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Alles hat keine Zeit II

Alles hat keine Zeit II,

Nach fast 10 Jahren ist Schluss mit dem lustigen Bubenraufen Augstein-Blome in Phönix. Wie ist ihre Bilanz? Haben sie voneinander gelernt? Haben sie Debatten angestoßen? Welche Begriffe haben sie geklärt, welche Probleme ihrer Lösung näher gebracht?

Oder handelten sie nach dem Motto: raufen ist alles, ein Ziel gibt es nicht? Warum nur hatte man den Eindruck, sie mussten beim Publikum die Illusion erwecken, als lebten sie auf verschiedenen Planeten, obgleich sie in derselben Arriviertenwelt Schabernack miteinander treiben? Saßen sie nicht im gleichen Sandkasten, bewarfen sich mit Steinchen und spielten dem Publikum „demokratisches Streiten“ vor? Schaut, wie unsre munteren Knaben raufen können, ohne sich die Augen auszukratzen?

Politiker haben eine Nullsprache entwickelt, um nicht beim Wort genommen zu werden; Medien eine Ist-Sprache, um ihre Positionen zu verstecken; Augstein & Blome eine spätpubertierende Raufsprache, um mühsam – ihre Einigkeit zu verbergen.

Worüber hätten sie auch streiten sollen? Seit Ende der 68-er-Bewegung, dem Aufkommen der Ökofrage und Brandts Versöhnung mit dem Osten gab es in der Republik keine Grundsatzdebatten mehr. Auf der Agenda standen nur Details des ewig gleichen Fahrplans: Nach der Urkatastrophe beginnen wir bei Nichts und gelangen an die Spitze der Welt. Dann sehen wir weiter.

Wir halten uns an die Spielregeln unserer Befreier und zeigen, dass wir lernfähige Bürschchen sind – unsere Mädchen immer hinterdrein. Demokratie müssen wir nicht neu erfinden. Über-Ich-geleitet glauben wir, dass … … unsere transatlantischen Lehrmeister so schnell nichts falsch machen können. Heute sehen wir betroffen, wie unsere Vorbilder abbauen. Und verstehen nichts.

Und damit rein in den VW und über den Brenner nach bella italia zu unseren ehemaligen Verbündeten! Demokratie lernten wir als mechanisches Gesellschaftsspiel. Mit deutscher Bildung hatte sie nichts zu tun. War Faust Demokrat? Warum verabscheute Goethe die Französische Revolution? Warum war Wilhelm Tell kein Vorbild der Polis? Solche Fragen waren verboten. Bildung und Politik schlossen sich aus.

Was sich bis heute kaum geändert hat. Die Schulen wären sonst nicht seit Jahrzehnten heruntergekommen. Das Lehrerzimmer ist doch keine Agora, auf der Empörungsrituale ausgeheckt werden. Deutsche Geschichte war nur ein Tummelplatz der Heroen, keine Brutstätte unvermeidlicher Katastrophen. Unvermeidlich deshalb, weil die Deutschen sich grundlegend hätten ändern müssen, um das finale Fiasko zu vermeiden.

Philosophie gab es nicht – oder höchstens als Anhängsel der Religion. Germanisten legten Wert auf die Autonomie ihres Fachs. Philosophen, gar aus der Fremde, störten nur die Inzucht germanischer Schreibkünstler.

Als die 68er vieles angestoßen hatten, machten sie sich aus dem Staub, pardon, begannen ihren Gang durch die Institutionen. So erfolgreich, dass sie in der Tiefe der Institutionen verloren gingen und bis zum heutigen Tage nicht mehr gesichtet wurden.

Am Anfang waren sie wütende Gegner des Kapitalismus. Heute kennen sie nichts Besseres als die erfolgreichste Wirtschaftsweise der Welt: den Kapitalismus.

Nach Kriegsende gab es keinen Kapitalismus. Die Deutschen, die alles besser machen wollten, waren stolz auf ihre Soziale Marktwirtschaft. Heute bewundern sie einen Raubtierkapitalismus (Entschuldigung Raubtiere) der ständig ermahnt wird, mit sozialen Almosen nicht zu übertreiben.

Der deutschen Marktwirtschaft entsprach der New Deal Roosevelts, der mit 90% Steuern keinen einzigen Milliardär und nur wenige Millionäre duldete.

Als die Erholungszeiten der Nachkriegsepoche vorüber waren und die unbegrenzte Gier an ihren Ketten rüttelte, kauerten die zukünftigen Sieger bereits in ihren Startblöcken und barsten vor Energie.

In Amerika und England begann der Siegeszug des Neoliberalismus. Kaum hörten die Deutschen das Signal der Zukunft, vergaßen sie ihre Marktwirtschaft und sprangen, haste nicht gesehen, auf den rasenden Zug der Zukunft. Kaum eine mediale Stimme, die sich dem Fortschritt in den Weg gestellt hätte. Der Neoliberalismus entfesselte den globalen Wettbewerb. Wer nicht unter die Räder kommen wollte, musste sich ducken – und losrasen zugleich.

Das war die Stunde deutscher Vor-Trumpisten, die in herzerfrischender Weise – früher hätte man von Brutalinskimethoden gesprochen – das Ruder übernahmen, das Lumpenproletariat in die Gosse stießen und mit den transatlantischen Vorbildern die Weltführung übernahmen. Der Osten ergab sich, indem er Frieden stammelte, China war unter ferner liefen.

Es waren Aufsteiger der Proletenpartei, die den Unterschied zwischen Köchen und Kellnern mit feixendem Grinsen vordemonstrierten. Die Grünen, die in fliegendem Wechsel die Natur verlassen hatten und zur Bewahrung der Schöpfung übergelaufen waren, schlossen sich als lernfähige Koch-Lehrlinge an. Oskar, der einzige Standhafte, wurde stante pede in der Provinz entsorgt.

Erneut hatten Proleten einen Pakt mit jenen geschlossen, die sie einst in die Wüste schicken wollten.

Die Schwäche der SPD ist ihre Totalamnesie. Um sie zu beheben, müsste sie tun, was sie sich – assistiert von amnestischen Medien – immer verbietet: sie müsste sich mit sich selbst beschäftigen. Die Proleten verleugnen, woher sie kommen und wissen nicht, wohin sie wollen. Alles, was sie tun, ist gespalten.

Gespalten zwischen Marx – und wem noch mal? Sie haben vergessen, was soziale Marktwirtschaft ist. Vertreter der Marktwirtschaft kennt man heute nicht mehr. Der alles überragende Alexander von Rüstow, der die Nazizeit in türkischem Asyl überlebte, war die führende Stimme einer humanen Wirtschaft, die der „Vitalsituation“ des Menschen gerecht werden sollte. Sein Name ist heute nicht mal Experten bekannt. Eine historische Schande, eine Selbstverblendung.

Linke CDUler leiten die Marktwirtschaft vom Freiburger Ordoliberalismus her. Genauer müsste man von linken Frommen sprechen. Einerseits sind sie Gegner eines zügellosen Kapitalismus, andererseits berufen sie sich auf neutestamentliche Gebote, weniger auf Argumente irdischer Vernunft. Wenn man den lateinischen Begriff ordo hört, befindet man sich, nehmt alles in allem, auf heiligem Boden.

Freiburger wie Walter Eucken beriefen sich auf Adam Smith. Doch dieser war gespalten. Wohlverstandener Egoismus – in Ablehnung des christlichen Altruismus – war für ihn Antrieb der Wohlstandsvermehrung der Nationen. Aaaber! Wer garantierte das harmonische Endergebnis der Nation, wenn jeder nur für sich selbst sorgt? Jetzt kommt die unsichtbare Hand ins Spiel, das kann nur die Hand Gottes sein. Da Smith aber überzeugter Stoiker war, der die Heucheleien der Kirchen verabscheute, konnte sein Harmoniegott nicht biblisch, er musste die Vernunft selbst sein. Konnte Eucken, als bekennender Smithianer, ein katholischer Ordoliberaler sein?

Wenn Heiner Geissler, mit Norbert Blüm der profilierteste „Linkskatholik“ der CDU, seine Partei zu sozialem Verhalten aufrief, berief er sich stets auf den Ordoliberalismus, als sei dieser ein eindeutiges katholisches Gebilde gewesen. War er nicht. Lassen wir uns von Wiki verwirren:

„Der Ordo-Gedanke entstammt „einer der höchsten Symbolwerte […] der scholastischen Metaphysik“, wie sie von Thomas von Aquin entfaltet wurde. In der Literatur ist umstritten, inwieweit die Ordo-Vorstellungen der Freiburger auf diesen geistesgeschichtlichen Wurzeln beruhen. Nils Goldschmidt vom Walter Eucken Institut (2002), vertritt die Auffassung, dass Euckens Intention die einer „natürlichen, gottgewollten Ordnung“ war. Laut Michael Schramm weise der Begriff des mittelalterlichen „ordo“ zwar auch eine religiöse Verwurzelung auf, Eucken verwende den Begriff jedoch nicht metaphysisch, sondern ökonomisch.“

Jetzt müssten wir noch Thomas und die Scholastik umpflügen. Da heißt es, ganz tapfer zu sein. Gibt es eine göttliche Ordnung, die nicht metaphysisch, sondern nur ökonomisch sein kann? Schon das Wörtchen meta-physisch (nach der Physik) ist mehrdeutig. Ursprünglich verwendet, um Schriften von Aristoteles zu kennzeichnen, die seinem Buch „Die Physik“ folgten. Der bibliothekarische Begriff verwandelte sich in den philosophischen: nicht nach, sondern über der Natur: Das Übernatürliche wurde zum Bestandteil der Natur.

Auch hier stehen wir nicht auf sicherem Boden. Da Thomas den Aristoteles in die katholische Glaubenslehre eingemeindet hatte, aber nur für Dinge der Welt, erhalten wir zwei „Übernatürlichkeiten“, die sich ausschlossen.

Das Übernatürliche des Aristoteles war – natürlich. Eine Übernatur, die der Natur gegenüberstand – wie bei seinem Lehrer Platon (und später im Christentum) – lehnte der leidenschaftliche Naturforscher ab. Das Übernatürliche war für ihn nichts anderes als das Geistige, das man sinnlich nicht begreifen kann.

Folgt man den biographischen Entwicklungslinien, landet man im Irrgarten. Dennoch muss man ihnen folgen, sonst kommt man dem Abendland nie auf die Schliche.

Adam Smith war Stoiker, der an die Ordnung des Kosmos glaubte. War das zugleich die Ordnung des biblischen Gottes? Ausgeschlossen. Seit dem Sündenfall ist weltliche „Ordnung“ eine heillose Unordnung. Gott hätte seinen Sohn nicht als Erlöser opfern müssen, wenn die Unordnung nur eine Bagatelle gewesen wäre. Vergessen wir nicht, der Schöpfer empfand die Unordnung als so unerträglich, dass er sie am liebsten vernichtet hätte.

Schon dreist, die stoische Ordnung des Kosmos mit der Unordnung der Sündenwelt gleichzusetzen. Es wird noch komplizierter, wir haben Paulus unterschlagen:

„Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken, sodass sie keine Entschuldigung haben.“

Gott offenbart sich nicht nur seinen Erwählten in der Schrift, sondern allen Menschen in der Schöpfung. Hier gibt es zwei Offenbarungen. Die Allmacht Gottes kann jeder Mensch erkennen, wenn er die Natur betrachtet. Gottes Gnadenwerk in Christo aber erkennen nur diejenigen, die an ihn glauben. Bei Paulus wird der transzendente Gott zugleich zu einem immanenten, den man bei Betrachtung der Natur erkennen kann. Hier widerspricht Paulus der gesamten Schrift. Wohl kann man, wie Hiob, in der wunderbaren Ordnung der Natur einen Gott erkennen, aaaber: diese Ordnung ist eine fragile und vorläufige, denn Gott kann sie in jedem Augenblick destruieren. So, wie er es am Ende aller Tage irreversibel tun wird.

Man spürt die Absicht des Paulus – die er gar nicht verleugnet – und ist verstimmt. Paulus kannte die hellenische Naturphilosophie und stibitzte einen Gedanken der Stoa – um die Heiden zu erschrecken. Im Jüngsten Gericht sollen sie keine Gelegenheit haben, ihre Gottlosigkeit mit dem Argument zu rechtfertigen, von Gott hätten sie nichts wissen können. Hätten sie doch – wenn sie ihre Sinnesorgane benutzt und die Ordnung der Natur mit eigenen Augen wahrgenommen hätten. Beim Anblick dieser Natur hätten sie sagen müssen: das alles ist so überirdisch schön, dass es mehr sein muss als pure Natur. Diese Natur verweist auf die Übernatur Gottes. Et voila: fasziniert wären sie auf die Knie gesunken und hätten nach dem lebendigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, gerufen.

Alles hat keine Zeit, doch so viel Zeit muss sein, um die Müllberge oder verschlungenen Nervenlinien des Abendlandes frei zu legen. Sonst können wir der SPD nicht zu Hilfe eilen, um sie an ihre unaufgearbeitete Vergangenheit zu erinnern, damit sie demnächst eine winzige Chance erhält.

Noch ist das Maß der Ordo-Verwirrung nicht voll. Die CDU besteht nicht nur aus Katholiken. Lutheraner halten von aristotelischen Schrapnellen im Leibe Christi – nichts. Luther hasste die griechische Vernunft, den Aristoteles besonders. Die paulinische Natur-Offenbarung spielt in der lutherischen Dogmatik keine Rolle. Für Luther ist Natur ein satanisches Hexenwerk: und die Erde war wüst und leer.

Es kann kein Zufall sein, dass die linken CDUler vor allem Katholiken und keine Protestanten waren. Unter ihnen auch die „Herz-Jesu-Sozialisten“ der CSU, zu denen einst ein gewisser Horst Seehofer gehörte. Dieser Politiker muss einen derartigen Verlust an Herz-Substanz erlitten haben, dass er heute auch dann keine Flüchtlinge einreisen lässt, wenn Städte sie aufnehmen wollen.

Paulus und Thomas schmuggelten in die Schöpfung heidnische Ordnungselemente. Im Streit mit heidnischen Philosophen wollten sie nicht kläglich unterliegen. Welche Ordnung? Die Bibel schwirrt von widersprüchlichen Aussagen zur Wirtschaft. Da wird Reichtum als Segen und Armut als sicherste Methode der Seligkeitsgewinnung gerühmt. Welche These soll hier gelten? Ist Armut als Methode, die Seligkeit zu erringen, überhaupt eine „selbstlose Liebe“? Sie ist das blanke Gegenteil. Sie denkt nur an sich und ihre Zukunft im Himmel oder in der Hölle. Die Selbstlosigkeit ist nur aufgesetzt – Ähnlichkeiten mit lebenden Pastorentöchtern wären rein zufällig.

Der Ex-Freiburger Nils Goldschmidt spricht von einer „natürlichen, gottgewollten Ordnung“, die Eucken vertreten habe. Hier sehen wir: die Unterschiede zwischen natürlicher und übernatürlicher, vernünftiger und übervernünftiger, stoischer und biblischer Ordnung kennen Ökonomen nicht. Um über Theologisches zu reden, müssten sie die Abgründe der Theologie studiert haben. Was sie hier tun, ist ignorante Anmaßung. Wenn wir in allen Fakultäten solche Wissenschaftler hätten, könnten wir einpacken.

Von wem auch immer die „Ordnung“ der Bibel stammt, sie ist eine heillose Unordnung – eben deshalb ist sie heilig.

Und hätten wir all diese Wirrnisse beiseite geräumt, wären wir keinen Millimeter weiter. Denn Adam Smith befindet sich in der Tradition seines Landsmannes Francis Bacon, der auch eine Ordnung kannte, aber eine ganz andere: die wissenschaftlich erkennbare Ordnung der Natur, der man sich unterordnen muss – um sie zu beherrschen. Wissen ist Macht. Bacon hatte die Nase voll von theologischen und philosophischen Deutungsstreitigkeiten. Der Geist der griechischen Wissenschaft, wiedergeboren in der Renaissance, hatte Bacon motiviert, sich nur auf das Verlässlich-Berechenbare zu verlassen.

Griechen hatten die logischen und empirischen Werkzeuge entwickelt, um die Naturgesetze zu entdecken und zu berechnen. Doch sie verharrten in den Anfängen, weil sie sich scheuten, in das perfekte Gefüge der Natur einzudringen. Sie erfanden die Naturwissenschaft, verwendeten sie aber nicht.

Das war die große Chance der beginnenden Moderne, sich sowohl vom Diktat der Scholastik wie vom Diktat der Griechen zu entfernen – und beide durch die Macht des neuen Wissens in den Schatten zu stellen.

An dieser Stelle passierte das Entscheidende. Sich den Gesetzen der Natur unterstellen, bedeutete zugleich: Abschied nehmen von allen moralischen Kriterien. Bacon verachtete das unfruchtbare Moralisieren der Alten. Er wollte Fortschritt. Fortschritt der Macht – nicht Fortschritt der Moral, der unmöglich sei.

Die Frage: mit welcher Moral soll das neue Wissen gebändigt und reguliert werden? wurde niedergeschlagen. Moralische Fragen waren von gestern. Im Gezänk der Konfessionen und Philosophen waren sie unlösbar geworden und mussten abserviert werden. Es gab nur eine Antwort: Alles ist erlaubt, was wissenschaftlich erkennbar und technisch machbar ist. Das war die Lizenz zur Allmacht.

Das bisherige Über-Ich der Wissenschaftler, entweder der Religion oder der Weltweisheit verpflichtet, war gelöscht. Wenn schon die Natur es erlaubt, dass man sie durchschaut, so kann sie keine Bedenken tragen, dass ihre Gesetze benutzt werden, um sie zu beherrschen. Der Prozess der Naturermächtigung diente auch der Überwindung des Sündenfalls und der Wiedereroberung der ursprünglichen Unschuld oder des Gartens Eden.

War das Rebellion gegen den Glauben, ein Versuch der Selbsterlösung durch neue Wissenschaft? Oder die höchste Form des Glaubens als Wiedereroberung der Unschuld? Die zwanghafte Synthese aus Griechen- und Christentum schien gelegentlich so perfekt, dass sie wie ein Geschenk Gottes anmutete. Kein Wunder, dass diese Schein-Synthesen die Abendländer besonders beflügelten. Wenn Vernunft und Glauben so konfliktfrei kooperieren: müssen sie dann nicht in jeder Hinsicht wahr sein?

Hier beginnt der Fortschrittsfuror der Moderne – der bis zum heutigen Tag nicht nachgelassen hat. Die verführerische Übereinstimmung von Wissen und Glauben darf nicht gestört werden, auch nicht durch die Klimagefahr, weshalb diese mit aller Macht verleugnet werden muss. Sie wäre eine Bedrohung des Glaubens an die Allmacht des Menschen.

Warum endete die athenische Demokratie? Weil sie den Pfad außenpolitischer Humanität verließ und sich dem Rausch der Macht ergab. Und weil sie den innenpolitischen Kapitalismus nicht bändigen konnte. Deshalb zerfiel sie in jene Segmente, die auch heute die Weltpolitik prägen: in das Reich der unermesslich Reichen und das Reich der Armen, die sich in den kommenden Hitzewellen verabschieden werden.

Die Ordnung von Bacon und Smith, von Galilei und Marx, war das Gesetz der Natur, welches die Regie des Geistes oder die autonome Moral des Menschen abgeschüttelt hatte.

Warum legten die modernen Philosophen so viel Wert auf die Unfähigkeit des Geistes? Für Hobbes gab es kein wirkliches Erkennen der Außenwelt durch den Geist. Blieb nur das Erkennen der Natur durch Mathematik und Physik. Alles andere waren müßige Spekulationen.

Auch bei Kant gab es kein objektives Erkennen der Natur an sich. Doch im Punkt der Moral blieb er knallhart. Moral war ein kategorischer Imperativ, eine Geburt menschlicher Selbstgesetzgebung. Wäre Europa den Spuren Kants gefolgt, hätten wir heute eine verantwortungsbewusste Naturwissenschaft und Ökonomie.

Marx blies den Geist von der Tenne der „Materie“. Er wollte die Diktatur einer ökonomischen Naturwissenschaft, die sich von allen moralischen Verpflichtungen gelöst hatte. Kant wurde nicht nur von der Romantik und Gegenaufklärung verabschiedet, sondern auch von den Naturwissenschaften, die sich nie mehr dem kategorischen Imperativ beugen wollten. Bis zum heutigen Tag.

Die Warner vor der Klimakatastrophe sind eine winzige Minderheit, verglichen mit den wissenschaftlichen Massenhorden, die sich der politischen und ökonomischen Macht unterworfen haben. Sie waschen ihre Hände stets in Unschuld, doch ihr entmoralisierter Hochmut ist ohne jede Verantwortung. Sie verweisen auf die Exaktheit ihrer Forschungsergebnisse, um die Liederlichkeit ihrer praktischen Anwendung vergessen zu machen.

Auch Locke war der Meinung, dass man mit Geist keine exakten Moral-Erkenntnisse erzielen könne. Wenn es unmöglich ist, „absolut gültige Moralvorschriften aufzustellen“, (K. Pribram, Geschichte des ökonomischen Denkens), so konnte man wenigstens auf bestimmte Erfolgskriterien zurückgreifen: auf das, was Freude macht oder Schmerz einbringt.

Die Verabschiedung strenger Moral zugunsten äußerlicher Erfolge war die Legitimation der unersättlichen Begierden des Kapitalismus. Die Reichen sind die Erfolgreichen, die sich einbilden, das Glück erfunden zu haben, weil sie alles haben.

Die Wissenschaft erkennt die Gesetze der Natur. Sie erkennt nicht, nach welchen Moralregeln ihre Erkenntnisse praktisch werden sollen. Solches kann nur der Geist des Menschen entwickeln: durch einsames Denken und öffentliches Streiten.

Die Wissenschaften haben den Geist in die Flucht gejagt und durch die mechanische Formel ersetzt: was wir erkannt haben, muss Fortschritt werden. Erkenntnisse an sich, Erkenntnisse um ihrer selber willen seien Chimären im Sog der Alten. Solche Bildungseitelkeiten könnten wir uns nicht leisten. Schließlich herrsche unbarmherziger Wettbewerb um die Weltherrschaft.

Ursprünglich war die SPD marxistisch geprägt. Es war ein Riesenschritt zur Verantwortung mündiger Geister, als sich die Proleten vom Heilsautomatismus des Karl Marx lösten. Neukantianer standen bereit, die Forderung nach Gerechtigkeit in eine politische Agenda zu verwandeln. Das waren jene Kantsozialisten, die als Kathedersozialisten verspottet wurden.

Freilich, ein moralisch gebändigter Kapitalismus kann keinen globalen Wettbewerb bestehen. Ihm geht es nicht um Vergleich mit anderen Wirtschaften, sondern um Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse. Nachdem die Proleten den Traum der Internationale auf dem Altar nationaler Größe geopfert hatten, nachdem Deutschland zwei Weltkriege verloren und jegliches Mitspracherecht über die Wirtschaft der Welt verloren hatte, wurde es unmöglich, Gerechtigkeit im nationalen Rahmen herzustellen. Globale Wirtschaft verhindert jede nationale Selbstbestimmung. Ohne Gerechtigkeit aller Völker kann es keine Gerechtigkeit eines Volkes geben. Muss jede Nation mit jeder konkurrieren, gibt es keine Solidarität der Lohnabhängigen über alle Grenzen hinweg. Warum scheitern die Gewerkschaften regelmäßig beim Herstellen übernationaler Bündnisse? Weil nationale Egoismen sie daran hindern.

Die EU war ein erster Versuch, die Borniertheiten nationaler Egoismen zu überwinden. Wie mühsam dieser Versuch ist, wie er immer wieder gefährdet ist, selbst unter Freunden, erleben wir seit Jahren. Die Ursachen des Misslingens werden nirgendwo analysiert.

Nationaler Egoismus wird von jeder Regierung angeheizt: wir brauchen Kreativität und Elan, um den Wettbewerb zu gewinnen.

Die SPD schwankt ständig zwischen blauäugigen Gutmenschen, lächerlichen Machiavellisten und visionslosen Pragmatikern. Wenn sie in der Patsche sitzt, erinnert sie sich reuig ihrer verlorenen Grundsätze; wenn ihre moralischen Parolen nicht ankommen, schalten sie trotzig um auf blasse Apparatschiks.

Tief in ihrem Innern träumt die Partei noch immer den Traum vom Reich der Freiheit, mit dem eine höhere Macht sie eines herrlichen Tages beschenken wird. Vom Traum der Unmündigen zur Tat der Mündigen ist gedanklich nur ein kleiner Schritt, doch politisch eine riesige Anstrengung.

Solange aber gedankenloses Werkeln (oder Merkeln) das Feld bestimmt, solange bleibt Humanität ein bloßer Trug.

Fortsetzung folgt.