche, die intime Einblicke in die Geschichte hatten und sie je nach Lage der Dinge und des Weltgeistes – pardon, der Welt-Materie – deuteten.

Gewöhnlich nennt man das Verfahren Esoterik: nur ein kleiner Kreis Eingeweihter darf in das Innerste des Heiligen eindringen, wo Geist, Materie, Geschichte oder Heilsgeschichte ihnen die Augen öffnen.

Der ZEIT-Artikel verurteilt alle, die auf der rechten Seite der Geschichte stehen wollen.

Erneut sehen wir: echte Deutsche sind jene, die auf der rechten Seite der Geschichte stehen und alle verurteilen, die dasselbe wollen, wenn auch mit anderen Begründungen. Der Verfasser kämpft ununterbrochen gegen Meinungen, die im Grunde auch die seinen sind: er kämpft gegen sich selbst, indem er seine Waffen gegen andere richtet.

Das ist der alltägliche Kampf der Medien – die immer auf der rechten Seite der Geschichte stehen – gegen solche, die sich anmaßen, dort zu stehen. Falsche Geschichtsdenker werden von den richtigen als selbsternannte bezeichnet.

Das ist der Gipfel der Unverschämtheit, dass Systemgegner, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und Populisten eine selbsternannte Kompetenz für sich beanspruchen.

Was aber, wenn selbsternannt auf Griechisch – autonom hieße? Würde das nicht bedeuten, Fremdbestimmte veranstalten Hetzjagden gegen Selbstbestimmte?

Autonomes Denken und Handeln war die Essenz der Aufklärung. Hieße das nicht, Gegenaufklärer würden heute einen Sturmlauf gegen die autonome Demokratie veranstalten?

Fassen wir zusammen: Kritiker des demokratischen Verfalls werden nicht beurteilt nach Argumenten, sondern nach ihren vermuteten Gesinnungen. Und die sind immer böse, weil sie auf der rechten Seite der Geschichte, also gut und fromm sein wollen – ob sie es wissen oder nicht.

Die wirklich wahre Seite der Geschichte befindet sich – in der Mitte der Gesellschaft, die sich nicht selbst ernennt, sondern ernannt wird. Von Oben, der frommen Obrigkeit, vom Herrn der Heilsgeschichte.

Womit wir die Akte schließen könnten. Es wäre optische Täuschung, wenn Deutschland einen verwahrlosten Eindruck hinterließe. In Wahrheit ist Deutschland eine von Oben ernannte vorbildliche christogene Republik, die sich tapfer nach den ständig wandelbaren Direktiven einer frommen Frau richtet, die das Herz nicht nur auf dem rechten Fleck, sondern auf der rechten Seite der Geschichte hat.

Corona ist eine Seuche. Eine Seuche des Fortschritts. Böse Ereignisse sind dem Fortschritt förderlich. Der Fortschritt muss immer Böses mitentwickeln, damit das Gute stets neu erfunden werden kann.

„Trotzdem haben wir aus Seuchen viel gelernt, waren Seuchen stets auch wichtige Triebfedern der Entwicklung. Es haben sich nicht nur Medizin, Epidemiologie und Virologie verbessert. Auch unsere moderne Lebensform haben wir maßgeblich der letzten Cholera zu verdanken – dass wir duschen, uns die Hände mit Seife waschen, jeder eine eigene Wassertoilette besitzt, dass es Wasser- und Klärwerke gibt sowie saubere Schlachthöfe. Ohne die große Pockenwelle hätte es auch nicht die Impfgesetze der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts gegeben, ohne die Cholera nicht das Reichsseuchengesetz von 1900. Dass der Staat uns gegen Krankheiten schützen will, ist eine Lehre aus vorangegangenen Seuchen. Und noch nie war die Zustimmung zu staatlichen Einschränkungen so groß. All das, wofür wir seit 1789 gekämpft haben, wurde innerhalb von zwei Wochen kassiert. Das sollte uns sehr, sehr nachdenklich machen. Als hoch industrialisierte Gesellschaften leben wir in einer permanenten kriegerischen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Covid-19 ist dort zuerst ausgebrochen, wo dieser Krieg besonders aggressiv geführt wird, etwa in den Megacitys in China und in der stark industrialisierten Region Norditaliens mit ihrer extremen Luftverschmutzung.“ (SPIEGEL.de)

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Die wollen rücksichtslos nach vorne bewegt werden, damit sie das Ziel der Geschichte erreichen. Das gelingt nur durch böse und menschenfeindliche Ereignisse, zu denen Naturkatastrophen, Seuchen, schreiende Ungerechtigkeiten und Ähnliches gehören.

Zur Psychologie des Apokalyptikers gehören – nach den beiden Trimondis: Allmachtsansprüche und Intoleranz, Macht- und Unterwerfungsphantasien, extremes Feindbilddenken, das Sündenbock-Syndrom, grausame Bestrafungs- und Waffenphantasien, suizidale Kollektivuntergänge.

Wird Corona uns weiterbringen? Gewiss doch. Nach dem esoterischen Spruch: ordo renascendi est crescere posse malis. In ordinärem Deutsch: Zur Erneuerung gehört die Fähigkeit, durch Übel zu wachsen. Oder: Das Geheimnis des Fortschritts ist das Böse, das uns in den Abgrund treibt.

Rationale Moral hingegen ist einfach und langweilig: Gutes bringt Gutes, Gutes und Böses schließen sich aus. Nicht auf der rechten Seite der Geschichte müssen wir stehen, sondern auf der Seite der Humanität.

Fortsetzung folgt.