Montag, 16. Januar 2012 - Vom Mitarbeiter zum Souverän

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

um das fortwährende Blutvergießen an der syrischen Bevölkerung zu beenden, schlägt Katar den Einsatz arabischer Truppen vor. Die Arabische Liga, die sich mit ihren blinden und gegängelten Beobachtern bis auf die Knochen blamierte, will den Vorschlag prüfen.

Unterdessen halten sechs Abgeordnete der Linken es für richtig, sich mit Assad, dem hauptberuflichen Schlächter seines Volkes, zu solidarisieren. Zu Recht fordert Bommarius den Rauswurf dieser Wasserträger eines Despoten, der schon längst in Den Haag sitzen müsste.

Marx ist nicht das fleckenlose Urbild in diametralem Gegensatz zu Stalin, dem perversen Verfälscher seiner Gedanken. Für einen überzeugten Demokraten ist Demokratie die einzige und beste Methode – okay, die schlechteste, mit Ausnahme aller andern –, um die Probleme menschlichen Zusammenlebens zu lösen. Für Marx nicht.

Der lässt seine proletarische Heilsgeschichte antreten, die im Verlauf der Ereignisse die Probleme mit unwiderstehlicher Gewalt entsorgen wird. Der geschichtsabhängige Mensch kann den automatischen Gang der Dinge ein wenig beschleunigen, mehr aber nicht. Das ist die geheime Ursache der modernen Beschleunigungswut.

Je gehetzter die Zeiger der Uhr gedreht werden, je schneller münden wir ins Zielgebiet. Sei es als Wiederkehr des Messias, sei es als Reich der Freiheit. Beschleunigen ist die globale Ungeduld beim ...

... Erwarten utopischer Verhältnisse. Indem man ständig einen Zahn drauf legt, will man den Messias oder die Geschichte nötigen, auch einen Zahn drauf zu legen und uns freudig entgegenzueilen.

Advent heißt Ankunft. Wir leben in adventarisch-ungeduldiger Erwartung gnädig geschenkter perfekter Verhältnisse. Jede Aktivität von unserer Seite erwartet eine komplettierende Antwort von oben. Oben und unten müssen zusammenarbeiten, um die verloren gegangene Ursprungsharmonie wieder herzustellen.

Wem fällt nicht das perfekte Glück der jungen Familie mit dem ersten Kind ein, das durch zermürbenden Alltag in entfremdeten Verhältnissen allmählich geschleift wird, das Glück flieht, die Eltern trennen sich, das Kind erlebt seine Biographie als Hegel'sche Triade: im Verlauf seines Lebens wird es alles unternehmen, um die Eltern zu versöhnen und die Harmonie auf durchgearbeiteter höherer Ebene wieder herzustellen.

Makrokosmische Verhältnisse bestimmen die mikrokosmischen bis ins letzte Detail – und vice versa. Sage mir, was du denkst und glaubst und ich sage dir, wie du Denken und Glauben in Politik umsetzt.

Wie der Mensch sich den Kosmos vorstellt, so richtet er seine Verhältnisse ein. Doch so einseitig wie Marx die Angelegenheit sieht – das Sein bestimmt das Bewusstsein –, ist die Chose nicht. Wenn wir Kosmos und Sein gleich setzen, können wir dann sagen: der Kosmos bestimmt einseitig das Bewusstsein?

Das wäre richtig, wenn der Mensch nicht den geringsten Einfluss auf den Kosmos hätte, was im universellen Maßstab, nicht aber im planetarischen stimmt. Sonst könnte es keine Natur- und Klimaveränderung geben, wenn das Bewusstsein nicht auch das Sein bestimmte. 

Nebenbei: unklar ist das Problem des Marx'schen Bewusstseins. Ist Bewusstsein der ganze Mensch oder nur ein Teil von ihm? Sagen wir das Unbewusste, Körperliche, Vegetative, Instinktive? Vermutlich dachte Marx so: seitdem er die Gesetze des Menschen und der Geschichte als eherne Naturgesetze dechiffrierte, brachte er den gesamten Bereich des Bewusstseins ans Licht.

Unbewusste Dunkelecken der Geschichte gibt es seit dieser prometheischen Erkundungsfahrt ins Herz des Seins nicht mehr. Was Freud für die private Persönlichkeit, tat Marx für die gesamte Gattung: er vertrieb alle Dunkelheiten aus dem menschlichen Tun und Denken. Die platonische Höhle hat er mit Licht geflutet oder – ins Christliche übersetzt – den Teufel aus dem irdischen Regiment gejagt.

Doch nicht ganz und gar. Was die Geschichte im Großen bringen wird, ist evident, nicht aber, wie sie im Kleinen und Alltäglichen das große Ziel konkretisieren wird. Dies von Fall zu Fall, von Epoche zu Epoche, von geschichtlich herangereifter Notwendigkeit zur nächsten Notwendigkeit herauszufinden, dazu genügt das beschränkte Bewusstsein proletarischer Massen nicht.

Dazu bedarf es privilegierter „Propheten“ und Geschichtskundiger, die ihrem Volk die jeweilige Stunde (Kairos) ansagen, die in der Geschichte geschlagen hat. Der erste und wichtigste dieser Propheten war Marx selbst, der der gebildeten und begüterten Bourgeoisie entstammte – und nicht ärmlichen Verhältnissen. Seine Nachfolger wurden die leninistisch-stalinistischen Parteibonzen, die Mitglieder der Nomenklatura.

Erneut haben wir eine priesterlich-hervorgehobene Mittlerkaste, die sich nach oben orientiert, von dort die empfangenen Direktiven nach unten weiterleitet. Das ist just die Mentalität unserer Medien, der Mittler, die nach oben schauen und ihre kostbaren Informationen aus dem Bauch der Macht nach unten selektiv, verächtlich und hochmütig weitergeben.

Sie sind die säkularen Mittler der Moderne, die die vakante Stelle der Priester und Erleuchteten erobert haben. Der dumpfe und erlösungsbegierige Plebs darf den heiligen Bereich – das gedruckte Wort – nicht betreten. Er muss im Pro-fanen (= im Vorraum des Heiligen) verharren und geduldig auf das befreiende Wort aus dem Innern des Allerheiligsten warten.

Die Medienkaste ist eine exklusive Nomenklatura, sublim zugeschnitten für demokratische Verhältnisse. Wie sie sich von der obersten Politikerkaste getreten fühlt, so tritt sie weiter nach unten in Richtung Plebs. Dazu der passgenaue Artikel aus der FAZ.

Der Kosmos oder die Natur bestimmt die Geschicke des Menschen. Da er selbst ein Teil der Natur ist, bestimmt er mit über sich selbst. Das Bewusstsein bestimmt das Sein, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt. Ob auf gleichberechtigter Ebene, werden wir sehen.

Dass Marx diese Gegenseitigkeit (Reziprozität) zerschnitt und dem Sein alle direktive Macht zuschrieb, beweist, dass er unter Sein eher einen übernatürlich omnipotenten Gott verstand als die Natur, die ihrem menschlichen Sprössling ein Mitspracherecht einräumt.

Worin besteht das Mitspracherecht? Im Erkennen der Natur, im Handeln nach dieser Erkenntnis. Wie ich die Natur erkennend einschätze, so werde ich sie behandeln. Seh ich sie als perfektes Gebilde, werde ich ihr in Bewunderung folgen und sie in allen Dingen nachahmen, um an ihrer Perfektion teilzuhaben. Mein Erkennen dient der Nachfolge der Natur. Ich erkenne die Natur, um vollkommen wie sie zu werden.

Ist denn der Mensch unvollkommen, dass er nötig hätte, sich zu verbessern und zu vollenden? Im Vergleich mit der vollkommenen außermenschlichen Natur muss der Mensch ein wenig unvollkommener sein. Wär‘s anders, hätten wir keine Probleme mit der Natur.

Tiere und Pflanzen sind vollkommen wie die Natur, somit dem Menschen überlegen. Diese Unterlegenheit wurmt und peinigt den Menschen. Also erfindet er Bewusstsein, Geist, Intelligenz, Technik, Kultur, allmächtige Götter als Schöpfer der Natur, denen er sich gleichsetzt, um die Unterlegenheit zu kompensieren. Er muss über alle Maßen brillant und genial werden, um seine Minderwertigkeit auszugleichen, doch ohne nachhaltigen Erfolg.

Womit wir bei Prometheus wären, der sich der erbarmenswerten zukurzgekommenen nackten und frierenden Menschlein erbarmt und ihnen Feuer, Intelligenz und Technik bringt – die er zuvor den Göttern geklaut hat –, um den Ärmsten der Armen ähnliche Chancen zu bringen, wie sie ihre tierischen und pflanzlichen Mitgeschöpfe von Anfang an besaßen.

Die Deutschen gelten als notorisch zurückgebliebene Nation. Dieses Schicksal teilen sie mit dem gesamten Menschengeschlecht im Verhältnis zu Flora und Fauna. Insofern kann man sie als archetypisches Volk bezeichnen. Wenn sie damit nur Sinnvolleres anfingen als sich immer nur zu brüsten und zu prahlen! 

Nun haben wir zwei Parallelgeschichten, die Prometheus-Sage und die Schöpfungsgeschichte. Bei den Griechen waren die Menschen um ein Weniges minderwertiger als der Rest der Natur. Die perfekte Natur begann oberhalb des Mondes, unterhalb des Mondes musste man mit diversen Mängeln zurechtkommen. Diese Mängel können sie durch Erkennen der Natur und technische Mittel ausgleichen.

Beschränkt sich der Ausgleich auf bloße Handhabung von Technik, erhebt Sophokles die Klage: Furchtbar ist viel, doch nichts furchtbarer als der Mensch. War wohl nix mit der Technik.

Beginnt der Mensch aber zu erkennen und zu philosophieren, kann er denkend zur Einheit mit der Natur gelangen. Technische Dinge mögen einiges erleichtern, sind aber nicht heilsnotwendig, ja, können in Übermaß die Einheit mit der Natur gefährden. So auch bei Laotse, wo der Alte das Wasserrad ablehnt, sich lieber selber plagt, als eine maschinenförmige Seele zu erhalten.

Nicht nur die Naturphilosophie der Griechen, ihre gesamte Philosophie war der Versuch, denkend und sinnend in Einklang mit der Natur zu kommen. Platon lehnte experimentelle und technische Eingriffe in die Natur ausdrücklich ab. Da war er nicht allein, weshalb die gescheiten Griechen vieles erfanden, aber nicht die moderne Naturwissenschaft und Technik, die ihre Perfektion im Unendlichen sieht – und wenn die Natur darüber zugrunde ginge.

In der Schöpfungsgeschichte ist der Mensch nicht nur ein bisschen minderwertiger. Durch den Graben des Bösen ist er vom Rest der Schöpfung wesenhaft getrennt, den er als Erster der Schöpfung gleichwohl erlösen muss, wie er selbst vom himmlischen Erlöser erlöst wurde. (Siehe Röm. 8, 19 ff)

Das Ziel seines Erlösertums ist nicht Einheit mit der gefallenen Natur, sondern Einheit mit einem übernatürlichen Gott. Das Mittel zu dieser Tat ist nicht Erkennen, sondern Beherrschen der Natur: Macht euch die Erde untertan, seid fruchtbar, besetzet und besiedelt die ganze Erde und herrschet. „Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde und über alle Vögel …“ (Gen. 9,2 ff)

Hier sehen wir die gedanklichen Fundamente der christlich geprägten Moderne. Da Natur schlecht und minderwertig ist und der Mensch ihr überlegen, soll er sie durch furchterregendes Herrschen solange verbessern und ausbeuten, (was identisch ist), bis der Herr sie im Ganzen versenkt und eine nagelneue herbeizaubert.

Wie der Mensch die Natur erkennt und betrachtet, so behandelt er sie. Insofern bestimmt das Bewusstsein das Sein. Inwieweit Natur sich diese Behandlung gefallen lässt, bestimmt das Sein das Bewusstsein. Solange der Mensch jede Harmonisierung mit der Natur als sklavischen Gehorsam verabscheut, weil er sich als naturüberlegenes Wesen betrachtet, solange wird er Natur drangsalieren und martern, in der gutgemeinten, aber perversen Meinung, durch Herrschen und Drangsalieren die Natur zu sich selbst zu bringen. Der Pädagoge der Natur wird zu ihrem Folterer, der Erlöser der Natur zu ihrem Vernichter.

Für Marx sind demokratische Verhältnisse das Geschenk der Geschichte an den Menschen am Ende seiner vorgeschichtlicher Irrungen und Wirrungen. Theologisch gesprochen sind Marxisten Semipelagianer: Mitarbeiter Gottes, die auf die Gnadenwirkung von oben angewiesen sind.

Auch Adam Smith und Kant vertrauten der Eigengesetzlichkeit von Wirtschaft und Geschichte, doch wenn’s knirscht, steht eine Unsichtbare Hand bereit, die Unvollkommenheiten des Menschen zu reparieren. In der sozialen Marktwirtschaft tritt der Staat an die Stelle Gottes (oder der Unsichtbaren Hand), um beim Versagen der wirtschaftlichen Kreisläufe zu intervenieren und den stotternden Motor wieder zum Schnurren zu bringen.

Marxisten sind keine autonomen Subjekte einer selbstgemachten Geschichte. Die Linken sind so wenig in der Lage, ihre Marx’schen Urschriften zu entglorifizieren, wie deutsche Christen unfähig, ihr heiliges Urchristentum als Wunschgebilde zu entlarven.

Das geschichtliche Schema ist bei Marxisten und Christen identisch: am Anfang war alles gut, dann Sünden- und Abfall, schließlich Wiederaufstieg und Rückkehr zum Anfang auf höherer Ebene. Das ist auch der Kern der Hegel'schen Triade aus anfänglicher Einheit, Kampf und Kollision, erneuter Einheit auf höherer Ebene.

Alle Ideologien des Westens sind fragmentierte Erben des christlichen Credos. Ob Kapitalismus, Sozialismus, freie Marktwirtschaft, unendlicher Fortschritt: solange Mächte wie Gott, Geschichte oder Heilsgeschichte im Spiel sind, die den Menschen überragen und von denen er abhängig ist, solange kann er seinen pseudoautonomen Mitarbeiterstatus nicht überwinden.

Gewiss, vom Sklaven und Knecht hat er es zum Sohn geschafft. Der Vater war auf die Hilfestellung des Sohnes angewiesen wie der Sohn auf den Vater, der ihn vom Tode durch Auferstehung rettete. Doch alles umsonst. Die verzagte, überängstliche Emanzipation scheiterte, der Verlorene Sohn musste wieder bei Vater unterkriechen. Der christliche Glaube ist die Geschichte einer misslungenen Lösung von väterlich-rigiden Autoritäten.

In diesem Stadium befindet sich die vom Westen dominierte Welt. Vom Vater muss sich der Sohn gänzlich emanzipieren, indem er zur Mutter Natur zurückkehrt. Das wird ihm nur gelingen, wenn er die Vollkommenheit der Natur erkennt und ihr in Tun und Handeln ekstatisch nachfolgt.

Freiheit ist nicht Freiheit von der Natur, sondern Freiheit in Identität mit der Natur. Das momentane naturwissenschaftliche Erkennen ist kein Erkennen, um in Einklang zu kommen mit der Natur, sondern um sie immer besser zu beherrschen. Das Erkennen hat sich der Macht unterworfen.

Wahres Erkennen verzichtete auf technisches Foltern und wirtschaftliches Ausbluten. Der autonome Mensch ist kein Mit-arbeiter seines Geschicks, der auf die Kooperation anderer angewiesen wäre. Er ist alleiniger Souverän seines Schicksals – im Einklang mit der Natur.