Sonntag, 22. April 2012 - Das ganz Andere und das Identische

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

 Hello, Freunde des Erfolgs,

was ist der Unterschied zwischen Wahn und Realität? Wenn der Wahn erfolgreich ist, wird er dekoriert, der Wahn-Sinn zur Realpolitik. Was erfolglos ist, wird bestraft, und muss zurück ins Wahnfach.

Woran erkennt man die Differenz zwischen zukünftigem Helden, Erfinder, Genie und Verrückten? Im embryonalen Zustand überhaupt nicht. Alles klingt unisono verrückt, überspannt, abenteuerlich, erst am Ende entscheidet der pure Erfolg.

Der Erfolgreiche spricht: wer es nicht aushält, in seiner Umgebung als verrückt zu gelten, hat keinen Erfolg verdient. Der große Erfolg ist der Sieg des Verrückten über die phantasie- und risikolose Normalität.

Kein Erfolgreicher, der seine Lebensstory nicht so erzählte: an wie vielen Türen musste ich anklopfen, wie viele Körbe und Absagen, wie viel Ignoranz und Ablehnung musste ich einstecken, bevor sich die ersten Anzeichen des Sieges zeigten.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“, war die Lebenserfahrung Gandhis.

Man könnte variieren: zuerst ignorieren sie dich, dann sind sie entsetzt und halten dich für einen gefährlichen Spinner und bekämpfen dich, dann sehen sie, dass deine Verstiegenheiten, Dreistigkeiten und Brutalitäten ankommen, sich durchsetzen, selbst offizielle Staatsorgane dich heimlich oder offen unterstützen, dann beobachten sie noch eine Weile aus sicherer Entfernung, schließlich ...

... laufen alle zu dir über: die Gelehrten und Intellektuellen, die Industriellen und Meinungsführer, der Pöbel und die Eliten lassen sich von der Erneuerung, Begeisterung, nationalen Erweckung anstecken und rufen ekstatisch: Heil dem Führer. Nichts ist charismatischer als Erfolg.

Welch psychisches Gesetz steckt hinter dieser Merkwürdigkeit? Sind Menschen so oberflächlich und verführbar, dass sie jedem Rattenfänger von Hameln hinterherlaufen? Sind sie unbegrenzt charakterlos, durch jede Werbekampagne manipulierbar, fasziniert von jedem charismatischen Redner und großen Mann?

Das würde manches erklären, aber nicht das genaue Gegenteil, das man noch öfter beobachten kann: das zähe Festhalten am Bekannten, das Misstrauen gegen Überflieger und Scharlatane, die Abneigung gegen alle, die mit List und Tücke ins Rampenlicht drängen.

Menschen sind Wahrheitstiere, die nicht wissen, woran sie die Wahrheit erkennen können. Also setzen sie auf Erfolg. Der Erfolg ist für sie das Wahrheitskriterium, an dem sie nicht mehr rütteln können.

Wer sich gegen meine anfängliche Skepsis und Ablehnung durchgesetzt, wer die bewährte Normalität überwunden, das Altvertraute, Verlässliche und Liebgewonnene besiegt und überwältigt hat, an dem muss was dran sein, das kann kein Zufall, kein Irrtum der Geschichte sein.

Erfolg ist, wenn viele Menschen von ihm überzeugt sind – oder sich nicht mehr dagegen wehren. Der Glaube an den Erfolg ist der Glaube an die qualitative Wahrheitsfähigkeit des Menschen in quantitativer Gestalt der Menschen. Zwei Augen können irren, viele Augen sehen mehr als zwei.

Hier sehen wir ein tiefes Überzeugtsein des einzelnen Menschen von der gesamten Menschheit. Zumindest von der Mehrheit, woher auch das demokratische Ritual der Mehrheitsentscheidung kommt. Ich als Einzelner kann irren und schwanken, doch wenn viele Menschen zur selben Überzeugung gelangen, hat der Irrtum keine Chancen mehr.

Vox populi, vox dei, das ist religiös formuliert, meint im Grunde: die Stimme des Volkes ist die Stimme der Wahrheit (vox populi, vox veritatis). Wenn man elitärer CSU-Katholik ist, Strauß heißt und an die Offenbarung von oben glaubt, kann man trefflich hämen: vox populi, vox rindvieh.

Für Gläubige ist das Wahrheitsproblem durch autoritäres Verfahren für immer gelöst. Wahr ist, was die priesterliche Stimme als Mundstück des Himmels sagt. Hat Rom gesprochen, ist die causa erledigt.

Wenn wir jetzt noch den vulgären Spruch hinzufügen: fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren, dann haben wir die letzten Reste der noch herumschwirrenden Versatzstücke einer uralten, aber nicht mehr wahrgenommenen Wahrheitsdebatte beisammen.

Es gibt keinen Menschen, der nicht an Wahrheit glaubte. Selbst moderne Wahrheitsleugner sind von der Wahrheit ihrer Leugnung felsenfest überzeugt.

Doch woran soll man Wahrheit erkennen? Hier beginnt der Streit der verschiedenen Wahrheitstheorien, die in der Aufklärungszeit der Griechen aufkamen, als sie die eine selbstverständliche Wahrheit des Überkommenen anzuzweifeln begannen.

Wenn die Identität einer Tradition zerbricht, wenn viele Wahrheiten aufkommen und miteinander rivalisieren, entsteht zwangsläufig die Frage, welche Wahrheit richtig ist. Gibt es nur eine Wahrheit? Kann es nicht mehrere Wahrheiten geben und eine besiegt alle anderen, um als die wahre aufs Treppchen zu gelangen? Aus eins wird viel, aus Identität Pluralität.

Wenn Kauder von deutscher Identität spricht, spricht aus seinen Worten eine regressive Sehnsucht nach einer Zeit, in der noch alle in einer Wahrheit eine tief befriedigende Einheit erlebten. Wenn schon das Tagesgeschehen durch Wettbewerb und endlosen Streit zerklüftet ist, soll es wenigstens ein Fundament geben, das niemand mehr in Zweifel ziehen kann.

Es ist die Sehnsucht zurück in den Mutterleib, in dem alle werdenden Menschlein egalitär waren, das spalterisch-unvergleichliche Individuum noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte.

Wer identisch sein will, will vergleichbar sein. Das Vergleichliche hat sich vom mütterlichen Bezirk abgelöst und den Bereich des Vaters betreten, der seine unvergleichlich gewordenen Sprösslinge nicht mehr in gleichem Maße liebt wie die allliebende Mutter. Ab jetzt herrscht Ranking per Leistung oder Willkür, Laune und Zufall.

Leistung klingt noch nach Gerechtigkeit und kann verglichen, nachgezählt und berechnet werden, Willkür und Laune sind ungerecht – es sei, es handelt sich um die Willkür eines Gottes, der seine Willkür als Gerechtigkeit ausgibt.

Trefflich beschrieben im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, wo der Hausherr seine Leute völlig willkürlich entlohnt. Als jene protestieren, erklärt der Herr der willkürlichen Tarife: „Ich will aber diesem Letzten so viel geben wie dir. Oder steht es mir nicht frei mit dem Meinigen zu tun, was ich will? Oder ist dein Auge neidisch, weil ich gütig bin? So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein.“ (Matth. 20,1 ff)

Dasselbe bei Paulus im Römerbrief: „O Mensch, jawohl, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst? Wird etwa das Gebilde zum Bildner sagen: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus der nämlichen Masse das eine Gefäss zur Ehre, das andre zur Unehre zu machen?“ (Röm. 9,20 f)

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Obgleich Gott selbst zugibt, will-kürlich zu sein (willkürlich ist, was der launisch-unberechenbare Wille will), nennt er seine launische Willkür – gerecht.

Begründung: was gerecht ist, bestimme noch immer ICH. Was immer ICH tue und will, es ist per definitionem gut und gerecht, denn ICH kann nicht ungerecht sein.

Deshalb legt das Neue Testament erhöhten Wert auf den Begriff „die Gerechtigkeit Gottes“, die mit der menschlichen Gerechtigkeit nichts am Hut hat und höher ist denn alle menschliche Vernunft. Gott besetzt die Begriffe wie Napoleon die deutschen Länder. Wahrheit hat, wer über die Wahrheitsdefinition per Autorität verfügt.

Das griechische Wahrheitsverständnis war diametral umgekehrt. Wahrheit kann nicht par ordre du mufti bestimmt, sie muss gesucht werden. Sie hängt ab von der Abbildung (imitatio) der Wirklichkeit, die mit dem Kosmos identisch ist.

Das ist die schlichte Wahrheitstheorie der Kinder, des gesunden Menschenverstandes und fast aller außerchristlichen Kulturen.

Heute will niemand mehr imitieren, das ist ehrenrührig passiv und devot vor der Natur. Man muss sie aktiv, ja gewalttätig formen und gestalten, damit man in den Spiegel der Sieger blicken kann.

Die uralten Ägypter hielten die Griechen für ewige Kinder. Der Heiland pervertiert die unbefangene Kindlichkeit, indem er die Kinder zu sich kommen lässt, um sie der Erde zu entfremden und sie als unbefleckte Engel in den Himmel zu schicken.

Wahrheit ist Übereinstimmung mit der Natur: die Konvergenztheorie der Wahrheit. Das Denken hat sich nach der Natur zu richten, nicht Natur nach dem Denken. Wahr ist, was mit der Natur übereinstimmt.

Heute will man Natur schützen und bewahren, hält aber an naturfeindlichen Wahrheitstheorien der christlichen Moderne fest, wonach Wahrheit Untertanmachen, Vorschreiben, Prägen, Beherrschen, Eliminieren und Neuschaffen der Natur sein soll.

Heutige Naturschützer und Grüne sind pragmatisch-bornierte Agitatoren, die jedes Nachdenken über grundsätzliche Fragen für lächerlich, ja für Kompensation mangelhaften Engagements halten.

Sie glauben durch blindes Tun und Machen ihre Pflicht zu tun. Wenn’s nicht klappt – dann eben nicht. Die neue messianische Natur kommt eh so sicher, wie das Amen im Gebet.

Der erste grüne Ministerpräsident gibt freimütig zu, dass er die Welt (= Natur) nicht retten kann. Ist er Jesus? Da die meisten Naturfreunde denken wie Kretschmann, die ihre Werkgerechtigkeit als Pflichtübung absolvieren, um sich über einen neuen Ablasshandel Punkte im Himmel zu verschaffen, sollte es niemanden verwundern, dass die Umweltbewegung längst in ihrer tiefsten Krise sitzt und nicht fähig ist, darüber Rechenschaft abzulegen.

Halten wir fest. Der Wahrheitsbegriff einer mündigen Menschheit besteht auf der Wahrheit als Übereinstimmung mit der Natur, wobei es weder um Über-, noch um Unterordnung des Menschen geht. Sondern um ein gleichberechtigtes Aufeinanderzugehen von Mensch und Natur, denn der Mensch ist selbst Teil der Natur, hat die Einheit mit der Natur im Mütterlichen erlebt und will sie aufs tägliche Leben übertragen.

Es ist kein retour à la nature. Es ist das Vorhaben, die Welt in einen utopischen Uterus zu verwandeln. Heutige Kritiker dieser „rückwärtsgerichteten“ Utopie werfen dem Bestreben infantil-regressive Sehnsüchte vor. Im Mutterleib ist's langweilig, da kann man weder zocken noch befriedigende Kriege am Hindukusch führen.

Die Utopie der Utopieverächter ist das kurzweilige Elend männergemachter Unterschiede, männlichen Wettbewerbs um die besten Plätze, des amüsanten Kampfes aller gegen alle. Heidiheida, im Getümmel und Gemetzel geht’s fein lustig zu.

Irdische Wahrheit als Einheit mit der Natur wird über den Haufen geworfen von einer göttlichen Wahrheit, die darauf besteht, dass menschliche Wahrheit Lüge und Verblendung, die Übereinstimmung mit Gott hingegen die wahre Wahrheit sei.

Die Wahrheit Gottes tötet die Wahrheit der Natur. („Vernichten werde ich die Wahrheit der Philosophen“). Ist Wahrheit nicht von der Natur abhängig, gibt es kein natürliches Kriterium, mit dem man sie überprüfen kann. Natur wird durch die neue göttliche Offenbarungswahrheit zum Reich teufelsfixierter Unwahrheit abgewertet.

Auf diesem naturfeindlichen Boden wachsen alle Wahrheitstheorien der Moderne. Selbst der atheistische Materialismus von Marx und Engels, der als einziger die Übereinstimmung mit der Materie (= Natur) propagiert, legt gesteigerten Wert auf Beherrschung dieser Materie, die nach Bloch – just wie im Christentum – eh vergehen muss, um einer völlig neuen jungfräulichen Materie Platz zu machen. Womit der Marxismus seine anfängliche Naturkonvergenz ins Gegenteil verkehrt.

Mit Eintritt des christlichen Offenbarungsglaubens wird menschlich-natürliche Wahrheit als Teufelswerk gebrandmarkt.

Was wird zum neuen Merkmal göttlicher Wahrheit? Der Erfolg. Gott setzt sich mit Brachialgewalt gegen seinen teuflisch-natürlichen Widersacher durch. Gegen den Sturmlauf seiner Wahrheit ist kein Kraut gewachsen.

Kraft und Herrlichkeit sind Anzeichen der neuen Wahrheit, die sich nicht mit Schwatzen und Disputieren auf der Volksversammlung begnügt, sondern nur mit dem finalen Erfolg oder Endsieg, der am Jüngsten Tag alles Widerständige niedermacht.

Was mit der Wahrheit geschieht, geschieht in gleichem Stil mit der Gerechtigkeit, denn Gerechtigkeit ist nichts anderes als Wahrheit der sozialen Beziehungen.

Wenn irdische Gerechtigkeits-Maßstäbe wie im obigen Gleichnis verhöhnt werden, bleibt nur eine Gerechtigkeit, an die man glauben muss, weil man sie nirgendwo erlebt.

Gott als despotischer Hausherr trampelt mit Vergnügen auf den Gerechtigkeitsvorstellungen seiner Arbeitnehmer herum, die sich an die simple Übereinstimmung von Leistung und Lohn halten. Es muss proportional zugehen zwischen Maloche und Zaster.

Die autonome Definition der Gerechtigkeit wird vom Großen Despoten ad absurdum geführt. Wer auf Gerechtigkeit beharrt, wird als Neidhammel angemacht, als einer, der es nicht aushält, dass der Tycoon gütig ist – zu anderen. Die einen werden grundlos bevorzugt, die andern gucken in die Röhre.

Mit diesem Divide et Impera wird die Menschheit gespalten. Eine gespaltene Menschheit wird keinem Herrscher gefährlich, weder auf Erden, noch im Himmel.

Sind menschliche Wahrheit und Gerechtigkeit vom Tisch gefegt, bleiben nur Willkürkonstruktionen, die man glauben muss. Selbst an den letzten Erfolg, wo Wahrheit sich im „Schauen“ zu erkennen gibt, kann man nur glauben.

Als vorläufiger Ersatz für das noch nicht eingetretene Schauen bleiben Glauben und brachialer Erfolg. Erfolg als Kriterium für Wahrheit wird zum Kern der führenden Wahrheitstheorien der Neuzeit: des Pragmatismus und des Utilitarismus, die nicht erst in Amerika von James und Dewey entwickelt, sondern längst vom lutherischen Hegel als Krönung seiner Geschichtsphilosophie vorgestellt wurden.

Bei ihm gibt’s zwar einen kleinen Karfreitag des Geistes, der sich aber schnell von seiner scheinbaren Niederlage erholt und am Ende als Alleinsieger über alle konkurrierenden Unwahrheiten im Ziel ankommen wird – und in Preußen schon angekommen ist.

Bei dieser desaströsen Auslöschung aller menschlichen Wahrheits- und Gerechtigkeitskriterien darf man sich nicht mehr über die außerordentlichen Unsicherheitsgefühle der menschlichen Wahrheitstiere wundern, denen nichts mehr übrig bleibt, als sich mit Haut und Haaren dem Erfolg auszuliefern.

Sie wissen nicht mehr, was wahr ist, weil sie es nicht wissen dürfen. Es wäre ein blasphemischer Aufstand gegen Gott, eigenmächtig mit menschlichen Denkorganen über Wahrheit nachzudenken.

Eigene Kriterien als Übereinstimmung mit Natur und Logik sind verboten. Logik ist der Natur immanent, das Buch der Natur ist seit Pythagoras und Galilei in logisch-mathematischen Lettern geschrieben.

Wahn ist Wahrheit ohne Erfolg – also psychisch gestörte, paranoide Unwahrheit. Wäre Jesus im Grabe geblieben, würde man ihn heute nicht mehr kennen oder er wäre als einer unter vielen paranoid-wahnhaften Messiassen der Antike als Randnotiz abgeheftet.

Paulus hält sich mit dem gekreuzigten Christus gar nicht auf, er hat ihn auch nie gesehen. Für ihn ist allein entscheidend seine Privatoffenbarung, in der ihm der Herr als Auferstandener und Weltenherrscher – also als Erfolgreicher – erschienen ist.

Der Triumph des Siegers ist der Ausgangspunkt des „Erfinders des Christentums“. Alles andere ist Tandaradei: die Moral, die Bergpredigt, die ganze Botschaft des Zimmermannssohns. „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist ja unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube.“ (1.Kor. 15,13 ff) Allein der Erfolg entscheidet, der Erfolg über Tod, Teufel und Natur. Ein erfolgloser Erlöser ist eine Lachplatte.

Hätte Breivik Erfolg gehabt wie sein Mentor Hitler, wäre es ihm gelungen, Jünger und Gefolgsleute um sich zu scharen, wie Osama bin Laden ein Heiligtum seiner Gegner in die Luft zu sprengen – vielleicht die Kaaba in Mekka –, wäre er ein seriöser Terrorist, ein verwegener Glaubenskrieger und Held des Abendlands.

Im Artikel des Soziologen Wolf Lepenies wird de Gaulle mit folgenden Worten beschrieben: „Ich war schon immer einer gegen alle“, was ihn zum antideutschen Breivik gemacht hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, seine Visionen von der französischen „Grandeur“ – Grandiosität – in Politik umzusetzen. Erfolglose Grandeur ist Wahn und Großmannssucht.

Kein Zufall, dass die Gegenspielerin des Finsterlings zur blonden Maria und zum kühlen Engel stilisiert wird, der im Auftrag der guten Mächte das Böse niederringen muss.

Sie ist das exakte Gegenbild zum erfolglosen Versager: frühe Karriere, schon als Kind sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzend, mitten im Leben stehend mit zwei Kindern und intakter Familie, rational bis auf die Knochen, dabei gleichmäßig freundlich und – stopp, jetzt kommt eine Aussage, die nicht ins Bild passt: „Die Anklage hat sie ungerührt verlesen wie Seiten aus dem Telefonbuch“. Dabei ging es um schlimmste Details aus den Obduktionsberichten. „Ich bin nicht emotional, ich mache hier meinen Job.“

Was ist der Unterschied zwischen krankhafter „Entemotionalisierung“ und professioneller Gefühllosigkeit? Richtig, letztere zeigt sich nur bei erfolgreichen Karrieristen in Chirurgie, Zahnmedizin und der ganzen Liste unserer Helfer im Dienste der Menschheit rauf und runter.

Ein echter Kriminalpsychiater will seinen „Fall“ aus den Klauen der rachsüchtigen Meute befreien und in sein Institut einliefern lassen, damit er ein interessantes Buch über das Monstrum schreiben kann.

Bei dem Thema Schuldfähigkeit geht es nur darum, ob der Angeklagte ins Gefängnis oder aber in die Psychiatrie einwandern muss. Einen größeren Unterschied zwischen beiden Häusern gibt es nicht. Beide sind Gefängnisse. Das eine offiziell, das andere mit dem selbstverliehenen Etikett einer therapeutischen Anstalt, die aber nicht erfolgreich sein darf. Selbst wenn der Kranke geheilt werden würde, hätte er keine Chancen mehr, in Freiheit zu gelangen.

Was unterscheidet einen echten Terroristen von einem Kranken? Der letztere ist isoliert, die anderen arbeiten in Gruppen. „Er war ein von jeglichem Diskurs abgeschnittener Phantast“. Aha, echte Terroristen sind Diskursteilnehmer à la Habermas? Was wäre dann ein Eremit oder Guru, der jahrelang einsam vor sich hin vegetiert?

Auf die Frage nach der schwierigen Kindheit geht ein echter Psychiater gar nicht erst ein. „Ja, er hat auch keinen qualifizierten Schulabschluss bekommen.“

Seit Hitler wissen wir, was aus gescheiterten Schulabgängern werden kann. Also, liebe Kinder, macht schnell eure Aufgaben, sonst werdet ihr Wahnsinnige oder Terroristen.

Schizophren erkrankte er, weil er bei Mama nichts mehr Sinnvolles arbeitete. Kleine Frage: warum ist er zu Mama zurückgekehrt? Warum hat er sich isoliert? Wovor hatte er Ängste? Keine Fragen, keine Antworten.

Wer keinem sinnvollen Job nachgeht, muss per se krank sein. Wie viele Gesunde sind regelmäßig ihrem Job nachgegangen und haben Atomwaffen, Giftgase und andere liebreizende Ausrottungsmittel für die Menschheit entwickelt?

„Sein Manifest unterscheidet sich in der Verstiegenheit und Verworrenheit erheblich von den politischen Theorien anderer Attentäter.“ Was ist verworren an der Rede, dass er Norwegen in Gefahr sieht, von rassisch und religiös Minderwertigen überflutet und überrannt zu werden? Das ist die punktgenaue Wiederholung der Nazi-Ideologie mit ausgewechselter Feindespopulation.

Tatsächlich, die Wahnhaften tun alles, um wie normale Menschen auszusehen. Da haben sie aber nicht mit ausgekochten Dämonologen gerechnet, die den Braten in kleinsten Gesichtszuckungen wittern.

„Sein Manifest ist ja keine politische Überzeugung, die fanatisch-wahnhaft wie etwa „Mein Kampf“ von Hitler ist." War Hitler wahnhaft? Oder politisch? Ist es unpolitisch, ein ganzes Land vor dem Verderben zu bewahren?

Schizophrene versuchen alles, um ihre Taten als nachvollziehbar und rational aussehen zu lassen, so der Experte. In Wirklichkeit aber gehe es um einen ganz anderen Film. „Der Messerstecher hörte Stimmen und hatte Verfolgungswahn.“

Damit sind die Kranken endgültig aus dem Bereich der Kultur entfernt und ausgewiesen. Sie haben nichts mit dem gesunden Blut und Boden des Abendlands zu tun. Sie kommen aus dem ganz Anderen, einer fernen, fremden und gefährlichen Welt, die unsere Welt mit Wahnvorstellungen und galoppierenden Größenphantasien zu verderben droht.

Wer leidet hier eigentlich unter paranoiden Verfolgungstheorien? Das ganz Andere war vor kurzem in Deutschland die Welt der Juden, Roma und geistig Behinderten. Dieses Reich des Bösen und Hinterhältigen hatte nur die Absicht, unsere friedliche Heimat zum Einsturz zu bringen. Also musste es vollständig vernichtet werden, auf dass wir uns als Retter des Planeten feiern konnten.

Heute sind an die Stelle der Naziopfer die geistig Kranken und Verbrecher getreten. Der Dualismus des christlichen Credos, das unbedingte Gute und radikale Böse, hat sich in die beiden Welten der Gesunden und Kranken verwandelt.

Die Welt der Guten und Erfolgreichen muss rein und unbefleckt bleiben von der ganz anderen Welt der Gescheiterten, Nieten und Versager.

Das walte Gott und die Wissenschaft der Psychiatrie.


Zum Breivik-Gesamt-Kommentar siehe: Kontroversen – Der Fall Breivik