Mittwoch, 28. März 2012 - Karfreitag der Geschichte

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Datenschutzes,

jetzt ist auch das europäische Parlament vor den USA eingeknickt. Der konservativen Mehrheit der Abgeordneten sind Wirtschaftsinteressen wichtiger als die Sicherung von Grundrechten.

Brüssel geht vor Washington in die Knie und lässt sich den Standard europäischer Datenschutzgesetze durchsieben. Wer in die USA reist, wird zum gläsernen Bürger, hat nicht mal das Recht, sich zu wehren. Die USA dürfen noch mehr Daten noch länger speichern. Die amerikanischen Geheimdienste haben die Europäer auf Orwellsche Dimensionen geschrumpft.

Von der negativen Utopie 1984 spricht niemand mehr. Positive Utopien stehen sämtlich unter Langeweile- oder Totalitarismusverdacht. In der Tat ist es spannender, ob man in ein befreundetes Land reist, sich aller Grundrechte entblößt und nicht mehr wissen kann, wie gerupft man wieder nach Hause kommt.

Wer keine humane Utopie entwickelt, die nichts wäre als die Vitalisierung des Grundgesetzes, kann auch keine inhumane bekämpfen.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft der sozialen Marktwirtschaft sind wir endlich los: laaangweilig! Nun haben wir eine, die an allen Ecken und Enden auseinanderdriftet und sich allmählich selbst zerlegt: wie spannend! Niemand weiß, ob das Gemeinwesen diese Belastungsprobe aushält: nervenzerreißend! Die Demokratie geht an ihre Grenzen: Risikooo!

Selbst in seriösen Zeitungen erscheinen Artikel mit der Feststellung: Geben wir doch zu, die Demokratie ...

... kann's nicht. Neulich in der BZ in einem Kommentar des Zukunftsforschers Matthias Horx. Vermutlich hat der Herr in seiner Zauberkugel weit in die Zukunft geschaut und eine wunderbare New World ohne lästige Nöler und Nörgler entdeckt.

Wetten, dass unser oberster Freiheitsredner diese unbedeutende Freiheitseinschränkung Gesamteuropas in keiner Rede aufgreifen wird? Oder meinte er die Freiheit amerikanischer Geheimdienste?

 

Der UN-Menschenrechtsrat will die israelische „Siedlungspolitik“ untersuchen, die in Wirklichkeit eine imperiale Besatzungspolitik ist.

Klar, dass dies ein Vorhaben der bösen Welt ist, die die gute Regierung in Jerusalem zur Strecke bringen will. Auch klar, dass Israel den Kontakt zu diesem Gremium abbrechen muss. Geschähe dieser Vorgang in einem anderen Land, wäre die Reaktion in Deutschland einhellig: guter Menschenrechtsrat, despotisches Land.

So handelt es sich um Freunde, deren Menschenrechtsverletzungen wir durch Schweigen bedingungslos tolerieren müssen, also heißen die Schlagzeilen in Deutschland: Israel kritisiert den UN-Menschenrechtsrat, nicht umgekehrt. Die Schlagzeile ist der Kommentar. Nicht, dass alles porentief rein wäre in der UN, der Umkehrschluss wäre aber noch weniger richtig.

Wer untersucht, hat noch nicht geurteilt. Sollte jemand Tatsachen verfälschen, dem könnte man entgegentreten, indem man die ganze Welt einlüde, damit sie sich ein eigenes Urteil bilde. Wer schon den Versuch einer Untersuchung als böswilligen Akt darstellt, hat von Demokratie nichts verstanden. Auch wenn er in einer komfortablen Villa im Dschungel lebt.

Hilal Sezgin fühlt sich seit Toulouse beunruhigt. Ist der Islam im Innern nicht doch antisemitisch? In muslimischen Kreisen gebe es einen kaum kaschierten Antisemitismus. Zwar träte er gemäßigt auf, doch wer könne garantieren, dass die Ablehnung der Juden nicht doch der Humus wäre, auf dem Gewalttaten wachsen?

Muhammad Murtaza habe diese Frage ausführlich untersucht und sei zum Ergebnis gelangt, dass die islamische Theologie „inhärent“ nicht antisemitisch sei. Dennoch sei vieles, was Muslime unter sich besprächen, „schlicht“ antisemitisch. Sie würden genau so reden, wie zeitgenössische „Tabubrecher-Rassisten“: „man dürfe es ja nicht laut sagen…“  

Weil sie von dieser Stillhalte-Strategie nichts hält, redet die Autorin offen über die israelischen Menschenrechtsverletzungen. Diese „könne“ man ansprechen, ohne gleich alle Juden in Sippenhaft zu nehmen oder von einer Weltverschwörung zu raunen. Wir müssten aufhören, in Gruppen zu denken, jeder Mensch gehöre zu vielen Gruppen. Da könne man nicht einfach von „Wir“ und „den andern“ sprechen.

Was eine Weltverschwörung ist, hat noch niemand sinnvoll definiert. Man braucht keine dubiosen Hinterzimmer und konspirative Treffen, um die Weltmacht erobern zu wollen. Dazu genügen Glaubensbekenntnisse und heilige Bücher. Zur Absicherung tut man, als ob man an diese Bücher nicht mehr glaubte. Nach diesem Muster ticken alle Fundamentalisten aggressiver Religionen von Christen über Juden bis zu Muslimen.

An Sezgins gutgemeinten Thesen ist vieles unscharf. Wieso überlässt sie (als Frau) die Untersuchung über Antisemitismus im Islam einem Fachmann, ohne selbst das Für und Wider penibel zu erörtern? Das ist, als ob man christlichen Theologen die Frage überließe, ob das Neue Testament schuld an den Kreuzzügen war.

Hier müssen Texte her, hier muss jeder selbst seine „Bibelarbeit“ machen und seine Folgerungen der Öffentlichkeit vorlegen. Vor allem: wenn der Islam nicht antisemitisch ist, woher sollte der Antisemitismus der Muslime sonst kommen? Ist er aus der Luft gegriffen?

Ist der Islam nicht eine alleinseligmachende Religion, die alle anderen Religionen und Meinungen totaliter verwirft? Dann ist sie so antisemitisch wie das Christentum, genau so antichristlich und antimuslimisch wie das Judentum. Im Kern sind alle drei abrahamitischen Religionen uneingeschränkt intolerant gegen Andersdenkende, die sie durchweg der Hölle überantworten.

Was nicht bedeutet, dass alle, die sich Muslime, Juden oder Christen nennen, militante Terroristen oder Ketzerrichter wären. Die großen Mehrheiten in ihrem täglichen Lebensstil haben sich längst vom Ungeist der Unduldsamkeit gelöst und betrachten ihre heiligen Schriften nicht mehr als buchstäblich wahr und verpflichtend.

Eine entscheidende Frage bleibt dennoch außen vor: in welch unbewusstem Maße sind die Gläubigen – auch bei bewusster demokratisch-humaner Gesinnung – noch immer vom Substrat der Urschriften geprägt, weswegen sie nicht die Kraft aufbringen, sich von Koran, Talmud und Bibel, Kirchen, Moscheen und Synagogen radikal zu lösen?

Wie unterscheidet man berechtigte Israel-Kritik von irrationalem Antisemitismus? Richten sich die Angriffe gegen bestimmte Ereignisse und Personen oder pauschal gegen die Juden? Kollektive Urteile sind nicht so sehr ein Problem soziologischer Gruppen, sondern das Problem uralter verpflichtender Religions- und Kirchenzugehörigkeiten, oft vermischt mit nationalen oder rassischen Merkmalen.

Über Religionen im Allgemeinen und Erlösungsreligionen im Besonderen verliert Sezgin kein einziges Wort, an den Wurzeln des Problems ist sie vorübergegangen.

Hier ein aktuelles Beispiel für christliche Intoleranz, die sich anmaßt, das öffentliche Leben in einer säkularen Republik zu bestimmen. Was Tanzen an normalen Feiertagen betrifft, sind die Kirchen so was von tolerant, dass einem die Tränen kommen. Doch die „stillen“ Feiertage rund um den Karfreitag hätten „nicht nur Bedeutung für Gläubige“, weshalb sie im Sinne des Klerus „gesamtgesellschaftlich gestaltet“ werden müssten.

 

An Karfreitag richte sich das Augenmerk auf Tod und Leid. Auf die Opfer von Gewalt und Hass. In welchem Maß ist das Karfreitagsgeschehen nicht selbst ein rituell Hass auslösender Vorgang, wenn man an einen Erlöser glaubt, der für die Sünden der Welt am Kreuz leiden muss?

Früher richtete sich der Hass gegen die Juden, die am Tode des Schmerzensmannes schuld gewesen sein sollten. Warum richtete sich der Hass nicht gegen den Vater, der die Spielregel aufstellte: ohne Tod am Kreuz keine Lizenz zum Erlöser?

Es hätte nur eines kleinen Wörtleins bedurft, und die Sünden der Menschen wären vergeben gewesen. Warum diese ganze bluttriefende Inszenierung, die noch grausamer ist als die Beinahe-Opferung des Sohnes des Abraham, der im letzten Moment von einem Naturwesen ersetzt wurde?

Hätte der Schöpfer das ganze Opferritual ad acta gelegt, hätte er seinem über alles geliebten Sohn die Foltermethode als Initiationstest für die Heilandstauglichkeit ersparen können. Warum musste das Gesetz erfüllet werden, um Gnade zu geben? „…damit die durch das Gesetz geforderte Gerechtigkeit erfüllt werde.“ (Röm. 8,4) Das ist, als ob man einem die Schulden erlässt, indem man ihm Haus und Hof nimmt. Nun haben wir weder echte Gnade noch ein strenges Gesetz, sondern zwei Schritte vor und drei zurück.

Eine solch brutalisierte Vater-Sohn-Beziehung und blutrünstige Erziehungsmethode passt in die Drehbuchvorlagen, aus dem Hollywood seine Schreckensphantasien bezieht, aber nicht in eine Gesellschaft, die auf angstfreie Pädagogik und Erfindung der Menschenrechte stolz sein will.

Wer sich durch zugefügte Schmerzen und Todesqualen befreit und erlöst fühlt, in dem müssen unterschwellige Bedürfnisse nach Rache und Gewalttaten herumvagabundieren.

Wie hält er es aus, dass um seinetwillen ein fremder Mensch sein Leben hingeben musste, um seiner verfluchten Sünden willen? Das wäre, als käme ein Killer vor Gericht frei, wenn Kind, Frau, Vater, Mutter stellvertretend für ihn in den Tod ginge. Dieser Mensch hätte kein ruhiges Leben mehr, aus Schuldgefühlen würde er sich ins Messer stürzen.

Judas war die Schlüsselfigur im größten Drama der Weltgeschichte. Er musste für eine Tat sühnen, für die er keinerlei Verantwortung trug.

Er war nicht der treulose Verräter des Herrn, er war der Gehorsamste, der den Willen Jesu ausführte, wohl wissend, dass er den Schein der Schuld auf sich nehmen musste, um die Weisung seines Herrn auszuführen, der zu ihm sprach: „Was du tun willst, das tue bald.“ (Joh. 13,27)

Von Wollen konnte keine Rede sein, denn Judas war Werkzeug im Dienste einer Macht, der er nicht widerstehen konnte. „Es fuhr aber Satan in Judas“ (Luk. 22,3), um ihn als Werkzeug in einer lange festgelegten Heilsdramaturgie zu benutzen.

Judas nahm die ungeheure und unglaubliche Schuld auf sich, am Tode eines Gottessohnes schuld zu sein, obgleich er nur belanglose Marionette war. Mit seiner Schuldübernahme entlastete er den himmlischen Vater, der Blut sehen wollte und den Sohn, der dem väterlichen Willen apathisch gehorchte.

Dante verbannt die tabuisierteste Figur des Christentums in die unterste Hölle, in die Judecca. Dort ist er von Eis bedeckt und wird von Luzifer in einem seiner drei Mäuler zermalmt.

Judas ist die geheimste Leiche im unübersichtlichen Pein- und Foltergebäude des christlichen Credo, der heimliche Erlöser der Christenheit, der es nicht sein darf, um nicht die gloriosen Gottvater- und Gottsohn-Figuren vom Weltenthron zu stoßen.

Das Christentum ist geprägt von unverhüllt kannibalistischen Vernichtungsphantasien, die sublimiert werden, indem man sie an der ganzen Welt vollstreckt. Nehmet hin, esset und trinket, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, und er nahm den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird.

Die Christen fühlen sich erlöst, wenn ein reiner unschuldiger Mensch für sie geschlachtet wird. In ihren Abendmahlsfeiern fließt kein echtes Blut, wird kein echtes Fleisch verzehrt. Alles ist zur symbolischen Handlung – verfälscht worden, um davon abzulenken, dass die Jünger die ganze Welt zum Opfer nehmen, um als Herren der Schöpfung die Walstatt zu verlassen.

Die westliche Moderne ist eine opferfordernde Molochkultur. Sie lebt vollständig auf Kosten anderer. Sie kann nicht anders, es liegt ein Fluch auf ihr unter der heiligen Devise: er ist für uns gestorben, auf dass wir Frieden hätten.

Pro nobis ist der Schlachtruf gegen die Welt, damit die Auserwählten Frieden hätten. Deutsche Herren hatten Frieden, als Behinderte, Minderwertige, Schwule, Juden, Roma und Sinti für sie umkamen.

Die Raffgierigen haben Frieden, wenn die Gutmütigen für sie malochen. Die Satten haben Frieden, wenn genügend Hungernde für sie darben. Der reiche Westen hat Wohlstand, wenn Millionen Menschen und Myriaden Lebewesen für sie verderben. Die Menschheit hat Frieden, wenn Natur und Erde verglühn und sie den Mars erobert.

Wenn Gethsemane und Kreuzigung genial erfundene Illusionen, Vater und Sohn kollektive Projektionen sind, muss man das Opfer in der planetarischen Realität exekutieren, wo immer Opfer sich finden lassen. Es sind immer die andern, Schwachen, Andersgläubigen, Fremden, die Ungewöhnlichen, die Anstößigen, Ketzerischen und Unangepassten. Weg mit dem Geschmeiß – aufdass wir Frieden hätten.

Die Solidarität der Erlöser mit den Verworfenen in der Hölle ist unermesslich. Die ganze Natur muss über die Klinge springen, damit sie als Erlöser der Natur am Ende der Tage den Lorbeerkranz gewinnen: „denn die Sehnsucht des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht freiwillig…“ (Röm. 8,19 ff) So wenig freiwillig, wie Judas sich seines Herrn erbarmte, damit das göttlich vorherbestimmte Drama über die Bühne gehen konnte.

Die fundamentalistische Version des Golgatha-Geschehens in Amerika stürzt sich noch heute gern auf ungläubige Länder, um die Achsen des Bösen in Geiselhaft zu nehmen.

Die aufgeklärtere Version in Europa begnügt sich mit der Abschlachtung der Natur, um sie von ihrem „Seufzen“ zu erlösen. „Denn wir wissen, dass alles Geschaffene insgesamt seufzt und sich schmerzlich ängstigt bis jetzt.“ (Röm. 8,22 f)

Eine wahrhaft homöopathische Gewaltkur, jemanden von Schmerzen und Angst zu befreien, indem man ihm höllische Angst einjagt und unendliche Leiden und Schmerzen zufügt.

Die Christenheit leidet unter dem gepeinigten Gewissen, durch nie endende Sünden ihrem Erlöser glühende Kohlen aufs Haupt zu sammeln. Bis zum heutigen Tage muss er für sie in allen Variationen leiden, welches sie in unendlichen Kantaten und Passionen besingen, bejubeln und der Welt als frohe Botschaft verkünden: Freuet euch, und noch mal sage ich euch: freuet euch in dem Herrn.

Es ist unvermeidlich, dass in christlichen Kulturen Sadomasochisten, die sich durch Zufügen oder Erleiden von Gewalt sexuell befriedigt fühlen, als besondere Perverslinge gelten. Marquis de Sade war nur ein treuer Zögling der Jesuiten, als er das Blut-, Folter- und Tötungsspektakel von Golgatha aus dem Innenraum der Kathedralen ins sinnliche Leben überführte.

Wir alle sind nur getreue Schüler des Religionsunterrichtes, wenn wir schuldlose Menschen und unschuldige Natur zum Opfer nehmen, um von der ungeheuren Tatsache abzulenken, dass wir auf Kosten Schuldloser leben, die wir nicht kennen und nie kennen lernen wollen.

Der Preis ist uns gewiss: das Feld der Geschichte werden wir als apokalyptische Sieger verlassen. Unter Absingen eines kosmischen Hosianna. Der Rest speist beim Gouverneur.