Montag, den 24. Oktober 2011

Kommentar vom Sokratischen Marktplatz

[Zusammenfassung aus Tagesmails vom 05. bis 10. April  2012]

 

Zur Kontroverse um das Gedicht von Günter Grass:

"Was gesagt werden muss"   Hier der Gedicht-Text

 

Teil I   (Aus der Tagesmail vom 05.04.2012  - "Günter Grass (I)")

Ein Gedicht als Stimulans nationaler, internationaler Erregung. Die ausländischen Reaktionen klingen noch schwach. Stimmen aus arabischen Ländern gibt es keine, wenigstens werden sie in unseren kanalisierten Medien nicht weitergegeben. Selbst im Heiligen Land gibt sich man sich kühl: what's the matter, das Thema wird bei uns selbst kontrovers debattiert.

Da sind die im Ausland lebenden jüdischen Stimmen wesentlich erregbarer, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, nicht im Land der Sehnsucht zu wohnen. Also müssen sie ihre patriotischen Pflichten demonstrativer unter Beweis stellen, als diejenigen, die im Zweifelsfall in die Bunker flüchten müssen.

Im Binnenland sind die Edelsten und Tapfersten in Divisionsstärke aufgefahren, um einen verwirrten, alten peinlichen Mann, der sich selbstmitleidig ein Gedicht aus den Fingern gesogen hat – das gar kein Gedicht ist, wie Ijoma Mangold von der ZEIT überlegen grinsend feststellte – einer präemptiven Beerdigung zuzuführen.

Man könnte auch von Probeliegen im Sarg sprechen, schließlich ist der nicht ganz dichte Dichter und Greis schon über 80. (In Freiburg, da gibt’s nichts zu lachen, werden solche vorauseilenden Übungen tatsächlich angeboten.)

Was zuerst auffällt, ist die Schar all jener, die man als schreibende Kollegen benennen könnte, die sich nicht zu Worte melden.

Wo bleibt Freund Walser? Wo bleibt die Solidarität in der Not oder die aufrechte Kritik vor dem Freund? Hat er ihn wenigstens angerufen, ihm unverbrüchliche Verbundenheit geschworen? 

Wo bleibt die zweite Nobelpreisträgerin deutscher Zunge namens Herta Müller? Hat‘s im rumänischen Banat keine Juden, kein „Judenproblem“ gegeben?

Nur Johano Strasser vom PEN-Club, Denis Scheck und Klaus Staeck haben es gewagt, ihren Ruf aufs Spiel zu setzen und dem Angeklagten beizuspringen.

Was weiter auffällt, ist die Tatsache, dass unter den nichtjüdischen Kommentatoren der Vorwurf des Antisemitismus wesentlich seltener zu hören ist als unter ihren jüdischen Kollegen. Das wird doch nicht damit zusammenhängen, dass nichtjüdische Deutsche auf dem Antisemitismus-Auge ein wenig erblindet sind?

Brumlik hält den Begriff sogar für wissenschaftlich geklärt. Da dürfte es aber unter Wissenschaftlern doch keine Meinungsverschiedenheiten mehr geben. Über die Definition der Gravitation streitet ja auch niemand mehr.

Da muss die wissenschaftliche Erkenntnis noch nicht nach Israel vorgedrungen sein, denn sonst hätte Tom Segev nicht das Gegenteil sagen können: nein, Grass sei kein Antisemit, er verstehe nur nichts von Militärstrategie. Mosche Zimmermann hingegen meinte milde: Er gehört zu den guten alten Antisemiten, wozu die Aufregung?

Brumlik hat allerdings Recht, wenn er den Begriff Antisemitismus inflationär verwendet sieht. Bald ist es dem Brävsten und Korrektesten nicht mehr möglich, dem Vorwurf durch weiträumige Umgehung des Begriffes zu entgehen.

Es gibt primären und sekundären Antisemitismus. Auch Antiamerikanismus ist nichts als verkappter sekundärer Antisemitismus. Wer sich prophylaktisch mit dem Vorwurf auseinandersetzt, Antisemit zu sein, ist ein ganz hintertriebener Antisemit. Vermutlich wäre nur jener kein Antisemit, der sich mit entblößter Brust hinstellen und bekennen würde: Ich bin Antisemit, holt mich hier raus.

Grass habe schon immer mit Juden Probleme gehabt, so Chefanalytiker Broder, also: Antisemit.

Grass sei nie ein Freund des jüdischen Volkes gewesen, sagt Wolffsohn in einem SPIEGEL-Interview. Da könne er lange bekunden, sich mit Israel verbunden zu fühlen. Schon bei seinem allerersten Besuch im Land 1971 sei er wie ein Elefant im Porzellanladen aufgetreten und habe die israelischen Zuhörer „historisch und moralisch belehrt.“

Das ist inzwischen auch unter Deutschen ein Grund, jemandem die Freundschaft zu kündigen, wenn er als Besserwisser auftritt. Das macht man nicht in postmodernen Zeiten, wo niemand Recht hat, aber dies in erschütternder Rechthaberei.

Da müssen alle Lehrer und Belehrer in den Schulen schleunigst als verkappte Gegner ihrer Schüler entlarvt werden. Dass Freundschaft etwas mit Kritik zu tun haben kann, steht zwar im Buche Prediger, aber das muss man als Historiker für neuere Geschichte nicht mehr kennen. 

Sag ich also: ich fühle mich den Israelis verbunden, mach ich mich erst recht verdächtig: tertiärer Antisemitismus. Allein, dass ich darüber grüble, was Antisemitismus sein und wie ich dem Vorwurf entgehen könnte, zeigt doch, dass ich was zu verbergen habe: quartärer Antisemitismus.

Vermutlich sollte man das komplexe und für ein normales Gehirn nicht fassbare Thema den großen Elefanten und Antisemitismus-Experten überlassen – oder vorher bei Brumlik nachfragen, ob man sich noch im grünen Bereich bewegt.

Seit der Bergpredigt können obere, normative Instanzen den andern ins Gehirn gucken und ganz schlimme, verdrängte, unterdrückte, nicht zugegebene Antisemitismus-Gefühle entdecken: prinzipiell angeborener, erbsündiger, in den Genen verankerter, jederzeit aufbrechen könnender Antisemitismus.

Welcher Satz muss jetzt kommen? Richtig: die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen, sagte Seelenforscher Zvi Rex, der, wie jeder gute Analytiker, den Menschen direkt ins Unbewusstsein blicken kann.

Vermutlich meinte Rex, die Deutschen würden es den Juden nie vergeben, dass letztere sich hinterlistig als Opfer angeboten und die Deutschen in die Falle der Täter gelockt hätten, auf dass jene für die letzten Weltepochen vor der Wiederkunft des Herrn in ihrer Schuld seien, damit sie ihnen endlose Reparationen abluchsen und sie zu willfährigen Instrumenten ihrer Weltbeherrschungspolitik degradieren könnten.

Ein interessanter Gedanke, der in der Öffentlichkeit immer nur zitiert, aber nie debattiert wird. Sollte es in der deutsch-jüdischen Symbiose, die es nach Gershom Scholem nie gab, nach Leibovitz aber schon, vielleicht um eine verborgene sado-masochistische Quäl- und Leidensbeziehung handeln? Wer bestimmt dann das Geschehen im Ring? Derjenige, der die Peitsche schwingt oder derjenige, der geschlagen werden will? Oder beide abwechselnd?

Machen wir‘s kurz: der deutsch-jüdische Dialog, sofern er je bestanden hat, ist auf der ganzen Linie gescheitert.

Was wir erleben, sind höhnische Prügelrituale. Grass versteht nichts von Israel – was nicht bedeutet, dass er nur Unfug dichtet –, die übereifrigen Verteidiger Israels verstehen nichts von Grass und traktieren ihn, als sei er schlimmer als Hitler & Ahmadinedschad zusammen, was nicht bedeutet, dass ihre Argumente alle falsch wären.

Alles wiederholt sich, die üblichen Reflexe und Gegenreflexe, die automatischen Schuld-, Reue- oder Nichtreue-Reaktionen werden abgespult. Kollektive Aggressions-Schauspiele in berechenbarer Deja-Vue-Kulisse mit prädeterminierten Rollen, als habe sich in den letzten 30 bis 40 Jahren nichts geändert. Das bellt, das beißt sich wie bei den Pawlowschen Hunden.

Es ist der Beweis, dass eine ganze Nation sich belügt, wenn sie sich stolz auf die Schultern klopft, wie vorbildlich sie die Vergangenheit ausgemistet haben will. Und dann veranstaltet sie mit stereotypen Brettern vor dem Gehirn eine Kissenschlacht mit Schlammbeuteln und angereichertem Tränengas. Wer überhaupt den Versuch unternimmt, etwas zu verstehen, benutzt das Verstehen, um das Prügeln noch lustvoller zu machen.

Wie die Atmosphäre ganz anders sein kann als im innerdeutschen Sado-Maso-Studio, zeigen Interviews mit den nüchternen Herren Tom Segev und Avi Primor aus Israel, die den „verwirrten, dementen Greis“ nicht gleich beerdigen müssen, um ihn maßvoll zu kritisieren und ihm seine nicht geringen Denkfehler vorzuhalten.

Primor hält die Reaktionen auf Grass für völlig übertrieben. Man könne, man müsse den Nobelpreisträger kritisieren, man sollte ihn aber nicht als Antisemiten denunzieren. Das sagte er im Allgemeinen gegen die hysterische Binnendebatte, und im Besonderen gegen den Zentralrat der Juden, der in der Person des Herrn Graumann den Dichter als eine rundum verabscheuenswerte Figur brandmarkt. (SWR2)

Die deutsche Nation liegt mit sich im Zerwürfnis, tut aber, als sei sich mit sich im Reinen, weil ihr Bruttosozialprodukt auf den vorderen Plätzen liegt.

Jede Seite beobachtet in unterdrückter Spannung die andere, als gebe es einen permanenten subkutanen Krieg, jederzeit bereit, die ständig vorhandenen, aber versteckten ideologischen Kalaschnikows in Anwendung zu bringen. Zwei intelligent sein wollende Völker belauern sich gegenseitig wie Franzosen und Deutsche weiland vor Verdun.

Wäre ich staatlich anerkannter Besserwisser und Belehrer, würde ich in heiligem Zorn ausrufen: schämt euch, Deutsche und Juden. Tut nicht so freundschaftlich, kotzt euch endlich mal aus, was ihr an den andern nicht ausstehen könnt. Ihr macht aus eurem Herzen eine Intrigantengrube.

Ihr habt doch Probleme mit uns, sagen die Juden den Deutschen. So wird’s wohl sein. Wie umgekehrt die Juden mit den Deutschen ein Problem haben müssen. Da wird so viel von Moderation geredet, aber der jüdisch-deutsche Konflikt hat noch nicht mal reziproke Augenhöhe erreicht.

Was auf Deutsch heißt, beide Gruppierungen erkennen nicht, dass die Probleme der Einen die spiegelbildlichen Probleme der Andern sind.

Was die Stars in der Manege, sich gegenseitig überbietend, hier abliefern, ist verständiger und demokratischer Menschen nicht würdig. Wir erleben die Wiederholungen der Kinderkreuzzüge auf höchstgelehrter, sublim ausgedachter, scheinheiliger Ebene.

Man kann eine Diagnose auf zweierlei Arten erheben.

A) Man kennt jemanden und weiß, dass er kein Unhold ist. Dann bewerte ich anstößige Worte als befremdliche Ausnahmen von der Regel.

Wenn ich Grass nicht als normalen Antisemiten kenne, muss ich etwaige israelfeindliche Äußerungen als außernormale Fehlhandlungen seines Unbewusstseins betrachten, die ich ihm vorhalten muss, aber nicht im Sinne eines triumphierenden: Jetzt hab ich dich, du Schwein, jetzt hast du dich verraten.

Noch immer gelten Taten – und nur nachhweisbare Taten – als vorwerfbare Indizien, nicht Abkömmlinge des Unbewusstseins, die uns definitionsgemäß unbekannt sind.

Ein wacher Mensch wird diese Signale nutzen, um besser über sich nachzudenken und sein Unbewusstsein nach und nach aufzuklären. Hab ich antisemitisch-unbewusste Gefühle, die mir dunkel aus den Poren kriechen, bin ich noch lange kein Neonazi: wenn ich sie zur Selbsterkenntnis nütze, bin ich das Gegenteil eines Rechten.

B) Ich betätige mich wie Jesus, der die Gedanken eines Menschen zu kennen glaubt und aus verborgenen Gefühlen ein Täterprofil entwickelt: gedanklicher Ehebrecher, wirklicher Ehebrecher.

Das ist die Methode der meisten Antisemitismus-Experten. Grass hat Gedanken notiert, die – zu Recht – unter die Lupe genommen werden. Doch dann kommt die verhängnisvolle, inhumane Schlussfolgerung: gedanklicher Antisemitismus ist identisch mit realem Antisemitismus.

Brumlik übertreibt völlig, indem er das Ergebnis seiner tiefenanalytischen Sicht eins zu eins ins Reale hochrechnet: „Man könnte also sagen: Der Grass von 2012 ist schlimmer als ein Antisemit“. Das ist von anmaßender, unfehlbar scheinender Verurteilungssqualität.

Seinen Kommentar überschreibt er: „Der an seiner Schuld würgt“. Soll das ein Vorwurf sein? Ist es nicht vorbildlich, wenn jemand nicht einfach über seine Schuld hinweggeht und versucht, mit ihr ins Reine zu kommen? Da kann man wohl Fehler machen, seine Schuld verdrängen und anderen aufbürden – ohne dass man es selber merkt.

Zeigen sich diese Fehlleistungen im Spiegel öffentlicher Taten und Werke, kann man sie zur Kenntnis nehmen, seinem Bewusstsein integrieren und sie somit unschädlich machen. Brumlik versteht sich als unfehlbarer Seelenforscher in Personalunion mit einem Scharfrichter.  

Dieselbe Methode bei Frank Schirrmacher, der Grass vorwirft, er wolle Frieden mit seiner Biografie machen, indem er einen Rollentausch vornehme, sich selbst zum Opfer stilisiere und die Juden zu Tätern und potentiellen Weltenvernichtern dämonisiere.

Wenn jemand Frieden mit sich schließen will, ist das nicht zu tadeln. Höchstens, wenn er dies mit unangemessenen Methoden unternimmt. Da unterscheidet Schirrmacher nicht. Genau so wenig macht er einen Unterschied zwischen einer, in Form eines Gedichtes abgelegten, öffentlichen Selbstanalyse und einer realen Tat. Das wäre, als ob ein Therapeut seinen Patienten bei der Polizei ablieferte, weil jener den Gedanken äußerte, seinen Nachbarn in die Luft zu sprengen. 

Grass soll Frieden mit sich schließen. Natürlich ohne projektive Verleugnung auf Kosten anderer. Das kann man, das muss man ihm vorhalten. Wäre es da nicht sinnvoller, einen medialen Dialog zu beginnen, als immer gleich den atomar-verbalen Erstschlag zu führen mit anschließender verbrannter Erde?

Josef Joffe macht keinen Hehl aus seinen freudianischen Ferndiagnosequalitäten. „Aus Grass denkt sein ES“. Das Gedicht betrachtet er als Auffangbecken des dichtenden Unbewusstseins. Doch mit verheerenden menschenfeindlichen Konsequenzen des ES-Inspektors.

Der neue Antisemitismus des Literaten, wie er aus seinem Gedicht quillt, so Joffe, werde von einem Unbewusstsein gespeist, „das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege öffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.“

Heuchelei und Unredlichkeit, verehrter Hobbytherapeut sind Effekte des Bewusstseins, keine genuinen Abkömmlinge des Unbewusstseins. Fehlleistungen merkt man nicht, deshalb kann man sie auch nicht kontrollieren.

Hier geht es um Kunst als Selbsttherapie, der sich Grass anvertraut. Es gehe, so Joffe, um Schuldverschiebung und Selbstentlastung. D’accord. Worum soll es bei Tätern und ihren Nachfolgern denn sonst gehen?

Wer als Deutscher ob der Taten an den Juden keine Schuldgefühle hat, muss versteinert sein. Es gehört in den Kern der Vergangenheitsaufarbeitung, sich seine Schuldgefühle klar zu machen und sie auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen.

Joffe tut, als hätte er am Fall Grass zum ersten Mal entdeckt, dass die Deutschen an ihrer Vergangenheit laborierten: ach gucke an, die Deutschen würgen an ihrer Schuld. Ist das nicht abwechselnd niedlich, peinlich oder verhängnisvoll? 

Wer Schuld auf sich geladen hat, muss Schuld bewältigen. Das geht nicht anders als durch Bewusstmachen und sich Wahrnehmen im Spiegel seiner Fehlleistungen.

Hier sehen wir die verheerenden Spätfolgen des Zusammenbruchs der politischen Psychotherapie in Deutschland. Die Freud'schen Kategorien liegen gottverlassen im Gelände und werden von zufällig vorbeikommenden Meinungsführern als Beute mitgenommen, um sie wie Streuminen gegen die nächstbesten Gegner einzusetzen.

Doch jetzt die Krönung. Da reden die Literaturkritiker anhand eines Romans von Christian Kracht, man könne Kunst nicht unter moralischen Perspektiven betrachten. Vielmehr müsse sie als freie Bühne aller Regungen angesehen werden, der guten wie der bösen. Kultur sei immer auch „Bosheit“ gewesen, „Widerstand, Verweigerung“. „Sie war weder dem Gemeinwohl verpflichtet noch demokratisch,“ wie Thomas Steinfeld von der SZ schreibt.

Wenn dem aber so ist, hätte Grass jedes Recht dieser Welt, seine bösesten Gedanken und Gefühle in ein Kunstwerk zu verwandeln. Und was geschieht? Genau dies wird ihm vorgehalten, als sei er schlimmer als ein KZ-Scherge.

Was schreibt derselbe Steinfeld über Grassens Gedicht? Er habe die Gedichtform gewählt, um „sich der Kritik zu entziehen. Indem er sich – scheinbar – nach innen wendet und sein Innerstes nach außen kehrt, indem er, vor und anstatt einer politischen Auseinandersetzung, als lyrische Empfindsamkeit auftritt, will er einen Standpunkt über allen einnehmen und sich unangreifbar machen.“ Im selben Stil hätte man Kracht den Vorwurf machen können, er habe die Romanform gewählt, um seine rechten Ansichten hinter dem Mantel der Kunst zu verstecken.

Das ist das genaue Gegenteil seiner theoretischen Freigabe alles Bösen im Modus der Kunst, wie Steinfeld in seinem ersten Artikel schrieb. Nicht anders als Schirrmacher, der Walser aus seinem Roman „Tod eines Kritikers“ einen antisemitischen Strick drehte, benutzt Steinfeld ein sich selbst entblößendes, sich kenntlich und angreifbar machendes Gedicht, um dem Verfasser Immunisierungsversuche vorzuwerfen.

Zuerst wird den Künstlern eine Falle gestellt: tretet ein in den Raum der Kunst, hier ist euch nichts verboten, hier ist alles erlaubt. Öffnet euch, phantasiert, projiziert, assoziiert auf Teufel komm raus.

Doch wehe, die Künstler glauben der Generallizenz zur Offenheit. Kaum haben sie sich nackt gemacht, werden sie an den Gebilden ihres Unbewusstseins am höchsten Mast der Medien aufgeknüpft.

Womit wir noch nichts über Grass gesagt hätten: wenn sein Gedicht gar keins wäre, sondern ein – obliques Manifest. ...

 

Teil II   (Aus der Tagesmail vom 06.04.2012  - "Enttabuisierung und Günter Grass (II)")

... Nun kommen wir elegant zu Golgatha und Grass, denn der Dichter hat rechtzeitig vor Karfreitag der Welt sein Haupt voll Blut und Wunden gezeigt. Doch er wurde nicht erlöst, sondern ans imaginäre Kreuz gehängt.

Ob das sein inneres Bedürfnis war, als Gekreuzigter mit letzter Tinte abzutreten? Wenn ja, hat sein Freund Broder den Braten gerochen und ihm die Trauerrede prophylaktisch gehalten.

Was sein Grabredner übersieht, ist, dass der Totgesagte nicht die verfolgte Unschuld spielt, sondern die spät reumütige Schuld.

Grass sollte den Ausdruck „autoritärer Knochen“ als kollaterales Kompliment betrachten, denn es gibt Schlimmeres als ein unbiegsamer Knochen zu sein, nämlich eine gallert-ähnliche Masse, die allen Fußabstreifern nachgibt.

Die fast einhelligen Angriffe hätten ihn verletzt, wie er gestern in den Medien sagte. Eine Elefantenhaut habe er nicht, er wolle sich auch gar keine zulegen. Gleichwohl bereue und nehme er nichts zurück.

Ein arger Affront gegen die sensiblen Medien, die sich anstrengen, ihn von seinem Altersstarrsinn zu befreien, wiewohl sie Besserwisserei sonst heftig ablehnen.

Unsere großen alten Männer haben anscheinend nur die Wahl, wie Walter Jens ins Nirwana abzutauchen oder wie Grass altersstarr zu werden, wobei ich parteiisch eher für aufrechten und unbeugsamen Altersstarrsinn plädiere.

Wenn mich jemand fragen würde: habt ihr in Deutschland noch einen veritablen Intellektuellen, würde ich errötend sagen: Ja, den Günter aus der norddeutschen Heide. (Das ist ein bisschen bei Nietzsche abgeguckt, der auf eine ähnliche Frage tapfer den Namen Bismarck nannte).

Schon lange hatte man nichts mehr von dem schnauzbärtigen Kaschuben gehört und was man hörte, klang eher nach Schröder und Hartz4, als nach einem dritten sozialistischen Weg. Doch gestern hat er all seine bubihaften Interviewer um Längen geschlagen und die kritischen Anfragen in pfeifenrauchender Gelassenheit pariert.

Man warf ihm weniger Gegenargumente vor, die man besprechen könnte, als biografische Unveränderlichkeiten, als da sind seine Mitgliedschaft in der SS (mit 17) oder seine Position als Zola-Nachfolger, als großer weiser Mann, der des Glaubens sei, der Welt zeigen zu können, wohin es gehen soll.

Als 17-Jähriger könne man sehr wohl wissen, was Politik ist und dürfe sich nicht auf jugendliche Dummheit und Verführbarkeit hinausreden. Meint Historiker Michael Wolffsohn, der offensichtlich noch keine Bücher von Erika Mann über das verführerische Klima im Dritten Reich gelesen hat, sonst könnte er diesen Unsinn nicht laut verkündigen.

Wenn ein ganzes Volk sich selbst mit Hilfe eines Führers verführt – C.F. von Weizsäcker sprach von der Ausgießung des Heiligen Geistes –, dann wird ein Bürschchen von 17 Jahren Mühe gehabt haben, überhaupt festzustellen, dass es neben dem Heil noch Alternativen gab.

Dass mir ein weiser alter Mann lieber ist, als viele unweise Edelfedern, gebe ich verschämt zu. Warum er dies alles so lange verschwiegen, aber andere für ihre Verstrickungen kräftig gebeutelt habe, hat er ja in seinem Gedicht erklärt: er hatte Schiss vor Antisemitismus und vor Verlust seiner moralischen Reputation, weswegen er das Gedicht als öffentliche Beichte abgelegt habe.

Grass musste das Tabu in sich brechen, um über ein Thema zu reden, das ihm schon lange auf den Nägeln brannte, aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus aber nicht ansprechen konnte.

Solche Tabus gebe es nicht, meinen kess die Edelfedern, die noch vor kurzem das kritische Zitieren eines alttestamentarischen Verses als Judenhass abqualifizierten.

Die Deutschen, besonders die Generation Grass, stecken voller Scham- und Schuldgefühle. Wie sollten sie keine Probleme haben, ausgerechnet jenen Opfern Vorwürfe zu machen, an deren schrecklichem Schicksal sie mitschuldig waren?

Jeder könne alles über Israel sagen. Wäre Gabriel mit seinem Apartheidsvergleich der palästinensischen Gebiete etwa „bestraft“ worden? Natürlich, es erhob sich sofort ein Sturm, dass der SPD-Mann seinen Vergleich unverzüglich zurückziehen musste. Sonst hätte er etwaige politische Folgen tragen müssen.

Grass gab zu, dass er in seinem Gedicht einseitig formuliert habe. Den Iran habe er kaum erwähnt, weil dieses Thema anderweitig schon ausführlich dargestellt worden sei. Deshalb habe er sich auf Israel konzentriert, worüber bei uns viel zu wenig und unzureichend debattiert werde.

Nehmen wir die Äußerungen von Grass nicht mehr als Gedicht, sondern als Manifest, muss gefragt werden, ob seine Behauptungen der Realität standhalten. Ein SPIEGEL-Autor hat die Fakten einzeln überprüft und kommt zum Ergebnis: „So falsch liegt Grass“.

Liest man die einzelnen Punkte genau, bleibt von der hochtönenden Kritik wenig übrig. (Auch ich musste nach Anhören der Interviews meine Meinung korrigieren.)

Es gibt einen Punkt, den er präziser hätte formulieren müssen. Das ist der sogenannte atomare Erstschlag, den Israel führen wolle. Dafür gibt’s keine Belege, das moniert auch Avi Primor, der ihn ansonsten in Schutz nimmt, er sei alles andere als ein Antisemit.

Auf die innere Situation der Israelis, die sich von der Regierung Irans bedroht fühlt, ist Grass ebenfalls zu wenig eingegangen, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, er könne sie verstehen. Das hätte er eindeutiger zur Sprache bringen müssen.

Ihm ging‘s, wie er mündlich ausführte, um die unkontrollierte Atommacht Israels, die an sich schon eine riesige Bedrohung darstelle, da kein Mensch wirklich wisse, über wie viele Atombomben und –raketen das Land verfüge.

Alles, was dem Iran verboten werde, sei dem kleinen Land erlaubt. Das sei ein skandalöser Doppelstandard des Westens, der in arabischen Nachbarstaaten viel Abscheu und Hass erregen würde.

Allerdings hätte Grass besser von der Regierung in Jerusalem gesprochen als pauschal von Israel. Wenn Netanjahu und Barak selbst entscheiden dürften, ob und wann sie vorbeugend zuschlagen, bestünde die Gefahr einer aufschaukelnden Reaktionsbildung, die zur Anwendung atomarer Raketen führen könnte. Und zwar von jenen Unterseeboten aus, die Deutschland dem Land geliefert hätte und noch weitere liefern würde.

Es stimmt, dass Israel bis jetzt noch kein Land atomar bedroht hat. Aber seine Unfähigkeit zu einer friedensstiftenden Politik im Allgemeinen und gegenüber den Palästinensern im Besonderen sei eine wachsende Quelle des Unfriedens in einer Weltgegend, in der die Gesamtsituation jederzeit explodieren könne.

Grass bereut öffentlich seinen Fehler, zu lange geschwiegen zu haben. Seine Gegner halten dagegen, es herrsche kein Tabu im Land, jeder könne Israel kritisieren, wie er wolle – wenn er nur sachlich bliebe.

Doch wer bestimmt, was sachlich ist. Wer bestimmt, wann Antisemitismus beginnt? Wer heute das Verdikt Antisemit einfängt, ist beruflich erledigt. Zumal jede Kritik an Israel als verkappter Antisemitismus bewertet wird.

Zwar hat sich in dieser Hinsicht einiges gebessert in den letzten Jahren, die Berliner Regierung ist jedoch noch heute nicht in der Lage, Jerusalem freundschaftlich und freimütig die Meinung zu geigen. Merkel spricht von unbedingter, also kritikloser, Solidarität. Diese hasenfüßige Haltung trifft für die ganze EU zu.

Leute mit Schuldgefühl haben Schwierigkeiten, Themen anzusprechen, die mit schrecklichen Taten verbunden sind – ob sie es zugeben oder nicht. Wer dies leugnet, steckt den Kopf in den Sand.

An einem möglichen Dritten Weltkrieg, der sich in der Region zusammenbrauen könnte, will der Autor nicht mitschuldig sein. Deshalb rede er jetzt, um das Äußerste versucht zu haben, das in seiner Macht stehe. Seine Herkunft habe er als Makel und Handicap gesehen, die ihn an der freimütigen Rede gehindert hätten.

Das ist eine subjektive Perspektive, der man andere Perspektiven gegenüberstellen kann. Wer sie aber aus angemaßtem Objektivismus einfach negiert, wie es Grassens Kritiker tun, will anderen vorschreiben, was sie zu empfinden und wahrzunehmen haben.

Ist in der Postmoderne sonst alles perspektivisch, soll ausgerechnet hier eine Wahrnehmung die unfehlbar richtige sein. Das ist so intelligent, wie Goethe vorzuwerfen, er habe jene Pastorentochter gar nicht geliebt, die er in einem Gedicht zu lieben vorgibt.

Fazit: Grass hätte sich in seinem Gedicht unzweideutiger äußern müssen. Seine dichterische Metaphernsprache lädt zu vermeidbaren Missverständnissen ein.

Er hätte erklären müssen, dass er Israels Ängste versteht, auch wenn er die Methoden des Landes ablehnt, die Ängste in aggressive Militärpolitik umzusetzen.

Eindeutig gesteht er seinen Fehler ein, allzu lange geschwiegen zu haben. Sein Erklärungsversuch ist plausibel. Es gibt keinen Grund, ihm in schmähender Form unaufrichtige Motive zu unterstellen.

Während viele seiner Kollegen sich längst aus der Pflicht verabschiedet haben, als Bürger Stellung zur Politik zu nehmen – unter ihnen Herta Müller, die ihm jetzt vorwirft, als ehemaliger SS-Mann sei er nicht neutral genug, um eine Stellungnahme abzugeben, als ob Neutralität eine demokratische Tugend wäre –, ist er einer unter ganz wenigen, die sich das politische Maul nicht verbieten lassen.

Es besteht der Verdacht, dass seine Kritiker aus der nächsten Generation wie Schirrmacher & Steinfeld ihrem einstigen intellektuellen Idol gram sind, dass er sie so lange mit Schweigen „an der Nase herumgeführt“ habe. Dass er noch immer die Vergangenheit auf den Schultern trage, obgleich die jüngeren Redakteure längst die überhebliche und heuchlerische Meinung vertreten, sie und ihre Medien hätten die bösen Geister von ehedem längst säuberlich archiviert, entsorgt und begraben.

Jakob Augstein ist zuzustimmen, dass es Grass mit seiner Stellungnahme gelungen sei, Deutschland aus dem Schatten Merkels herausgeholt und das Thema Israel in die Sphäre einer echten kritischen Solidarität überführt zu haben.

Uri Avnery und Tom Segev sind nicht die einzigen selbstkritischen Israelis, die schon lange Kritik aus Deutschland und der EU angemahnt haben. In Israel käme niemand auf die Idee, jene Stimmen als antisemitisch zu diffamieren.

Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, ist in der Gestalt des Günter Grass als unendliche Aufgabe in die Arena der Öffentlichkeit zurückgekehrt.

 

Teil III   (Aus der Tagesmail vom 09.04.2012  - "Günter Grass (III)")

Es gibt keine Tabus in Deutschland, jeder kann sagen, was er will.

Allerdings könnte er unter die Räder kommen, in Israel zur unerwünschten Person werden, seinen Nobelpreis nachträglich verlieren – offensichtlich ist der israelische Innenminister für schwedische Nobelpreise zuständig –, der deutsche Außenminister überlegt, ihn nach Danzig abzuschieben wegen Beschädigung des deutschen Rufs, möglicherweise sind seine Bücher gar nicht von ihm, sondern von seinem ES (so Josef Joffe und Thomas Schmid) geschrieben, das auf der Stufe des glühenden Nazi stehen geblieben ist, die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Maske eines reumütigen, aber völlig unterentwickelten ICH absolviert hat und nun, kurz vor der Altersdemenz in den „unkoscheren“ Adern (so Wolffsohn), dem „abscheulichen“ Dichter (so Reich-Ranicki) aus allen Poren dringt.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten, kann bei uns jeder sagen, was er will. Nur eins darf er nicht: schlechte Gedichte machen, die sich hinten nicht reimen. Das ist eine Verhunzung des Landes der Dichter, nachdem die Denker schon längere Zeit das Zeitliche gesegnet haben.

Nach letzten Eilmeldungen sollen zwei israelische U-Boote, von Deutschen geliefert und zu einem Drittel von ihnen selbst bezahlt, in Richtung Nordsee unterwegs sein. Man habe noch eine kleine Rechnung offen mit den Nachfolgern der Schergen, so Verteidigungsminister Barak, die immer so unschuldig tun, aber endlich die „Verantwortung“ (so Graumann) für ihre Erzeuger übernehmen müssten.

Die Schuld der Väter sucht der Herr heim bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Ihn hassen, aber er übt Gnade bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die Ihn lieben und seine Gebote halten.

Ein ekelhaftes Gedicht bewegt den westlich-vorderasiatischen Teil der Weltgeschichte und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Die Gazetten überbieten sich in bestellten Rezensionen von Netanjahu bis Liebermann, ausgewiesenen Experten für ungereimte deutsche Gedichte der neueren neuesten Literaturgeschichte.

Es wäre vordergründig zu sagen, es täten sich nur alte Gräben auf zwischen Juden und unbelehrbaren Deutschen, die pro forma zugeschüttet waren. Es tun sich auch Gräben auf zwischen israelischen und außerisraelischen Juden. Die Letzteren, von den ersten oft verachtet, weil sie es wagen, nicht im Land ihrer Sehnsucht zu wohnen und es mit Haut und Haaren zu verteidigen, sind viel tapferer vor dem dichtenden deutschen Feind als die zur Nüchternheit und Selbstkritik neigenden Inlandspatrioten.

Man denke an die Kontroverse zwischen Ignaz Bubis und dem vor Jahren in Deutschland weilenden israelischen Präsidenten Herzog, der den deutschen Juden vorwarf, nicht ins Heilige Land zu ziehen und auf göttlich verheißenem Boden ihre Pflicht zu tun. Das ist ein happiger Vorwurf, der an die uralte Wunde erinnert hat, dass laut biblischen Prognosen nicht alle Juden gerettet werden, sondern die Mehrheit verloren geht und nur ein heiliger Rest die Ankunft des Messias erleben wird. Was bedeuten würde, selbst die auserwählten Kinder Israels sind nicht alle auserwählt, nur ein kleiner Teil wird’s schaffen, der größte Teil wird, wie bei den Christen, in die Röhre gucken.

Wie Gott in den Schwachen mächtig, so bevorzugt er das Kleine und Verachtete, um das Große und Unglaubliche zu bewirken: „Und du Bethlehem-Ephrat, du kleinster unter den Gauen Judas, aus dir soll mir hervorgehen, der Herrscher in Israel werden soll“ (Micha 5,2) „Denn wer der Kleinste unter euch allen ist, der ist groß.“ (Luk. 9,48) „Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schoss aus seinen Wurzeln tragen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn.“ (Jes. 11,1 f)

Das ist die uralte Wunde der gläubigen Juden, dass sie im Zweifelsfall eine geschlossene Einheit bilden wollen, doch Jahwe wird sie, wie vor Zeiten Kain und Abel, Esau und Jakob, gnadenlos voneinander trennen. Jahwe, Schöpfer einer sehr guten Schöpfung, ist Spalter seines Mach-Werks. Der eine Teil ist hoffnungsloser Murks, der andere fehlerlos und vollkommen.

Die Menschen werden aufgespalten in Erwählte und Verworfene, die Natur ist rein und unrein, koscher und nichtkoscher, es gibt Tiere, die man essen kann und andere, die abscheulich sind. „Ihr sollt unterscheiden zwischen dem, was unrein und dem, was rein ist.“ (3.Mos. 10,10) In 3.Mose 11,1 ff steht die Liste der reinen und unreinen Tiere. Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen darf man essen, Wiederkäuer ohne gespaltene Hufe wie das Kamel „sollen euch ein Greuel sein …, die sollt ihr verabscheuen.“

Auch bei Platon, selbst bei Aristoteles, der die doppelte Welt Platons kritisierte, gibt’s Unterschiede zwischen einer vollkommenen Ideenwelt und einer nicht ebenbürtigen Sinnensphäre. Dennoch gehören beide Welten zusammen, sind sich nicht feindlich gesonnen oder müssen sich verabscheuen. Der unbewegte Beweger durchwärmt mit Eros den ganzen Kosmos.

Die Spaltung des Vaters wird vom Sohn ungekürzt übernommen. Hat das Judentum noch an der Einheit der Familie festgehalten und Familienfeste gefeiert, an die sich alle gern erinnern, selbst wenn ihnen der Glaube abhanden gekommen ist, trennt Jesus die Familie mitten entzwei: „Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, der wird es vielfältig empfangen und das ewige Leben erben.“ (Matth. 19,29)

Die schlechten irdischen Familienpapiere werden abgestoßen, alles wird auf die Karte des individuellen Heils gesetzt: der Profit im Himmel übertrifft den der Frankfurter Börse um ein Vielfaches.

Tom Segev gehört zu den israelischen Juden, die auf die schaumgekrönte Debatte im Binnenland gemäßigt einwirkten und Günter Grass gegen den Vorwurf verteidigen, ein Antisemit zu sein. Im ähnlichen Sinne Avi Primor, der gestern in den Tagesthemen interviewt wurde.

Da es bei uns kein Tabu gibt, haben ein Uri Avnery von Gush Shalom oder ein Gideon Levy von Haaretz keinerlei Chancen, in den größeren Gazetten abgedruckt oder in den Öffentlich-Rechtlichen gehört zu werden. Von Broder & Co werden sie als nützliche Hofjuden offizieller Israelkritiker und verkappter Antisemiten abgemeiert.

Segev, der zurzeit die Hauptstimme Israels in deutschen Medien spielt, betont immer wieder die Parallele zwischen den Aussagen von Günter Grass und dem ehemaligen Mossad-Chef Meir Dagan, der dringend von einem Präventivschlag gegen den Iran abrät. Dagan hat das Schweigegelübde der Schlapphüte gebrochen, das ist keine Kleinigkeit; ein Grund mehr, auf seine Stimme zu hören.

Bis jetzt konnte man von ihm hierzulande weder etwas hören noch lesen. Die „Gleichschaltung“ der Medien, wie Grass sie anprangert, funktioniert ungebrochen. Der Begriff Gleichschaltung wurde Grass übel vermerkt als weiteres Indiz für den braunen Kern seiner psychischen Zwiebel. Diesen Ausdruck hätten auch die Nazis benutzt.

Hier wird die detektivische Analogiemethode zum Aberwitz. Man sucht nach Parallelen – was durchaus sinnvoll ist – und schon hat man den Schurken am Kragen. Doch zwischen bedeutenden und unbedeutenden Analogien wird nicht mehr unterschieden.

Wenn die Nazis das Wort alttestamentarisch benutzten, ist es für immer verbrannt. Ob Gerhard von Rad und Kollegen sich heute noch Alttestamentler nennen dürfen? Die Schergen sollen auch des öfteren Guten Tag oder Grüß Gott gesagt haben. Höchste Zeit, die deutsche Sprache gründlich auszumisten. Wie wär‘s mit Gesamtverbot und konsequentem Übergang zum ohnehin gebräuchlichen Denglisch?

Ob Grassens Meinung militärtechnisch möglich ist, kann Segev gar nicht beurteilen. Dazu müsste man als Laie viel besser informiert sein. Nur Fachleute wie Dagan verfügten über relevante Informationen. Das erbärmliche Gedicht triefe von pathetisch-heuchlerischem Moralismus, so Segev, der die Nachbesserungen von Grass nicht mit bekam oder nicht drauf eingehen will.

An einer andern Stelle moniert er, dass Grass seine öffentlichen Äußerungen stets nachzukorrigieren pflege. Besser wäre es, er würde erst nachdenken, bevor er zur Tinte griffe.

Die deutschen Wutschreiber sehen den Dichter als halsstarrigen, unbelehrbaren alten Mann, der „nie zuhören würde“. Ganz offensichtlich empfinden die Journalisten den Literaten so, wie das große Publikum die vereinigten Schreiber & Co, die zu den elitärsten abgeschotteten Wagenburgen dieser Republik gehören. Leserbriefe als Zeichen der Quote dürften sein, Reaktionen aber gibt’s keine, noch weniger Auseinandersetzungen. Der Große Rüpel soll sich aus sozialhygienischen Gründen auskotzen, doch dann ist Schluss mit lustig.

Wenn Rechthaber Grass sich korrigiert – was er in vielen Interviews tat –, wird das nicht zur Kenntnis genommen. Oder mit der Schlagzeile niedergeschlagen: Grass rudert zurück. Es gibt bei den Medien nur ein Gesetz von zeitloser Gültigkeit und das lautet: Du hast keine Chance, aber nutze sie.

Segev gibt Grass den herablassenden Rat, seine letzte Tinte für einen weiteren schönen Roman aufzusparen, sich aber bitte aus dem politischen Geschehen rauszuhalten. Das klingt reichlich abschätzig gegenüber dem Reich des Ästhetischen, das Segev wohl als belanglose Spielwiese betrachtet, die mit der wahren Welt nichts zu tun habe.

Die Literaten und ihre vollmundigen Kritiker haben diese Degradierung der Kunst nicht bemerkt, sonst hätten sie branchenüblich „aufgeschrien“.

Tamar Amar-Dahl ist israelisch-deutsche Historikerin in Berlin und kritisiert ihrerseits den Segev-Artikel. Dem Historiker wirft sie vor, sich aus dem Wesentlichen – ist er für oder gegen einen Präventivschlag? – rauszuhalten und keine Meinung zu haben.

Müsse man Militärexperte sein, um sich zu Überlebensfragen der Nation zu äußern? Segev und die israelischen Intellektuellen würden zur offiziellen Politik der Regierung Netanjahu schweigen, weil sie denken, mit dieser Haltung den „Staat Israel, die Juden dort und außerhalb des Landes zu unterstützen“.

Dabei drohe diese Politik genau das Gegenteil auszurichten. Die Intellektuellen, auch die „linkszionistischen“, stünden vor dem Abgrund der Eskalationslogik. Segev spreche von einer Holocaustfurcht, die sich im Lande ausbreite. Das sei wohl wahr.

Doch der Grund dieser Furcht liege weniger in Irans zukünftiger Nuklearkapazität, sondern in Israels derzeitiger „Kriegsrhetorik“. „So lange die israelischen Eliten dazu schweigen und sich nicht ernsthaft mit der aussichtslosen Politik ihrer Regierung auseinandersetzen, darf und soll Grass seine Stimme laut machen. Und wenn es dafür eines misslungenen Gedichts bedarf.“ Frau Amar-Dahl hat aus Protest gegen die kriegsrhetorische Politik ihres Heimatlandes ihren israelischen Pass zurückgegeben.

In der Jüdischen Allgemeinen steht ein Artikel zu Grass, der sich mit dem erbärmlichen Gedicht gar nicht erst aufhalten will. In Bälde werde niemand mehr darüber sprechen. Wichtiger sei eine grundsätzliche Analyse des Grasschen Oeuvres. Da würde man schnell fündig.

Gerade in seinem weltberühmten Buch „Die Blechtrommel“ wimmele es von Antisemitismen. Der jüdische Spielzeughändler Markus werde als eine „im Grunde verächtliche Gestalt gezeichnet, als opportunistischer Kriecher. Gewiss, die Beschreibung dieser jiddisch mauschelnden Figur sei gut gemeint. Grass wollte eine „positive Figur schaffen“. Was er stattdessen schildere, sei „ein verächtlicher Jude“.

Der junge Grass sei glühender Nazi gewesen, später wollte er umlernen, „aber das frühere Bild ist in ihm geblieben“. Die Haltung des Unbelehrbaren habe sich dann im Verlauf seines weiteren Lebens verstärkt.

Broder habe Grass, so der Artikelschreiber, vor kurzem bescheinigt, er leide unter einem „richtigen Judenknacks“ und das stimme ganz genau. Doch dieses Leiden führe nicht zur Selbsterkenntnis, sondern dazu, dass er „den Gegenstand seines Leidens aus der Welt schaffen möchte.“ Aus der Haut des 17-jährigen SS-Mitglieds sei Grass nie herausgekommen. Ist Oskar Matzerath in der Blechtrommel schon stumm geblieben, so artikuliere sich Grass heute in einem „hohen spitzen Schrei, als antisemitisches Gebrüll“.

Als Nazisünder geboren, nichts dazu gelernt und die Hälfte vergessen: so lassen sich viele Attacken gegen Grass bündeln.

Josef Joffe spricht vom ES des Dichters, das verantwortlich für die Untat des Literaten sei. Das ES ist das System Unbewusstsein des Menschen, sein dunkles Triebgeschehen. Was Joffe übersieht, ist Freuds frühe aufklärerische und therapeutische Devise: Wo ES war, soll ICH werden. Grass scheint ein solches ICH nicht entwickelt zu haben, das die chaotischen Triebregungen an die Leine legen könne. Von einem ÜBER-ICH gar nicht zu reden, das in der Lage wäre, den amoralischen Begierden Benimm beizubringen.

Der Dichter als personifiziertes ES ohne Kopf und Verstand. Der Mensch wird bei Joffe reduziert zu einer asozialen Tellermine, die jederzeit explodieren könne.

Der nächste Schritt der moralischen Enthauptung des Dichters wird seine ultimative Reduktion auf seine Gene sein, die rasse-typisch und -unveränderlich sein wird. Damit hätten wir die Retourkutsche auf der mentalen Ebene fast erreicht. Unveränderliche Rasse steht gegen unveränderliche Rasse. Heute in umgekehrter Machtposition.

Verständnis für die Anderen – gleich Null. Noch nicht mal der kleinste Versuch, die andere Seite zu verstehen, ist irgendwo zu bemerken. Nur am Rande notieren wir, dass die deutsche Friedensbewegung der „Position Grass“ viel Rückendeckung gegeben hat. Ob diese Haltung dem Frieden dient oder nur gesinnungsethische Absichten äußert?

Gibt es in der Friedensbewegung eine gründliche Auseinandersetzung mit der jüdisch-israelischen Innensicht? Gibt es wenigstens hier Deutsche, die verstehen wollen? Wohlgemerkt: Verstehen heißt nicht Billigen oder Rechtfertigen.

Das Einreiseverbot für Grass hält der Bundeswehrhistoriker Wolffsohn für gerechtfertigt. Auch er hält es für richtig, den über 80-Jährigen auf seinen SS-Status in frühester Jugend zu reduzieren, ein Ex-SS-Mann sei keine moralische Instanz, schon gar nicht gegenüber Opferangehörigen.

„Unkoscheres wird auch durch Nobelpreis nicht koscher, Bock bleibt Bock, Gärtner Gärtner und Scheinheiliges durch Selbstbeweihräucherung nicht heilig.“ Der Historiker empfiehlt Grass, zuerst vor der eigenen Türe zu kehren – wie Wolffsohn es ihm beispielhaft vormacht.

Kein Mensch ändert sich oder sollen wir sagen, die Deutschen ändern sich nicht? Dass Grass in der Debatte allmählich zum symbolischen Deutschen geworden ist, zum pars pro toto, kann nicht mehr geleugnet werden. Kommt ES, kommt braune Vergangenheit. Der Selbstverrat der Deutschen dringt ihnen aus allen Poren.

Doch auch nichtjüdische Deutsche zücken die Waffe der Unverbesserlichkeit. „Du bist geblieben, was du freiwillig geworden bist: der SS-Mann“, schreibt der zornige Dramatiker Rolf Hochhuth.

Wenn es darum geht, zuerst vor der eigenen Türe zu kehren, ist Uri Avnery schlechthin vorbildlich in seiner lebenslangen Kritik an seiner geliebten zionistischen Heimat. Er versteht auch eine einseitig klingende scharfe Kritik an seinem Land. Sie käme von Menschen, die sich Israel viel mehr verbunden fühlten als weit entfernten exotischen Ländern, in denen durchaus Schlimmeres passieren könne. (Auf dieser Grundlage sollte man auch Grassens Gedicht annehmen – wenn man es denn annehmen will.)

Die Furcht seiner Landsleute erklärt Uri sich mit dem uralten Ritualsatz aus der Haggadah: „In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu zerstören.“ Nach dem Holocaust wäre es in der Tat langsam überfällig, dass die periodische Katastrophe über die Juden hereinbräche. Das sei der Grund, warum man in Israel dazu neige, den Ahmadinedschad zu Hitler II zu dämonisieren und einen zweiten Holocaust am Horizont heraufziehen sehe.

Wer das verstanden hat, kann vielleicht die „Übertreibungen“ und Hysterisierungen der israelischen Politik verstehen, die keinem Frieden glauben und die Gojim als ewig potentielle Feinde einstufen müssen. Das ist eine kollektive Neurose, die aus dem unbearbeiteten religiösen Erbe Heiliger Schriften herrührt. Es ist eine universelle Verschwörungstheorie im Mantel einer biblischen Erzählung.

Mit anderen Worten: die säkulare Aufklärung ist in Israel – nicht anders als in christlichen und muslimischen Ländern – nicht weit genug vorangeschritten. Subkutan dominieren noch immer die Ungeister aus Auserwählung, Rache und Verteufelung der Anderen.

Es ist dieselbe Ideologie, die in christlicher Version die Deutschen vor 70 Jahren in den Abgrund führte: Wir sind die Besten und müssen die Welt vor den vereinigten Bösen der Weltgemeinschaft retten.

Ähnlich selbstkritisch ist das Buch von Avraham Burg („Hitler besiegen“) über die kollektiv-religiösen, subkutanen Dogmen der modernen Zionisten, das in den deutschen Medien fast unbeachtet blieb. Auch Uri Avnerys Stimme wird so gut wie nicht gehört. Auch Giddeon Levy schreibt, dass er heute in der WELT keinen Artikel mehr veröffentlichen dürfte.

Selbstkritische Deutsche des Formats dieser Israelis gibt es so gut wie nicht. Historiker und Edelfedern lassen das deutsche Verhängnis mit dem Jahr 1933 beginnen: da gab es einen Vollidioten namens Hitler, eine Witzfigur, die nicht mal richtig schreiben konnte, eine gescheiterte Künstlerexistenz war und die noch dämlicheren Deutschen – kein Mensch weiß wie – zu den schlimmsten Verbrechen ihrer Geschichte verführte. So oder so ähnlich Broder.

Von einer Deutschen Bewegung, die das verhängnisvolle und jahrhundertealte antisemitische Erbe des Christentums wie ein Schwamm aufsog und die abgekapselten Deutschen von innen vergiftete: davon hört man hierzulande so gut wie nichts.

Das muss man auch Grass vorhalten. Weder hat er bewiesen, dass er die jüdisch-israelische Seite versteht, noch, dass er an dieser Stelle die deutsche Seite kritisch angekratzt hätte. Eine Einladung zum sinnvollen Streitgespräch war das nicht.

Gleichwohl muss man festhalten, dass seine Gegner sein Bekenntnis zu Israel mutwillig bis zur jetzigen Minute ignorieren. Die meisten fauchen ihn an: Du hast keine Chance bei uns – also lass es und halt‘s Maul.

Von sonstigen Deutschen – außer Grass – gibt’s bis jetzt noch keine einzig sinnvolle Stellungnahme.

Die Religionen haben beide Nationen fest im Griff. Shalom alejchem, Allauakbar und der Friede des Herrn, der höher ist als all unsere Vernunft, sei mit uns allen.

 

Teil IV   (Aus der Tagesmail vom 10.04.2012  - "Der Tod des Großintellektuellen")

Grass wird weltweit begraben – wenn man den gleichgeschalteten Gazetten glauben darf. Selbst in Amerika spricht man deutsch und nennt das langjährige Aushängeschild der deutschen linken Intelligentsia einen „altekacker“.

Seine Zeit sei vorbei, tönt‘s aus seiner Lieblingspartei ESPEDE, was bedeutet: lass dich begraben, wirrer Tattergreis. Mit 17 hatte man noch Träume, nun sehen wir, mit 17 ist das Leben schon aus.

Elisabeth Langgässer schrieb kurz nach dem Krieg das Büchlein: „Das unauslöschliche Siegel“. Sie meinte die christliche Taufe, inzwischen ist die geringste Kontamination mit dem Dritten Reich zur teuflisch-unauflöslichen Taufe geworden. Einmal Nazi, immer Nazi.

Das unvertilgbare Gift wird inzwischen freudianisch getauft und ES genannt. Die Psychoanalyse, einst Hoffnungszeichen für Erkennen und Verändern, wird zum inquisitorischen Fallbeil der Vergeblichkeit: „Du bist, was du bist. Setz dir Perücken auf von Millionen, Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was du bist“, sagt der Teufel zu seinem Zögling, der die ganze Welt ausschlürfen will, um ein anderer zu werden.

Schon vorher hatte er Fausten ins Gesicht gesagt: „Und doch hat jemand einen braunen Saft, in jener Nacht nicht ausgetrunken“. Nach Meinung der heutigen Gedichteexperten – es gibt keinen Kommentator, der nicht über Nacht zum Reimspezialisten geworden wäre – ist das Wörtchen „nicht“ verfehlt. Grass hat seinen braunen Saft bis zum Grunde geschlürft und sein ganzes Leben lang nie erbrochen.

Die FAZ hat amerikanische Stimmen eingeholt, die der tiefenpsychologischen Analyse des Herausgebers nicht widersprechen: „Moralisch hohl, beschämend, eine ineffiziente Denunziation, wild, fiebrig, verleumderisch“.

Grass wird zum verachtenswerten Symbol einer ganzen Nation: „Dass eine solche Person als Gewissen einer Nation angesehen wird, spricht Bände über den heruntergekommenen Zustand des intellektuellen Diskurses im gegenwärtigen Europa.“

Es gibt nicht nur einen kontinentalen Kampf um die Deutungshoheit, wie Wirtschaft zu sein habe – ob sozial, wie in Old Europe oder asozial wie in Gottes eigenem Kapitalistenland –, sondern um die Hoheit der Kultur. Hat der Engländer Watson neulich noch ein bewunderndes Buch über die deutsche Philosophie, Dichtung, ja die gesamte Kultur, geschrieben, geht’s nun rasend abwärts.

Das deutsche Paradigma: regulierender Staat, gebändigte Wirtschaft, Kultur als notwendiges Ingrediens einer Nation, die sich weiter im Spiegel betrachten will, muss geschleift werden. Der konservative Block rechter Christen, die schon immer was gegen das Ausland, die Zentralregierung in Washington, soziale Marktwirtschaft, eine allgemeine Gesundheitsfürsorge hatten, verlappt sich noch enger mit der AIPAC, die mit der imperialistischen Netahjahu-Regierung überidentisch ist, zu einer schlagkräftigen Anti-Europa- und Anti-Deutschland-Koalition.

Auch hier enden die Nachkriegsschwüre der unverbrüchlichen transatlantischen Freundschaft, es beginnt ein neues Kapitel der amerikanischen Isolation. Keineswegs öffnet sich der riesige Kontinent in Richtung Pazifik. Die konfuzianisch-heidnischen Chinesen mit ihrer unermesslichen Wirtschaftskraft und ihrem Anspruch auf die Nummer eins in dieser Welt sind ihm noch viel unheimlicher.

Inzwischen geht‘s nicht nur um Grass im Besonderen, sondern um das Gesamtpaket Grass, das demontiert werden muss. Die Alphaschreiber, aufgewachsen im Dunstfeld des blechtrommelnden Großintellektuellen, entledigen sich ihres literarischen Über-Ichs.

Man könnte von einem hundsgewöhnlichen Vatermord sprechen, der zur eigenen Ich-Werdung der Nachrückenden notwendig wäre, allein, es geschieht ohne eine Prise Bewusstsein. Insofern gerät die Attacke gegen den Vater zur Selbstentleibung des nachkommenden Zwergobsts.

Es wird ausagiert und exekutiert, man gestikuliert furchterregend mit dem Dolch unterm Gewand. Allein, man macht sich nichts bewusst. Erkenntnisgewinne sind am entferntesten Horizont nicht zu entdecken. Die TAZ bringt eine Generalabrechnung mit dem unberechenbaren Schnauzbart.

Lange habe Grass als Gewissen der Nation gegolten, doch seine eigene Rolle nicht hinterfragt, deshalb sei seine Kritik unglaubwürdig. Mal zum Mitschreiben:

a) Wer hat ihn zum Gewissen der Nation erhoben, wenn nicht diejenigen, die ihn jetzt vom Sockel holen? b) Braucht eine mündige Nation ein Über-Gewissen? c) In welchem Maße „hinterfragen“ (ein Wort aus der Abfallkiste der Edelfedern) die Kritiker ihre Rolle? In keinem Maß. Also wären sie genau so unglaubwürdig.

Hinter dieser Figur steckt das heilige Wort: Wer sich selbst richtet, wird nicht gerichtet werden. Das ist eine typisch-heiligmäßige Verballhornung des sokratischen: ein unüberprüftes Leben ist nicht lebenswert. Wer sich selbst nicht kritisch sieht, wer lernend sein eigenes Leben in Wort und Tat nicht in Einklang zu bringen versteht, ist unglaubwürdig.

Aus Unglaubwürdigkeit wird im Raum der Erlöser das irreversible Richten und Gerichtetwerden unter Ewigkeitsaspekten. Im Revier der Richter und Propheten gibt’s keine zweite Chance. Wer einmal vom Glauben abgefallen ist, hat die Sünde wider den Geist verübt, der niemals vergeben wird. Einmal SS, immer SS.

Es zählen nicht nachweisbare, im Lichte des Tages verübte Taten, es zählt das unbewusste Probehandeln im Gehirn der Menschen. Wenn man dieses röntgenologische Bergpredigt-Kriterium anlegte, müsste die ganze Gesellschaft wegen Ehebruchs, Mordversuchen, Diebstahls und Verleumdung in den Knast.

Hobby-Therapeuten wie Schirrmacher und Joffe sind vernarrt in die Qualität ihrer Ferndiagnosen, als ob Grass selbst den Staat Israel auslöschen wollte. Mit Wolfssohn müsste man sagen, die Kritiker sind die Summen ihrer Vorurteile.

Über Nacht können sie kein einziges Tröpfchen Urteilsvermögen im gesamten Lebenswerk des bislang hoch Gefeierten mehr finden. Jugendtorheiten? Zählen im Reich der Ewigkeit und der heutigen Vernichtungswelle nicht. Wenn Jesus schon mit 12 so genial war, um die Weisen im Tempel zu verblüffen, hatte Grass noch 5 Jahre mehr, um erleuchtet zu werden – die er völlig sinnlos vergeudete.

Grass wird zum Zombie erklärt, zum trügerischen Teufelsspuk, der die Deutschen sein ganzes Leben lang an der Nase herumgeführt hat. In einem ungeschützten Moment hat er sich nun bis auf die Knochen entlarvt, das ehrbare Gewand des demokratischen Tugendpredigers weggeworfen und seine nichtswürdige Fratze enthüllt.

Von Dichter kann überhaupt keine Rede sein. „Eine literarische Todsünde“, befindet Kollege Liedermacher Biermann, dem man jenen Nobelpreis geben sollte, den man dem Scharlatan mit Schimpf und Schande abknöpfen müsste.

Im dunklen Feld zwischen ästhetischer Kunstfreiheit und politischer Korrektheit lässt sich trefflich munkeln. Hat man politisch nichts zu sagen, wird das Gedicht eingestampft, hat man ästhetisch nichts zu sagen, muss der politische Inhalt dran glauben.

Was der Kritiker eben noch als Vorzug beschrieb – Grassens Störpotential, das immer auf Auschwitz verwies – wird ihm im nächsten Moment als Fehler rot angestrichen: Seine Kritik an Israel sei im „Schatten seiner historischen Befangenheit“ geschehen. Welcher Befangenheit?

Keine Antwort, stattdessen Verweis auf die Form des Gedichts. Wer ein pathetisch-miserables Gedicht verfasst, muss ein Hund sein. Böse Menschen haben keine Lieder.

Dann wird nachgewiesen, dass er früher dieselbe Meinung hatte (allerdings differenzierter), dennoch habe sich sein Standpunkt „gründlich verändert“.

Wieso denn das? Das hinge damit zusammen, dass sein Standpunkt des Großkritikers an Glaubwürdigkeit verloren habe.

Was hat seine Stellung mit dem Inhalt seiner Rede zu tun? Was geht ihn an, welche Stellung er innehat, die ihm von Medien angetragen und nun wieder entzogen wird. Sagte er nicht selbst, er werde seine Meinung sagen, unabhängig von falschem oder richtigem Beifall?

Seine Kritik, so die TAZ, sei deshalb unglaubwürdig geworden, weil ihm die „glaubwürdige unabhängige Position“ durch den Wegfall des Ost-West-Konflikts abhanden gekommen sei.

 

Geistige Distanz ist nicht unbeteiligte Entfernung, sie ist identisch mit Leidenschaft. Sokrates’ Kritik an der athenischen Polis war voller Leidenschaft und Involviertheit, das macht sie so glaubwürdig.

 

Im Übrigen ist Distanz immer eine geistige und hat mit äußerlichen Faktoren nichts zu tun.

Einem Satz allerdings müssen wir Recht geben: im Gegensatz zu Christa Wolf hat Grass zuwenig seine „Kindheitsmuster“ beschrieben und analysiert. Vielleicht hat er es für sich gemacht, der Öffentlichkeit aber dann nicht mitgeteilt.

Man müsste grundsätzlicher fragen: kann Literatur ein politisches Erdbeben und ungeheueres Verbrechen mit ihren Mitteln bewältigen? Hat Grass wirklich eine Antwort auf das Warum gefunden? Hat er in seinen Werken und Essays nicht vor allem nur äußerlich beschrieben, doch zu wenig die Wurzeln des Verhängnisses erforscht?

Literatur kann viel, aber nur, wenn sie sich der Erkenntnisse bedient, die ihr von den Wissenschaften geliefert werden und die sie ins Leben unauffällig einarbeitet. Tolstoi, Goethe, Shakespeare waren gebildete Giganten, die alles in ihre Werke einflechten konnten, was sie für richtig hielten.

In unserer Experten- und Spartenkultur hat sich die Literatur längst von den Wissenschaften gelöst, die Thesen der Historiker, Psychologen und Philosophen sind in modernen Romanen nicht wiederzuerkennen.

Man nimmt sich gegenseitig nicht zur Kenntnis. Ein bisschen Heidegger-Klamauk in der Blechtrommel ist keine Auseinandersetzung mit dem Schwarzwälder Tiefendenker. Die eigene Intuition ist unerlässlich, sie muss aber durch viel Gedankenarbeit geschärft worden sein, um sie auf die Menschheit loszulassen.

Platon war Dichter und Denker in einer Person. Homer hat sein ganzes Zeitalter auf den Begriff gebracht – in einem einzigen Gedicht. Das Gilgamesch-Epos umfasst das ganze Universum der beginnenden Hochkultur. Am Gedicht als solchem kann‘s nicht liegen, dass der Schuss nach hinten los ging. Auch nicht daran, dass es um Watschen gebettelt hätte.

Sonst galt Provokation – auf deutsch: hervorrufen – zumeist als etwas Sinnvolles, ja absolut Erforderliches im Methodenkasten der Kunst. Über Nacht wird dieses Instrument verfemt und geächtet.

Zudem habe Grass, so die TAZ weiter, den Opfer-Täter-Diskurs verschoben oder gar auf den Kopf gestellt. Das habe FAZ-Schirrmacher trefflich herausgefunden, wenngleich gegen den Dichter gewendet.

Hat Grass jemals behauptet, nicht dem Volk der Täter anzugehören? Hat er sich die Rolle des Opfers erschwindelt?

Nein, er hat den Versuch gemacht, sich in die Opfer einzudenken. Freud spricht vom psychischen Mechanismus der Identität von Opfer und Aggressor.

Die Disziplin der Viktimologie erforscht die seelische Verstricktheit der Täter mit den Opfern und umgekehrt. Jeder hat eine Ahnung von sado-masochistischen Achsensymmetrien.

Solche Hinweise zur Ergründung der deutsch-jüdischen Symbiose, die als unerkannte zur Katastrophe beitrug, werden nirgendwo aufgenommen. Schon gar nicht bei Joffe und Schirrmacher, die im Freud'schen Garten herumwildern, dass Gott erbarm.

Zum Schluss eine ausgezeichnete Analyse der deutschen Antisemitismus-Debatte aus der Feder des israelischen Philosophen Moshe Zuckermann.

Heute sei, so der Gelehrte aus Tel Aviv, der Begriff Antisemitismus zur Waffe jener verkommen, die sich, wie der Zentralrat der Juden oder führende Personen der jüdischen Intelligenz oder anderer Nichtjuden, „mit Juden und Israel panisch zu solidarisieren pflegen.“

Es bestehe in der Tat die Gefahr, dass unliebsame Meinungen mit der Zensur Antisemitismus mundtot gemacht würden. Heute müsse man eine gewisse Courage aufbringen, um gegen diese Entmündigungsversuche anzugehen.

Selbsternannte Antisemitismus-Experten dekretierten heute nach Belieben, was Antisemitismus sei, um andere Meinungen par ordre du mufti niederzubügeln. Was die Grass-Affäre in einem Maße beweist, wie es vor einer Woche niemand für möglich gehalten hätte.

Es gibt kein Tabu in diesem Land. Doch wehe, du verletzt es.

Bis jetzt keine Stellungnahme führender Politiker. Auch Gauck, der glühende Prediger der Freiheit, hat vom Recht der freien Rede in causa Grass noch keinen Gebrauch gemacht.