Donnerstag, 19. Januar 2012 - Mein Kampf

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Verbote,

es gibt viel Widriges in der Welt, muss es deshalb gleich verboten werden? Wie wär‘s, das Böse zu verbieten? Oder diejenigen, die ihm durch ausschweifendes Benutzen und Dämonisieren erst Wichtigkeit und Bedeutung verleihen?

Beim vielgescholtenen Skinner, dem Behavioristen, wird unerwünschtes Verhalten durch Ignorieren reduziert. Bestrafen würde das missbilligte Verhalten eher verstärken. Die Verhaltenstherapeuten halten nicht viel von Argumenten und menschlicher Einsichtsfähigkeit.

Da stehen sie nicht allein. Freud hat zwar den zusätzlichen Faktor Erinnerung in sein therapeutisches Repertoire aufgenommen, doch der Rest – Wiederholen und Durcharbeiten – ist auch nicht sonderlich philosophiefreundlich.

Aristoteles hatte Sokrates vorgeworfen, zu sehr der therapeutischen Qualität der Einsichtsfähigkeit zu vertrauen. Um seine Untugenden loszuwerden, müsse der Mensch, so der Schüler Platons, fleißig üben und sich erwünschte Tugenden durch Wiederholungstraining einpauken.

Damit war‘s um die historische Preisung der Vernunft fast schon geschehen. Mag sie in Vielem Recht haben, so habe sie doch nicht die Kraft, ihre Meinungen elegant und widerstandslos umzusetzen. Ihre Schwäche müsse durch Willen und eiserne Disziplin ausgeglichen werden.

Wir wissen, wie die Talfahrt der Vernunft weitergeht. Cato, der alte knorrige Römer, warf den philosophierenden Griechen Verweichlichung und Lebensuntüchtigkeit vor. Zwar übernahmen ...

... die römischen Eliten in hohem Maß die stoische und epikureische Philosophie – die anspruchslosen und ordinären Kyniker in Fußsandalen kamen nur beim Volk an – , nichtsdestoweniger eroberte roma aeterna die Welt nicht mit gelehrten Pergamentrollen in der Hand, sondern mit der eisernen und willensstarken Faust der römischen Soldateska.

Der Wille triumphierte über den Abstieg der Vernunft, deren Untergang das Christentum besiegelte. Weder Vernunft, noch willensmäßige Entschlossenheit verhelfen dem Menschen aus seiner Misere, sondern nur vollständige Ergebung unter Gnade und Willkür eines Gottes.

Für mehr als tausend Jahre verschwand die menschliche Vernunftkompetenz von der Weltbühne, der römisch-soldatische Wille hatte sie besiegt. Bis auch dieser von der christlichen Bankrotterklärung aller menschlichen Fähigkeiten zugunsten eines Gottes ad acta gelegt wurde.

Die Kirche eroberte das römische Reich, machte Rom zur Zentrale ihrer zukünftigen Weltherrschaft. Wenn Vernunft und Wille daniederliegen, der Mensch zur Katastrophe erklärt wird, schlägt die Stunde priesterlicher Leib- und Seelenbeherrscher, deren hohe Zeit bis in die italienische Frührenaissance reichte.

Arabische Gelehrte hatten die Kunde von der griechischen Vernunft über Bagdad und Toledo ins finstere Europa gebracht. Von Anfang an musste sie mit dem Willen um die Vorherrschaft über den Menschen streiten. Erst in Form des allmächtigen Willens eines Gottes, der sich keiner Ratio beugen wollte, später als Wille des Menschen, der sich den Willen des Gottes zum Vorbild genommen hatte.

Diesem unbegrenzten Willen entstammt die grenzenlose Freiheit der Moderne. Zuerst als wissenschaftlich-technische, geographisch-imperiale, endlich als ökonomisch-neoliberale Freiheit. Seitdem streiten drei Instanzen um die Führung des wissenden, wollenden oder glaubenden Menschen.

Wo immer Kirche und Religion obenauf sind, verwerfen sie die autonomen Fähigkeiten des Menschen. Wo in mehreren Wellen die Aufklärung Land gewann, konnten Vernunft und nichtreligiöser Wille Terrain zurückerobern. Vernunft stand für rationale Einsicht und Moral, Wille für unreglementiertes, instinktiv entfesseltes, maßloses Wüten und Wollen.

Hayeks Neoliberalismus ist eine Mixtur aus instrumenteller Rationalität und irrational-ungezügelten Zwecken. Die Moderne ist alles andere als entzaubert und zweckrational, wie Max Weber in distanzloser Bewunderung der amerikanischen Lebensart zu erkennen glaubte. Sie will unentwegt das Maß- und Grenzenlose, unterstützt vom Glauben an die entgrenzte Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Aufgeklärt sein wollenden deutschen Intellektuellen wird’s regelmäßig bange um ihre kleine hässliche Vernunft, die sie, je mehr das planetarische Verhängnis voranschreitet, verhöhnen und in Sack und Asche treten, um erleichtert beim allmächtigen Willen des Herrn unterzuschlüpfen. Wir erleben die Wiederkehr der Religion, die nur für Blinde abwesend war.

Von welcher Instanz lebt Demokratie? Von welcher der Mensch, der sein Schicksal selbst gestalten und nicht übermenschlichen Elementen überlassen will? Vom maßlos-irrationalen Willen? Von der Anbetung eines göttlichen Willens, der das Heil für Wenige durch das Ende der Natur und die Auslöschung der Mehrheit exekutiert – oder durch eine Vernunft, die sich rationale Zwecke setzen kann?

Was sind rationale Zwecke? Zwecke, die mit Natur und Humanität kompatibel sind. Sie zeichnen sich durch Menschenfreundlichkeit und Verehrung der Quelle allen Lebens aus.

Es gibt viel Schlimmes und Widriges auf der Welt, auch in Demokratien. Muss man es gleich mit der Schärfe des Gesetzes verbieten und dem polizeilichen Würgegriff überantworten?

Die Leugnung des Holocausts wird nicht nur in Deutschland geahndet, die Instrumentalisierung von Nazisymbolen in Israel, die Leugnung des Völkermords an den Armeniern in Frankreich. Vom Burkaverbot und ähnlichen Petitessen haben wir dabei noch nicht gesprochen.

Ministerin Schröder will bis an den Sankt Nimmerleinstag das Buch „Mein Kampf“ verbieten. „Um die Menschenverachtung der NS-Taten zu begreifen, braucht man bestimmt nicht Auszüge aus „Mein Kampf“ in den Zeitschriftenständern.“ 

Ebenso so gut könnte man sagen: um die Menschenverachtung der christlichen Inquisition, der Hexen- und Ketzerverbrennungen, der entsetzlichen Völkermorde in Afrika und Amerika zu begreifen, brauche man keine Bibellektüre und keinen obligaten Religionsunterricht.

Das also ist das Fazit der meisterhaft gelungenen deutschen Vergangenheitsbewältigung: die maßlose Furcht vor einem Buch, das mit endlosem Verbot für wissbegierige Jugendliche erst Attraktivität gewinnt. Schon vergessen: das Verbotene ist das Reizvolle?

Wer etwas verbirgt, muss es nötig haben, sagen sich die Enkelkinder von Nazigroßvätern. Wenn es die Lehrer & Pfarrer KG nicht erklären und rechtfertigen kann, muss wohl was Wahres in den giftschrankverwahrten Schwarten stehen, sonst gäb‘s ja keinen Grund zur Verschleierung. Auf, Landsknechte, vom Sturmwind durchweht,  lasst uns selber nachforschen.

Und also lesen sie "Mein Kampf" im Internet – und haben niemanden, bei dem sie ihre Fragen loswerden. Ihre Verhärtung ist das Echo auf die stumme Verhärtung der Vorbilder, die ihrem Nachwuchs nicht standhalten können.

Die Demokratien vertrauen nicht mehr der Ratio ihrer Bürger, der Vernunftvermittlung ihrer Erziehungssysteme und der konsensstiftenden Debatte ihrer Öffentlichkeit. Geschieht Übles in der Gesellschaft, ertönt der Spontanschrei nach verschärften Gesetzen und durchgreifenden Gewaltbeamten.

Niemand fragt: warum ist das so genannte Gute derart kraft- und einsichtslos, dass nur noch der Knüppel helfen kann? Wo haben wir Erwachsene versagt? Warum wird jede analytische Frage nach Ursachen sarkastisch niedergemacht?

Klar, wer nach Ursachen forschte, käme auf Fehler und Versäumnisse von Eltern und Lehrern, von klugen Schreibern, vorbildlichen Politikern und weit vorausschauenden Wirtschaftsführern. Mit ihrem Hohn auf die „unglückliche Kindheit“ will die Erwachsenenkohorte alle verräterischen Spuren verwischen, die in ihre Richtung führen könnten.

Der frühere Slogan des schwulen Filmemachers Rosa von Praunheim: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, wäre heute beliebig zu variieren: nicht die abgehängte Generation der Jugendlichen, nicht die drogen- und alkoholsüchtigen Gangs, nicht die neonazistischen Killer sind an ihrem Schicksal schuld, sondern eine verpanzerte Gesellschaft, die ihre Kinder schutzlos der Welt überlässt und keine Verantwortung mehr für sie übernimmt.

Es gibt einen unerklärten Krieg der Erzeuger gegen ihre eigenen Kinder: Fragt uns nichts, lasst uns in Ruhe, geht malochen und Karriere machen. Gerade die arrivierten Ex-68er – inklusive ihrer schreibenden GenossInnen – haben sich die amerikanische Hauruckdevise zu eigen gemacht: Jeder ist seines Schicksals Schmied. Losern wird kein Pardon gegeben. Erklärungen als Entschuldigungen müssen an der Garderobe abgegeben werden. Verstehen ist hinterfotziges Verzeihen!

Die gesamte Psychotherapie ist ein Trümmerfeld. Nach den Mitscherlichs und H.E. Richter – vor Tagen noch bigott von einer Presse in den Himmel gerühmt, die alles unternommen hat, um deren Erbe bis auf die Wurzel rauszureißen – gab es keinen einzigen Nachfolger der Seelenversteher, der ein gewichtiges Wörtchen zum Verfall der Politik und ihrer medialen Bodyguards hätte sagen können.

Sie haben sich ins Privatistische abgeseilt und veranstalten seichte Beichtseancen nach der Devise: komm mir nicht zu nah, Patient. Du und deinesgleichen gehen mir leicht auf die Nerven. Im Grunde bist du nur ein simulierender Malocheverweigerer, der seinem Arbeitgeber auf der Tasche liegt. Es gibt kein Erklären und Verstehen zu deiner Entlastung. Schau nach vorn und troll dich an die Arbeit, sie ist noch immer das beste Medikament gegen eingebildete Depression und larviertes Burnout, das nur die Erfindung wenig Belastbarer ist.

Ist die Devise nicht dennoch richtig: Jeder ist selbst für sich verantwortlich? Gewiss, wenn er erwachsen ist. Wenn er erwachsen werden durfte. Wie viel Prozent der über 18-Jährigen sind erwachsen? Sagen wir 50 Gerechte, Herr? Oder 40, 20, 10? 

In der Strafprozessordnung werden sie traktiert, als seien sie erwachsen und voll verantwortlich für ihre Untaten. Zurechnungsfähig und inhuman sein ist ein Widerspruch im Beiwort. Niemand darf als zurechnungsfähig gelten, der Menschen beschädigt.

Insofern präsentiert sich die heutige Menschheit im Status planetarischer Unzurechnungsfähigkeit. Um dieser Selbstdiagnose zu entgehen, attestiert der robustere Teil der Menschheit dem chancenloseren Teil den Befund mangelnder Zurechnungsfähigkeit. Die Kriminellen tragen den Makel der Schuld, damit der Rest der Menschheit sich im Spiegel betrachten kann. Die Scharfrichter der Gesellschaft verwechseln die instrumentellen Fähigkeiten, Bomben zu basteln oder sich Pistolen zu besorgen mit Verantwortlichsein für ihr moralisches Tun.

Ist Breivik zurechnungsfähig, weil er in mörderischer Stringenz planen konnte oder ist er psychisch krank, weil nur Kranke zu solchen Untaten fähig sind? Ist das Böse nicht die Frucht eines durch und durch angekränkelten Baumes? Die Situation ist pervers, danach das Opfer der Situation.

Seit die Deutschen schreckliche Täter waren, halten sie es für Vergangenheitsbewältigung, den Begriff Opfer aus ihrem Vokabular zu streichen. Selbst Nazi-Täter waren Opfer ihrer deutschen Vergangenheit. Erwachsen wird man nur, wenn man verhängnisvolle Traditionen durchschauen und sich von ihnen lösen kann.

Welcher deutsche Jugendliche hatte im 1000-jährigen Reich die geringste Chance, sich aus eigener Kraft vom messianischen Wahn zu lösen? Es ist bequeme und dualistische Scheineindeutigkeit, Menschen reinlich in Täter und Opfer zu teilen. Jeder Täter tut, was man ihm angetan hat. Was nicht bedeutet, dass es den Tätern nicht an den Kragen gehen soll.

Die Gesellschaft muss vor ihnen geschützt werden. Das wird sie aber nicht, wenn in den vergitterten Hochburgen der Verwahrlosung die kriminelle Energie der Eingeschlossenen erst richtig aktiviert wird.

Eine humane Gesellschaft würde den Versuch unternehmen, die Motive der Täter nicht nur in billigem Parolenton zu verurteilen, sondern so zu verstehen, dass die Quelle der Taten ausgetrocknet werden könnte. Was in jeder Hinsicht effektiver wäre, um zukünftige Untaten zu vermeiden, als das bloße Schafottgeschrei jener, die das Glück hatten, in besseren Umständen aufzuwachsen.

Unverstandene Taten stehen strikt unter Wiederholungszwang. Die Deutschen wissen nichts von ihrer Vergangenheit. Es fehlt ihnen das geringste Verständnis, warum gerade sie zu Tätern werden mussten. Nicht im Sinne hirngeleiteter oder calvinistischer Determinierung, sondern im Sinn jahrhundertelanger Prägung bis ins Mark durch platonisch-christliche Faktoren, die man längst zum Teufel hätte jagen müssen.

Solches gelänge nur, wenn die Vernunft übers Land ginge. Mit anderen Worten, wenn es zum nächsten Aufklärungsschub in Europa käme.

Die Gerichte spielen ein absurdes Als-Ob-Spiel. Tun wir einfach so, als sei der Mutter- und Kindermörder eine coole Killermaschine und nicht das unvermeidliche Produkt einer seelenzerstörenden Erziehung, die zur eigenen Entlastung andere zerstören musste. Hatte Klassiker Schiller unrecht mit seiner Sentenz: dies ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären?

Das Als-Ob freiwillig-bösartiger Schuld erleichtert das Gewissen der Gesellschaft, die ihre Hände beim Hören des vernichtenden Urteilsspruchs in Unschuld wäscht. Die Gefängnisse sind zu Orten gesellschaftlicher Racheorgien geworden, nachdem sie vor Dezennien in Sozialtherapeutischen Anstalten eine kleine Weile die Chance hatten, den Bestraften eine zweite Chance zu geben.

Merke: zweite Chancen erhalten nur prominente Moderatoren, adlige Lügenbarone und Gebrochene im Dschungelcamp. Was ist das für eine Gesellschaft, die sich nur noch in der Lage sieht, die Täter hinter schwedischen Gardinen bei lebendigem Leibe zu begraben.

Eine Gesellschaft, die nach der Lektüre von "Mein Kampf" sofort in SA-Stiefeln die Straßen verunstaltet, muss nicht nur eine hochaufgeklärte, ihre Vergangenheit vorbildlich bewältigte Nation sein, sondern ein kathartisch gereinigtes Volk in uneingeschränkter Verantwortungsfähigkeit, die keinen Blick mehr an die Vergangenheit verschwenden muss, sondern, wie die stolze Costa Concordia, mit voller Kraft in die Zukunft segeln kann. Mindestens bis zum nächsten, sichtbaren Riff.


Zum Breivik-Gesamt-Kommentar siehe: Kontroversen – Der Fall Breivik