Donnerstag, 14. Juni 2012 - Die Unfähigkeit zu trauern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Psychiater,

der Veitstanz der norwegischen Psychiater, die nicht wissen, im welchem Land, auf welchem Kontinent, in welcher Geschichte sie leben, ist vorüber. Man kann Hitler & Co für wahnhaft und psychotisch erklären und sich das Hemd zerreißen vor Empörung. Wenn man aber nicht gleichzeitig die europäische Historie und einen Großteil der Europäer für krank und wahnhaft erklärt, dann sollte man die Finger von Breivik & Co lassen.

Mit einer dämlichen Kunstsprache, die ihre Abkunft von der Realität längst abgestreift hat, kann man dieselbe nicht beschreiben, nicht verstehen und nicht erklären. Der Fall Breivik ist ein Waterloo für die Psychiatrie. Das Theoriegebäude der Psychiater ähnelt einem Beinhaus, errichtet aus verknöcherten Resten längst abgestorbener Wahrnehmungen, die ihren letzten Realitätstest schon längst vergessen haben.

Man könnte auch von selbstentzündbaren Begriffen sprechen, die ein hübsches Feuerwerk entflammen, wenn man sie en gros übereinander türmt und mit jener Gesinnung entfacht, die sich selbst am meisten beweisen muss, dass sie den Übeltäter niemals verstehen wird. Aus Angst, die öffentliche Meinung könnte Verstehen als klammheimliche Kumpanei auffassen.

Nicht, dass es das nicht schon gegeben hätte. Die gerade in biblischem Alter verstorbene Margarete Mitscherlich wollte einst die psychische Motivation der RAF-Leute in Erfahrung bringen. Da war es die FAZ, die sie der Rechtfertigung des Terrors beschuldigte. Seitdem ist Verstehen in der christlichen Republik ein subkutanes Delikt, das mindestens mit Rufmord bestraft wird.

In Oslo scheinen endlich Fachleute zu Worte zu kommen, die den Fall Breivik politisch und historisch einordnen können. Hier müsste ...

... ein offizieller Streit der Fakultäten ausbrechen, den Beinhaus-Psychiatern hätte man längst die Lizenz entziehen müssen. Sie agieren wie Exorzisten, die den Teufel persönlich in der Hölle besucht und aus nächster Perspektive das wüste Treiben der gottverdammten Kreaturen erlebt haben.

Wer Berichte früherer inquisitorischer Experten – theologische Seelenkenner vom feinsten – liest, hat seltsame Déjà-vue-Erlebnisse, wenn er die Argumente der modernen Psychiater vernimmt, die den banalen Faschisten für einen nicht zurechnungsfähigen Satansbraten erklären. Mit einem klitzekleinen Unterschied: früher hieß es, je teuflischer, je schuldiger und bestrafungswürdiger. Heute heißt es: je verrückter, umso strafunwürdiger.

Doch der Schein täuscht, nichts hat sich verändert. Noch schlimmer als bestraft werden müssen, ist nicht bestraft werden können – und lebenslang hinter psychiatrischen Gittern verschwinden. Strafe ist die Ehre des Verbrechers. Weit unter dem Verbrecher steht der Verrückte, der nicht weiß, was er tat und in einer Welt lebt, die mit der unseren nichts gemein hat.

Ist er meschugge, ist er ein Fall für Experten exotischer Welten. Aus unserer Welt kann er nicht kommen, er ist ein Fremder. Mitten unter uns haust das unterirdische Fremde wie der Rattenkönig in den Gullys.

Den Massenmörder haben keine Menschen gezeugt, keine Menschen erzogen, keine Lehrer indoktriniert, keine Pastoren konfirmiert, keine Hetzblätter und keine Nazischwarten beeinflusst. Wenn schon der Holocaust akausal vom Himmel gefallen sein soll – wenn man Kunstexperten folgt -, dann kann Breivik nur dem Otto-Katalog Hinterpatagoniens entstammen.

Fremdenphobie ist keine Erfindung von Leuten in Thor Steinar-Look, in der Psychiatrie hat sie schon den Doktorhut einer Uni-Disziplin erworben. „Das Verdrängte aber ist für das Ich Ausland, inneres Ausland“, sagte Meister Freud. Wer Freud ist, wissen Psychiater heute nicht mehr, sie hantieren nur noch mit Ruhigstellern und Bettanschnallmethoden.

Fehlt nur noch eine Fraktion: die Gehirngucker. Können die noch immer nicht feststellen, ob das Zurechnungsareal im limbischen System des gottebenbildlichen Wesens die Flatter gemacht hat?

Breivik sei kein Mysterium, sondern ein Faschist, sagt ein Religionswissenschaftler. Dessen Ideen stünden in einer langen faschistischen Tradition, nur die Juden seien gegen Muslime ausgetauscht worden. Das Ganze sei ein Gebräu aus antimuslimischen und antifeministischen Elementen, aufgekocht mit White-Power-Argumenten und christlich-fundamentalistischen Ideen, wie sie auch in der Tea Party-Bewegung üblich seien.

Ein norwegischer Historiker konstatiert präzis: „Für Faschisten sind Morde keine Barbarei, sondern heilige, liebevolle Handlungen im Interesse der Nation.“ So ist es. Das Verhalten Breiviks ist Frucht vom Baum einer Religion, die bedenkenlos das Böse in den Dienst des Guten stellt, womit es zum Heiligen promovieren konnte.

Ein Philosoph erinnert an Hannah Arendts Analyse diverser Nazi-Ärzte, die am Tage die schrecklichsten Verbrechen begingen und abends glühende Liebesbriefe schrieben. Es wäre gefährlich, politischen Extremismus als psychische Erkrankung einzustufen, für die man keine Verantwortung übernehmen müsse. Von der Sorte Breivik gebe es in Norwegen etwa 1500 Menschen, in Europa mindestens eine Million.

Solche Sätze waren in keiner deutschen Gazette zu lesen. Wer noch immer die Frage stellt: wie konnte nur eine gebildete, humanistische Nation wie die deutsche solch schreckliche Verbrechen begehen, der müsste zur Strafe alle Protokolle des Breivik-Prozesses mit der Hand abschreiben. (Mehr zu Breivik)

 

Die Wirkung der christlichen Mischmoral ist humanistisch gesonnenen Gläubigen unbekannt. Sie beziehen sich auf vorzeigbare Stellen der Bibel, den Rest nehmen sie nicht zur Kenntnis. Ihr Ziel ist hehr. Aus einem blutrünstigen Buch wollen sie eine Tugendfibel der Art machen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“.

Doch wenn sie ein Glas Milch trinken, ohne das hineingemischte Zyankali herauszudestillieren, werden sie nicht munterer, sondern ganz schnell totenbleich.

Die Bibel müsste nicht nur entmythologisiert – Mythen an sich sind belanglos –, sondern gründlich von beliebigen Gut-Böse-Mischungen entmischt werden.

Bevor nicht alle Kirchen die Bibel auf eine Seite eindampfen, auf der die Goldene Regel aller Kulturen und Völker eingraviert steht: „Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun“ (Matth. 7,12), wird das Gemisch aus Zyankali und Milch die Menschen verderben, die dieses Buch als Offenbarung eines Gottes anbeten.

Man kann jedes Buch fortschreiben und humanisieren, aber nicht, wenn man es für verbalinspiriert und unfehlbar hält. Vor allem darf man den ursprünglichen Autor nicht mehr als Urheber angeben und muss auf das Titelblatt den richtigen Verfasser schreiben: Die neuesten Moralerkenntnisse, erdacht und niedergeschrieben von – MIR und DIR. Und nicht mehr von Göttern und Propheten.

Autonom zu sein, aber noch immer am Zipfel diverser Autoritäten hängen, ist verhängnisvoller, als devot gehorsam sein. Den letzteren Zustand kann man als infantil attackieren, der erste tut, als ob er bereits die kurzen Hosen ausgezogen hätte. Er täuscht sich mehr über seinen Geisteszustand, als der Knecht Gottes.

Thomas Jefferson war Aufklärer, Humanist und Kritiker des Christentums. Wie ist er mit der Bibel umgegangen? Als 80-Jähriger nahm er das Rasiermesser und schnitt jene Passagen aus den Evangelien, die er für richtig hielt. Alles, was nach Wundern und Engeln roch, musste in den Papierkorb. Das war Kants Projekt in mühsamer Handarbeit: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.

In dem WELT-Artikel wird Vernunft natürlich in Anführungszeichen gesetzt. Auch wird unerwähnt gelassen, dass Jefferson kein Freund der christlichen Religion war. Wenn er schreibt: Ich bin ein Christ, wie Jesus es wollte, dient das dem WELT-Schreiber als Beleg, dass er sich nicht als Werbeträger für kirchenfeindliche Strömungen eigne. Doch genau das tat er, er griff frontal die Kirche an – um seinen herausdestillierten Jesus für sich zu retten, den er zu einem säkularen Philosophen hinauf verfälschte.

Fälschung zum guten Zweck ist auch eine Fälschung. Jeffersons klinische Amputation des heiligen Buches ist vielen heutigen Christen aus dem Herzen gesprochen. Die Majorität der Deutschen würden seinen Satz unterschreiben: „Der Korruption des Christentums stehe ich in der Tat ablehnend gegenüber, aber nicht den wahren Prinzipien Jesu.“

Auch das war gut gemeint. Sich aber auf ein Buch berufen, das man zu 99% verwirft, ist Vortäuschen falscher Autoritäten. Wer seine Meinung sagen will, darf sich nicht an heiligen Büchern abstützen und im Namen einer übermenschlichen Instanz reden. Er muss Ich sagen können.

 

Kurz nach H.E. Richter ist nun auch Margarete Mitscherlich gestorben. Damit ist mit der Tochter eines Dänen und einer Deutschen die letzte Symbolfigur der frühen Psychoanalyse – und der politischen Psychoanalyse – verschwunden.

Freuds Erkenntnisse waren nicht für politische Zwecke gemacht. Wer sich ausdrücklich politisch betätigte – wie Wilhelm Reich, der Mitglied einer marxistischen Gruppe war und gleichzeitig Freuds Klub nicht verlassen wollte –, flog aus dem hehren Verein der Seelenergründer. Die beiden Ansatzpunkte waren inkompatibel.

A) Die Freudianer wollten das Innenleben der Menschen reparieren, um – was zu erreichen? Eine bessere Gesellschaft? Das will kaum der junge Freud mit seinem frühen Aufklärungsmotto: Wo Es war, soll Ich werden.

Der jugendliche Elan war spätestens nach Ende des ersten Weltkrieges vergangen. Mit Einführung des Todestriebes erfand Freud das Äquivalent der Erbsünde. Der Mensch ist das aggressive, todessüchtige Wesen, das es war und immer sein wird. Der Todestrieb strebt nach „Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre und des Todes“.

Selbst der Wiederholungszwang stehe unter dem Diktat des Todestriebes, überhaupt das Streben des Menschen nach Erhalt und Stillstand, wie es im ritualisierten Handeln der Zwangsneurose zum Ausdruck käme.

Diesen Satz müssen neoliberale Ökonomen noch nicht entdeckt haben, sonst würden sie den Wiener als tiefenpsychologischen Gewährsmann ihrer Neuigkeitssucht und ihrer Abneigung gegen Stillstand für sich reklamieren.

Dass eine Wiederholung des Gleichen eine neurotische Zwangshandlung sein soll, hätte Freud einmal den alten Griechen zurufen sollen, für die der gesamte Ablauf des kosmischen Geschehens eine ewige beruhigende und zuverlässige Wiederholung natürlicher Vorgänge war.

Auch Nietzsches Rückgriff auf die Griechen mit seinem Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen wäre beim strengen Urvater der Psychoanalyse als gesundes Verhalten durchgefallen.

Auch Goethes schöne Gewohnheit des Lebens hätte bei Freud kein Entzücken ausgelöst, denn schöne Gewohnheiten sind geliebte Wiederholungen.

Der energische Wilhelm Reich wollte sich mit solch trüben Aussichten nicht begnügen und behauptete, er habe den Todestrieb klinisch widerlegt. Damit war sein Schicksal im vornehmen Psychoanalyse-Klub besiegelt.

Erst nach Freuds Tod bemühten sich politisch denkende linke Freudianer um eine Art Synthese zwischen Marx und Freud. Vor allem im Umkreis der späteren Frankfurter Schule, die nach dem Krieg auch die Mitscherlichs förderte.

Erich Fromm muss hier an erster Stelle genannt werden. Seine Bücher gehörten zu den meistgelesenen in der 68er-Bewegung. Heute ist er verschollen.

Von Reich weiß man höchstens, dass er in Amerika vom CIA überwacht wurde, seltsame Apparate zur Erfassung kosmischer Energie erfand, zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen wurde und dort starb.

Man darf die Vermutung äußern, dass auch die Mitscherlichs keinen größeren politischen Furor entwickelt hätten, wenn nicht rein zufällig kurz vor ihrem Wirken die Nazis die Welt in ein Tollhaus verwandelt hätten.

B) Die marxistischen Materialisten lehnten jegliche „idealistische“ Motivation der Weltveränderung als utopisch ab. Nur die Geschichte selbst wird automatisch zum Reich der Freiheit führen. Moralischer Antrieb, psychische Veränderung des Individuums, Liebe zu den Menschen oder sonstige ätherische Gründe als Faktoren der Revolution? Alles Unfug, höchstens Beiwerk. Die Geschichte kann man ein wenig schneller oder langsamer machen, das war‘s.

Wie passen diese beiden Weltanschauungen zusammen? Gar nicht. Es sei, man verändert sie beide. Versuche wurden reichlich unternommen, um Marx psychischer und Freud politischer zu machen. Alles vergeblich, wie der Tod der politischen Psychoanalyse in der Gegenwart beweist.

Die hohen Analytiker müssten von ihrem hohen Ross herunterkommen, wenn sie in Basisgruppen ein Mitglied unter anderen wären. Priesteranwärter müssen sich bäuchlings vor ihrem Bischof auf den Boden werfen, Patienten rücklings auf die Couch vor ihrem papstgleichen Seelenerforscher.

Dieser Rollentausch vom Allesbesserwisser zum gleichberechtigten Normalmenschen war nichts für Leute mit Lehranalyse und langwieriger Ausbildung zum Anonymus, der kühlen Abstand zu seinen Klienten halten sollte. Professionelle Distanz und politisches Schlachtengetümmel – das ging nicht zusammen. Nur H.E. Richter, der sich geschworen hatte, nach dem Krieg müsse alles anders werden, schaffte es, mit Obdachlosen umzugehen, als seien es Menschen.

Je länger die Kriegserfahrungen zurücklagen, je mehr verblasste das sozialpolitische Engagement.

Bald traten gewichtige Kritiker der Psychoanalyse auf den Plan. Der wichtigste unter ihnen war Karl Popper, wie Freud aus Wien stammend, der als Jugendlicher mit Alfred Adler zusammengearbeitet hatte und schon damals die alleswissende Methode Adlers befremdlich fand. In seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ unterzog er die Psychoanalyse einer Grundsatzkritik und sprach von doppelter Immunisierung der Therapiemethode.

Jede Kritik des Klienten an dem Analytiker konnte als unbearbeiteter Affekt auf ihn selbst zurückgeworfen werden. Da der Analytiker eine Lehranalyse absolviert hatte und ergo neurosenfrei war, war er zu neurotischen Fehldeutungen gar nicht mehr fähig. Er war gewissermaßen vollkommen. Diese doppelte Selbstimmunisierung verwarf Popper aufs schärfste.

Mit dem Niedergang der 68er-Bewegung, dem Verfall der Frankfurter Schule verfiel auch der politische Zweig der Psychoanalyse. Wäre Margarete Mitscherlich nicht auf den Feminismus der Alice Schwarzer gestoßen, wäre sie vermutlich schon früher aus der politisch-psychischen Schriftstellerei ausgeschieden.

„Die Unfähigkeit zu trauern“, der Titel des Buches, das sie mit ihrem Mann zusammen geschrieben hatte, machte als Titel Furore. Doch worauf das Buch hinaus wollte, blieb im Dunkeln. War es eine Kritik an den Deutschen, dass sie ihre Vergangenheit verdrängten und als Täter ihre Opfer nicht betrauern konnten?

In der Tat waren die Mitscherlichs mit den rebellischen Studenten einer Meinung, dass die Deutschen ihre schrecklichen Untaten nicht zur Kenntnis nahmen. Doch war die psychoanalytische Therapie fähig, nicht nur die individuelle, sondern auch die kollektive Biografie zu entschlüsseln? Gab es bei den Deutschen etwa eine spezifisch autoritäre Charakterstruktur, die sie für den Nationalsozialismus besonders empfänglich machte?

Doch auch Charakterstrukturen fallen nicht vom Himmel. War die Psychoanalyse in der Lage, das historisch-politische Gesamtgeschehen zu erfassen und zu durchdringen? Bis heute ist sie den Beweis schuldig geblieben.

Die Nachrufe auf Margarete Mitscherlich sind wieder voller Lobeshymnen (wie bei H.E. Richter), aber ohne jede Auseinandersetzung. So auch der von Jan Feddersen in der TAZ.

Feddersen weist darauf hin, dass die Unfähigkeit zum Trauern nicht die mangelnde Empathie mit den jüdischen Opfern gemeint hatte, sondern die Unfähigkeit, den Tod und Verlust des großen Führers zu beklagen – um per Trauer von ihm Abschied zu nehmen. Wer nicht in der Lage ist, sich von einem wichtigen Menschen emotional zu trennen, der ist gezwungen, ihn als Unsterblichen zu verinnerlichen und sich von ihm lebenslang dominieren zu lassen.

Die Mitscherlichs übersahen die Kleinigkeit, dass man einen Gott nicht betrauern kann. Höchstens einen sterbenden. Aber den auch nur, wenn er nicht jährlich aufersteht. Sonst kommt‘s zur rituellen Scheintrauer. Denn man weiß, dass der Tod nur die dramaturgische Voraussetzung zum ewigen Triumph ist.

Deutsche sind treu. Sie nehmen nicht einfach Reißaus, wenn ihre Helden im Feld der Ehre fallen. Auch Kaiser Barbarossa haben sie nur in den Kyffhäusern geparkt, bis er eines Tages glorios wiederkehren wird. Unsterbliche kann man nicht betrauern, man kann sie nur dem Tagesgeschwätz entziehen und beschweigen, bis sie selbst es für richtig halten, vor der Türe zu stehen und Einlass zu begehren.

Das Gebiet der Religion haben die Psychoanalytiker fast gänzlich ignoriert, obgleich Freud ein vehementer Gegner aller Religionen war und seine Nachfolger ausdrücklich davor warnte, seine Therapie Medizinern und Priestern auszuhändigen.

Genau diese beiden Berufsgruppen dominieren heute die Therapieszenerie, die sie zu einem Zweig ihrer Seelsorge und einem minderwertigen Appendix ihrer naturwissenschaftlichen Methoden degradiert haben. Zur Religion hat Margarete Mitscherlich nichts zu sagen.

Religion entsteht für Freud aus der Situation menschlicher Hilflosigkeit. Der Einzelne sehne sich nach einem omnipotenten Vater, doch dieser Wunsch werde in der Religion nur in der Phantasie erfüllt. Die irreale Wunscherfüllung entlarve den Glauben als Illusion. Der Fortschritt der Wissenschaft werde zur Anerkennung menschlicher Ohnmacht, somit zum Niedergang der Religion führen.

Abstrakter und geschichtsvergessener konnte eine Religionskritik nicht sein. In der Natur fühlt sich der Mensch durchaus nicht hilflos, sondern erst unter dem Regiment eines eifersüchtigen himmlischen Vaters, dessen Allmacht die Ohnmacht des Menschen voraussetzt. Der Fortschritt der Wissenschaft hat beileibe nicht zu einem stabilen Selbstbewusstsein geführt, das auf den Gott verzichten könnte.

Es rächte sich, dass Freud eine ausgedachte Religion kritisierte, aber nicht die konkrete, die das Abendland und die Welt eroberte. Wenn der Mensch sich als Gottes Ebenbild definiert, das sich durch Wissenschaft und Technik zu einem Gott entwickeln muss, kann er gar nicht auf Ihn verzichten. Denn Er: das ist er Selbst.