ARCHIV

Montag, 12. Dezember 2011 - Wille und Freiheit

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Durbans,

vergesst Durban. Kyoto wurde nicht begraben, das ist das ganze Ergebnis. Die einen wollen aufholen und sich nicht ändern; die andern sich nicht einholen lassen und sich nicht ändern.

Das tägliche Gerede über System hat das frühere Gerede über Schicksal, Verhängnis und Götter abgelöst. Der Einzelne ist nur noch Opfer, anonyme Allmachtskräfte bestimmen sein Geschick. Verantwortliche Namen werden nicht genannt, es ist vergeblich, gegen die modernen Moiren oder Parzen anzutreten, jene Schicksalsgöttinnen, gegen die die Götter selbst vergeblich anrannten.

Feministinnen dürfen beruhigt sein, im obersten Stockwerk des Weltgeistes dominieren Frauen. Linke dürfen beruhigt sein, Marx hat das System gerettet, bei ihm heißt es Geschichte. Neoliberale waren noch nie beunruhigt, ihr Systembegriff hat sich vollständig durchgesetzt.

Man sagt nicht mehr, Gott gibt, Gott nimmt, der Name des Herrn sei gepriesen, man sagt, ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als das System allein. Brumlik warnt vor Personalisierung des Systems, es führe zu Judenhass, die vermuteten Autoren des Systems klängen in den Ohren mancher Leute verdächtig nach Stetl. Wie hier am Beispiel Hollywood.

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Nur wenn Ross & Reiter genannt werden, können ihre Machenschaften individuell aufgedeckt werden. Wer hat Angst vor Enthüllungen? Individualismus gilt in unserem System nur für Shoppen und Konsumieren, nicht für Verantwortungübernehmen und Schuldzuschreiben. Schuldfähigkeit aber darf nicht ...

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Sonntag, 11. Dezember 2011 - Erhaltung des Schöpfers

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Kirchen,

gestern Abend feierte das Land Nordrhein-Westfalen eine politische Besinnungsfeier – in einer Kirche. Mit vielen Chorälen und frohlockender Musik. Predigerin: Ministerpräsidentin Kraft. Ein kraftvoller Beitrag zum Laizismus in diesem Lande.

Wenn's kalt wird und die Blätter fallen, trägt der Staat gern geistlichen Pelz als wärmende Besinnung für die fröstelnde Seele. Was schon hat ein gottloser Staat fürs Herz zu bieten? Ist er doch nicht mehr als eine kalte Konstruktion zur Verhinderung gröbsten Elends.

Während Atheisten gern als Gehirnakrobaten daherkommen, die im Dreisatz die Nichtexistenz so genannter Götter nachweisen, dürstet es das mathematikschwache Volk nach Globuli für die Seele. Christen müssten mir erlöster aussehen, damit ich an ihren Erlöser glauben soll, befand Pastorensohn Nietzsche. Bessere Lieder müssten sie mir singen. Gälte das nicht auch für kopfgesteuerte Ketzer? Atheisten müssten vitaler aussehen, damit schöne Sünderinnen errötend ihren Spuren folgen. Ich weiß nicht, was Nietzsche von Lena und Abba gehalten hätte. Heißt Abba auf Deutsch nicht: lieber Vater im Himmel?

Und noch einmal sage ich euch: „Bleibet der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind sie, ob sie es wissen oder nicht.“ Also sprach Zarathustra im Stil der Bergpredigt.

Deutsche Globulidenker haben Nietzsche längst wieder dem Gekreuzigten überstellt. War sein gottloses Schreien nicht Schreien nach dem toten Gott? Hat der Unstete nicht unter Abwesenheit des Höchsten mehr gelitten als alle wilhelminischen Junker und Philister zusammen? „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir.“ Womit, ganz nebenbei, klar wird, dass Gott sich als Alternative ...

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Samstag, 10.12.2011 - Das Böse verbieten

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

Nebel über dem Ärmelkanal, der Kontinent ist abgeschnitten. Ein untergegangenes Weltreich lässt sich von einer demnächst untergehenden Euro-Interessengemeinschaft nicht die Butter vom Toast nehmen.

Wenn es Londons City gut geht, geht’s europäischen Staaten schlecht. 10% des englischen Reichtums – ich korrigiere: des Reichtums der Oxbridge-Eliten – kommt aus dem Geld. Der anderen natürlich. Germania baut Autos, das perfide Albion heckt Geld mit dem sauer erwirtschafteten Profit der Hunnen. Natürlich macht David bei den malochenden Goliaths mit, solange er mit Steinschleuder der maroden Truppe eins auf den Pelz brennen darf. (1.Sam. 17,49)

Die Wohlfühl- und Regenerationsphase Europas ist vorbei, das schlechte Gewissen mit kompensativem Hang zu Vorbild- und Gutnationen, „Wir sind alle Brüder, Über den Wolken muss ein Lieber Vater wohnen“, haben fertig. Über den Wolken wohnt die EZB, sie darf nur nicht, wie sie könnte: Geld, Geld machen wie Heu und über den Loserstaaten abwerfen, bis sie wieder fruchtbar werden und mannigfachen Segen abwerfen.

Die Ode an die Freude wich der Wut über den Verlorenen Groschen. Na, sagen wir mal in Form lumpiger Milliarden. Keine Union der Herzen mehr, wie damals, als der junge Maniak Kohl persönlich die Schlagbäume an der saarländisch-französischen Grenze lüpfte. Na ja, noch werden die Schlagbäume ...

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Freitag, 09. Dezember 2011 - Mediale Psychotherapeuten

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Erzählung,

ohne Erzählung geht es nicht. Was will uns der Literat mit seinem neuen Roman mitteilen? Er hat keine Botschaft für die Menschheit. Die „Gute Botschaft“ oder das Euangellion hat ganz Europa zermürbt. Der Schriftsteller will nur eine Geschichte erzählen. Keine Gedanken, keine Moral, vor allem keine Ideologie.

Zwei Lieblingsdinge derer, die uns an arrivierter Stelle mitteilen dürfen, dass sie nichts mitzuteilen haben, sind Geschichten und Bilder. Sie haben Erzählungen und Bilderchen mitgebracht. Das Publikum wird zur Kinderstube, weg mit überfordernden Gedanken. Geschichten und Bilder sind nicht widerlegbar, ihr Unterhaltungskoeffizient reicht länger als einsdreißig, der Standardzeit normaler Tagesschaubeiträge. Aber nicht länger als ein mäßig spannender Abend im Literaturcafe.

Worum geht’s? Um eine neue „Erzählung“ über Europa. Die Kernländer in der Mitte sind europa-ausgebrannt, an der Peripherie aber pulsiert neues Leben. „Im Osten, nein, in der Mitte Europas, entsteht eine neue, eine positive Erzählung über Europa. Eine Geschichte, die von Aufbruch und Veränderung, von Toleranz und Tradition handelt.“

Ort des Geschehens ist Vilnius, Hauptstadt von Litauen. Liegt das nicht hinter Sibirien, dann drei Tage nach rechts? Neunmal wechselte Vilnius zwischen den Weltkriegen seine Befehlshaber, wurden komplette Bevölkerungstruppen vertrieben. In dieser gebeutelten, vielsprachigen, von vielen Ethnien bewohnten Stadt herrscht mehr Zustimmung für Europa als in den Kernländern der EU.

„Selten zuvor hat man gelassenere Menschen erlebt als in diesem Jahr bei ...

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Donnerstag, 08. Dezember 2011 - Entfriedungskapitalismus

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Luxus,

„Es kommt überhaupt nicht in Frage, sich in dieser allgemeinen Verdrossenheit gehen zu lassen“. Also silberne Teller, Leuchter und Bonbonnieren aus Kristall und eine kleine elektrische Eisenbahn, die um die erlesenen Whiskygläser kurvt. Nicht alle Reichen sind so rückgratlos, dass sie ihren Luxus einfach verleugneten, wenn sie aus dem Reich des Überflüssigen ins Notwendige abstürzen.

Karl Lagerfeld gehört zu den Rigoristen unter den französischen Bohemiens – pardon, Luxusmalochern –, die das Leben als Gesamtkunstwerk zelebrieren. Und damit zur Avantgarde derer, die sich um die deutsch-französische Synthese aus Gott in Frankreich und Kant aus Königsberg gesamteuropäische Verdienste erwerben.

Würde der strenge Karl in Hartz4 abstürzen, sähe man ihn nie beim geretteten Silberleuchter einen charakterlosen Teebeutel in einen germanoiden Humpen stürzen. Le style, c’est l’ homme, den Satz Buffons pflegte man in unemanzipierten Zeiten zu übersetzen mit „Am Stil erkennt man den Mann“.

Womit wir das Geheimnis ausgeplaudert hätten, warum es brünstige Frauen in die oberen Etagen zieht. Es ist amerikanischer Unfug, zu sagen: Macht ist sexy. Angie könnte sich sonst vor Liebhabern gar nicht retten. Sinnlichkeit sucht Stil, den sie selber nicht hat – würden arrogante Weibererzieher sagen.

Ohne Luxus keine erhöhte Nachfrage, ohne erhöhte Nachfrage keine nach oben offene Produktion exquisiten Tands, der Bedürfnisse zu befriedigen hat, die angeblich relativ, individuell-unvergleichlich und unendlich sein sollen. Ohne unendlichen Tand ...

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