Mittwoch, den 31. August 2011

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Keine Geschichte, keine Heilsgeschichte, keine automatischen Kräfte und Mächte
regulieren das Geschick des Menschen. Das Schicksal des Menschen
ist allein der Mensch. Was er nicht selber tut, bleibt ungetan.
Keine Verborgene Hand kommt ihm entgegen, kein radikal Böses wird ihn hindern.
Will er weiterhin als Despot der Natur auftreten, wird er scheitern.
In Anteilnahme mit den natürlichen Wesen kann er überleben.

Auf dem Sokratischen Marktplatz treffen sich selbstbewusste Demokraten,
die ihren Beitrag leisten wollen für das gelingende Leben der Menschheit.
Das Zentrum des Lebens liegt auf Erden. Jetzt und hier, im Irdischen müssen wir uns
bewähren. Der Mensch ist dem Menschen weder Raubtier noch Gott,
weder hoffnungslos, noch vollkommen.
Wenn wir in sokratischem Geiste lernen, uns als natürliche Wesen zu betrachten,
als gleichrangige Menschen zu begegnen, können wir es schaffen.


 

Sokratischer Marktplatz

Die Herrschaft des Volkes entstand auf öffentlichen Plätzen. Wenn Menschen spontan zusammenkommen, können sie frei und ungehindert beraten, streiten, übereinstimmen und mehrheitliche Entscheidungen treffen. So geschehen in Athen, wo Sokrates auf dem Marktplatz sich nicht scheute, seine Mitbürger zum geistigen Wettstreit aufzufordern, um ihre demokratische Kompetenz auf Herz und Nieren zu prüfen.

Das Ringen um den besten Weg sollte jeden selbstbewusster machen in der täglichen Auseinandersetzung um ein menschenwürdiges Leben. Wer den Menschen haftbar macht für das Wohlergehen des Gemeinwesens, darf sich solchen Herausforderungen nicht entziehen; kritisch muss er selbst prüfen, wes Geistes Kinder diejenigen sind, die Macht für sich beanspruchen und in Parlamente gewählt werden wollen.

Anders in privaten Dingen, die jedermann gestalten kann, wie es seiner Individualität beliebt. Solange seine Freiheit nicht die Freiheit aller anderen beeinträchtigt. Auf dem öffentlichen Forum soll jedermann zeigen, was er kann und auf welche Weise er dem Gemeinwesen zu nützen gedenkt.

In vitalen Demokratien muss jeder Einzelne dem andern ohne Angst und auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Je mehr Schichten, Klassen und Stände eine Nation in Stücke reißen, desto angeschlagener und zerbrechlicher wird die Gesellschaft.

Demokratien leben aus eigener Kraft, aus der Einsichtsfähigkeit ihrer selbstbestimmten und lernfähigen Bürger. Auf Absicherungen und moralische Hilfestellungen aus dem Bereich der Religion sind sie nicht angewiesen. Sie setzen auf eigene Vernunft, nicht auf überschwängliche Verheißungen von Charismatikern und Erlösern.

Es gibt viele Methoden, wie man Demokratien ruinieren kann. Eine der gefährlichsten ist, mit selbstherrlicher und maßloser Wirtschaft den Einfluss gewählter Regierungen immer weiter zu beschneiden. Die zunehmende Kluft zwischen Habenden und Habenichtsen bedeutet Stärkung der Mächtigen bis ins Unermessliche und Schwächung der Enteigneten bis zur ohnmächtigen Apathie.

Wer unterschiedslos vom Staate spricht, hat von Demokratie noch nichts verstanden. Wenn selbst Diktaturen und menschenfeindliche Regimes als Staaten gelten, kann Demokratie niemals ein Staat sein. In lebendigen Demokratien ist nicht der Staat, sondern das Volk die entscheidende Instanz. Sollten undurchsichtige Machtballungen eine Gesellschaft unterwandern, müssten sie als zerstörerische Fehlbildungen erkannt und zerschlagen werden. Ein Staat im Staate ist der Erzfeind jeder Demokratie.

Es ist nicht der Staat, der alle Probleme verursacht oder löst. Es ist der mündige Mensch, der Fehler begeht und sie wieder korrigiert, der Schwachen hilft, die Starken zähmt. In Demokratien gibt es weder ein „Väterchen“ Staat, der Benachteiligte fürsorglich bevormundet, noch einen „tyrannischen“ Staat, der Erfolgreiche fahrlässig einengt.

In Demokratien entscheiden Demokraten. Niemand sonst. Keine Wirtschaftsgesetze, die sich als unveränderbar definieren. Kein Fortschritt im Namen einer bedenkenlosen Technik, einer idolisierten Zukunft oder anderer Automatismen, die der nüchternen Überprüfung durch die Gesellschaft nicht standhalten.

Es gibt keinen Zwang zur unablässig blinden Erneuerung. Ob Alt, ob Neu, alles muss der Kritik des Souveräns vorgelegt werden. Wir leben nicht für die Zukunft, wir leben für die Gegenwart. Sinnvolles Vorausschauen darf den heutigen Tag nicht im Dienst des Kommenden opfern. Wir schauen nicht einseitig nach vorne, wir lernen aus Irrtümern der Vergangenheit, die wir nicht ausblenden oder verdrängen dürfen.

Alle Macht geht vom Volke aus und bleibt unter Kontrolle des Volkes. Alle Entscheidungen sind souveräne Willensbildungen der Bevölkerung und ihrer gewählten Vertreter.

Sind säkulare Demokratien mit Wahrheit unverträglich - wie religiöse Heilsbesitzer behaupten, die die Trennung von Kirche und Staat unterhöhlen, um zurückzukehren zur Macht des Klerus und naturfeindlicher Glaubenssätze?

In der Tat darf sich keine Entscheidung der unfehlbaren Wahrheit rühmen. Mehrheiten sind keine Garantien für unumstößliche Erkenntnisse. Dennoch kann freier Wettbewerb der Meinungen dazu beitragen, durch stets neue Mehrheitsbildungen uns dem zu nähern, was die Menschheit in friedfertigen Zukunftsentwürfen schon immer zu träumen wagte.

In diesem Sinn können Demokratie, universelle Menschenrechte und Naturverträglichkeit als förderliche Wahrheiten angesehen werden, die auch unseren Kindern und Kindeskindern eine Überlebenschance auf dem Planeten Erde einräumen. Solche Wahrheiten sind nicht exklusiver Besitz von Eliten und Auserwählten, sondern das Ergebnis fortlaufender und gemeinsam errungener Entwicklungen.