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Alles hat keine Zeit I

Alles hat keine Zeit I,

„Alles hat keine Zeit. Alles Vorhaben unter dem Himmel hat keine Stunde:

Geboren werden hat keine Zeit, sterben hat keine Zeit; pflanzen hat keine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat keine Zeit;

Weinen hat keine Zeit, lachen hat keine Zeit; klagen hat keine Zeit, tanzen hat keine Zeit;

Lieben hat keine Zeit, hassen hat keine Zeit; Streit hat keine Zeit, Friede hat keine Zeit.

Ich merkte, dass alles, was Gott tut, besteht nicht für ewig. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Denn wer will den Menschen dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“

Keine Zeit für würdiges Leben, keine Zeit für würdiges Sterben. Kein rechter Ort, keine rechte Stunde. Keine Zeit mehr. Zeit ist aufgekauft und ausverkauft.

Steht das Ende bevor, ist Endzeit. Wer sich nicht wehrt, glaubt an die Endzeit. Wer an Endzeit glaubt, stellt sie her.

Wer hat Macht auf Erden? Diejenigen, die an Endzeit glauben und … … sie herstellen. Sie sprechen von Zukunft.

Wer bestimmt das Schicksal der Menschheit? Diejenigen, die an Endzeit glauben. Sie sprechen von Fortschritt.

Die Deutschen haben zwei Gehirnhälften. Die eine weiß nicht, was die andere tut. Die eine glaubt, die andere glaubt nicht, dass sie glaubt.

Fachleute sprechen von gespaltenem Zwerchfell oder Schizophrenie. Sie haben kein gespaltenes Zwerchfell, sondern ein gespaltenes Gehirn. Die eine Hälfte glaubt, die andere glaubt nicht, dass sie glaubt.

Ein Widerspruch. Widersprüche schließen sich aus. Nicht bei den Deutschen. Alle Widersprüche haben sie versöhnt – oder werden sie demnächst versöhnen. Wer Widersprüche versöhnen kann, löst alle Probleme.

Woraus folgt: Deutsche kennen keine unlösbaren Probleme. Weshalb sie nicht an Endzeit glauben, sondern an eine strahlende Zukunft. Ob auf dem Mond, dem Mars oder sonstwo im coronafreien Universum, wissen sie noch nicht. Bald aber werden sie es wissen, denn Elon Musk, der in der Nähe Berlins endlose Wälder abroden und Grundwasser abpumpen lässt, damit Zukunft und Fortschritt im zurückgebliebenen Deutschland ankommen, wird es ihnen sagen.

Deutsche kennen keine unlösbaren Probleme, denn ihr erfolgreichster Philosoph „glaubte, dass ein „Weltgeist“ die Geschichte der Menschheit zum Besseren vorantreibt.“

Die Deutschen halten nichts mehr von Philosophen – mit Ausnahme der eigenen. Weshalb sie alle Widersprüche so lange aufeinander hetzen, bis diese erschöpft zu Boden sinken und sich miteinander versöhnen. Nichts können die Deutschen weniger leiden als Widersprüche, die frech werden und sich vom Weltgeist nichts mehr sagen lassen.

Weshalb sie den Schlachtruf entwickelten: Und willst du nicht meine Versöhnung sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Hängen sie doch einer Religion an, deren Zentrum die Schädelstätte genannt wird. Dort liegen auf einem Platz alle unversöhnten Widersprüche der Welt herum – und warten auf Erlösung.

Da müssen sie auf ein Wunder warten. Denn Erlösung ist Versöhnung der Widersprüche durch einen himmlischen Algorithmus, den die besten Hacker der Welt nie knacken werden.

Da die fabelhaften Deutschen nicht glauben, was sie glauben, diesen Widerspruch aber nicht anerkennen und im Übrigen auf den Himmel warten – was sie nie zugeben werden –, scheiden sie aus beim wirklichen Lösen der Probleme, die erst gelöst werden könnten, wenn sie die Ursachen der Widersprüche freilegen, diese beseitigen und die Widersprüche von der Tenne fegen.

Im Gegensatz zu den Amerikanern, die glauben, was sie glauben. Zudem haben sie den Vorteil, einen Regierungschef zu haben, der sich ohne Tarnung als messianisch notwendige Ursache ihrer Übel bekennt und sich nicht hinter Demutsposen versteckt – wie es die Deutschen bevorzugen.

Was nicht bedeutet, dass der führende Amerikaner sich weniger messianisch vorkäme als die führende Deutsche. Im Gegenteil, gerade, weil er an die Endzeit glaubt, fühlt er sich autorisiert, Endzeit herzustellen. Denn ohne Ende gibt es keinen neuen Anfang. Die führende Deutsche glaubt auch an Endzeit, doch darüber spricht sie nur im Konventikel.

„Gott verwandelt die Welt“, singt der fromme Chor in Bibel-TV mit verklärten Augen. Die alte wird er versenken und eine neue erschaffen. Die Seinen werde er mit frischem Atem versehen, weshalb die Nicht-Seinen im Endzeit-Smog ruhig ersticken können. Hätten sie doch geglaubt.

Warum ist es in Deutschland ruhig? So ruhig wie auf dem Friedhof? Weil alles paletti ist. Damit aber nicht alles einschläft, gibt es Problemchen, über die man sich endlos streiten kann, damit man tun kann, als meine man es ernst mit Politik.

Dazu gehören Personal- und Koalitionsproblemchen der Parteien, die völlig belanglos sind. Denn wer immer das Ruder ergreift, wird keine andere Politik betreiben als sein schärfster Gegner, den er ausschalten musste. Was daran liegt, dass die Deutschen bereits alle Kontroversen durch Versöhnung – die sie Kompromisse nennen – in Luft aufgelöst haben. Wenn Gott sich schon mit der Welt versöhnt hat, wollen die Deutschen sich von niemandem in den Schatten stellen lassen.

Aufrechte Amerikaner kennen ihren Feind. Sie wissen, gegen wen sie kämpfen. Der Feind im Weißen Haus zeigt sich in zügelloser Deformation. Zügellos spielt er den Durcheinanderwerfer, um zu zeigen: wer die Welt erlösen will, braucht die Dreistigkeit, um sie zuvor zu vernichten.

In Deutschland ist alles komplexer. Hier zeigt sich die Durcheinanderwerferin als Erhalterin, die alle „mitnehmen will“, um den Eindruck zu erwecken, als gäbe es bei uns keine VerliererInnen.

Nicht nur in Amerika gibt’s klare Fronten. Immer mehr Staaten sind „failed states“, Staaten in voller Fahrt ins Verderben. Im Libanon. In Hongkong, Brasilien, Venezuela. Immer mehr Menschen rund um den Globus gehen auf die Straßen. Frauen und Jugendliche sind die Avantgarde derer, die eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anmelden: ein Leben in Frieden mit sich und der Natur.

Für Abenteurer und Hütchenspieler ein Spießerleben. Menschen, wenn ihr nicht werdet wie die Spießer, werdet ihr das Reich der Erde verlieren. Die Erde ist kein Spekulationsobjekt der Börse, auf deren Zukunft Wetten angenommen werden. Die größten Gewinne für die, die ihr Riesenvermögen auf das Ende der Menschheit setzen. Sie werden den Reichtum des ganzen Globus gewinnen, wenn sie – im Jenseits die Börsenberichte suchen.

Die Einschläge kommen näher. Schon sind sie unter uns. Schon längst verwüsten sie unsere kostbare Heimat, mit der wir umgehen, als sei sie nicht mehr zu ertragen.

Nicht nur Sibirien, nicht nur der Permafrost, nicht nur das arktische Meereis, nicht nur die nordische Hitzewelle, nicht nur die ungeheuren Mengen Methan, nicht nur die Waldbrände all over the world, nicht nur die Hitzetoten, nicht nur die Hurrikane zeigen, dass die „Klimakrise längst begonnen hat“.

„Halbherzige Reuebekenntnisse, die sich nur auf Versäumnisse der Vergangenheit beziehen, werden uns nicht retten. Die Bundesregierung und die Europäische Kommission müssen sich endlich ihrer Verantwortung stellen“, schreibt Christian Stöcker. (SPIEGEL.de)

In verschiedenen deutschen Ortschaften ist das Wasser knapp geworden:

„Weil der Niederschlag fehlt und gleichzeitig viel verbraucht wird, sind zum Beispiel auch im südhessischen Nieder-Beerbach im Landkreis Darmstadt-Dieburg die Trinkwasserspeicher leer gelaufen. Im mittelhessischen Merenberg im Landkreis Limburg-Weilburg warnen die Verantwortlichen vor einer „alarmierenden Wasserknappheit“. Und die Versorger der Orte Kronberg, Oberursel und Steinbach haben ihre „Trinkwasser-Ampeln“ von gelb auf rot umgestellt.“

Dazu die Waldbrände, die vertrockneten Äcker, die Stadtbäume, die gefällt werden müssen. Was dagegen ist Corona? Warum werden die Deutschen bei „Kleinigkeiten“ hysterisch, bei Fragen um Sein oder Nichtsein aber geraten sie in Endzeitstarre – obgleich sie von Endzeit nichts wissen wollen?

Ihre einstige heldische Todessehnsucht hat sich verwandelt in die verborgene Phantasie eines familiären Gemeinschaftstodes. Die Mutter der Nation soll sie an der Hand nehmen, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Niemand soll den Lorbeerpreis des Siegens für sich allein erringen, niemand die Schande erleben, einsam und allein unterzugehen.

Der westliche Liberalismus, in dem jedes Individuum ineffabile (unvergleichlich) ist, war den völkischen Romantikern seit Aufkommen des Frühkapitalismus ein Gräuel. Dieser atomisierte Individualismus war eine Frucht Calvins. Auserwählt wird nicht sippenweise, sondern vereinzelt. Vor Gott gibt es keine Nationen, keine Familien, keine Gemeinschaften.

In Deutschland wurde die lutherische Pastorenfamilie zum Vorbild aller Familien. Die Obrigkeit wurde zur göttlichen Autorität der Nation. Nie hätte in Deutschland ein individueller Egoismus den Kapitalismus erfinden können. Der Siegeszug individueller Eigensucht bedeutete, dass Calvin seinen Rivalen im eigenen Land besiegt hatte.

Der Dauerstreit zwischen Staat und Wirtschaft ist ein Streit zwischen Luther und Calvin. Wer die Suprematie der Obrigkeit betont, ist lutherischer Absolutist, wer die Suprematie der Ökonomie betont, ist calvinistischer Autist. Die Pastorentochter gibt sich als Mutter der lutherischen Familie – die vergessen hat, dass in der Wirtschaft wie bei Gott nur einzeln erwählt oder verworfen wird.

Für Aristoteles war es kein Problem, das zoon politicon als individuellen Teil der Polis zu kennzeichnen. Heute ist es ein unlösbares Problem, den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft, die Gemeinschaft als demokratischen Schwarm zu definieren. Entweder gemeinschaftsschädigender Solist – oder gesichtsloses Kollektivwesen. Ein Drittes gibt es nicht.

Was sie einerseits problemlos versöhnen, spalten sie andererseits in unversöhnliche Gegensätze. Dass Menschen erst in der Gemeinschaft ihre Einzigartigkeit entfalten, ist weder untertänigen Lutheranern noch anarchischen Calvinisten zu vermitteln.

Der Neoliberalismus ist eine Konsequenzorgie der calvinistischen Vorherbestimmungslehre. Niemand darf nichts über die Gesetze der Evolution wissen. Wer sich anmaßt, dennoch etwas zu wissen, ist anmaßender und schlauer, als die neoliberale Polizei erlaubt.

Die Beliebtheit der Demut bei den Neugermanen hat eine doppelte Wurzel: was wirtschaftliche Ignoranz betrifft, ist sie neo-calvinistisch, was Devotheit unter staatliche Obrigkeit betrifft, ist sie paläo-lutherisch. In staatlichen Dingen sollen sie sich ihrer lutherischen, in ökonomischen ihrer calvinistischen Dummheit zur höheren Ehre Gottes versichern. Doppelt genäht hält besser, auch bei der Torheit vor Gott.

Ohnehin schweige das Weib in der Gemeinde, auch wenn sie sich in verbotener Keckheit an die Spitze der Republik vorgearbeitet hat. Was sie sich am Anfang ihrer Karriere zu viel vorgenommen hat, muss sie beim Abgang in Altersweisheit mit Schweigen bezahlen.

Weltuntergang gehört zum Dauerinventar der Hochkultur. Die Urchristen erwarteten ihn noch zu ihren Lebzeiten. Als nichts geschah, fanden clevere Schriftdeuter den Grund: tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag. Also warten bis zum Jahre 1000 ndZ. Im Jahre 1000 zitterten die Abendländer vor den Schrecken der Ankunft des Herrn. Franziskaner verkündeten, dass Christus auf die Erde gekommen sei: als Hl. Franziskus. Warum gab sich der gegenwärtige Papst den Künstlernamen Franziskus? Weil die Tage nun aber gefälligst gezählt zu sein haben.

Kaum eine Generation, die die Ankunft des Herrn nicht zu ihren Lebzeiten erwartet hätte. 1867, 1843 waren spektakuläre Erwartungsdaten, bei denen nichts geschah. Noch heute erwartet die Hälfte der Amerikaner die Rückkehr ihres Herrn zu ihren eigenen Lebzeiten. Da Christ und Antichrist verwechselbar sind, folgen die Biblizisten ihrem Präsidenten, der zeigt, dass man die verdorbene Endzeit geißeln muss, damit der rote Teppich für den Sohn des Himmels ausgerollt werden kann.

Das größte Problem der Christen ist der ewige Verzug der Parusie. Haben sie sich irreführen lassen von einem eschatologischen Scharlatan? Erprobt der Herr ihre Standhaftigkeit im Glauben – mit irrlichternden Botschaften?

„Wahrhaftig, ich sage euch: von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie das Reich Gottes gesehen haben.“

Das war das Ende der Welt. Urchristen weigerten sich, noch zu heiraten, Kinder zu zeugen. Werdende Mütter würden die Schrecken der Letzten Tage leidvoll ertragen müssen. Welche Parallelen zur Gegenwart, wo die Frauen aufgefordert werden, das Kinderbekommen endgültig einzustellen.

„Weh den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind, oder ein Kind stillen. Denn eine große Not wird über das Land hereinbrechen: der Zorn Gottes wird über dies Volk kommen.“

Wer in der Coronakrise – die eine verdrängte Klimakrise ist – muss zuerst dran glauben? Die Kinder. Die Isolation von Kindern innerhalb der Familie ist nicht nur „Theorie“, sondern praktizierte Praxis – mit Androhung der Kindesentziehung!

„Bei Zuwiderhandlung drohe die Aufnahme in einer geschlossenen Einrichtung.“ „Was genau das bedeuten soll, bleibt offen, und im Kopf der Eltern entstehen bedrohliche Bilder: Kann mein Kind etwa ins Krankenhaus zwangseingewiesen werden? In die Psychiatrie? Gar in den Knast? Will man vom Bundesgesundheitsministerium wissen, ob man dort die häusliche Isolation von Minderjährigen richtig findet, kommt die Antwort: Man mache keine Vorgaben, die Anordnung von Maßnahmen obliege den lokalen Behörden, die zugrunde liegenden Verordnungen seien Ländersache. Die zuständige Landesbehörde für Linas Fall wiederum schreibt in einer E-Mail: „Das Infektionsschutzgesetz unterscheidet nicht zwischen Kindern und Erwachsenen.“ Und: „Eine häusliche Absonderung für Kinder wird als vertretbar erachtet.““ (Sueddeutsche.de)

Das ist Faschismus auf der Ebene der Kinder. Zu ihrem vermeintlichen Glück, das die Obrigkeit am besten zu kennen glaubt, werden die Kinder mit abstoßenden Maßnahmen gezwungen. Wie diese im Einzelfall aussehen, entscheiden die untersten Schergen des Beamtentums. Im Zweifel wollen die Oberbehörden ihre Hände in Unschuld waschen. Dieselben Prozeduren erlebten wir bei Einführung von Hartz4. Wer keine Arbeit hatte, war per definitionem schuldig und musste unter Quarantäne gestellt werden, die hochtrabend Residenzpflicht genannt wurde.

Die Grundregel des neoliberalen Bestrafungswesens ist immer gleich: schuld sind immer die Schwächsten und Überflüssigsten. Sie müssen dran glauben, damit das Schiff der Erfolgreichen noch beflügelter davonsegelt.

So beginnt Faschismus. Übereifrige sprengen die demokratischen Regeln. Dann warten sie ab. Gibt’s Protest, wissen die Oberen von nichts oder ziehen sich elegant zurück: Missverständnisse. Die Öffentlichkeit schaut weg, geht ja um nichts.

So weit sind wir noch nicht: die Eltern wehren sich, es gibt öffentlichen Widerstand. Also Zeit verstreichen lassen, danach ein neuer Versuch. Wollen doch mal sehen, ob wir diese kesse Meute nicht kleinkriegen.

Diesem Staat ist nicht mehr zu trauen. ER pfeift gefährlich auf dem letzten Loch.

Ein Staat, der christlich sein will, verleugnet einen Grundpfeiler der christlichen Glaubenslehre: die Apokalypse. Mehr als ein halbes Jahrhundert war das biblizistische Amerika Vorbild der Deutschen.

Doch mit lächerlichem Endzeitkram wollen die hoch-aufgeklärten Deutschen nichts zu tun haben. Raffiniert, wie sie sind, lassen sie ihren untergründigen Endzeitglauben von den Amerikanern ausagieren – oder verleugnen ihn als Kinderglauben. Mit beiden Optionen fahren sie unbehelligt – in den Abyssus.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum die Deutschen apokalypseblind sind und ergo unfähig, dem Untergang der Menschheit entgegenzuwirken. Elitäre Dichter und Denker waren es, die sich des Themas angenommen haben. Aber nicht unter dem Titel Ende der Welt, Vernichtung der Natur. Sondern als verzweifelte Suche nach Gott – den sie als toten entdeckten. Klingt vornehmer, gebildeter. Das ist keine Sache für den Pöbel oder die infantile Gemeinde. Das ist eine metaphysische Grenz-Situation für Wenige, die sie heroisch ertragen.

„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? […] Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“

Übersetzen wir Gott mit Natur, Mensch und Erde. Dann verstehen wir, was den Pastorensohn zur Verzweiflung brachte und zum Willen zur Macht trieb. Es ist Endzeit, es gibt allzu viele Überflüssige. Ballast muss abgeworfen werden. Der Ballast der Mitmenschlichkeit. Die Erde ist nur für wenige geschaffen: das haben die Erfahrungen der Geschichte hinreichend gezeigt. Nun muss geschieden werden. Die Minderwertigen und Gleichen müssen Platz machen für die Wahren und Erlesenen. Wenn Welt ohne Gott ein öder Raum ist, wird Gott zum Synonym für das Leben. Wie kann es Leben geben – ohne Leben?

Auch Nietzsche gehörte zu jenen theologisch tief Imprägnierten, die das Kostbarste des Lebens nur mit heiligen Chiffren bezeichnen konnten. Zuerst war Gott jenseits seiner Schöpfung. In der Aufklärung verschmolz er mit Vernunft und Natur. Deus sive natura. Diesen Natura-Gott versenkt Nietzsche, um sich zu verhehlen, dass er die Natur versenkt. Wenn Natur die Schöpfung Gottes ist, muss die Schöpfung dran glauben, wenn die Natur versenkt wird. Und mit der Schöpfung der Schöpfer.

„Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht! Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen – Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. – Erkennst du deine Erde? Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte – und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um die Natur – und quetschte die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles, bang wurde eng, düster – und ein unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern … als ich erwachte.“ (Jean Paul, Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei.)

Je quälender das Ausbleiben der Parusie, je energischer musste der Westen eine Kompensation finden. Sie erfanden den Fortschritt, der die Natur derart in Bedrängnis brachte, dass etwas geschehen muss, wenn demnächst nicht alles in die Luft gesprengt werden soll.

Je schmerzlicher der Verzug des Kommens Jesu, umso rasender der Fortschritt, der ihn förmlich mit technischer Gewalt herbeiziehen soll. Jean Paul konnte seine Zertrümmerungsphantasien der Natur nur mit Hilfe seiner Konfirmandensprache beschreiben. Sie hatten keine angemessene Sprache, um zu formulieren, was sie mit eigenen Augen sahen.

Auch Oswald Spenglers Untergang des Abendlands war eine Schilderung der Apokalypse – die aber nicht das letzte Wort behalten sollte. Wie Nietzsche rettete sich Spengler in eine Art Wiederholung des Gleichen. Freilich: die jetzige Welt der Allzuvielen musste untergehen. Das Gesetz des Lebens war nur für Starke und Elitäre:

„Was wir heute gern als Lebensenergie (Vitalität) bezeichnen, jenes ‚es‘ in uns, das vorwärts und aufwärts will um jeden Preis, der blinde, kosmische, sehnsüchtige Drang nach Geltung und Macht, […] das Gerichtetsein und Wirkenmüssen ist es, was überall unter höheren Menschen als politisches Leben die großen Entscheidungen sucht und suchen muß, um ein Schicksal entweder zu sein oder zu erleiden. Denn man wächst oder stirbt ab. Es gibt keine dritte Möglichkeit.“

Keine männliche Hochkultur ohne Endzeit. Das Errichten von Machthierarchien, die Einigelung in Städten, Pyramiden, Festungen, Burgen und Schlössern diente von Anfang an dem Kampf gegen den drohenden Untergang und der Rettung Einzelner und Erwählter.

Das mütterliche Gesetz: alles für alle, taugte nur für den Untergang aller. Also musste unterschieden werden in diejenigen, die das sinkende Schiff zu verlassen hatten und jenen, die sich auf das neue Schiff retten konnten.

In einer der ältesten Schriften Indiens wird die Degeneration der Menschheit geschildert, als sei es eine Beobachtung von heute:

„Da ist auch nicht einer, in dem erleuchtete Güte wohnt, kein wirklicher Weiser, der Wahrheit redet und zu seinem Wort steht. Der heilig scheinende Brahmane ist nicht besser als der Narr. Alte Leute, der Wahrheit des tiefen Alters verlustig, möchten sich wie Jugendliche benehmen. Alle Bande der Sympathie und Liebe haben sich aufgelöst. Die schlimmste Ichsucht herrscht. Das All ist reif für die Auflösung. (Matsya Purana)

Nicht Gott ist tot, nicht das All löst sich auf. Es ist die Natur, die sich unter den Händen des Menschen in Staub verwandelt. Rund um den Globus beginnen die Revolten der Vielzuvielen gegen diejenigen, die sich Herren der Erde und Meister des Universums nennen. Der MENSCH muss sie aus ihren Tresoren und Goldpalästen jagen – und sich die Erde als Heimstatt zurückholen. Als Heimstatt aller MENSCHEN.

Haben wir verloren? fragte Swetlana Tichanowskaja, die politische Widersacherin von Lukaschenko. Und antwortete: wir haben gewonnen, wir haben unsere Angst und Gleichgültigkeit überwunden.

Fortsetzung folgt.