Donnerstag, 17. Mai 2012 - Der Tod der Erfahrung

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Frauen,

der neue mütterliche Politstil hat zugeschlagen. Vor zwei Tagen hatte Heide Simonis noch erklärt, dass nun ein neuer mütterlicher Führungsstil komme.

Es sei eine Politik, die nicht „aggressiv ist und basta sagt, sondern die sagt: Erzähl du doch mal, wie siehst du das, wir erarbeiten die Lösungsvorschläge gemeinsam. Dazu gehört, dass sich Frauen in der Politik nicht so wehtun wie Männer.“

Vielleicht hätte sie sagen sollen: „…nicht so wehtun wie den Männern.“

Ins Bodenlose wird er nicht fallen, aber ins Bedeutungslose. Von den zehn kleinen Negerlein ist jetzt nur noch Ossi de Maiziere übrig. Die Ossis beginnen, die Macht zu übernehmen. Gauck und Merkel haben schon die wichtigsten Posten.

Angesichts der eisernen Mutterstabilität – Merkel ist die neue Frau Bismarck – verlieren die Bubis die Nerven und fangen an, ihren Hallodristil ins Lächerliche zu treiben.

Bubi Röttgen wollte vor kurzem noch Bundesgeschäftsführer des BDI werden und dennoch im Bundestag bleiben, um Wirtschaft und Politik zusammenzuführen. Da protestierten selbst Rogowski und Henkel.

Merkel soll ihrem Intelligentesten zweimal angeboten haben, seinen Rücktritt selbst als freiwilligen zu verkünden. Vergeblich, Bubi wollte den Machtkampf, den er nicht gewinnen konnte. Er war wohl schon in jenem Stadium, das man beratungsresistent nennt. Nach dem alten Spruch: Wen Gott verderben will, den verblendet er zuerst.

Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn muss neu geschrieben werden. Die Profi-Christen scheinen ...

... es vergessen zu haben. Weder kroch der verlorene Sohn reuig zu Vatern zurück, nachdem er es auf eigene Faust unter den Säuen versucht hatte. Noch ist es Vatern, der ihm den Stuhl vor die Tür setzte, sondern die bislang so passive Mutter, die angeblich nicht führen kann.

Der Loyalitätskonflikt hatte im Wahlkampf begonnen, als der Überflieger aus Berlin, wohl unter dem Aspekt, nicht mehr gewinnen zu können, die verlorene Wahl zur Wahl Merkels umdefinieren wollte. Am Wahlabend nahm er zwar alles auf seine Kappe, doch es war zu spät. Mutter begann das Messer zu wetzen.

Ein bisher einmaliger Fall. Im Magnetfeld Merkels scheinen die Männer die Nerven zu verlieren. Am Anfang haben sie Mutter nicht ernst genommen, sie als leicht wegzufegende Platzhalterin unterschätzt. Dann war alles zu spät.

Mutter überrumpelte sie alle mit gusseiserner Freundlich- und Sachlichkeit, ideologischer Flexibilität (oder geringerem Starrsinn), unberührbarer Uneitelkeit und weich scheinender, aber unbrechbarer Standfestigkeit. An dieser Kontrastfolie entlarvten sich die Männlein als das, was sie seit der Steinzeit sind: als aufgeplusterte Gockel.

In allen Punkten ist sie den Kochs, Rüttgers und Wulffs um eine ganze Liga überlegen. Angie ist die Einzige aus dem Christenklub, die in der Bundesliga spielt. Der Rest sind Provinzkicker, die über ihre eigenen Füße stolpern. Nur noch die siebenfache adlige Mutter kann ihr gefährlich werden.

Kein Zweifel, wir haben bereits das Matriarchat. Auch in der SPD erbleichte die lächerliche Troika, als Mutter Beimer-Kraft sich wie selbstverständlich ans Steuer setzte.

Schaut man auf die anderen Parteien, sieht es nicht viel anders aus: Ohne Claudia Roth geht nichts bei den Grünen. Dass Renate Künast in Berlin versagte, hing wohl damit zusammen, dass sie einen männlichen Überfliegerstil gewählt hatte.

Ausgerechnet bei den Grünen, bei denen die Frauen von Anfang an fast dominant waren – man erinnere sich an die Ikone Petra Kelly –, sind sie heute noch nicht auf der eindeutigen Siegerspur.

Dass die FDP unter 5% herumkrebst, liegt an der Zurückdrängung von Leutheusser-Schnarrenberger und dem weiblichen Element überhaupt.

Kapitalismus ist eine Erfindung der Männerhorde, in der Kraftprotze miteinander wetten, wer zuerst die Welt kirre macht.

Hätte Hoffnungsfrau Koch-Mehrin beim Doktorspielen nicht gefummelt, wäre sie heute die einzige Alternative zu Rösler.

Das Gesicht der Piraten war bislang Marina Weisband. Sollte die Partei ins Trudeln kommen, könnte sie über Nacht wieder auf der Matte stehen.

Bei den Linken gibt’s nur eine Figur von Format und die heißt Sahra Wagenknecht. Offenbar hat sie noch Angst vor dem Sieg und hat sich strategisch den alten Platzhirschen Oskar gebucht. Ihren eigenen Vater lernte sie nie kennen, intermediär braucht sie noch eine Vaterfigur zur inneren Stabilisierung. Doch ihre Zeit wird kommen. Spätestens nach der nächsten Wahlschlappe Oskars.

Langfristig haben die Männer fertig. Noch dämmern viele Frauen vor sich hin, doch sie dämmern sich nach oben. Ohne den Pragmatismus der Frauen, die wissen, was Leben austragen und erhalten bedeutet, wird die Menschheit nicht zu sich kommen.

Eine Epoche geht vorüber. Das Omnipotenzgetue der Schöpfer aus dem Nichts zerschellt am Scherbenhaufen, den sie hinterlassen. Nachdem sie sechs Epochen lang die Welt neu erfunden, aus ihrem Kopfe konstruiert haben, müssen sie in der siebenten feststellen: siehe, es war sehr schlecht.

Wir wollten Natur überflüssig machen, indem wir sie uns ganz neu aus den eigenen Rippen zu schwitzen gedachten. Wir haben auf der ganzen Linie versagt. Wir sind keine Schöpfer und es gibt keinen Schöpfer der Natur.

Natur war schon immer, sie wird noch immer sein, wenn alle Möchtegernschöpfer längst vermodert sind. Die Männer haben nur noch eine Chance: errötend den Spuren des Weibes folgen und lernen, lernen, lernen.

Es kommt die Zeit der weisen Frau, auf Althochdeutsch der politischen Hebamme. Wenn die Frau die Menschheit nicht neu gebiert, wird sie nicht lebensfähig sein.

In Form einer ungeheuren Verfälschung hat der Mann sich die Wiedergeburt unter den Nagel gerissen und sie zur Wiedergeburt des Geistes deformiert. Eines männlichen Geistes, der sich erkühnt, die Natur überflüssig zu machen und zu zerstören. Ja, sie aus Nichts erschaffen zu haben.

Nicht die Mutter hat das Kind, das Kind will die Mutter aus dem eigenen männlichen Kopf erschaffen und entbunden haben. Etwas Absurderes hat die Menschheit noch nicht gesehen.

Seitdem die Männer die Herrschaft übernommen haben, nennen sie ihre Herrschaft die Hochkultur, um sich abzuheben von den niedrigen Kulturen der Frauen, die den Garten und Acker erfunden hatten, um in Symbiose mit der Natur ein befriedetes und friedliches Leben zu führen.

Cultura heißt Ackerbau, Pflege, Verehrung der Natur. Diese Idylle war einigen Herren nicht genug. Sie langweilten sich, wollten mehr als alles und erfanden die Hochkultur.

Seitdem lassen sie Weib und Kind sitzen und sind in die Welt gezogen. Nicht, um sie kennen zu lernen, nicht, um Frieden mit ihr zu schließen, sondern um sie zu beherrschen.

Sie bauten riesige Türme und Maschinen, um die Natur gottgleich von oben zu betrachten. Sie zogen in den Krieg, um fremde Menschen zu töten und zu versklaven. Zu Hause blieben ihre eigenen Frauen und Kinder, von anderen Nachbarn unterworfen, versklavt und vergewaltigt. In Lagern und Baracken eingesperrt, die Kinder dem Hungertode nah. Was kümmert's die Helden, die das einfache gute Leben als Schäferidylle verspotteten?

Was ist besser als das gute Leben? Das kurzweilige, sich ständig verändernde Leben der Eroberer, Erfinder, Konstrukteure, die mit ihrem Brausekopf den Himmel stürmten und alles, was sie von oben sahen, erfunden haben wollten. Schaut, alles, was ihr seht, das haben wir gemacht, schrien sie und ernannten sich zu Göttern, Titanen und Erlösern.

Nicht erst seit dem Beginn des Kapitalismus, seit Beginn der Hochkulturen sind die Männer aus dem unmittelbaren Leben der Frauen und Kinder verschwunden. Von hohen Altären und Kanzeln predigen und offenbaren sie und lenken die Geschicke derer, die sie angeblich beschützen und ernähren, indem sie die Grundlagen der Ernährung durch Neuschöpfung ruinieren.

6000 Jahre Hochkultur genügten, um den Humus abzutragen, die Wälder zu zerstören, die Bodenschätze zu er-schöpfen und das Klima menschenfeindlich zu machen.

6000 Jahre genügten, um die millionenlange Erfahrung des Menschengeschlechts in gutem Leben zu einem primitiven und geistlosen Leben in den Staub zu treten. Die Hochkulturen, die mit dem Kopf begannen, die vorhandene Natur zu diffamieren, um eine neue aus dem Ärmel zu schütteln, war das Ende der weiblichen Erfahrung.

Der Erfahrung überhaupt. Denn eine männliche Erfahrung gibt es nicht. Sie besteht darin, jede Erfahrung über den Haufen zu werfen. Zugunsten einer immer besseren Erfahrung. Männliche Erfahrung ist die, die man unbedingt loswerden muss, um eine neue an ihre Stelle zu setzen.

Das Beste ist der Tod des Guten. Das Beste ist der Tod im Namen des Neuen. Entweder das Beste oder das Nichts. Also das Nichts. Das Neue ist das Männliche, das Alte ist immer weiblich, das überwunden werden muss. Siehe, das Weiblich-Alte ist überwunden, ich mache alles neu und männlich. Das war der Signalton, dem die Männer folgten, um das Neue der uralten Mutter Natur ins Gehirn zu implantieren.

Im Namen der Männerreligion wurde der Planet überwältigt und genotzüchtigt. Wie viele Kinder und Frauen blieben auf der Strecke? Wenn Männer auf der Strecke blieben, wurden sie Helden und wanderten in die Geschichtsbücher.

Kinder lernen in der Schule die Geschichte der Männer, ihrer Väter, die sie verließen, um jene Welt in Trümmer zu legen, von der Frauen und Kinder leben. Geschichtsbücher sind Heldenbücher voller Zahlen und Daten.

Männer haben sich die Zeit untertan gemacht und die Uhren erfunden, die ihnen zeigen, in welchen rasanten Abständen sie Heldentaten begehen. Jedes Datum eine Heldentat, der viele Kinder und Frauen zum Opfer fielen. Die Zahlen der kindlichen und weiblichen Opfer stehen in keinem Geschichtsbuch.

Der Weg zur vaterlosen Gesellschaft begann nicht nach Ende des Krieges, er begann mit Erfindung der männlichen Hochkultur, als die Männer in ihren kolossalen Monumenten verschwanden, sich in ihren mit Schrift geschriebenen Chroniken und heiligen Büchern verewigten, in denen stand, dass sie Götter und Göttersöhne, Schöpfer und unsterbliche Könige seien.

Wenn Kinder ihre Mütter fragten, wo ist unser Vater?, deuteten die Frauen mit dem Finger nach oben oder in die Ferne: euer Vater ist im Himmel oder weit weg hinter den Bergen, wo er Kriege macht, fremde Frauen und Kinder schlachtet, damit wir‘s hier gut haben. Kniet nieder und dankt euren gütigen Vätern.

Die Frauen standen zwischen den Vätern und den Kindern, sie verteidigten das wüste Treiben der Väter, obgleich sie wussten, dass es Elend über Frauen und Kinder bringt. Beim nächsten Krieg würden sie die Opfer fremder Helden und Götter sein.

Die Frauen müssen aufhören, den martialischen Unsinn ihrer Göttergatten gegenüber den Kindern zu verteidigen. Noch stehen sie zu sehr auf der Seite der Männer, obgleich sie glauben, sie vermittelten zwischen Kindern und ihren Vätern.

Wenn sie die Männer nicht in jene Wüsten schicken, die die Männer rund um den Globus verbreiten, werden sie den Planeten für ihre Kinder nicht retten.

Die Mütter müssen ihre hurenhaften Verhältnisse bei den Männern beenden und sich rigoros der Sache der Kinder annehmen, erst dann werden sie sich ihrer eigenen Sache annehmen.

Den Männern muss endlich das Handwerk gelegt werden: auf dem Land, im Wasser und in der Luft. Beratungsresistente Bubis gefährden den Fortbestand der Menschheit – und niemand holt die Schere, um sie zu entmannen.

Beratungsresistent heißt erfahrungslos. Erfahrung mache konservativ, sprechen zwei Männlein in der ZEIT.

Konservare heißt bewahren. Männer bewahren nichts, sie riskieren alles. Sie zertrümmern alle Erfahrungen, die die Menschheit bislang angehäuft hat und als Bildung verhöhnt, welche man sich reinzieht, um sie baldmöglichst anal zu entsorgen.

Wer immer alles riskiert, führt einen Vernichtungskrieg gegen jede Erfahrung, gegen jedes naturgeleitete Wissen.

Bibliotheken und Museen, die Erinnerungsstätten der Menschheit, der menschlichen Erfahrung, sind zu Bildungs-Latrinen und Erinnerungskloaken der Menschheit geworden. Oben rein und unter raus, damit der finale Haufen mit eingebauter Wachstumsgarantie zum Himmel stinkt.

Erfahren heißt, an der Natur lernen, an der Natur dazulernen. Seitdem die Männerreligion die Natur zum Ding machte, das ohne maskuline Erlösung nicht überleben kann, gibt es kein Erkennen der Natur.

Natur ist nicht erkennbar, sie ist es gar nicht wert, erkannt zu werden. Sollte Erkennen Imitation minderwertigen Natur sein? Da sei Gott vor, der auch keine Natur imitieren wollte und sie mit Hilfe seiner unbegrenzten Männerphantasie ganz und gar ersann.

Fast die ganze moderne Philosophie steht unter dem Pantoffel natur- und erfahrungsfeindlicher Erkenntnis. „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach der Natur richten“ (im Original: nach den Gegenständen). Doch diese Versuche gingen angeblich alle zunichte. „Man versuche es daher einmal, ob wir nicht … damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Natur (die Gegenstände) müsse sich nach unserer Erkenntnis richten.“ (Kant: "Kritik der reinen Vernunft")

Das ist der deutsche Titan der reinen Vernunft, der Alleszertrümmerer, der die kopernikanische Wende im Denken vollbracht haben soll. Er hat das Gegenteil getan.

Kopernikus erkannte – indem er uralte Erkenntnisse des Griechen Aristarch hervorkramte –, dass die Sonne sich nicht um die Erde drehte, der Mensch nicht mehr der Mittelpunkt des Universums sei.

Was erkannte Kant? Dass der Mittelpunkt der Natur der Mensch sei, nach dem sie sich im Innersten zu richten habe. Alle wesentlichen Eigenschaften der Natur wurden ihr vom Menschen weggenommen und zu seinen eigenen gemacht. Nicht anders, wie der Imperialist fremden Kulturen alle Schätze raubt, um sie als seine auszugeben.

Kausalität, Raum und Zeit, alles Wesentliche, Verlässliche und Kostbare der Natur wurden zu a priori-Eigenschaften des Menschen umdefiniert, die er mitbringen muss, um die jämmerlichen Gaben der Natur zu wertvollen Erkenntnissen zu stempeln. Alles Natürliche wird erst von „der schöpferischen Tätigkeit des Menschen geschaffen.“

Der deutsche Idealismus ist Theologie in philosophischen Kategorien: der Mensch ist Kreator der Natur. Bei Kant noch nicht vollständig. Ein paar minderwertige Sinneseindrücke müssen noch von außen geliefert werden wie Rohstoffe den Maschinen angeliefert werden müssen, damit sie Kostbares aus ihnen herstellen.

Zum Beispiel Atombomben, mit denen man mit einem Schlag sehr viele Kinder und Frauen zu Staub und Asche machen kann, sogar einige alte Männer, die noch vorhanden sind.

Rohstoffe hießen nicht Rohstoffe, wenn sie nicht roh wären. Erst wenn männliche Erfindungskunst sie veredelt hat, werden sie Konsumprodukte – die niemand braucht.

Erfahrung sei eine Tätigkeit des Bewusstseins, die auf Gegenstände gerichtet sei. Also auf Natur. Unsere titanischen Denker nehmen das Wort Natur nicht so gern in den Mund. Natur muss zu einem Ding, also verdinglicht werden, damit man nicht mehr so viele Hemmungen hat, das Ding zur Minna zu machen.

Es gebe zwei Möglichkeiten, Erfahrung zu sammeln. Entweder wird sie von den Dingen (= Natur) abgeleitet – oder aber vom Bewusstsein, also dem gottähnlichen Mann. Im ersten Fall sei die Erfahrung dogmatisch, im zweiten idealistisch.

Der Dogmatismus betrachte den Menschen als Produkt der Natur. Ergebnis: Fatalismus und Materialismus. Auf Deutsch: Ergebenheit unter die minderwertige Materie. Der Mensch wird zur Marionette der Natur.

Der Idealismus hingegen sehe in der Natur das Erzeugnis des freien selbstbestimmten Menschen. Mithin sei er das System der Freiheit und der Tat. Der Mensch als Naturwesen könne niemals frei sein. Nur wenn Natur das Geschöpf des Menschen sei, könne der Schöpfer nach Belieben mit ihr schalten und walten.

Erfahrung als wissender und gewollter Einklang mit der Natur sei nichts als Sklaverei und Untertänigkeit des Menschen unter eine despotische Natur. Also sprach Fichte, der die kantische Restabhängigkeit des Menschen völlig entfernte und Nägel mit Köppen machte. „Das Ich setzt sich selbst“. Der Mensch ist das absolute Ich, das „Etwas aus Nichts schafft“. (Fichte: "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre")

Damit hatte die deutsche Philosophie, auf die die Deutschen bis heute so stolz sind, der theologischen Schöpferlehre vollständiges Asyl gewährt. Ja, das Geheimnis des mit Mythen umnebelten Credos auf den Punkt gebracht. Der Mensch als Mann ist der Schöpfer und Mittelpunkt des Seins und der Zeit.

Die Unterwerfung der Natur war vollständig, war zum System geworden. Der Mann erfindet alles per Omnipotenz: „Das Ich setzt das Nicht-Ich.“ Das Nicht-Ich ist alles, was nicht Mann ist und von ihm erschaffen, geprägt, erzogen, konstruiert worden ist und – vernichtet werden muss, auf dass stets Neues und Besseres gesetzt kann. Auch hier die Verniedlichungs- und Tarnungssprache: Setzen, Konstituieren bedeuten nichts weniger als Schaffen aus dem Nichts.

Seit der Dominanz des Mannes wird die Erfahrung der Menschheit ad absurdum geführt. Würde Erfahrung regieren, wäre der Mensch nicht auf dem Weg zum Untergang.

Den freiwilligen Gang zum Schafott kann man nur machen, wenn man sich Sehen und Hören verboten und alle Erfahrung erstickt hat. Erfahrung ist naturwüchsig, also abscheulich, rückständig und – bewahrend.

Moderne Menschen sind weder konservativ noch bewahrend. Sie riskieren jeden Tag aufs neue die Existenz des Menschen. Von Tieren und Pflanzen, Steinen und Schätzen im Bauch der Natur gar nicht zu reden.

Wären wir erfahren, würden wir die Augen aufmachen und sehen, was wir tun. Damit wir das nicht sehen, ist Erfahrung zur bornierten Nachahmung der Natur diskriminiert und aus dem Weg geräumt worden.

Selbst Naturschützer sind noch immer bewusstseinslose Anhänger von Kant, Fichte und allen Machodenkern, die sie nicht verstehen, aber patriotisch und gottesfürchtig bewundern.

Sollte die Menschheit sich selbst aus dem Wege räumen, weil die Natur ihre Devise: wir töten, was wir lieben, nicht länger erträgt, wird sie erfahrungs- und erkenntnislos in den Orkus fahren.