Freitag, 09. März 2012 - Wolffsohn

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Frauen,

ein seltsames Phänomen: erfolgreiche Frauen kriegen ein Kind, nehmen ihre Auszeit – und kehren nicht mehr zurück an ihren Arbeitsplatz, um ihre stolze Karriere fortzusetzen.

Nicht mal in familienfreundlichen Betrieben mit eigenen Kindergärten, wo Familie und Beruf eine umsatzfördernde Harmonie bilden. Meistens bekommen sie ein weiteres Kind, obgleich sie auf viel Geld verzichten müssen und ihr Wohlstandsniveau nicht halten können.

Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Wer ein Kind zur Welt bringt, „bezahlt dies derzeit mit einem um 64% geringeren Lebenseinkommen. Je anspruchsvoller die berufliche Tätigkeit, desto höher sind die Kosten des Kinderkriegens.“ Sagt ein schlauer Ökonom, für den Kinder Kosten sind. Je mehr eine Frau verdiente, je weniger dürfte sie sich Kinder leisten, ihre Einkommensbußen stiegen unaufhörlich.

Reduziert also das Einkommen der Frauen, damit sie sich Kinder leisten können. Wenn sie nichts mehr zahlen müssten, weil sie nichts mehr hätten, müssten sie am gebärfreudigsten sein.

Und was sagt die noch schlauere „Expertenkommission für Forschung und Innovation“ – also keine ...

... Experten für Kinder, die noch immer wenig innovativ und mit steinzeitlichen Methoden zur Welt gebracht werden – : „Frauen muss nachdrücklich vermittelt werden, dass sie auch mit Kindern in der Arbeitswelt gebraucht werden“. Anders könne das Wohlstandniveau nicht gehalten werden.

In der Tat, die Superreichen der Welt brauchen ehrgeizige Frauen, damit sie ihr Wohlstandniveau nicht gefährden. Wenige Menschen – meist alte Männer – verfügen über mehr Geld als viele Länder zusammen. Bald besitzen einige demente Großväter den Großteil des Planeten.

Diese Greise brauchen dringend junge strebsame Frauen, damit sie nicht schändlich unter die Milliardengrenze fallen. Hier ein aktuelles Beispiel, wie man reich werden kann. Man muss nur einen „failed state“ in die Hand kriegen und alles monopolisieren, schwupps, schwimmt man in Dollars. Der Mann heißt Slim, was auf Deutsch mit Sicherheit schlimm heißen muss.

Die Experten stehen vor einem wissenschaftlichen Rätsel: warum nur verhalten sich intelligente Frauen so irrational? Haben sie noch immer nicht das männliche Niveau des homo öconomicus erreicht, der eiskalt seinen Nutzen sucht?

Was will das Weib, fragte verzweifelt ein bekannter Wiener Seelenforscher. Hätte er Nietzsche gelesen, hätte er die Antwort gewusst: Das Weib will – das Kind.

„Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was ist das Weib für den Mann? Zweierlei will der echte Mann: Gefahr und Spiel.“

Echte Männer, nehmt euch in Acht, die Frauen instrumentalisieren euch, ihr seid nur zeugende Mittel zum Zweck. Dass Männer umgekehrt die Frauen zum Zwecke ihres Spiel- und Gefahrtriebs nutzen: hier irrte der Pastorensohn. Dafür haben die Männer inzwischen den – Neoliberalismus erfunden, Frauen sind lange nicht so sexy wie Zocken und Spekulieren.

Auch in punkto abweichendem Verhalten sind Frauen auf steinzeitlichem Niveau stehen geblieben. Sie kommen kaum über 5 % aller Gefängnisinsassen. Eine merkwürdige, eine bedauerlich evolutionäre Lücke in der weiblichen Entwicklung.

Mit solch steinzeitlichen Frauen ist kein Staat zu machen. Lasst sie ihre Bälger kriegen und bestraft sie mit Gebär-Lust-Steuer. Unverantwortlicher und egoistischer kann ein Geschlecht nicht sein. Da kommen selbst slimme Milliardärsgreise nicht mehr mit.

BILD hat am Frauentag sofort reagiert und alle weiblichen Kollegen nach Hause geschickt. Damit die Herren der Schöpfung endlich eine gute und seriöse Zeitung machen können.

Und tatsächlich, kaum waren die Frauen an den Herd verbannt, verbannten die BILDmänner das sexy Girl von der ersten Seite, das eh kein anständiger Mann mehr sehen konnte. Feministinnen feiern ihren Triumph, das halbnackerte Ding war schon immer ein Stein des Anstoßes für Alice Schwarzers keusche Augen. Nur BILDs Lustgreis Wagner protestiert gegen seinen Chefredakteur, das Volkserziehungsblatt steht vor seiner größten Krise.

Peter Scholl-Latour ist auch ein Greis, aber auf Weltniveau. Neulich war er bei Schlächter Assad zum Five O’Clock-Tea eingeladen. Jetzt darf er in der BZ die Gründe für sein erklärungsbedürftiges Verhalten nachliefern.

Zwar sei das Regime eine abscheuliche Diktatur, nicht schlimmer aber als andere. In Saudi-Arabien würden jeden Freitag Köpfe abgeschlagen, das interessiere niemanden: genau das sei die Heuchelei des Westens.

Assads Regime sei immerhin das letzte säkulare System in der islamischen Welt, beherrscht von toleranten Aleviten. Die 10% Christen im Land hätten bei einem islamistischen Sieg nichts zu lachen.

Ob die Aufständischen wirklich demokratische Zustände anstrebten, sei doch mehr als fraglich. Vermutlich würde es schlimmer werden als unter Assad.

Da protestiert ein Weltbürger gegen die Heuchelei des Westens, indem er Gerechtigkeit beim Diktatorenvergleich fordert. Gibt es einen westlichen Protest gegen einen Tyrannen, kommen sofort jene auf den Plan, die Protest gegen alle Bösewichter fordern oder gegen keinen. Meistens Leute, die sonst von Gerechtigkeit wenig halten.

Scholl-Latour, der heldenhafte Verteidiger der Despoten, denen Unrecht geschieht, wenn ihre Untaten nicht gerecht gegeneinander abgewogen werden. Sein Tee-Termin war ein flammender Protest gegen alle, die es sich mit Protest zu leicht machen: Gerechtigkeit für die Schlächter ihres Volkes. Auch sie sind nur sündige Menschen, die man zartfühlend behandeln muss.

Kommt bei der russischen Opposition jetzt der post-demonstrative Kater? Haben sie sich zu mächtig gefühlt und ihre Chancen einer Wahlverhinderung Putins nicht realistisch eingeschätzt? Haben sie nicht zu sehr aufs Volk im weiten Land herabgeguckt, das keinen Zarenwechsel haben wollte?

 

Norman Finkelstein ist einer der bekanntesten unter den jüdisch-antizionistischen „Nestbeschmutzern“, der seit vielen Jahren kritisch auf die Holocaust-Industrie hindeutet und den Staat Israel schärfstens wegen inhumaner Politik angreift. Wegen seiner kompromisslosen Kritik durfte er 10 Jahre lang nicht in Israel einreisen.

Plötzlich scheint er das Lager gewechselt zu haben, denn nun wendet er sich gegen die „Israel-Boykottbewegung“. Diese Gruppe sei eine Sekte, der es nicht um die Rechte der Palästinenser ginge, sondern um die „Zerstörung Israels.“

Die Forderung der Boykottierer, alle palästinensische Flüchtlinge müssten das Recht auf Rückkehr haben, sei illusorisch. Sechs Millionen Palästinenser zusätzlich in einem kleinen Land, in dem jetzt schon 1,8 Millionen Palästinenser und 5,5 Millionen Juden lebten?

Und er stellt die Frage: „Wollt ihr den Konflikt lösen oder Schrecken im Herzen jedes Israelis säen?“ Berechtigte Frage. Viele Israelgegner unterscheiden nicht zwischen Kritik und genereller Ablehnung des Landes, sie erwecken den Eindruck, als hätten sie keine Probleme, wenn es den „Judenstaat“ nicht mehr gäbe.

Insofern bleibt Finkelstein sich treu, seine Kritik am Land ist ein Akt der Freundschaft, kein Aufruf zum Hass. Für Abbas ist das Rückkehrrecht nur Verhandlungsmasse zukünftiger Friedensverhandlungen.

Für den deutsch-jüdischen Historiker Michael Wolffsohn ist Kritik das Gegenteil von Verbundenheit. Viele Deutsche stünden kritisch dem Staat Israel gegenüber, der ihnen zu „religiös und kriegerisch sei“. Die Verbundenheit sei schon immer nur ein Projekt der Eliten gewesen.

Offenbar ist Kritik Feindschaft für ihn. Zum Vorwurf, der Staat sei zu religiös oder kriegerisch, nimmt er keine Stellung. Vermutlich hätten die Deutschen gegen eine demokratieverträgliche Religion nichts einzuwenden. Sind sie doch der Meinung, Glauben und Vernunft vertrügen sich bestens.

Es geht um die Religion der Ultraorthodoxen, die den Staat ablehnen und ihn gleichzeitig beherrschen wollen. Sind schon diese Anfangsbegriffe unscharf, kann der weitere Artikel kaum richtiger werden.

Wird Deutschland an der Seite Israels sein, wenn bunkerbrechende Bomben versuchen werden, in einem Überraschungsangriff das Atomprojekt der Iraner zu knacken? Das sei weder nötig noch möglich, wiegelt der Autor etwaige Ängste der Deutschen ab. Die Israelis bräuchten für diesen Fall keine Bundeswehr, die jetzt schon überfordert wäre. „Ein deutscher Militäreinsatz zugunsten Israels ist in der deutschen Gesellschaft nicht durchsetzbar.“

Was ist von dem unbedingten Treueschwur Merkels in der Knesseth zu halten, Deutschland stünde in Sicherheitsfragen bedingungslos an der Seite Israels? „Bedingungslose Solidarität“, das war auch der Schwur Schröders in Richtung Amerika, als 9/11 geschah. Was ihn nicht daran hinderte, Dabbelju die Gefolgschaft im Irak-Feldzug zu verweigern.

Dass Freundschaften immer nur bedingte sein können, hat sich bei unseren Eliten noch nicht herumgesprochen: unter der Bedingung, dass ich für falsch halte, was du sagst, werde ich meine Gefolgschaft verweigern.

Ist Kritik Illoyalität, muss Solidarität blind und unterwürfig sein. Zwischen bedingungsloser Gehorsamspest und feindseliger Cholera gibt’s für Deutsche kein Durchkommen. Was Kritik ist, hat sich hierzulande verflüchtigt.

Woher rührt die „abgründige Distanz“ der Deutschen gegenüber Israel? Nein, nicht aus antisemitischen Gründen? Im Gegenteil, so Wolffsohn. Die Deutschen hätten ihre Lektion so gut gelernt, dass sie einen Staat, der verkörpere, was „Deutschland einst war“, ablehnen würden.

Heißt das, die Deutschen verglichen Israel mit Nazideutschland? Das wäre eine schallende Ohrfeige für die Deutschen, die sich nicht zu erkennen geben.

Die Lehre aus der Geschichte sei für viele Deutsche der pazifistische Slogan: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Täter.“ In Israel genau umgekehrt. Dort hätte der Holocaust das kollektive Motto hervorgerufen: „Nie wieder Opfer“. Zu ihrer Republik hätten die Deutschen ein eher gebrochenes Verhältnis, die Israelis seien stolz auf ihr junges erfolgreiches Land.

Beide Länder seien Lichtjahre voneinander entfernt. Nur eine kleine elitäre Minderheit würde das Projekt der deutsch-israelischen Freundschaft aufrechterhalten.

Dennoch würde die israelische Öffentlichkeit Deutschland „schätzen“. Das wäre eine einseitige Sympathieerklärung, die nicht glaubhaft wirkt.

Israel könne sich allein seiner Haut wehren. „Die Deutschen dürfen ihr gutes Gewissen bewahren.“

Da klingt vieles herablassend-zynisch. Schon die Nazideutschen hätten kein Gewissen gehabt – und waren zur Realpolitik nicht fähig. Nun hätten die Nachkriegsdeutschen brav ihre Lektion gelernt, seien pazifistisch und gesinnungsethisch geworden – und wiederum für Realpolitik untauglich.

Was immer sie machen, die Deutschen: sie übertreiben. Gott sei Dank hätten die Israelis ihre Lektion besser gelernt. Sie seien illusionslose Realpolitiker geworden und hätten sich – was Wolffsohn nicht erwähnt – zur übermächtigen Militärmacht im Nahen Osten entwickelt.

Und das sei gut so. Wenn das Land wirklich mal Freunde bräuchte, könne man ja nun sehen, was passiere: Israel habe keine Freunde in der Welt. Das hätten die Juden schon immer gewusst.

Wolffsohn beruhigt die Deutschen, indem er ihnen subkutan zu verstehen gibt: ihr seid ein hoffnungsloser Fall. Macht aber nichts, wir brauchen euch eh nicht.

 

Der folgende Aufruf verschiedener deutscher Friedensgruppen geht an die Politiker der Welt, einen möglichen Kriegsgang auf jeden Fall durch Friedensverhandlungen zu verhindern. Das iranische Volk wolle weder Krieg noch Atombomben. Es wehre sich allerdings gegen Bedrohungen von außen. Israels Atomarsenal und die militärische Einkreisung des Iran durch die USA seien die Gründe für die aggressiven Töne aus Teheran. Man könne nicht Israels Atommacht stillschweigend hinnehmen, anderen Staaten aber den Versuch verbieten, harmlose Atomkraftwerke zu entwickeln.

Der Gegenbrief konnte nicht ausbleiben.

Die Lager reden aneinander vorbei. Während die einen vom iranischen Volk reden, nicht vom Regime, reden die anderen vom Regime, nicht vom Volk.

Die einen machen den Westen für die ansteigenden Spannungen verantwortlich, die anderen den Iran.

Dass Dauerkonflikte kein Entweder–Oder kennen, sondern in komplementärer Hinsicht Mitschuldige, scheint in der internationalen Politik verloren gegangen zu sein.

Stereotype Schuldzuweisungen führen nicht zur Deeskalierung. Wenn es nur noch Achsen des Guten und des Bösen gibt, bleibt nur die Vernichtung des Anderen.

In seinem Vortrag vor der amerikanischen Israel-Lobby erinnerte Netanjahu ständig an den Holocaust. Die Instrumentalisierung des Holocaust zu aktuellen Zwecken nennt Finkelstein „Holocaust-Industrie“.

Müsste man Ahmadinedschads Worte auf die Goldwaage legen, wäre Israels Angst berechtigt. Ist er aber nicht ein bedeutungsloser Worterassler – und die wahren Machthaber bleiben im Hintergrund?

Was hat Netanjahu unternommen, um Friedenssignale auszusenden? Braucht er ein externes Feindbild, um mit Kriegsgerassel von innenpolitischen Problemen abzulenken? Kein Wort ist mehr zu Friedensverhandlungen mit Abbas zu hören, kein Wort zu den Gerechtigkeitsforderungen der jungen Demonstranten in Tel Aviv.

Der Freiburger Gernot Erler, außenpolitischer SPD-Sprecher, schafft es, allen Problemen elegant auszuweichen und sich in Plattitüden zu ergehen. Unter der Maske des guten Freundes spielt Deutschland den unzuverlässigen Verräter.

Schon jetzt wirft der mögliche Waffengang zwischen Iran und Israel seine Schatten voraus, verstärkt die Grabenbildung zwischen einseitigen Gegnern Israels, die zu wenig auf die Ängste des kleinen Landes eingehen und einseitigen Unterstützern Jerusalems, die alle Schuld beim Feind ausmachen.

Schwarz und Weiß, Gut und Böse, religiöse Kampfbegriffe sind die Hauptkategorien der internationalen Politik. Die besten Voraussetzungen für eine globale Welt mit grenzenloser Wirtschaft und endlos wachsendem Wohlstand.