Montag, 14. Mai 2012 - Gemüt und Verstand

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Frauen,

keine einzige Auszeichnung für Frauen beim Henri-Nannen-Preis. Können Frauen nicht schreiben, nicht recherchieren?

Von 17 Senaten wird nur einer von einer Frau geleitet? Können Frauen nicht Recht sprechen?

Einerseits. Andererseits Merkel und Kraft. In der Siegerin vom Ruhrgebiet sehen einige schon die Konkurrentin von Merkel. Doch Provinzfürsten sind noch lange keine Favoriten fürs Ganze: Bruder Johannes, der Beck von der Pfalz, der Stoiber von der Alm. Sie sind auf der Bundesebene nie groß rausgekommen.

In Kraft sieht der Politologe Franz Walter eine Kümmerin, in Merkel die Mutti, beide vermittelten das Gefühl des Wohlbefindens, mit Politik habe das nichts zu tun: „Während die Feuilletons seit Monaten von Partizipation reden, setzen die beiden im Gegenteil aufs Umsorgen – und damit auf Depolitisierung.“

Das sind so Sätze. Politik muss Probleme lösen. Probleme nennt man auf der emotionalen Ebene Sorgen. Wenn Politik nicht dazu da ist, die Sorgen zu verkleinern, ist sie L’art pour l’art – wozu sie tatsächlich geworden ist. Denn Sorgen vermindern würde ja langfristig in die Nähe des Schlaraffenlandes führen: Vorsicht, hier betreten Sie verbotenes Gelände.

Also zurück zu den Sorgen und sie so behandeln, dass sie uns hübsch erhalten bleiben. Man gönnt sich ja sonst nichts, um der Langeweile zu entgehen.

Denselben Effekt kennt jeder Therapeut auf der individuellen Ebene. Da leidet jemand unter seinen Neurosen und will sie loswerden. Doch er ist hell empört, wenn der arrogante Therapeut sich untersteht, ihm ...

... seine liebgewordenen Neurosen listig zu entwenden. Man leidet unter seinen Defekten, doch man hängt auch an ihnen. Schließlich kennt man sich, man ist miteinander vertraut. Jeder neue Zustand hingegen ist unbekannt, wer weiß, ob das angeblich Bessere nicht viel schlimmer sein wird als das Altvertraute?

Die Psyche des Menschen ist hartnäckig konservativ, im Gegensatz zur Erneuerungshysterie des zwanghaften Fortschritts in Politik und Technik. Während wir täglich mit neuen Dingen konfrontiert werden, die wir als Heilsbringer bejubeln sollen, widersetzt sich die skeptische Psyche der Fortschrittseuphorie.

Die Extreme der Politik, pendelnd zwischen Fortschritt und Beharrung, sind die Extreme jedes Menschen, der zwischen kopfgesteuerter Zukunftsverherrlichung und verharrenden Kräften seines Gemüts hin und her schwankt. Das konservative Gemüt steht für Verteidigung der Vergangenheit und der Gegenwart, das progressive Gehirn für Eroberung der unbekannten Zukunft.

Das Misstrauen zwischen Konservativen und Progressiven auf der politischen Ebene entspricht dem Misstrauen zwischen Gemüt und Verstand auf der individuellen. Auf der politischen Ebene haben sich die Fronten verwischt, manche Weißwurstkonservative gebärden sich als radikale Anbeter eines unangezweifelten technischen Fortschritts.

Betrachtet man den Fortschritt genauer, erkennt man schnell sein Doppelgesicht aus a) der Sucht nach dem ewigen Wandel und b) dem Verharren auf unwandelbarer Zerstörung der Natur und weltbeherrschender Macht.

Insofern ist die Moderne ein absoluter Widerspruch in sich, einerseits ein unablässiges Werden, andererseits ein unkorrigierbares Festhalten am heilig gesprochenen Alten.

Hier stehen sich zwei Extreme gegenüber. Das Gemüt bevorzugt das Alte an sich und wenn es noch so sehr von ihm gepeinigt wird. Der Kopf bevorzugt dogmatisch das Neue, und wenn es noch so überflüssig oder hirnrissig ist.

Der Stuttgart 21-Konflikt war prototypisch für den Konflikt zwischen dem altvertrauten Guten, dessen Nachteile man in Kauf nimmt und dem voluminösen Neuen, das Vorteile bringen mag, doch dessen Nachteile man nicht überblicken kann.

Der Kern des Problems liegt im gestörten Verhältnis zwischen Kopf und Gemüt oder zwischen Ratio und Emotion. Würde der vorwärtssehende Kopf das rückwärtsschauende Gemüt geduldig mit Argumenten füttern, wäre es durchaus in der Lage, dessen Veränderungsbedenken allmählich zu überwinden. Wie umgekehrt ein selbstbewusstes Gemüt den kopflastigen Springinsfeld von den Vorzügen der Vergangenheit sehr wohl überzeugen könnte.

Kein Gemüt ist an sich irrational und veränderungsverweigernd, kein Denken an sich gemütlos und vergangenheitsallergisch. Dass sich die beiden Instanzen momentan so feindlich gegenüberstehen, hängt damit zusammen, dass sie seit 2000 Jahren von Oben aufeinander gehetzt werden.

Das abendländische Credo misstraut der Vernunft, weil sie heidnisch ist, und dem Gemüt, weil aus „dem Herzen alle bösen Gedanken kommen.“ Vernunft und Gefühle werden auseinanderdividiert, um beide gesondert zu beherrschen. Zumeist wird das göttliche Licht im Gemüt entzündet, das vom heidnischen Verstand misstrauisch beäugt wird.

War bei den Griechen der Logos das Kriterium der Wahrheit, wird es bei den Christen das Gefühl, das mit der unsterblichen Seele zusammenwächst.

Bei Augustin schlüpft Gott ins Innerste, um sich gegen kalte logische Bedenken des Kopfes zu immunisieren. Das Gefühl wird zur unfehlbaren Instanz. Gefühle können nicht irren.

Die Romantiker haben Augustin in Gefühlsromantik übersetzt und das Schwärmen der eigenen Emotionen zum Brausen des Geistes verklärt. Was intuitiv gefühlt und geahndet werden konnte, musste sich vor keiner Vernunft mehr fürchten. Ich fühle, also bin ich – unfehlbar.

Augustin und seine romantischen Schüler dominieren den Gefühlskult der Gegenwart. Wenn heute jemand eine Sache „angefühlt“ hat, ist sie so gut wie abgesegnet.

Eine dualistische Religion spaltet ihre Gläubigen in dualistische Wesen, in denen die eine Hälfte der Persönlichkeit mit der anderen im Dauerclinch liegt. Kaum ein Gefühl, das nicht „ambivalent“ wäre, kaum ein Gedanke, der sich nicht selbst vehement widerspräche.

So kam der Spruch auf: der Mensch ist kein ausgeklügelt Buch, er ist ein Wesen in seinem Widerspruch. Als Beschreibung des religiös sozialisierten Menschen trifft der Spruch ins Schwarze. Doch der Mensch im Allgemeinen ist mitnichten ein gespaltenes Wesen von Natur aus, bei dem die Rechte nicht wüsste, was die Linke tut.

Naturvölker ohne dualistische Religionen sind keine wandelnden Widersprüche auf zwei Beinen. Wenn Himmel und Erde, Geist und Natur sich hassen, Gott das Gute und das Böse ist, kann der Mensch kein gradlinig-folgerechtes Wesen bleiben. Es wird ebenso in zwei Hälften zertrümmert wie Faust mit den zwei Seelen ach in seiner Brust.

Dasselbe im Geschlechterkampf. Der Mann okkupierte den Kopf, dem Weib blieb nichts übrig, als sich das Gemüt zu reservieren und in der Familie das emotionale Zentrum – das ES – zu bilden. Der Vater wurde das rationale, ökonomische und politische Über-Ich.

Aus beiden antagonistischen Geschlechterpolen musste das Kind sich mühsam sein Ich zusammenstoppeln. Die mangelhafte Ich-Stärke der meisten Zeitgenossen verweist auf den Umstand, dass der Widerspruch aus Mann und Weib, Ratio und Gefühl noch immer die Welt dominiert.

Da die Frau sich allmählich in die vordersten Ränge schiebt, werden die geschlechtermäßigen Antagonismen in politische Stile umgewandelt. Merkel und Kraft stehen für Gemüt und Sorgen, ihre männlichen Konkurrenten für blutleere Politideologien.

Merkel sei „unangetastet von nichtswürdigen Heiligtümern der politischen Tradition“ wie Walser seine bewunderte Mama Merkel beschreibt. Schluss mit dem leeren Gewäsch der Stammtischideologen. Es zählt, was konkret auf dem Tisch liegt: die Sorgen und Nöte der Menschen. Werft endlich die inflationären Begriffshülsen der Machos auf die Müllhalde.

Bei Bubi Röttgen war der infantil-erektile Stil seiner Politik unübersehbar. Mama Kraft wollte er beweisen, wie man mit dem Spielzeugauto auf dem Nürburgring die Leute turbomäßig bezirzen kann. Das war nicht nur männlich, sondern bübisch-kindisch.

Da wollte einer den Politstil der Zukunft im Sauseschritt zelebrieren. Schnell an den Tatort, schnell eine im Windkanal erprobte persönliche Agenda – und schnell wieder weg, wenn’s nicht auf Anhieb funktioniert.

Pünktlich um 18.13 – die erste offizielle Hochrechnung war noch nicht erschienen – war das Kapitel Bubi auf dem Donnervogel vorbei. Mama Kraft kannte ihren Pappenheimer und kam gelassen mit dem Putzlappen, um die Trümmer des Hans-guck-in-die-Luft wegzuräumen und das Kommando zu übernehmen. Die beiden Frontfrauen – auch die leitende Grüne ist ein echtes Ruhrpottweib – lagen sich in den Armen.

Wieder war es Merkel gelungen, einen potentiellen Rivalen abzusägen, bevor der in den Puschen war. In Wirklichkeit sägen sich die Herren den Ast selber ab, weil sie nicht spüren, dass der überkommene kopflastige Zug der Männerpolitik von den Wählern nicht mehr ästimiert wird.

Auch Franz Walter bezeichnet die männlich-abstrakte Begriffshuberei als den genuinen Politstil. Dass Politik mit dem konkreten Leben der Menschen, ihren Gefühlserwartungen, ihrem Sein in der Sorge zu tun haben muss, wischt er als entpolitisierten Weiberkram weg. Auch er ist noch im abendländischen Dualismus befangen.

Keine Rede, dass eine gemütfeindliche Ratio wirklich rational, so wenig wie ein irrationales Gefühl ein authentisches Gefühl sein kann. Gefühl ohne Verstand ist leer, Verstand ohne Gefühle blind.

Nur, wenn der Mensch mit sich identisch wird, wird er einen identischen Politstil entwickeln, der den abendländischen Spaltpilz in allen Dingen hinter sich lassen kann.

Uwe Vorkötter hat schon mehr von der Frauenpolitik verstanden als der professorale Schreibtischstratege mit seinen abgeschabten soziologischen Legosteinen.

Popper betrieb Philosophie aus weiblichen Gründen. Er wollte nicht über die Tiefen von Sein und Zeit brüten, er wollte Probleme lösen. Die Philosophie hatte sich vor dem konkreten Leben der Menschen zu rechtfertigen.

Für deutsch-metaphysische Tiefseetaucher ist dieser Pragmatismus ein philosophischer Sündenfall. Die Liebe zur Wahrheit wird auf dem Markt der Nützlichkeit geschändet.

Den Angelsachsen ist Wahrheit eine brauchbare Dirn, denn sie soll für Glück sorgen; den Germanen ist sie eine unberührbare Jungfrau Maria, die alles tut, um das Jammertal zu erhalten. Die Wahrheit symbolisiert die Hure und die Heilige.

Wenn Menschen Sorgen haben, haben sie Probleme. Denken und politisches Handeln sind dazu da, sich dieser Sorgen anzunehmen. Popper hätte keine Probleme mit der neuen Frauenpolitik gehabt. Allerdings hätte er angemahnt, Sorgen und Kümmern mit begrifflicher Klarheit und mit verständiger Rede zu verbinden. Auch Frauen können noch lernen.

Wenn die Welt im Argen liegt, schlägt die Stunde der Kümmerfrauen und sündentilgender Theologen. Gerät ein Manager in äußerliche und innere Turbulenzen, geht der Gang nicht mehr zu einem ordinären Coach. Es muss schon ein Soutaneträger in einem abgeschlossenen Kloster sein. Am besten mit wirtschaftlichen Kenntnissen und Marathonerfahrungen.

Wenn er auch noch einen neckischen Schnurrbart und ein angenehmes Wesen besitzt, alle Smartphones bedienen kann, seine persönliche Handynummer zur Seelsorge rund um die Uhr rausrückt, ist der waidwunde Ausbeuter fast schon kuriert. Es wächst zusammen, was zusammengehört: Wirtschaftliche Macht ist Geist von oben.

Mönche mit jungenhaftem Lachen wollen nicht vordergründig bekehren. Sie wissen, was im heutigen Wettbewerb nötig ist. Im Rosenkranz stecke was drin, was auch Ungläubige fasziniere. „Gebet kann ungeheure Kraft und Energie geben.“

Im Kloster müssen die Heilssucher nicht mal selber beten. Solche intimen Prozesse mit dem Höchsten können sie delegieren. Der moderne Wirtschafts-Seelsorger – legitimer Nachfolger des Soldaten-Priesters – betet für alle, die ihr Scherflein bezahlen, damit, wenn das Geld im Kasten klingt, die Bilanz in die Höhe springt.

In Frankreich gab es nach dem Kriege Arbeiterpriester. Katholische Theologen nahmen einen proletarischen Job an, um ihren Brüdern bei der täglichen Maloche nahe zu sein, keine Privilegien zu genießen und Freud und Leid miteinander zu teilen.

Vom Papst wurden sie verboten. Begründung: einseitige Parteinahme zugunsten der Malocher. Wer kümmere sich um die seelengepeinigten Millionäre? (Milliardäre gab‘s damals noch nicht.)

Die deutschen Coach-Mönche haben aus dem Verbot gelernt. Sie kümmern sich gleich um die Gutbetuchten. Der Rest wird genretypisch mit Caritas abgefertigt.

Die Wirtschaft in Deutschland läuft auf Hochtouren. Überall werden Arbeitskräfte gesucht, darunter auch Azubis. Es gibt viel mehr offene Stellen als Bewerber. Ist das keine paradiesische Situation für junge Menschen, die sich ihre Ausbildungsstellen nach Belieben aussuchen können?

Wenn‘s da nicht ein kleines Problem gäbe: die Kandidaten von den Hauptschulen können nicht bis drei zählen. Sie sind unterqualifiziert. Die deutschen Schulen liefern minderwertiges Material. Der Nachwuchs kann nichts, die Zeugnisse geben keine verlässliche Auskunft über die wahren Fähigkeiten der Schulabgänger.

Die IHKs vermissen vor allem Kopf- und Verhaltensnoten, die darüber Auskunft geben, ob die Eleven sich benommen und immer schön untergeordnet haben. Das bisschen Wissen könne man den Jungspunden schon selber beibringen.

Ach so: das also bedeutet der Satz, sie können nichts! Sie können sich nicht unterordnen. Hier hilft nur eins: die Schulen werden von der Industrie übernommen.

Dann können sie die Zeugnisse selber schreiben: Der Zögling ist zu wenig konkurrenzorientiert, verhält sich auffällig solidarisch und kümmert sich selbstschädigend um Gemeinschaftsprobleme. Störrisch verweigert er den Blick in die Zukunft.

Wir empfehlen streng kontrollierte Beschäftigungstherapie auf Hartz4-Basis. Note im Gesamtfach Humankapital: unverwendbar.