Donnerstag, 05. April 2012 - Günter Grass (I)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der alternativen Ökonomie,

wie viele Deutsche glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes? Nicht mal ein Drittel: 28%.

Was sich selbst heilt, ist à la longue unverwundbar, es ist göttlich. Jesus war das Haupt voll Blut und Wunden. Dank bester Beziehungen hatte er keine Chancen zu sterben, sein (Schein-)Tod war Beginn seiner Auferstehung.

Der Markt kann aus allen Poren bluten, er steht immer auf, von Grund auf regeneriert und fit für einen neuen Aufschwung. Fruchtbare Zerstörung ist die theologisch-ökonomische Metapher für den nicht sterben könnenden Markt.

Der Markt ist unzerstörbar, unaufhaltsam, unwiderstehlich in seinem Siegeszug. Seine Niederlagen sind nur Zwischenstationen seines unbedingten Siegeslaufs, seine Wunden hinterlassen keine Narben, denn er zerstört radikal das Alte und beginnt unaufhörlich von neuem. Das Alte ist das Kranke, das ausgebrannt, ausgeschabt und spurenlos beseitigt wird.

Jesus ist Phönix, der sich vom altägyptischen benu ableitet: der wiedergeborene Sohn. Oft in Form eines Reihers dargestellt, eines mythischen Vogels, der sich verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen.

Die Neoliberalen sind Phönix-Jesus-Gläubige, die im Markt ein unsterbliches Lebewesen sehen und es anbeten. Ein bisschen ...

... Asche auf den Häuptern der Verlierer ist für sie kein Grund zum Heulen.

Ulrich Thielemann ist Wirtschaftsethiker aus St. Gallen, der einen Aufruf gegen die herrschende Marktgläubigkeit formuliert hat, die maßgebend beteiligt sei an den gegenwärtigen Finanzkrisen. Ihre mathematische Moralferne beschreibe eine Realität, die es nie gegeben hat.

Seit Jahrzehnten habe sich die naturwissenschaftliche Ökonomie dogmatisch verkapselt und keine alternative Denkweise zugelassen, das sei unwissenschaftlich, so Thielemann.

Die Märkte würden als Naturtatsachen genommen, Fragen der Gerechtigkeit aussortiert. Der Markt diene nicht dem Wohl aller, sonst gäbe es keine zunehmende Ungleichheit. Wettbewerb schaffe immer Sieger und Verlierer. Was nicht rentabilitätsfreundlich sei, werde immer mehr verfemt.

60% einer Umfrage stimmten dem Satz zu „In Deutschland müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden.“ „Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich eine Gesellschaft nicht leisten“, diesem Satz stimmten ein Drittel der Befragten zu, wie gleichfalls dem Satz „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager.“ 

Gegen die Alleinherrschaft dieses darwinistischen Modells erhebt sich nun Widerstand, darunter von den beiden Nobelpreisträgern Stiglitz und Krugman. „Der Glaube an den Markt hat in unserer Disziplin oft die Fakten übertrumpft“, so Paul Krugman. Stiglitz propagiert ein „neues ökonomisches Denken“, in Frankreich hat sich die Bewegung der „postautistischen Ökonomie“ gebildet. Thielemann fordert Vielfalt der Meinungen und eine redliche Streitkultur.

Das oberste Verwaltungsgericht in Leipzig hat das Bedürfnis nach Ruhe über die Rentabilität der Flughafenbetriebe gesetzt und ein Nachtflugverbot angeordnet. Das Gesetz steht nicht mehr automatisch auf der Seite des Profits.

 

Ohne Geheimnis keine Macht, weg mit dem neuen Transparenzkult, konnten wir gestern lesen. Das Bankgeheimnis der Schweizer ist seit 1932 die Grundlage ihres nationalen Reichtums. Rudolf Walther in der TAZ bezeichnet das Geheimnis als kriminelles Geschäftsmodell mit Steuerbetrug.

Vor wenigen Jahren haben die Amerikaner die Geduld mit den alpenländischen Gentlemen verloren und den Banken mit Lizenzentzug gedroht, wenn die Schwyzer nicht die Daten von Steuerbetrügern rausrückten. Die Schweiz gab nach.

Die Deutschen haben nicht den Mumm zu dieser konsequenten Politik, sie kaufen lieber gestohlene Bankdaten mutmaßlicher Steuersünder. Das wurde von Karlsruhe abgesegnet, was die Schwyzer in Rage brachte. Seitdem greifen sie die Deutschen an, sie würden mit Dieben kooperieren.

Nun will Schäuble ein Abkommen, um die Betrüger mit lächerlichen Beträgen nachzubesteuern. Grüne, Linke und Sozis lehnen dieses Abkommen ab, es käme einer Teilamnestie für Steuersünder gleich.

 

Zu Grass: Teil I - Das Gedicht

Ein Gedicht als Stimulans nationaler, internationaler Erregung. Die ausländischen Reaktionen klingen noch schwach. Stimmen aus arabischen Ländern gibt es keine, wenigstens werden sie in unseren kanalisierten Medien nicht weitergegeben. Selbst im Heiligen Land gibt sich man sich kühl: what's the matter, das Thema wird bei uns selbst kontrovers debattiert.

Da sind die im Ausland lebenden jüdischen Stimmen wesentlich erregbarer, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, nicht im Land der Sehnsucht zu wohnen. Also müssen sie ihre patriotischen Pflichten demonstrativer unter Beweis stellen, als diejenigen, die im Zweifelsfall in die Bunker flüchten müssen.

Im Binnenland sind die Edelsten und Tapfersten in Divisionsstärke aufgefahren, um einen verwirrten, alten peinlichen Mann, der sich selbstmitleidig ein Gedicht aus den Fingern gesogen hat – das gar kein Gedicht ist, wie Ijoma Mangold von der ZEIT überlegen grinsend feststellte – einer präemptiven Beerdigung zuzuführen.

Man könnte auch von Probeliegen im Sarg sprechen, schließlich ist der nicht ganz dichte Dichter und Greis schon über 80. (In Freiburg, da gibt’s nichts zu lachen, werden solche vorauseilenden Übungen tatsächlich angeboten.)

Was zuerst auffällt, ist die Schar all jener, die man als schreibende Kollegen benennen könnte, die sich nicht zu Worte melden.

Wo bleibt Freund Walser? Wo bleibt die Solidarität in der Not oder die aufrechte Kritik vor dem Freund? Hat er ihn wenigstens angerufen, ihm unverbrüchliche Verbundenheit geschworen? 

Wo bleibt die zweite Nobelpreisträgerin deutscher Zunge namens Herta Müller? Hat‘s im rumänischen Banat keine Juden, kein „Judenproblem“ gegeben?

Nur Johano Strasser vom PEN-Club, Denis Scheck und Klaus Staeck haben es gewagt, ihren Ruf aufs Spiel zu setzen und dem Angeklagten beizuspringen.

Was weiter auffällt, ist die Tatsache, dass unter den nichtjüdischen Kommentatoren der Vorwurf des Antisemitismus wesentlich seltener zu hören ist als unter ihren jüdischen Kollegen. Das wird doch nicht damit zusammenhängen, dass nichtjüdische Deutsche auf dem Antisemitismus-Auge ein wenig erblindet sind?

Brumlik hält den Begriff sogar für wissenschaftlich geklärt. Da dürfte es aber unter Wissenschaftlern doch keine Meinungsverschiedenheiten mehr geben. Über die Definition der Gravitation streitet ja auch niemand mehr.

Da muss die wissenschaftliche Erkenntnis noch nicht nach Israel vorgedrungen sein, denn sonst hätte Tom Segev nicht das Gegenteil sagen können: nein, Grass sei kein Antisemit, er verstehe nur nichts von Militärstrategie. Mosche Zimmermann hingegen meinte milde: Er gehört zu den guten alten Antisemiten, wozu die Aufregung?

Brumlik hat allerdings Recht, wenn er den Begriff Antisemitismus inflationär verwendet sieht. Bald ist es dem Brävsten und Korrektesten nicht mehr möglich, dem Vorwurf durch weiträumige Umgehung des Begriffes zu entgehen.

Es gibt primären und sekundären Antisemitismus. Auch Antiamerikanismus ist nichts als verkappter sekundärer Antisemitismus. Wer sich prophylaktisch mit dem Vorwurf auseinandersetzt, Antisemit zu sein, ist ein ganz hintertriebener Antisemit. Vermutlich wäre nur jener kein Antisemit, der sich mit entblößter Brust hinstellen und bekennen würde: Ich bin Antisemit, holt mich hier raus.

Grass habe schon immer mit Juden Probleme gehabt, so Chefanalytiker Broder, also: Antisemit.

Grass sei nie ein Freund des jüdischen Volkes gewesen, sagt Wolffsohn in einem SPIEGEL-Interview. Da könne er lange bekunden, sich mit Israel verbunden zu fühlen. Schon bei seinem allerersten Besuch im Land 1971 sei er wie ein Elefant im Porzellanladen aufgetreten und habe die israelischen Zuhörer „historisch und moralisch belehrt.“

Das ist inzwischen auch unter Deutschen ein Grund, jemandem die Freundschaft zu kündigen, wenn er als Besserwisser auftritt. Das macht man nicht in postmodernen Zeiten, wo niemand Recht hat, aber dies in erschütternder Rechthaberei.

Da müssen alle Lehrer und Belehrer in den Schulen schleunigst als verkappte Gegner ihrer Schüler entlarvt werden. Dass Freundschaft etwas mit Kritik zu tun haben kann, steht zwar im Buche Prediger, aber das muss man als Historiker für neuere Geschichte nicht mehr kennen. 

Sag ich also: ich fühle mich den Israelis verbunden, mach ich mich erst recht verdächtig: tertiärer Antisemitismus. Allein, dass ich darüber grüble, was Antisemitismus sein und wie ich dem Vorwurf entgehen könnte, zeigt doch, dass ich was zu verbergen habe: quartärer Antisemitismus.

Vermutlich sollte man das komplexe und für ein normales Gehirn nicht fassbare Thema den großen Elefanten und Antisemitismus-Experten überlassen – oder vorher bei Brumlik nachfragen, ob man sich noch im grünen Bereich bewegt.

Seit der Bergpredigt können obere, normative Instanzen den andern ins Gehirn gucken und ganz schlimme, verdrängte, unterdrückte, nicht zugegebene Antisemitismus-Gefühle entdecken: prinzipiell angeborener, erbsündiger, in den Genen verankerter, jederzeit aufbrechen könnender Antisemitismus.

Welcher Satz muss jetzt kommen? Richtig: die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen, sagte Seelenforscher Zvi Rex, der, wie jeder gute Analytiker, den Menschen direkt ins Unbewusstsein blicken kann.

Vermutlich meinte Rex, die Deutschen würden es den Juden nie vergeben, dass letztere sich hinterlistig als Opfer angeboten und die Deutschen in die Falle der Täter gelockt hätten, auf dass jene für die letzten Weltepochen vor der Wiederkunft des Herrn in ihrer Schuld seien, damit sie ihnen endlose Reparationen abluchsen und sie zu willfährigen Instrumenten ihrer Weltbeherrschungspolitik degradieren könnten.

Ein interessanter Gedanke, der in der Öffentlichkeit immer nur zitiert, aber nie debattiert wird. Sollte es in der deutsch-jüdischen Symbiose, die es nach Gershom Scholem nie gab, nach Leibovitz aber schon, vielleicht um eine verborgene sado-masochistische Quäl- und Leidensbeziehung handeln? Wer bestimmt dann das Geschehen im Ring? Derjenige, der die Peitsche schwingt oder derjenige, der geschlagen werden will? Oder beide abwechselnd?

Machen wir‘s kurz: der deutsch-jüdische Dialog, sofern er je bestanden hat, ist auf der ganzen Linie gescheitert.

Was wir erleben, sind höhnische Prügelrituale. Grass versteht nichts von Israel – was nicht bedeutet, dass er nur Unfug dichtet –, die übereifrigen Verteidiger Israels verstehen nichts von Grass und traktieren ihn, als sei er schlimmer als Hitler & Ahmadinedschad zusammen, was nicht bedeutet, dass ihre Argumente alle falsch wären.

Alles wiederholt sich, die üblichen Reflexe und Gegenreflexe, die automatischen Schuld-, Reue- oder Nichtreue-Reaktionen werden abgespult. Kollektive Aggressions-Schauspiele in berechenbarer Deja-Vue-Kulisse mit prädeterminierten Rollen, als habe sich in den letzten 30 bis 40 Jahren nichts geändert. Das bellt, das beißt sich wie bei den Pawlowschen Hunden.

Es ist der Beweis, dass eine ganze Nation sich belügt, wenn sie sich stolz auf die Schultern klopft, wie vorbildlich sie die Vergangenheit ausgemistet haben will. Und dann veranstaltet sie mit stereotypen Brettern vor dem Gehirn eine Kissenschlacht mit Schlammbeuteln und angereichertem Tränengas. Wer überhaupt den Versuch unternimmt, etwas zu verstehen, benutzt das Verstehen, um das Prügeln noch lustvoller zu machen.

Wie die Atmosphäre ganz anders sein kann als im innerdeutschen Sado-Maso-Studio, zeigen Interviews mit den nüchternen Herren Tom Segev und Avi Primor aus Israel, die den „verwirrten, dementen Greis“ nicht gleich beerdigen müssen, um ihn maßvoll zu kritisieren und ihm seine nicht geringen Denkfehler vorzuhalten.

Primor hält die Reaktionen auf Grass für völlig übertrieben. Man könne, man müsse den Nobelpreisträger kritisieren, man sollte ihn aber nicht als Antisemiten denunzieren. Das sagte er im Allgemeinen gegen die hysterische Binnendebatte, und im Besonderen gegen den Zentralrat der Juden, der in der Person des Herrn Graumann den Dichter als eine rundum verabscheuenswerte Figur brandmarkt. (SWR2)

Die deutsche Nation liegt mit sich im Zerwürfnis, tut aber, als sei sich mit sich im Reinen, weil ihr Bruttosozialprodukt auf den vorderen Plätzen liegt.

Jede Seite beobachtet in unterdrückter Spannung die andere, als gebe es einen permanenten subkutanen Krieg, jederzeit bereit, die ständig vorhandenen, aber versteckten ideologischen Kalaschnikows in Anwendung zu bringen. Zwei intelligent sein wollende Völker belauern sich gegenseitig wie Franzosen und Deutsche weiland vor Verdun.

Wäre ich staatlich anerkannter Besserwisser und Belehrer, würde ich in heiligem Zorn ausrufen: schämt euch, Deutsche und Juden. Tut nicht so freundschaftlich, kotzt euch endlich mal aus, was ihr an den andern nicht ausstehen könnt. Ihr macht aus eurem Herzen eine Intrigantengrube.

Ihr habt doch Probleme mit uns, sagen die Juden den Deutschen. So wird’s wohl sein. Wie umgekehrt die Juden mit den Deutschen ein Problem haben müssen. Da wird so viel von Moderation geredet, aber der jüdisch-deutsche Konflikt hat noch nicht mal reziproke Augenhöhe erreicht.

Was auf Deutsch heißt, beide Gruppierungen erkennen nicht, dass die Probleme der Einen die spiegelbildlichen Probleme der Andern sind.

Was die Stars in der Manege, sich gegenseitig überbietend, hier abliefern, ist verständiger und demokratischer Menschen nicht würdig. Wir erleben die Wiederholungen der Kinderkreuzzüge auf höchstgelehrter, sublim ausgedachter, scheinheiliger Ebene.

Man kann eine Diagnose auf zweierlei Arten erheben.

A) Man kennt jemanden und weiß, dass er kein Unhold ist. Dann bewerte ich anstößige Worte als befremdliche Ausnahmen von der Regel.

Wenn ich Grass nicht als normalen Antisemiten kenne, muss ich etwaige israelfeindliche Äußerungen als außernormale Fehlhandlungen seines Unbewusstseins betrachten, die ich ihm vorhalten muss, aber nicht im Sinne eines triumphierenden: Jetzt hab ich dich, du Schwein, jetzt hast du dich verraten.

Noch immer gelten Taten  und nur nachhweisbare Taten  als vorwerfbare Indizien, nicht Abkömmlinge des Unbewusstseins, die uns definitionsgemäß unbekannt sind.

Ein wacher Mensch wird diese Signale nutzen, um besser über sich nachzudenken und sein Unbewusstsein nach und nach aufzuklären. Hab ich antisemitisch-unbewusste Gefühle, die mir dunkel aus den Poren kriechen, bin ich noch lange kein Neonazi: wenn ich sie zur Selbsterkenntnis nütze, bin ich das Gegenteil eines Rechten.

B) Ich betätige mich wie Jesus, der die Gedanken eines Menschen zu kennen glaubt und aus verborgenen Gefühlen ein Täterprofil entwickelt: gedanklicher Ehebrecher, wirklicher Ehebrecher.

Das ist die Methode der meisten Antisemitismus-Experten. Grass hat Gedanken notiert, die – zu Recht – unter die Lupe genommen werden. Doch dann kommt die verhängnisvolle, inhumane Schlussfolgerung: gedanklicher Antisemitismus ist identisch mit realem Antisemitismus.

Brumlik übertreibt völlig, indem er das Ergebnis seiner tiefenanalytischen Sicht eins zu eins ins Reale hochrechnet: „Man könnte also sagen: Der Grass von 2012 ist schlimmer als ein Antisemit“. Das ist von anmaßender, unfehlbar scheinender Verurteilungssqualität.

Seinen Kommentar überschreibt er: „Der an seiner Schuld würgt“. Soll das ein Vorwurf sein? Ist es nicht vorbildlich, wenn jemand nicht einfach über seine Schuld hinweggeht und versucht, mit ihr ins Reine zu kommen? Da kann man wohl Fehler machen, seine Schuld verdrängen und anderen aufbürden – ohne dass man es selber merkt.

Zeigen sich diese Fehlleistungen im Spiegel öffentlicher Taten und Werke, kann man sie zur Kenntnis nehmen, seinem Bewusstsein integrieren und sie somit unschädlich machen. Brumlik versteht sich als unfehlbarer Seelenforscher in Personalunion mit einem Scharfrichter.  

Dieselbe Methode bei Frank Schirrmacher, der Grass vorwirft, er wolle Frieden mit seiner Biografie machen, indem er einen Rollentausch vornehme, sich selbst zum Opfer stilisiere und die Juden zu Tätern und potentiellen Weltenvernichtern dämonisiere.

Wenn jemand Frieden mit sich schließen will, ist das nicht zu tadeln. Höchstens, wenn er dies mit unangemessenen Methoden unternimmt. Da unterscheidet Schirrmacher nicht. Genau so wenig macht er einen Unterschied zwischen einer, in Form eines Gedichtes abgelegten, öffentlichen Selbstanalyse und einer realen Tat. Das wäre, als ob ein Therapeut seinen Patienten bei der Polizei ablieferte, weil jener den Gedanken äußerte, seinen Nachbarn in die Luft zu sprengen. 

Grass soll Frieden mit sich schließen. Natürlich ohne projektive Verleugnung auf Kosten anderer. Das kann man, das muss man ihm vorhalten. Wäre es da nicht sinnvoller, einen medialen Dialog zu beginnen, als immer gleich den atomar-verbalen Erstschlag zu führen mit anschließender verbrannter Erde?

Josef Joffe macht keinen Hehl aus seinen freudianischen Ferndiagnosequalitäten. „Aus Grass denkt sein ES“. Das Gedicht betrachtet er als Auffangbecken des dichtenden Unbewusstseins. Doch mit verheerenden menschenfeindlichen Konsequenzen des ES-Inspektors.

Der neue Antisemitismus des Literaten, wie er aus seinem Gedicht quillt, so Joffe, werde von einem Unbewusstsein gespeist, „das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege öffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.“

Heuchelei und Unredlichkeit, verehrter Hobbytherapeut sind Effekte des Bewusstseins, keine genuinen Abkömmlinge des Unbewusstseins. Fehlleistungen merkt man nicht, deshalb kann man sie auch nicht kontrollieren.

Hier geht es um Kunst als Selbsttherapie, der sich Grass anvertraut. Es gehe, so Joffe, um Schuldverschiebung und Selbstentlastung. D’accord. Worum soll es bei Tätern und ihren Nachfolgern denn sonst gehen?

Wer als Deutscher ob der Taten an den Juden keine Schuldgefühle hat, muss versteinert sein. Es gehört in den Kern der Vergangenheitsaufarbeitung, sich seine Schuldgefühle klar zu machen und sie auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen.

Joffe tut, als hätte er am Fall Grass zum ersten Mal entdeckt, dass die Deutschen an ihrer Vergangenheit laborierten: ach gucke an, die Deutschen würgen an ihrer Schuld. Ist das nicht abwechselnd niedlich, peinlich oder verhängnisvoll? 

Wer Schuld auf sich geladen hat, muss Schuld bewältigen. Das geht nicht anders als durch Bewusstmachen und sich Wahrnehmen im Spiegel seiner Fehlleistungen.

Hier sehen wir die verheerenden Spätfolgen des Zusammenbruchs der politischen Psychotherapie in Deutschland. Die Freud'schen Kategorien liegen gottverlassen im Gelände und werden von zufällig vorbeikommenden Meinungsführern als Beute mitgenommen, um sie wie Streuminen gegen die nächstbesten Gegner einzusetzen.

Doch jetzt die Krönung. Da reden die Literaturkritiker anhand eines Romans von Christian Kracht, man könne Kunst nicht unter moralischen Perspektiven betrachten. Vielmehr müsse sie als freie Bühne aller Regungen angesehen werden, der guten wie der bösen. Kultur sei immer auch „Bosheit“ gewesen, „Widerstand, Verweigerung“. „Sie war weder dem Gemeinwohl verpflichtet noch demokratisch,“ wie Thomas Steinfeld von der SZ schreibt.

Wenn dem aber so ist, hätte Grass jedes Recht dieser Welt, seine bösesten Gedanken und Gefühle in ein Kunstwerk zu verwandeln. Und was geschieht? Genau dies wird ihm vorgehalten, als sei er schlimmer als ein KZ-Scherge.

Was schreibt derselbe Steinfeld über Grassens Gedicht? Er habe die Gedichtform gewählt, um „sich der Kritik zu entziehen. Indem er sich – scheinbar – nach innen wendet und sein Innerstes nach außen kehrt, indem er, vor und anstatt einer politischen Auseinandersetzung, als lyrische Empfindsamkeit auftritt, will er einen Standpunkt über allen einnehmen und sich unangreifbar machen.“ Im selben Stil hätte man Kracht den Vorwurf machen können, er habe die Romanform gewählt, um seine rechten Ansichten hinter dem Mantel der Kunst zu verstecken.

Das ist das genaue Gegenteil seiner theoretischen Freigabe alles Bösen im Modus der Kunst, wie Steinfeld in seinem ersten Artikel schrieb. Nicht anders als Schirrmacher, der Walser aus seinem Roman „Tod eines Kritikers“ einen antisemitischen Strick drehte, benutzt Steinfeld ein sich selbst entblößendes, sich kenntlich und angreifbar machendes Gedicht, um dem Verfasser Immunisierungsversuche vorzuwerfen.

Zuerst wird den Künstlern eine Falle gestellt: tretet ein in den Raum der Kunst, hier ist euch nichts verboten, hier ist alles erlaubt. Öffnet euch, phantasiert, projiziert, assoziiert auf Teufel komm raus.

Doch wehe, die Künstler glauben der Generallizenz zur Offenheit. Kaum haben sie sich nackt gemacht, werden sie an den Gebilden ihres Unbewusstseins am höchsten Mast der Medien aufgeknüpft.

Womit wir noch nichts über Grass gesagt hätten: wenn sein Gedicht gar keins wäre, sondern ein – obliques Manifest.

Fortsetzung siehe Tagesmail vom 06. April 2012 (letzter Teil)

Gesamtkommentar zur Grass-Affäre siehe:  Kontroversen - Günter Grass - Israel-Gedicht