Dienstag, 17. Januar 2012 - Gottgleiche Edelfedern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Medienpriester,

Priester, liebe Kinder, sind jene merkwürdigen, familiär unbehausten, schon hienieden im Jenseits weilenden Menschen mit verhuschten, mild lächelnden, verbissenen oder feisten Mienen und linkischen Bewegungen, deren Berufsbeschreibung nicht von der IHK, sondern von „Offenbarungen“ festgelegt wird.

Wer Näheres erfahren will, nehme eine so genannte Konkordanz zur Hand – das ist eine „mit Herz“ geschriebene Art Register, aber viel besser, weil sie göttliche und nicht profane Wörter ordnet – und schaue nach unter Priester, Prediger oder ähnlichem, wobei immer zu bedenken ist, dass alle Dekade eine funkelnagelneue Übersetzung auf den Markt kommt, die in spiritueller Neuerfahrung alles Anstößige wegübersetzt.

In meiner uralten, im Jahre 1901 in Bremen gedruckten, Konkordanz steht zum Beispiel unter Jesaja 19,3 das Wörtchen Pfaffe. In meiner wesentlich moderneren Zürcher Bibel steht nichts von Pfaffe, sondern von Götzen, Beschwörern, Totengeistern und Wahrsagegeistern.

Sollten das etwa nette Umschreibungen der Pfaffen sein? Wobei jeder weiß, dass es unter Priestern sone und solche gibt: die der richtigen und die der falschen Religion. Schweinepriester und Pfaffen sind natürlich immer die der andern und haben mit unseren staatlich anerkannten, akademisch gebildeten und die abendländischen Werte sichernden Monsignores oder lutherisch strengen, verheirateten und viele intelligente Söhne habenden Pfarrer, die später alle weltberühmte Professoren werden, wie Nietzsche, Schelling, Ranke e tutti quanti, nichts zu tun.

Upps, das war ein Bandwurmsatz, der weder in BILD, noch im SPIEGEL erscheinen dürfte, vielleicht gerade bei Thomas Mann, weshalb diese Kolumne garantiert medienuntauglich ist. An dieser üppigen ...

... Neuübersetzungskultur der Deutschen, die sich in diesem Fach von niemandem in der Welt übertreffen lassen und mittlerweile Übersetzungen für Feministinnen, Links- und Rechtskatholiken, Zeugen Jehovas, Moderne und Altmodische, Arbeitgeber und Hartz4-Empfänger, mildtätige Milliardäre und in eiskalten Zelten zitternde Okkupysten, Aufgeklärte und Hinterwäldler, Buchstabenpedanten und geistige Deutungsvirtuosen, deutsch-ökologische Weltenretter und amerikanisch-apokalyptische Ökologenfresser haben, können wir erkennen, dass nicht nur Joschka Fischer, sondern auch Pfaffen – stopp, die gibt es ja nicht mehr – also geistliche Gemeindehirten sich ständig neu erfinden.

Sagt's nicht weiter, aber selbst das Neuerfinden haben sie erfunden – und nicht aufgeblasene Postmodernisten, die gern die Rolle weltläufiger Popenerben spielen. Allerdings der exquisiten Art. Sie beanspruchen nur Recht und alleinseligmachende Wahrheit, indem sie alle Wahrheit und Rechthaben vom Tisch wischen.

Popen? Das ist auch so eine „abwertend gemeinte“ Bezeichnung für ehrwürdige Geistliche, abgeleitet von Papst, dem Papa aller Christen dieser Welt, der ohne mit der Wimper zu zucken behauptet, ohne Mama all seine Kinder gezeugt zu haben.

Da er vorsichtshalber hinzufügt: gezeugt im Geiste, sind's alle frommen Frauen zufrieden und halten geistliches Zeugen für was Besseres als  natürliches Zeugen und Gebären unter Lust und Schmerzen.

Neuerfinden hieß früher Offenbaren oder Offenbarungen erhalten. Die Kategorie der kreativen Offenbarer ist ganz schön dreist und setzt sich an die Stelle Gottes, der das Monopol für Offenbarungen früher eifersüchtig für sich reservierte. Ob Eifersucht die sympathische Eigenschaft für einen Gott sein kann, diese Debatte überlassen wir allen Gottesgelehrten dieser Welt, denen zu diesem tiefentheologischen Thema schon ganze Bibliotheken eingefallen sind.

Heute wildert jeder im Offenbarungsfach herum und plagiiert auf Teufel komm raus. Das passive Offenbarungerhalten ist ziemlich aus der Mode gekommen, jeder will heute selbst ex nihilo kreativ und aktiv sein oder wenigstens so scheinen.  

Man versteht die Sprache der Gegenwart nicht, wenn man sie nicht ins Theologenwelsch zurückübersetzt, dem sie aus dem Bauche kroch. Also was sind Priester? Meine Konkordanz lässt mich nicht im Stich. An einem nicht mehr fernen Tag der Rache Gottes werden alle Schäfchen Priester sein: „Und Fremde werden dastehen und eure Schafe weiden und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein; ihr aber werdet Priester des Herrn heissen, Diener unsres Gottes wird man euch nennen. Ihr werdet die Schätze der Völker genießen und in ihre Herrlichkeit eintreten.“ (Jes. 61,5 ff)

Upps, hab ich mich in der Schrift vertan? Das kann keine „gerechte Übersetzung“ für Geißler, Eppler und antikapitalistische Armseligkeitsanbeter sein. Dabei klingt alles merkwürdig modern, als ob der Verfasser die bundesrepublikanische Realität anno domini 2012 vor fast 3000 Jahren vorausgeahnt hätte.

Doch das waren ja Profipropheten, die weit in die Zukunft schauen konnten, manchmal sogar bis ans Ende der Geschichte und drüber hinaus und immer die Wahrheit sagten. Wie Pastor Schorlemmer, der Prophet aus der Ex-DDR, der, wie sein Vorbild Jeremia, nie die Klappe halten kann und den Journalismus für angewandte Prophetie hält, womit er der Schreiberzunft in toto aus der erleuchteten Seele spricht.

„Ein Prophet sagt, was Sache ist, ohne den Anspruch zu erheben, als Einziger zu wissen, was Sache ist. Er steht für Entschiedenheit ohne Totalitarismus“, sagt der aufrechte lutherische Pastor glatt.

Das muss ein merkwürdiger Jeremias à la Schorlemmer sein, möglicherweise eine postsozialistische Spezialoffenbarung? Waren Propheten bislang nicht Mundstücke Gottes und Gott hatte gegen alle Welt immer Recht, was fiese Demokraten heutzutage totalitär nennen würden?

Was machen diejenigen, die dem Propheten widersprechen? Etwa die Heiden? Haben die Recht, obgleich sie Feinde des Propheten sind? Dann muss ich eine falsche Übersetzung haben, bei mir steht: „Die Satzungen der Heiden sind nichtig“. (Jer. 10,3) Was geschieht mit den Kindern Israels, wenn sie gegen Jahwes Gesetze verstoßen? Sie werden selbst verstoßen: „Der Herr hat verworfen, verstoßen das Geschlecht seines Grimms.“ (Jer. 7,29)

Wie sieht Gott, sein Name sei gepriesen, die Aufgabe des toleranten Propheten? „Siehe, ich setze dich heute über die Völker und über die Königreiche, auszureißen und niederzureißen, zu verderben und zu zerstören, zu pflanzen und aufzubauen.“ (Jer. 1,10) Vermutlich darf man die Worte nicht buchstäblich nehmen, denn der Buchstabe tötet – oder bedeuten sie gar das Gegenteil ihrer selbst?

Nein, Pastoren können nicht lügen (non posse peccare). Und selbst wenn sie es täten, würden sie nur soli deo gloria lügen. Jesaja, der andere Prophet, hat exakt unsere gegenwärtige Lage beschrieben, die er als gottgewollt betrachtet, denn kein einziges kritisches Wörtchen dazu ist von ihm zu hören. Migranten und Ausländer machen unsere Drecksarbeit, Priester des Herrn gehören zu einer der reichsten Institutionen in diesem gar nicht armen Land.

Worauf wollte ich hinaus? Ach ja, auf Götz Aly und seine heutige Priesterschelte, pardon Medienschelte.

Medien sind Vermittler und Vermittler sind Priester und Brahmanen, die das abgesicherte Wort von oben nach unten durchreichen. Wenn Götz Aly die Medien der Heuchelei zeiht, die Schreiber gar Pfaffen der Federn nennen würde (was er als honoriger Honorarprofessor niemals täte), dann wäre Götz Aly fast eine Art säkularer Pfaffenspiegelverfasser.

Da bleibt einem doch die Spucke weg, in welchem Maß die hochmoralischen Wulff-Jäger selbst jene abstaubenden Privilegien genießen, die sie unserer Nummer 1 vorwerfen. Warum ist hier Transparency noch nicht tätig geworden? Bei Wulffs Fest in Bellevue blieben sie standhaft in Distanz, aber beim täglichen Blick in die Gazetten schauen sie weg? Hier tun sich Abgründe auf.

Warum muss ein außenstehender Historiker diesen Artikel verfassen? Wo ist Jakob Augstein, der sich in Moral überbietet, aber keine Skrupel kennt, seine verdienten Herausgeber auf kaltem Wege an die Luft zu setzen? Einen kritischen Kommentar über Augstein von SZ, SPIEGEL oder TAZ hab ich nicht gelesen.

Krähen, die sich gegenseitig kein Auge aushacken, gehören zu den klügsten Vögeln dieser Welt, war neulich in ARTE zu sehen. Sie verfügen über eine sequentielle Intelligenz, was bedeutet, sie können sich ein Werkzeug angeln, um sich ein Werkzeug zu angeln, um sich endlich die Beute zu schnappen.

Das können auserwählte Tagesschreiber auch, die ebenfalls zu den klügsten Vögeln dieser Welt gehören. Sie angeln sich reiche Verleger, die sich die einflussreichsten Öffentlichkeitsorgane angeln, um sich das Wohlwollen der politischen und wirtschaftlichen Eliten zu angeln, um sich endlich die Beute zu schnappen: die Macht des Wortes.

Womit wir nicht mehr um Wulff herumkommen. Diesem werfen jene vor: wenn er schon keine Macht habe, sollte er doch wenigstens die Macht des Wortes ausüben. Genau daran gebräche es ihm, wenn ich einen altmodischen Konjunktiv benutzen darf.

Aber hallo, wer hat denn keine Macht außer der Macht des Wortes? Nicht die Mittler, die schreibenden Brahmanen? Ist denn der Bundespräsident ein Kollege der wortmächtigen Zunft? Sollten etwa – nicht auszudenken – die Edelfedern den Edelpolitiker als Rivalen betrachtet und zum Teufel gemobbt haben? Da gibt es Kommentatoren wie Jan Fleischhauer im SPIEGEL, der die ganze Affäre für Aufbauschen piefiger Petitessen hält.

Auch der kritische Sozialpsychologe Harald Welzer zeigt angewidert die Noli-me-tangere-Karte: lasst mich zufrieden mit einem menschelnden Bundespräsidenten, der mich nicht interessiert und nichts angeht. Aber Bruder Harald, so lieblos und asozial kann man mit dem lebenden Zellkern eines hohen Amtes nicht umgehen. Verstößt das nicht gegen die christlichen Wurzeln der Sozialpsychologie?

In Wirklichkeit geht es um die allerdringlichste und eminenteste Frage dieser von Religion überwucherten laizistischen Republik. Ist der Bundespräsident göttlich, insofern er über die Macht des Wortes verfügt – oder ist er nur ein Narr Gottes, weil er nicht drüber verfügt? (Früher hätte man von einem Götzen oder Aftergott gesprochen)

Noch wichtiger als ein unbedeutender Bundespräsident ist die Bewertung der Medien, die einen unliebsamen Rivalen als Sündenbock abgeschossen haben, weil sie selbst in eine postneoliberale Midlifecrisis geraten sind: Ist die Vierte Macht aus ihrem bislang von niemandem angezweifelten gottgleichen Status heraus- und in den Dreck gefallen?

Da streiten sich zwei Institutionen, welche von ihnen gottgleicher ist als die andere und dies mitten in einer laizistischen Demokratie!? Mit Religion aber haben unsere Verhältnisse nix zu tun, stimmt's?

Übersetzen wir doch mal spaßeshalber den Johannesprolog ins Niedere und Journalistische. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Wulff oder den Edelfedern, und das Wort war göttlich, mächtig ohne äußerliche Macht. Dieses war im Anfang bei der Ersten und Vierten Macht. Alle Dinge sind durch Politik und Medien geworden und ohne das Wort des Wulff oder der Edelfedern ist in der ganzen Republik nicht eines geworden, das geworden ist. Und das Licht scheint in der Finsternis des Pöbels und die Finsternis des Pöbels hat es nicht begriffen.“

Noch zwei blasse Nachklänge zum Thema lichtvoller Journalismus. In RTL gibt es seit Jahr und Tag einen Menschenflüsterer, der sich stets hochinteressante Zeitgenossen einlädt, die viel zu sagen haben, pardon zu sagen hätten, wenn sie denn zum Sagen kämen. Denn der Flüsterer benutzt sie nur als Stichwortgeber, um seine enzyklopädische Allwissenheit dem Publikum unter die Weste zu flüstern. Passenderweise  heißt der gnadenlose Verhunzer der sokratischen Mäeutik Alexander der Große und Kluge.

Zuguterletzt sah man gestern den Moderator Plasberg in fliegendem Stafettenwechsel zu seiner Kollegin Miosga von den Tagesthemen. Zwecks Publikumsbindung waren beide pflichtgemäß erheitert, als Plasberg die rituelle Frage nach den nun folgenden Themen stellte. Über beide Backen lachend, antwortete Miosga: über das gesunkene Kreuzfahrtschiff und wie viele Tote noch vermisst würden.

Solche sich wegwerfende Heiterkeit der Medien kann nur gottgleich sein. Man könnte auch trivial sagen, das Privatfernsehen hat das öffentlich-rechtliche verschlungen.

Ohnehin gibt es keine Gazette, die auf sich hält, die nicht einen täglichen Hofbericht über ein so genanntes Dschungelcamp veröffentlichte. War das nicht die Verfilmung des biblischen Sündenfalls als tägliche Seifenoper, nach dem Motto: die Hölle, das sind die andern?