Freitag, 06. April 2012 - Enttabuisierung und Günter Grass (II)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Klage,

Karfreitag ist Tag der Klage. Wir sind entlastet vom Zwang zum Erfolgreichsein, zum falschen Triumph, zum aufgesetzten Siegergrinsen, vom Zwang zum Optimismus der ruchlosen Denkungsart.

Aus tiefstem Herzen dürfen wir schwarzsehen. Wir dürften uns sogar bemitleiden, wenn, ja wenn es keinen Karfreitag gäbe. Denn heute müssen wir einen andern beklagen und betrauern: Ecce Homo, den Mann am Kreuz. Sehet den Menschen, der ein Gott war, womit gesagt ist, wir müssen gottgleich werden, um Menschen zu sein.

Die Deutschen bemitleiden sich selbst, das wird ihnen an Karfreitag verboten. Selbstmitleid ist Verrat am Mitleid mit dem leidenden Erlöser. Wir sollen mit dem Anderen leiden, mit jenem, der uns durch sein Leiden aus unserem Leiden befreit hat.

Habe Mut, dein eigenes Leiden zu beklagen und zu betrauern, Mitleid mit dir selbst zu haben. Erst dann wirst du Mut bekommen, dich deines eigenen Kopfes zu bedienen. Das wäre die Ablösung von Fremdtrauer und Fremdklage.

Im Sog des Karfreitagsgeschehens dürfen wir keine Gefühle für uns selbst entwickeln. Wir trauern um den Herrn, freuen uns im Herrn. Was immer wir fühlen, es geht um den Herrn.

Die stellvertretenden Gefühle für den Heiligen haben die Gefühle für uns so in Mitleidenschaft gezogen, dass wir ...

... unfähig sind, anderen echte Gefühle entgegenzubringen. Warum ist die Moderne so gefühlskalt? Weil unsere Energie, unsere Emotionen in einem Schwarzen Loch versenkt werden, dem Grab des Karfreitags- und Ostergeschehens.

Seit Hunderten von Jahren werden unsere vitalen Gefühle im Dienst des Gekreuzigten und Auferstandenen auf Ihn geworfen. Wir klagen, wenn ER stirbt, wir freuen uns, wenn Er auferstanden ist.

Da niemand Mitleid hat mit uns, müssen wir uns selbst bemitleiden. Wer Gefühle hat für sich, hat sie auch für andere. Umgekehrt gilt das nicht: wer sich selbst nicht fühlen darf, empfindet auch nichts für andere. Pro nobis ist der Göttliche gestorben und auferstanden, damit wir mit unseren elementarsten Empathien bezahlen.

Dann wundern wir uns, dass wir uns unbeteiligt und gefühllos erleben. Freuet euch im Herrn, leidet mit dem Herrn, werdet identisch mit dem Herrn – verschmelzt mit dem Herrn zur unio mystica, dann seid ihr euer Ich los und all eure ich-starken Gefühle.

Wie sie ihre Geschäfte auslagern, so verlegen sie ihre Sinnesempfindungen ins innere Ausland und lassen ihr seelisches Binnenland ausdörren. Sie lieben andere mehr als sich selbst, beklagen andere mehr als sich selbst, freuen sich in anderen mehr als für sich selbst. Ihr Selbst leidet an Magersucht, weil sie so selbst-los sind, sich vernachlässigen und als emotional Verwahrloste weder sich noch andere fühlen.

Die Psychoanalyse spricht von Projektion, von Verleugnung und Verdrängung, verliert aber keinen Ton über die Ursachen der Selbst-entleerung. Wir projizieren alles auf einen Gott, er ist unsere Projektion. Wir verlagern und verlegen unsere tiefsten Gefühle auf den Gott, lassen ihn stellvertretend sterben und auferstehen, damit wir in Ihm leiden und uns mit Ihm freuen dürfen.

Die Auslagerung unserer Gefühle hat auch eine zeitliche Dimension: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, aber die Welt wird sich freuen, ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit wird zur Freude werden." (Joh. 16,20 f) Wie eine Schwangere ängstlich ist, wenn die Wehen beginnen, sich aber freut, wenn das Kind da ist, so müssen wir das irdische Jammertal durchstehen und als Investition auf die Zukunft betrachten, wo Freude um so größer sein wird, je mehr wir hienieden darben mussten.

Der Zustand unserer Gefühllosigkeit ist eine zinskräftige Anlage, die eines unbekannten Tages ihre Früchte trägt. Jetzt in zinsgünstigen Klagen anlegen und in der Zukunft in Freudenpapieren mit Zinseszins abheben.

Das griechische Wort Kenosis heißt Selbstentleerung, Selbstentäußerung, und definiert den Christus, der sich als Mensch aller göttlichen Eigenschaften entäußert hat. (Wie er als Mensch gleichzeitig Gott sein konnte, hat noch kein Gottesgelehrter erklären können, es bleibt ein Geheimnis).

Wie er sich aller göttlichen Eigenschaften enteignen musste, um wahrer Mensch zu sein, muss der Mensch sich aller menschlichen Fähigkeiten entäußern, um wahrer Gott zu werden. „Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er weggeworfen wie das Schoss und verdorrt und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.“ (Joh. 15.6)

So müssen sie ihr Ich aufgeben und mit Ihm zu einem übernatürlichen Wesen zusammenwachsen, damit sie am Jüngsten Tag ihr heiligmäßiges Sparguthaben abheben können. Dann werden alle Bücher mit den Bilanzen aufgetan, die wahren Vermögensverhältnisse offen gelegt.

Und abermals sage ich euch, wenn ihr nicht all euere Gefühlsaußenstände aus der Zukunft zurückholt, werdet ihr so blutleer bleiben wie ihr jetzt schon ausgebrannt seid.

Habet Mut, mit eigenen Gefühlen zu fühlen, mit eigenen Gedanken zu denken, mit eurem eigenen Willen zu wollen.

Das Mitleid mit der Kreatur hat Schopenhauer in den Kern seines Denkens gerückt. Da der Mensch eine Kreatur ist, darf er sich selbst bemitleiden. Wer mit einer Kreatur mitfühlt, fühlt mit allen.

Den Deutschen ist es verwehrt, Schopenhauerianer sein, sonst wäre ihnen erlaubt, sich zu bemitleiden und nach Herzenslust pessimistisch zu sein. Endlich keine pädagogische, politische oder fortschrittsfreundliche Zuversicht mehr, endlich alles in Grund und Boden mit schwärzesten Tönen malen.

Oswald Spengler mit dem Untergang des Abendlandes war ein deutsches Spitzenprodukt in Untergangsstimmung, ein pessimistischer Erfolgsschlager. Natürlich war das nur eine paradoxe Intervention, denn es war versteckte Hoffnung wider alle Hoffnung (sperare contra spem). Das merkte man, als die Nazis aufkamen und Spengler sofort ein Licht am Horizont bemerkte.

Den Charakter des Kapitalismus hat Schopenhauer voll durchschaut, weswegen er so pessimistisch eingestellt war. Der Mensch ist von einem grenzenlosen Willen geprägt, der sich aus Bedürftigkeit, Mangel, Schmerz und Langeweile zusammensetzt.

Der rastlose Wille ist nie zu befriedigen, was jeder neoliberale Ökonom unterschreiben würde. „Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande, ist also Leiden, wenn es nicht befriedigt ist; keine Befriedigung aber ist dauernd, vielmehr ist sie stets nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens.“

Das Streben hat kein Ziel, das Leiden kein Maß, die Welt ist ein Jammertal, daher ist der Optimismus eine „ruchlose Denkungsart“, weil sie uns über den wahren Zustand der Welt betrügt und uns vorgaukelt, was es gar nicht gibt: Hoffnung auf eine bessere Welt. (Arthur Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung“)

Die Welt ist das Weltgericht, das war schon so bei seinem verhassten Nebenbuhler Hegel. Doch dort gab es noch Sieger, hier gibt’s nur noch Verlierer. Mit Ausnahme jener, die ihren schädlichen Willen abtöten und nichts mehr wollen. Vor allem sexuell.

Je intelligenter wir sind, je klarer erkennen wir den miesen Charakter der Welt, je mehr leiden wir. Optimistische Amerikaner können demnach nicht sonderlich helle sein, sie leben in tiefster Düsternis eines unendlichen, angeblich glücklichen, Willens nach immer mehr Dingen und Produkten.

Die Deutschen sind wesentlich klüger. Ihnen geht’s nur gut, wenn’s ihnen schlecht geht. Wer grantelt, beweist eine bestimmte Form von Durchblick. An diesem Punkt offenbaren deutsche Grantler die philosophische Extraklasse eines verblichenen Volkes der Dichter und Denker.

Je pessimistischer sie sind, umso antikapitalistischer sind sie eingestellt gegen den eitlen Wohlstandskult der heutigen Wirtschaft. Hätte Schopenhauer Recht – und wer wollte ihm widersprechen? –, müsste man die ganze Konsumreligion als einen einzigen inhaltslosen unbefriedigten und düsteren Blick auf die Welt betrachten. Als pessimistische Hölle oder platonische Höhle, angefüllt mit Supermärkten, Luxusautos, Küchenmaschinen und menschenverderbendem Sex.

Schopenhauer ergab sich dem Buddhismus und entsagte der Welt – wenigstens ein bisschen. Obwohl er Gegner des Christentums war, landete er in einer eremitenhaften Haltung, die sich gut mit mönchischer Askese und Weltfeindschaft vertragen hätte. „Wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es ins ewige Leben bewahren.“ (Joh. 12,25)

 

Womit wir elegant bei Golgatha und Grass angekommen wären, denn der Dichter hat rechtzeitig vor Karfreitag der Welt sein Haupt voll Blut und Wunden gezeigt. Doch er wurde nicht erlöst, sondern ans imaginäre Kreuz gehängt.

Ob das sein inneres Bedürfnis war, als Gekreuzigter mit letzter Tinte abzutreten? Wenn ja, hat sein Freund Broder den Braten gerochen und ihm die Trauerrede prophylaktisch gehalten.

Was sein Grabredner übersieht, ist, dass der Totgesagte nicht die verfolgte Unschuld spielt, sondern die spät reumütige Schuld.

Grass sollte den Ausdruck „autoritärer Knochen“ als kollaterales Kompliment betrachten, denn es gibt Schlimmeres als ein unbiegsamer Knochen zu sein, nämlich eine gallert-ähnliche Masse, die allen Fußabstreifern nachgibt.

Die fast einhelligen Angriffe hätten ihn verletzt, wie er gestern in den Medien sagte. Eine Elefantenhaut habe er nicht, er wolle sich auch gar keine zulegen. Gleichwohl bereue und nehme er nichts zurück.

Ein arger Affront gegen die sensiblen Medien, die sich anstrengen, ihn von seinem Altersstarrsinn zu befreien, wiewohl sie Besserwisserei sonst heftig ablehnen.

Unsere großen alten Männer haben anscheinend nur die Wahl, wie Walter Jens ins Nirwana abzutauchen oder wie Grass altersstarr zu werden, wobei ich parteiisch eher für aufrechten und unbeugsamen Altersstarrsinn plädiere.

Wenn mich jemand fragen würde: habt ihr in Deutschland noch einen veritablen Intellektuellen, würde ich errötend sagen: Ja, den Günter aus der norddeutschen Heide. (Das ist ein bisschen bei Nietzsche abgeguckt, der auf eine ähnliche Frage tapfer den Namen Bismarck nannte).

Schon lange hatte man nichts mehr von dem schnauzbärtigen Kaschuben gehört und was man hörte, klang eher nach Schröder und Hartz4, als nach einem dritten sozialistischen Weg. Doch gestern hat er all seine bubihaften Interviewer um Längen geschlagen und die kritischen Anfragen in pfeifenrauchender Gelassenheit pariert.

Man warf ihm weniger Gegenargumente vor, die man besprechen könnte, als biografische Unveränderlichkeiten, als da sind seine Mitgliedschaft in der SS (mit 17) oder seine Position als Zola-Nachfolger, als großer weiser Mann, der des Glaubens sei, der Welt zeigen zu können, wohin es gehen soll.

Als 17-Jähriger könne man sehr wohl wissen, was Politik ist und dürfe sich nicht auf jugendliche Dummheit und Verführbarkeit hinausreden. Meint Historiker Michael Wolffsohn, der offensichtlich noch keine Bücher von Erika Mann über das verführerische Klima im Dritten Reich gelesen hat, sonst könnte er diesen Unsinn nicht laut verkündigen.

Wenn ein ganzes Volk sich selbst mit Hilfe eines Führers verführt – C.F. von Weizsäcker sprach von der Ausgießung des Heiligen Geistes –, dann wird ein Bürschchen von 17 Jahren Mühe gehabt haben, überhaupt festzustellen, dass es neben dem Heil noch Alternativen gab.

Dass mir ein weiser alter Mann lieber ist, als viele unweise Edelfedern, gebe ich verschämt zu. Warum er dies alles so lange verschwiegen, aber andere für ihre Verstrickungen kräftig gebeutelt habe, hat er ja in seinem Gedicht erklärt: er hatte Schiss vor Antisemitismus und vor Verlust seiner moralischen Reputation, weswegen er das Gedicht als öffentliche Beichte abgelegt habe.

Grass musste das Tabu in sich brechen, um über ein Thema zu reden, das ihm schon lange auf den Nägeln brannte, aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus aber nicht ansprechen konnte.

Solche Tabus gebe es nicht, meinen kess die Edelfedern, die noch vor kurzem das kritische Zitieren eines alttestamentarischen Verses als Judenhass abqualifizierten.

Die Deutschen, besonders die Generation Grass, stecken voller Scham- und Schuldgefühle. Wie sollten sie keine Probleme haben, ausgerechnet jenen Opfern Vorwürfe zu machen, an deren schrecklichem Schicksal sie mitschuldig waren?

Jeder könne alles über Israel sagen. Wäre Gabriel mit seinem Apartheidsvergleich der palästinensischen Gebiete etwa „bestraft“ worden? Natürlich, es erhob sich sofort ein Sturm, dass der SPD-Mann seinen Vergleich unverzüglich zurückziehen musste. Sonst hätte er etwaige politische Folgen tragen müssen.

Grass gab zu, dass er in seinem Gedicht einseitig formuliert habe. Den Iran habe er kaum erwähnt, weil dieses Thema anderweitig schon ausführlich dargestellt worden sei. Deshalb habe er sich auf Israel konzentriert, worüber bei uns viel zu wenig und unzureichend debattiert werde.

Nehmen wir die Äußerungen von Grass nicht mehr als Gedicht, sondern als Manifest, muss gefragt werden, ob seine Behauptungen der Realität standhalten. Ein SPIEGEL-Autor hat die Fakten einzeln überprüft und kommt zum Ergebnis: „So falsch liegt Grass“.

Liest man die einzelnen Punkte genau, bleibt von der hochtönenden Kritik wenig übrig. (Auch ich musste nach Anhören der Interviews meine Meinung korrigieren.)

Es gibt einen Punkt, den er präziser hätte formulieren müssen. Das ist der sogenannte atomare Erstschlag, den Israel führen wolle. Dafür gibt’s keine Belege, das moniert auch Avi Primor, der ihn ansonsten in Schutz nimmt, er sei alles andere als ein Antisemit.

Auf die innere Situation der Israelis, die sich von der Regierung Irans bedroht fühlt, ist Grass ebenfalls zu wenig eingegangen, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, er könne sie verstehen. Das hätte er eindeutiger zur Sprache bringen müssen.

Ihm ging‘s, wie er mündlich ausführte, um die unkontrollierte Atommacht Israels, die an sich schon eine riesige Bedrohung darstelle, da kein Mensch wirklich wisse, über wie viele Atombomben und –raketen das Land verfüge.

Alles, was dem Iran verboten werde, sei dem kleinen Land erlaubt. Das sei ein skandalöser Doppelstandard des Westens, der in arabischen Nachbarstaaten viel Abscheu und Hass erregen würde.

Allerdings hätte Grass besser von der Regierung in Jerusalem gesprochen als pauschal von Israel. Wenn Netanjahu und Barak selbst entscheiden dürften, ob und wann sie vorbeugend zuschlagen, bestünde die Gefahr einer aufschaukelnden Reaktionsbildung, die zur Anwendung atomarer Raketen führen könnte. Und zwar von jenen Unterseeboten aus, die Deutschland dem Land geliefert hätte und noch weitere liefern würde.

Es stimmt, dass Israel bis jetzt noch kein Land atomar bedroht hat. Aber seine Unfähigkeit zu einer friedensstiftenden Politik im Allgemeinen und gegenüber den Palästinensern im Besonderen sei eine wachsende Quelle des Unfriedens in einer Weltgegend, in der die Gesamtsituation jederzeit explodieren könne.

Grass bereut öffentlich seinen Fehler, zu lange geschwiegen zu haben. Seine Gegner halten dagegen, es herrsche kein Tabu im Land, jeder könne Israel kritisieren, wie er wolle – wenn er nur sachlich bliebe.

Doch wer bestimmt, was sachlich ist. Wer bestimmt, wann Antisemitismus beginnt? Wer heute das Verdikt Antisemit einfängt, ist beruflich erledigt. Zumal jede Kritik an Israel als verkappter Antisemitismus bewertet wird.

Zwar hat sich in dieser Hinsicht einiges gebessert in den letzten Jahren, die Berliner Regierung ist jedoch noch heute nicht in der Lage, Jerusalem freundschaftlich und freimütig die Meinung zu geigen. Merkel spricht von unbedingter, also kritikloser, Solidarität. Diese hasenfüßige Haltung trifft für die ganze EU zu.

Leute mit Schuldgefühl haben Schwierigkeiten, Themen anzusprechen, die mit schrecklichen Taten verbunden sind – ob sie es zugeben oder nicht. Wer dies leugnet, steckt den Kopf in den Sand.

An einem möglichen Dritten Weltkrieg, der sich in der Region zusammenbrauen könnte, will der Autor nicht mitschuldig sein. Deshalb rede er jetzt, um das Äußerste versucht zu haben, das in seiner Macht stehe. Seine Herkunft habe er als Makel und Handicap gesehen, die ihn an der freimütigen Rede gehindert hätten.

Das ist eine subjektive Perspektive, der man andere Perspektiven gegenüberstellen kann. Wer sie aber aus angemaßtem Objektivismus einfach negiert, wie es Grassens Kritiker tun, will anderen vorschreiben, was sie zu empfinden und wahrzunehmen haben.

Ist in der Postmoderne sonst alles perspektivisch, soll ausgerechnet hier eine Wahrnehmung die unfehlbar richtige sein. Das ist so intelligent, wie Goethe vorzuwerfen, er habe jene Pastorentochter gar nicht geliebt, die er in einem Gedicht zu lieben vorgibt.

Fazit: Grass hätte sich in seinem Gedicht unzweideutiger äußern müssen. Seine dichterische Metaphernsprache lädt zu vermeidbaren Missverständnissen ein.

Er hätte erklären müssen, dass er Israels Ängste versteht, auch wenn er die Methoden des Landes ablehnt, die Ängste in aggressive Militärpolitik umzusetzen.

Eindeutig gesteht er seinen Fehler ein, allzu lange geschwiegen zu haben. Sein Erklärungsversuch ist plausibel. Es gibt keinen Grund, ihm in schmähender Form unaufrichtige Motive zu unterstellen.

Während viele seiner Kollegen sich längst aus der Pflicht verabschiedet haben, als Bürger Stellung zur Politik zu nehmen – unter ihnen Herta Müller, die ihm jetzt vorwirft, als ehemaliger SS-Mann sei er nicht neutral genug, um eine Stellungnahme abzugeben, als ob Neutralität eine demokratische Tugend wäre –, ist er einer unter ganz wenigen, die sich das politische Maul nicht verbieten lassen.

Es besteht der Verdacht, dass seine Kritiker aus der nächsten Generation wie Schirrmacher & Steinfeld ihrem einstigen intellektuellen Idol gram sind, dass er sie so lange mit Schweigen „an der Nase herumgeführt“ habe. Dass er noch immer die Vergangenheit auf den Schultern trage, obgleich die jüngeren Redakteure längst die überhebliche und heuchlerische Meinung vertreten, sie und ihre Medien hätten die bösen Geister von ehedem längst säuberlich archiviert, entsorgt und begraben.

Jakob Augstein ist zuzustimmen, dass es Grass mit seiner Stellungnahme gelungen sei, Deutschland aus dem Schatten Merkels herausgeholt und das Thema Israel in die Sphäre einer echten kritischen Solidarität überführt zu haben.

Uri Avnery und Tom Segev sind nicht die einzigen selbstkritischen Israelis, die schon lange Kritik aus Deutschland und der EU angemahnt haben. In Israel käme niemand auf die Idee, jene Stimmen als antisemitisch zu diffamieren.

Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, ist in der Gestalt des Günter Grass als unendliche Aufgabe in die Arena der Öffentlichkeit zurückgekehrt.

Gesamtkommentar zur Grass-Affäre siehe:  Kontroversen - Günter Grass - Israel-Gedicht