Montag, 09. April 2012 - Günter Grass (III)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Tabus,

es gibt keine Tabus in Deutschland, jeder kann sagen, was er will.

Allerdings könnte er unter die Räder kommen, in Israel zur unerwünschten Person werden, seinen Nobelpreis nachträglich verlieren – offensichtlich ist der israelische Innenminister für schwedische Nobelpreise zuständig –, der deutsche Außenminister überlegt, ihn nach Danzig abzuschieben wegen Beschädigung des deutschen Rufs, möglicherweise sind seine Bücher gar nicht von ihm, sondern von seinem ES (so Josef Joffe und Thomas Schmid) geschrieben, das auf der Stufe des glühenden Nazi stehen geblieben ist, die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Maske eines reumütigen, aber völlig unterentwickelten ICH absolviert hat und nun, kurz vor der Altersdemenz in den „unkoscheren“ Adern (so Wolffsohn), dem „abscheulichen“ Dichter (so Reich-Ranicki) aus allen Poren dringt.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten, kann bei uns jeder sagen, was er will. Nur eins darf er nicht: schlechte Gedichte machen, die sich hinten nicht reimen. Das ist ...

... eine Verhunzung des Landes der Dichter, nachdem die Denker schon längere Zeit das Zeitliche gesegnet haben.

Nach letzten Eilmeldungen sollen zwei israelische U-Boote, von Deutschen geliefert und zu einem Drittel von ihnen selbst bezahlt, in Richtung Nordsee unterwegs sein. Man habe noch eine kleine Rechnung offen mit den Nachfolgern der Schergen, so Verteidigungsminister Barak, die immer so unschuldig tun, aber endlich die „Verantwortung“ (so Graumann) für ihre Erzeuger übernehmen müssten.

Die Schuld der Väter sucht der Herr heim bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Ihn hassen, aber er übt Gnade bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die Ihn lieben und seine Gebote halten.

Ein ekelhaftes Gedicht bewegt den westlich-vorderasiatischen Teil der Weltgeschichte und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Die Gazetten überbieten sich in bestellten Rezensionen von Netanjahu bis Liebermann, ausgewiesenen Experten für ungereimte deutsche Gedichte der neueren neuesten Literaturgeschichte.

Es wäre vordergründig zu sagen, es täten sich nur alte Gräben auf zwischen Juden und unbelehrbaren Deutschen, die pro forma zugeschüttet waren. Es tun sich auch Gräben auf zwischen israelischen und außerisraelischen Juden. Die Letzteren, von den ersten oft verachtet, weil sie es wagen, nicht im Land ihrer Sehnsucht zu wohnen und es mit Haut und Haaren zu verteidigen, sind viel tapferer vor dem dichtenden deutschen Feind als die zur Nüchternheit und Selbstkritik neigenden Inlandspatrioten.

Man denke an die Kontroverse zwischen Ignaz Bubis und dem vor Jahren in Deutschland weilenden israelischen Präsidenten Herzog, der den deutschen Juden vorwarf, nicht ins Heilige Land zu ziehen und auf göttlich verheißenem Boden ihre Pflicht zu tun. Das ist ein happiger Vorwurf, der an die uralte Wunde erinnert hat, dass laut biblischen Prognosen nicht alle Juden gerettet werden, sondern die Mehrheit verloren geht und nur ein heiliger Rest die Ankunft des Messias erleben wird. Was bedeuten würde, selbst die auserwählten Kinder Israels sind nicht alle auserwählt, nur ein kleiner Teil wird’s schaffen, der größte Teil wird, wie bei den Christen, in die Röhre gucken.

Wie Gott in den Schwachen mächtig, so bevorzugt er das Kleine und Verachtete, um das Große und Unglaubliche zu bewirken: „Und du Bethlehem-Ephrat, du kleinster unter den Gauen Judas, aus dir soll mir hervorgehen, der Herrscher in Israel werden soll“ (Micha 5,2) „Denn wer der Kleinste unter euch allen ist, der ist groß.“ (Luk. 9,48) „Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schoss aus seinen Wurzeln tragen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn.“ (Jes. 11,1 f)

Das ist die uralte Wunde der gläubigen Juden, dass sie im Zweifelsfall eine geschlossene Einheit bilden wollen, doch Jahwe wird sie, wie vor Zeiten Kain und Abel, Esau und Jakob, gnadenlos voneinander trennen. Jahwe, Schöpfer einer sehr guten Schöpfung, ist Spalter seines Mach-Werks. Der eine Teil ist hoffnungsloser Murks, der andere fehlerlos und vollkommen.

Die Menschen werden aufgespalten in Erwählte und Verworfene, die Natur ist rein und unrein, koscher und nichtkoscher, es gibt Tiere, die man essen kann und andere, die abscheulich sind. „Ihr sollt unterscheiden zwischen dem, was unrein und dem, was rein ist.“ (3.Mos. 10,10) In 3.Mose 11,1 ff steht die Liste der reinen und unreinen Tiere. Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen darf man essen, Wiederkäuer ohne gespaltene Hufe wie das Kamel „sollen euch ein Greuel sein …, die sollt ihr verabscheuen.“

Auch bei Platon, selbst bei Aristoteles, der die doppelte Welt Platons kritisierte, gibt’s Unterschiede zwischen einer vollkommenen Ideenwelt und einer nicht ebenbürtigen Sinnensphäre. Dennoch gehören beide Welten zusammen, sind sich nicht feindlich gesonnen oder müssen sich verabscheuen. Der unbewegte Beweger durchwärmt mit Eros den ganzen Kosmos.

Die Spaltung des Vaters wird vom Sohn ungekürzt übernommen. Hat das Judentum noch an der Einheit der Familie festgehalten und Familienfeste gefeiert, an die sich alle gern erinnern, selbst wenn ihnen der Glaube abhanden gekommen ist, trennt Jesus die Familie mitten entzwei: „Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, der wird es vielfältig empfangen und das ewige Leben erben.“ (Matth. 19,29)

Die schlechten irdischen Familienpapiere werden abgestoßen, alles wird auf die Karte des individuellen Heils gesetzt: der Profit im Himmel übertrifft den der Frankfurter Börse um ein Vielfaches.

Tom Segev gehört zu den israelischen Juden, die auf die schaumgekrönte Debatte im Binnenland gemäßigt einwirkten und Günter Grass gegen den Vorwurf verteidigen, ein Antisemit zu sein. Im ähnlichen Sinne Avi Primor, der gestern in den Tagesthemen interviewt wurde.

Da es bei uns kein Tabu gibt, haben ein Uri Avnery von Gush Shalom oder ein Gideon Levy von Haaretz keinerlei Chancen, in den größeren Gazetten abgedruckt oder in den Öffentlich-Rechtlichen gehört zu werden. Von Broder & Co werden sie als nützliche Hofjuden offizieller Israelkritiker und verkappter Antisemiten abgemeiert.

Segev, der zurzeit die Hauptstimme Israels in deutschen Medien spielt, betont immer wieder die Parallele zwischen den Aussagen von Günter Grass und dem ehemaligen Mossad-Chef Meir Dagan, der dringend von einem Präventivschlag gegen den Iran abrät. Dagan hat das Schweigegelübde der Schlapphüte gebrochen, das ist keine Kleinigkeit; ein Grund mehr, auf seine Stimme zu hören.

Bis jetzt konnte man von ihm hierzulande weder etwas hören noch lesen. Die „Gleichschaltung“ der Medien, wie Grass sie anprangert, funktioniert ungebrochen. Der Begriff Gleichschaltung wurde Grass übel vermerkt als weiteres Indiz für den braunen Kern seiner psychischen Zwiebel. Diesen Ausdruck hätten auch die Nazis benutzt.

Hier wird die detektivische Analogiemethode zum Aberwitz. Man sucht nach Parallelen – was durchaus sinnvoll ist – und schon hat man den Schurken am Kragen. Doch zwischen bedeutenden und unbedeutenden Analogien wird nicht mehr unterschieden.

Wenn die Nazis das Wort alttestamentarisch benutzten, ist es für immer verbrannt. Ob Gerhard von Rad und Kollegen sich heute noch Alttestamentler nennen dürfen? Die Schergen sollen auch des öfteren Guten Tag oder Grüß Gott gesagt haben. Höchste Zeit, die deutsche Sprache gründlich auszumisten. Wie wär‘s mit Gesamtverbot und konsequentem Übergang zum ohnehin gebräuchlichen Denglisch?

Ob Grassens Meinung militärtechnisch möglich ist, könne er gar nicht beurteilen, meint Segev. Dazu müsste man als Laie viel besser informiert sein. Nur Fachleute wie Dagan verfügten über relevante Informationen. Das erbärmliche Gedicht triefe von pathetisch-heuchlerischem Moralismus, so Segev, der die Nachbesserungen von Grass nicht mit bekam oder nicht drauf eingehen will.

An einer andern Stelle moniert er, dass Grass seine öffentlichen Äußerungen stets nachzukorrigieren pflege. Besser wäre es, er würde erst nachdenken, bevor er zur Tinte griffe.

Die deutschen Wutschreiber sehen den Dichter als halsstarrigen, unbelehrbaren alten Mann, der „nie zuhören würde“. Ganz offensichtlich empfinden die Journalisten den Literaten so, wie das große Publikum die vereinigten Schreiber & Co, die zu den elitärsten abgeschotteten Wagenburgen dieser Republik gehören. Leserbriefe als Zeichen der Quote dürften sein, Reaktionen aber gibt’s keine, noch weniger Auseinandersetzungen. Der Große Rüpel soll sich aus sozialhygienischen Gründen auskotzen, doch dann ist Schluss mit lustig.

Wenn Rechthaber Grass sich korrigiert – was er in vielen Interviews tat –, wird das nicht zur Kenntnis genommen. Oder mit der Schlagzeile niedergeschlagen: Grass rudert zurück. Es gibt bei den Medien nur ein Gesetz von zeitloser Gültigkeit und das lautet: Du hast keine Chance, aber nutze sie.

Segev gibt Grass den herablassenden Rat, seine letzte Tinte für einen weiteren schönen Roman aufzusparen, sich aber bitte aus dem politischen Geschehen rauszuhalten. Das klingt reichlich abschätzig gegenüber dem Reich des Ästhetischen, das Segev wohl als belanglose Spielwiese betrachtet, die mit der wahren Welt nichts zu tun habe.

Die Literaten und ihre vollmundigen Kritiker haben diese Degradierung der Kunst nicht bemerkt, sonst hätten sie branchenüblich „aufgeschrien“.

Tamar Amar-Dahl ist israelisch-deutsche Historikerin in Berlin und kritisiert ihrerseits den Segev-Artikel. Dem Historiker wirft sie vor, sich aus dem Wesentlichen – ist er für oder gegen einen Präventivschlag? – rauszuhalten und keine Meinung zu haben.

Müsse man Militärexperte sein, um sich zu Überlebensfragen der Nation zu äußern? Segev und die israelischen Intellektuellen würden zur offiziellen Politik der Regierung Netanjahu schweigen, weil sie denken, mit dieser Haltung den „Staat Israel, die Juden dort und außerhalb des Landes zu unterstützen“.

Dabei drohe diese Politik genau das Gegenteil auszurichten. Die Intellektuellen, auch die „linkszionistischen“, stünden vor dem Abgrund der Eskalationslogik. Segev spreche von einer Holocaustfurcht, die sich im Lande ausbreite. Das sei wohl wahr.

Doch der Grund dieser Furcht liege weniger in Irans zukünftiger Nuklearkapazität, sondern in Israels derzeitiger „Kriegsrhetorik“. „So lange die israelischen Eliten dazu schweigen und sich nicht ernsthaft mit der aussichtslosen Politik ihrer Regierung auseinandersetzen, darf und soll Grass seine Stimme laut machen. Und wenn es dafür eines misslungenen Gedichts bedarf.“ Frau Amar-Dahl hat aus Protest gegen die kriegsrhetorische Politik ihres Heimatlandes ihren israelischen Pass zurückgegeben.

In der Jüdischen Allgemeinen steht ein Artikel zu Grass, der sich mit dem erbärmlichen Gedicht gar nicht erst aufhalten will. In Bälde werde niemand mehr darüber sprechen. Wichtiger sei eine grundsätzliche Analyse des Grasschen Oeuvres. Da würde man schnell fündig.

Gerade in seinem weltberühmten Buch „Die Blechtrommel“ wimmele es von Antisemitismen. Der jüdische Spielzeughändler Markus werde als eine „im Grunde verächtliche Gestalt gezeichnet, als opportunistischer Kriecher. Gewiss, die Beschreibung dieser jiddisch mauschelnden Figur sei gut gemeint. Grass wollte eine „positive Figur schaffen“. Was er stattdessen schildere, sei „ein verächtlicher Jude“.

Der junge Grass sei glühender Nazi gewesen, später wollte er umlernen, „aber das frühere Bild ist in ihm geblieben“. Die Haltung des Unbelehrbaren habe sich dann im Verlauf seines weiteren Lebens verstärkt.

Broder habe Grass, so der Artikelschreiber, vor kurzem bescheinigt, er leide unter einem „richtigen Judenknacks“ und das stimme ganz genau. Doch dieses Leiden führe nicht zur Selbsterkenntnis, sondern dazu, dass er „den Gegenstand seines Leidens aus der Welt schaffen möchte.“ Aus der Haut des 17-jährigen SS-Mitglieds sei Grass nie herausgekommen. Ist Oskar Matzerath in der Blechtrommel schon stumm geblieben, so artikuliere sich Grass heute in einem „hohen spitzen Schrei, als antisemitisches Gebrüll“.

Als Nazisünder geboren, nichts dazu gelernt und die Hälfte vergessen: so lassen sich viele Attacken gegen Grass bündeln.

Josef Joffe spricht vom ES des Dichters, das verantwortlich für die Untat des Literaten sei. Das ES ist das System Unbewusstsein des Menschen, sein dunkles Triebgeschehen. Was Joffe übersieht, ist Freuds frühe aufklärerische und therapeutische Devise: Wo ES war, soll ICH werden. Grass scheint ein solches ICH nicht entwickelt zu haben, das die chaotischen Triebregungen an die Leine legen könne. Von einem ÜBER-ICH gar nicht zu reden, das in der Lage wäre, den amoralischen Begierden Benimm beizubringen.

Der Dichter als personifiziertes ES ohne Kopf und Verstand. Der Mensch wird bei Joffe reduziert zu einer asozialen Tellermine, die jederzeit explodieren könne.

Der nächste Schritt der moralischen Enthauptung des Dichters wird seine ultimative Reduktion auf seine Gene sein, die rasse-typisch und -unveränderlich sein wird. Damit hätten wir die Retourkutsche auf der mentalen Ebene fast erreicht. Unveränderliche Rasse steht gegen unveränderliche Rasse. Heute in umgekehrter Machtposition.

Verständnis für die Anderen – gleich Null. Noch nicht mal der kleinste Versuch, die andere Seite zu verstehen, ist irgendwo zu bemerken. Nur am Rande notieren wir, dass die deutsche Friedensbewegung der „Position Grass“ viel Rückendeckung gegeben hat. Ob diese Haltung dem Frieden dient oder nur gesinnungsethische Absichten äußert?

Gibt es in der Friedensbewegung eine gründliche Auseinandersetzung mit der jüdisch-israelischen Innensicht? Gibt es wenigstens hier Deutsche, die verstehen wollen? Wohlgemerkt: Verstehen heißt nicht Billigen oder Rechtfertigen.

Das Einreiseverbot für Grass hält der Bundeswehrhistoriker Wolffsohn für gerechtfertigt. Auch er hält es für richtig, den über 80-Jährigen auf seinen SS-Status in frühester Jugend zu reduzieren, ein Ex-SS-Mann sei keine moralische Instanz, schon gar nicht gegenüber Opferangehörigen.

„Unkoscheres wird auch durch Nobelpreis nicht koscher, Bock bleibt Bock, Gärtner Gärtner und Scheinheiliges durch Selbstbeweihräucherung nicht heilig.“ Der Historiker empfiehlt Grass, zuerst vor der eigenen Türe zu kehren – wie Wolffsohn es ihm beispielhaft vormacht.

Kein Mensch ändert sich oder sollen wir sagen, die Deutschen ändern sich nicht? Dass Grass in der Debatte allmählich zum symbolischen Deutschen geworden ist, zum pars pro toto, kann nicht mehr geleugnet werden. Kommt ES, kommt braune Vergangenheit. Der Selbstverrat der Deutschen dringt ihnen aus allen Poren.

Doch auch nichtjüdische Deutsche zücken die Waffe der Unverbesserlichkeit. „Du bist geblieben, was du freiwillig geworden bist: der SS-Mann“, schreibt der zornige Dramatiker Rolf Hochhuth.

Wenn es darum geht, zuerst vor der eigenen Türe zu kehren, ist Uri Avnery schlechthin vorbildlich in seiner lebenslangen Kritik an seiner geliebten zionistischen Heimat. Er versteht auch eine einseitig klingende scharfe Kritik an seinem Land. Sie käme von Menschen, die sich Israel viel mehr verbunden fühlten als weit entfernten exotischen Ländern, in denen durchaus Schlimmeres passieren könne. (Auf dieser Grundlage sollte man auch Grassens Gedicht annehmen – wenn man es denn annehmen will.)

Die Furcht seiner Landsleute erklärt Uri sich mit dem uralten Ritualsatz aus der Haggadah: „In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu zerstören.“ Nach dem Holocaust wäre es in der Tat langsam überfällig, dass die periodische Katastrophe über die Juden hereinbräche. Das sei der Grund, warum man in Israel dazu neige, den Ahmadinedschad zu Hitler II zu dämonisieren und einen zweiten Holocaust am Horizont heraufziehen sehe.

Wer das verstanden hat, kann vielleicht die „Übertreibungen“ und Hysterisierungen der israelischen Politik verstehen, die keinem Frieden glauben und die Gojim als ewig potentielle Feinde einstufen müssen. Das ist eine kollektive Neurose, die aus dem unbearbeiteten religiösen Erbe Heiliger Schriften herrührt. Es ist eine universelle Verschwörungstheorie im Mantel einer biblischen Erzählung.

Mit anderen Worten: die säkulare Aufklärung ist in Israel – nicht anders als in christlichen und muslimischen Ländern – nicht weit genug vorangeschritten. Subkutan dominieren noch immer die Ungeister aus Auserwählung, Rache und Verteufelung der Anderen.

Es ist dieselbe Ideologie, die in christlicher Version die Deutschen vor 70 Jahren in den Abgrund führte: Wir sind die Besten und müssen die Welt vor den vereinigten Bösen der Weltgemeinschaft retten.

Ähnlich selbstkritisch ist das Buch von Avraham Burg („Hitler besiegen“) über die kollektiv-religiösen, subkutanen Dogmen der modernen Zionisten, das in den deutschen Medien fast unbeachtet blieb. Auch Uri Avnerys Stimme wird so gut wie nicht gehört. Auch Giddeon Levy schreibt, dass er heute in der WELT keinen Artikel mehr veröffentlichen dürfte.

Selbstkritische Deutsche des Formats dieser Israelis gibt es so gut wie nicht. Historiker und Edelfedern lassen das deutsche Verhängnis mit dem Jahr 1933 beginnen: da gab es einen Vollidioten namens Hitler, eine Witzfigur, die nicht mal richtig schreiben konnte, eine gescheiterte Künstlerexistenz war und die noch dämlicheren Deutschen – kein Mensch weiß wie – zu den schlimmsten Verbrechen ihrer Geschichte verführte. So oder so ähnlich Broder.

Von einer Deutschen Bewegung, die das verhängnisvolle und jahrhundertealte antisemitische Erbe des Christentums wie ein Schwamm aufsog und die abgekapselten Deutschen von innen vergiftete: davon hört man hierzulande so gut wie nichts.

Das muss man auch Grass vorhalten. Weder hat er bewiesen, dass er die jüdisch-israelische Seite versteht, noch, dass er an dieser Stelle die deutsche Seite kritisch angekratzt hätte. Eine Einladung zum sinnvollen Streitgespräch war das nicht.

Gleichwohl muss man festhalten, dass seine Gegner sein Bekenntnis zu Israel mutwillig bis zur jetzigen Minute ignorieren. Die meisten fauchen ihn an: Du hast keine Chance bei uns – also lass es und halt‘s Maul.

Von sonstigen Deutschen – außer Grass – gibt’s bis jetzt noch keine einzig sinnvolle Stellungnahme.

Die Religionen haben beide Nationen fest im Griff. Shalom alejchem, Allauakbar und der Friede des Herrn, der höher ist als all unsere Vernunft, sei mit uns allen.

Gesamtkommentar zur Grass-Affäre siehe:  Kontroversen - Günter Grass - Israel-Gedicht