Donnerstag, 26. Januar 2012 - Zahl und Herrschaft

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Angie,

er habe keine Angst, dass Deutschland führe, er habe Angst, dass Deutschland nicht führe, sagte der polnische Außenminister. Kein Zeichen übertriebenen Misstrauens gegenüber der rundrum beargwöhnten Wirtschaftslokomotive Europas. Vielleicht liegt das daran, dass Polen zu einem wirtschaftlichen Erfolgsland gediehen ist und sich in derselben Liga sieht wie der frühere ungeliebte Nachbar. Ganz anders in den mediterranen Ländern, deren Lebensqualitäten wir schätzen, nicht aber deren Arbeitsqualitäten.

Der Sinn der Bewegung ist Ruhe, der Sinn der Arbeit Muße, sagte – ein mediterraner Müßiggängerphilosoph namens Aristoteles, der sich sein ganzes Leben der Muße widmete. Wie konnte der nur eines der gewaltigsten Werke der Gelehrsamkeit aller Zeiten zustande bringen, wenn er den ganzen Tag in den Hafenkneipen von Piräus bei griechischem Wein herumlungerte?

So lange ist es noch nicht her, dass „Kopfarbeiter“ sich Arbeiter nennen, sie lasen, dachten, schrieben, unterrichteten. „Was machst du“, fragte der kleine Freund. „Das siehst du doch, ich arbeite“. „Aber du liest ja nur“. Tja, richtige Maloche erkennt man daran, dass man am Abend die Stückzahl seiner hergestellten Produkte und Artikel abzählen kann.

Gedanken sieht und zählt man nicht, also müssen sie ...

... durch zählbare Herstellung geschriebener Zeilen quantifiziert werden. Kopfarbeiter müssen auch „liefern“ und zwar in Aufsätzen, Büchern, Artikeln und sonstigen schriftlichen Äußerungen.

Je mehr Publikationen der Juniorprofessor nachweisen kann, je mehr steigt seine wissenschaftliche Reputation. Je mehr eine Exzellenzuni an Geschriebenem „ausstößt“,  je höher steht sie in den internationalen Rankinglisten, je mehr Kohle greift sie bei Frau Schavan ab, die als gelernte katholische Bildungsbeauftragte sehr gut im Zählen ist. Weswegen sie neulich keine Antwort auf die Frage hatte, was die Studiengebühren denn nun gebracht hätten. Sic transit stupiditas mundi: so vergeht die Borniertheit der Tagespolitik.

Eben noch alles auf das Motto gebürstet: „was nichts kostet, kann nichts taugen“, kaum aber versinkt die FDP im demoskopischen Loch, weiß keiner mehr, was er gestern noch als Weisheit letzter Schluss von sich gab.

Der Unsinn mit der Quantifizierung des Geistes stammt zwar von unseren amerikanischen Freunden, die mit dieser Methode zum führenden Genieland der Welt wurden, (siehe gestern unter Niall Ferguson), doch erfunden hat‘s ein – mediterraner Physiker namens Galileo Galilei, der allerhand unsinnige Dinge wie das Fernrohr erfand und am liebsten die alles verstehende, aber nicht alles verzeihende Priesterkaste sekkierte.

(Sekkieren ist für Freiburger und Berliner – den Rest der Republik ignorieren wir – ein österreichisches Fremdwort, das durch Donauschwaben erfolglos ins Neudeutsche eingeschmuggelt wurde und heißt: jemandem auf den Wecker fallen; ob „du Seckel“ auch daherkommt, ist nicht sicher, aber zu vermuten).

„Messen, was messbar ist – messbar machen, was nicht messbar ist“, so lautete das Credo des Pisaners, weswegen die quantifizierenden Intelligenzmessungen bei unserer gepisackten Jugend „Pisastudien“ heißen (ob Pisacken von Pisastudien kommt, konnte die Dudenredaktion in Mannheim noch nicht entscheiden).

Das Credo besteht aus zwei Sätzen, die nicht zusammenpassen, woher das ganze Elend der überhand nehmenden Rankings kommt. Messen, was messbar ist: das ist objektive Naturwissenschaft, kein Messvorgang wird von subjektiven Juroren und Einschätzern nach Bauchgefühl vorgenommen.

Jede objektive Messung muss von jedem Menschen, unabhängig von Religion, Ideologie und schlechter Laune, beliebig wiederholbar sein. Das war ein Triumph der internationalen Physik, als in den 50ern Atomwissenschaftler aus Ost und West ihre unabhängig voneinander durchgeführten Messungen verglichen und siehe, dieselben waren bis weit hinter dem Komma identisch. Solch objektive Messungen können nur mit Hilfe absoluter Skalen vorgenommen werden.

Völlig anders der zweite Teil des Credos: messbar machen, was nicht messbar ist. Wie misst man Genialität, Kreativität, Schönheit, Reife? Man geht über Bande und sucht Ersatzmerkmale, die man stellvertretend abzählen kann, mit subjektiven Skalen also macht man messbar, was mit absoluten nicht möglich ist.

Das ist ein eleganter Trick, auf dem die gesamte Wissenschaftsreputation der Geisteswissenschaften ruht, die nicht länger die minderwertigen Geschwister der Naturwissenschaften sein wollten und genauso objektiv wie diese.

Das war der große Streit des ausgehenden 19. Jahrhunderts um die Priorität der beiden ungleichen Geschwister, der in Deutschland damit endete, dass die Geisteswissenschaften – mit Philosophie als Hauptrepräsentantin – sich vom Messen zurückzogen und sich aufs Erklären und Verstehen verlegten.

Selbst die deutschen Ökonomen hatten mit Rechnen noch nichts am Hut und beschränkten sich auf historisches Beschreiben und Erklären der verschiedenen Ökonomiestile in ihrem Werden und Vergehen. (Z.B. Werner Sombart: "Der moderne Kapitalismus")

Das alles mündete im Verstehen des Seins in der Zeit bei Heidegger und der hermeneutischen Verstehenskunde seines Schülers Gadamer in dessen „Wahrheit und Methode“. Verstehen, Deuten, Entziffern von Texten und Realitäten, die wie Texte behandelt wurden, war tiefsinniger, wahrheitsfähiger, somit sachgemäßer als stumpfsinniges Messen und Rechnen. Eins zu Null für den Geist und gegen die Natur.

Doch mit der Niederlage der Deutschen in Militärischem wurden auch deren geistige Sonderwege bald ad acta gelegt, die empirischen – auf Messungen beruhenden – Sozialwissenschaften aus dem Neuen Kontinent gewannen die Oberhand. Was nicht naturwissenschaftlich und quantitativ daherkam, hatte nicht mehr den richtigen Stallgeruch und wurde aussortiert.

Die Psychologie warf sich aufs Experimentieren und näherte sich der medizinischen Physiologie, alles bloße therapeutische und psychoanalytische Verstehen wurde als gehobener Schamanismus und fantastische Tiefgründelei in universitätsferne Institute abgeschoben.

Das amerikanische Quantifizieren obsiegte über deutsches Verstehen. Nach einer kurzen Therapiephase, die im Sog der 68er-Bewegung Freud, Reich, Fromm, Mitscherlich und Richter nach oben spülte, kamen Verstehen und Erklären – spätestens mit den fremdenfeindlichen Morden in Mölln und Rostock – in Generalverschiss.

Verstehen wurde zum weichlichen Verzeihen, Erklären zur billigen Selbstrechtfertigung. Die Therapeuten, in der Anfangsphase noch hochgradig politisch gestimmt, retirierten in privatistische Plauderecken und wurden säkulare Erben der Beichtstuhlseelsorger.

Als dann die neoliberale Verdrängungsorgie „nach vorne in die Zukunft schauen, lass Vergangenes vergangen sein, schau nicht zurück, denk an Frau Lot und die Salzsäule“, sich mit den „harten, empirischen“ Sozialwissenschaften verband, war der Weg frei für die uneingeschränkte Herrschaft der Rankings.

Warum? Weil empirische Sozialwissenschaften nichts als Rankings sind. Sie machen messbar, was nicht messbar ist – durch den Trick indirekter Quantifizierung.

Welcher Juniorprofessor ist am besten geeignet, um an einen Lehrstuhl berufen zu werden? Nehmt die Zahl seiner Veröffentlichungen und ihr wisst es. Welchen BWLer brauchen wir als Assistenten des Vorstands? Schaut auf seine Zeugnisse, Noten, die Anzahl seiner Praktika und ihr wisst es. Wer ist am intelligentesten? Wer die meisten Fragen, die wir als Intelligenzfragen festlegen, richtig beantwortet. 

Ob die Fragen wirklich mit Intelligenz zu tun haben, weiß nur Gott, insofern sind solche Fragen Glaubensfragen. (Z.B. weiß ein Norddeutscher im Prinzip nicht, was ein bayrischer Groschen ist, Unterschichtskinder wissen nicht, was Klassiker in Leder sind, Immigranten wissen nicht, wer Bismarck war.)

Nach Belieben kann ich durch selektive Fragen jene Population als intelligent herausfiltern, die ich aus politischen Gründen herausfiltern will und jene fallen lassen, die ich fallen lassen will. Das System Sarrazin. Der Messvorgang besteht darin, dass ich subjektive Zahlen einer nichtabsoluten Skala (= Rangskala) willkürlich einem Probanden oder Ereignis zumesse.

Die Orgie der Quantifizierung des Qualitativen ist der Kapitalismus. Welche Menschen verdienen es, zur Elite zu gehören? Wer am meisten Money besitzt. Die Hierarchie der Gesellschaft wird identisch mit der Quantität individuellen Eigentums. Sage mir, was du auf dem Konto hast, und ich sage dir, welch öffentliche Akzeptanz du verdienst.

Ursprung dieser Zumessung von Quantität an Glaubens-qualität war der Calvinismus. Wie findest du heraus, ob du zu den von Gott Prädestinierten gehörst? Indem du dich anstrengst und Geld verdienst. Die Gesamtzahl auf deinem Konto verrät deine zukünftige Stellung in der Hölle oder im Himmelreich.

Der Mensch wird Zahl. Da geht es ihm nicht besser als der Natur bei Galilei. Wenn man nur mechanisch abzählt, bleibt vieles auf der Strecke. Für Galilei war Natur ein Buch wie die Heilige Schrift, aber nicht in Buchstaben geschrieben, sondern mit mathematischen Zeichen und Zahlen. Wer das Buch lesen will, muss rechnen können. Alles nicht Berechenbare wird untergepflügt.

Quantifizieren ist immer ein Reduktions- oder Kastrationsvorgang: was stört, wird entfernt. Und was gehört zu den Störfaktoren? Alle Eigenschaften wie Farbe, Klang, Geschmack oder Geruch sind überflüssig und müssen chirurgisch entfernt werden.

Der Reformpsychiater Ronald D. Laing formulierte: „Dahin schwinden Sicht, Klang, Geschmack, Berührung und Geruch, Ästhetik und moralische Empfindsamkeit, Werte, Qualität, Form, Gefühle, Motive, Absichten, Seele, Bewusstsein und Geist.“ 

Das qualitativ unvergleichliche Individuum wird quantitativ zur Strecke gebracht und auf uniformer Skala künstlich vergleichbar gemacht. Nun gibt es zwar quantitativ so viele unterschiedliche Individuen wie Bankkonten, doch alle von derselben gleichgeschalteten Qualität.

Alle Menschen werden reduziert und verstümmelt zu Wirtschaftstieren oder ökonomischen Robotern. Besonderheiten und Merkmale, die sich der Quantifizierung entziehen, werden anatomisch entfernt.

Der Liberalismus will Philosophie des Individuums – des Unvergleichlichen – sein, doch just das Einmalige und Unvergleichliche ist im Kern des Kapitalismus herausgeschnitten und methodisch vergleichbar gemacht.

Der homo rationalis oeconomicus ist ohne Moral, (Wirtschaftsgesetze wollen moralfreie Naturgesetze sein), Ästhetik (die zerstörte Natur wird immer hässlicher), Bewusstsein und Empfindsamkeit: obgleich wir spüren, dass wir uns ändern müssten, bleiben wir apathisch und antriebslos.

Mit anderen Worten: wir trauen unseren eigenen Sinnen nicht, weil man uns der Empfindsamkeit beraubte und steuern einer Golem-Zukunft entgegen. Das Ich-Ideal des Quantifizierens ist die gefühllose, gut geölte, perfekt funktionierende Maschine.

In selbsterfüllender Prophetie ist eingetreten, was heilige Pergamente voraussagten: „Hören werdet ihr und nicht verstehen und sehen werdet ihr und nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt und ihre Ohren sind schwerhörig geworden und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“ (Matth. 13,10 ff)

Die Heilsbotschaft wendet sich nicht an alle, die einen sollen sie verstehen, die andern werden verstockt. Deshalb spricht der Herr in Gleichnissen, nicht, um verständlich zu reden, sondern im Gegenteil. „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen? Er aber antwortete und sprach: Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen, jenen aber ist es nicht gegeben … Deshalb rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen.“ (Matth. 13,10 ff)

Der Prozess der sinnlichen und verständigen Entmündigung ist seit Galileo auch im Wissenschaftlichen voll im Gang. Gewöhnlich nennt man diesen Prozess Verwissenschaftlichung durch Quantifizierung.

Durch Reduktion von Natur und Mensch auf verwertbare, zählbare und berechenbare Zahlen ist dem Menschen Hören und Sehen vergangen. Wer seiner Sinne nicht mächtig ist, kann sich das sapere aude – das Selbstdenken – abschminken.

Was die Theologen Verstockung nennen, das absichtliche Blind- und Unmündigmachen des Menschen, geschieht im Gewand fortschreitender Quantifizierung von Natur und Mensch in technischer und ökonomischer Konkretisierung. Die Welt wird ihrer Lebens-Qualität beraubt, zurück bleibt eine skelettierte Natur, bestehend aus rohen Daten und Ziffern.

Im folgenden SZ-Interview mit Merkel reduziert die mächtigste Frau Europas den Kontinent auf exponentielle Kurven und wirtschaftliche Kennziffern. Qualitative Menschenrechte, Werte und demokratische Autonomie werden zu rituellen Randbemerkungen degradiert. Die Zukunft Europas ist der technisch und ökonomisch verstockte Mensch, dem Sehen und Hören vergangen ist.

Wie konnte die Skelettierung der Welt durch messendes Zählen geschehen? Die Griechen kannten keine naturzerstörende Wissenschaft, warum konnte sie im christlichen Abendland entstehen?

Im Rededuell zwischen Gott und Hiob fragt der Schöpfer seine vorwitzige Kreatur: „Wer hat die Maße der Erde bestimmt – du weißt's ja – oder wer die Messschnur über sie ausgespannt?“ (Hiob 38,5) Nicht der Mensch, dieser Wicht, sondern Er, über den gesagt wird: „Als er dem Winde seine Wucht zuwog und den Wassern ihr Mass bestimmte.“ (Hiob 28,25) Dieser Gott ist es, der „große Dinge tut, unergründlich, wunderbar und ohne Zahl.“ (Hiob 5,9)

Nur Gott kennt die Zahlen seiner Schöpfung, er allein hat die Haare des Menschen gezählt. Wer das Geheimnis der Zahlen ergründet, der kann gottgleich werden, um den Auftrag zu erfüllen, die Erde untertan zu machen und zu beherrschen.

Wie Francis Bacon die neue Naturwissenschaft als Herrschaftswissen im Dienst der Rückeroberung des Paradieses, wie Joachim di Fiore das Dritte Reich des Geistes als auf Erden gekommenes Reich der Himmel, so betrachtete Galilei die messende Quantifizierung von Mensch und Natur als Auftrag der Gläubigen, ihre Gottebenbildlichkeit unter Beweis zu stellen und das Regiment über die Welt zu übernehmen.

Dass der Mensch fähig sei, die Macht über den vollkommenen Kosmos anzutreten – hätte den Griechen die Sprache verschlagen.