Freitag, 13. Januar 2012 - Jakob Augstein

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Augsteins,

wenn schon der Nachwuchs kränkelt, was sollen wir von ausgebrannten Platzhirschen erwarten? Jakob Augstein begann als Hoffnung derer, die eine klare linke Stimme im neoliberal verseuchten Haifischbecken erwarteten. Schon ist ihm der Stoff ausgegangen und er verheddert sich in Selbstüberbietungsmoral an einer immer dünner werdenden Stelle des Gemeinwesens.

Wer macht einen Schnelltest mit? Nenne mir ruckzuck einen Schreiber der führenden Gazetten, dessen Stimme du vermissen würdest, wenn sie nicht mehr schriebe? Der rückhaltlos, zuverlässig, aufklärend, moralisch integer, vielleicht sogar witzig und mit sokratischer Ironie seine Sache sagen kann?

In den Anfängen der Republik war das der junge Rudolf Augstein, der ältere wurde zur Negation des jungen. Sein Sohn Jakob hat das Schicksal, drei Väter zu haben und er kann sich nicht entscheiden, welchem er folgen soll: dem jungen oder dem alten Rudolf. Oder doch lieber seinem biologischen Vater Martin Walser, der als raunender Geisterseher alles Rationale in den trüben Wassern des Bodensees ertränkt und längst seinen Frieden mit Börse und dem Heiligen geschlossen hat? Klarheit verwirft er als adressierte Sprache, die Assoziation zur dressierten Sprache scheint gewollt.

Der junge Rudolf war journalistisches Leitbild der aufbegehrenden Jugend. Rückhaltlos kritisierte er, was in Amt, Würden und Soutane war. Wo begann er sich selbst untreu zu werden? Als er ...

... sein religionskritisches Jesus-Buch von dem damalig führenden katholischen Theologen Karl Rahner besprechen lassen wollte. Er begehrte den Segen der Kirche, um die Kirche zu unterminieren.

Ab da ging‘s bergab, es dauerte nicht lange und man sah ihn in TV-übertragenen Gottesdiensten lutherische Choräle schmettern. Zugleich begann er das Christentum vom Ruch des Bösen zu befreien, schob die Erfindung des teuflischen Dualismus den Manichäern in die Schuhe, um den christlichen Gott für die reine und ungetrübte Liebe zu retten.

Damit wiederholte er, was biblische Schriftsteller schon lange vor ihm vorexerziert hatten. Der einst gut-böse Gott wurde vom Bösen bereinigt, indem seine schreckliche Kehrseite in die Figur des Teufels ausgelagert wurde. Althebräer kannten keinen Teufel, ihr Jahwe war alles in einer Person: Tremendum und Fascinosum, das zu Fürchtende und das Faszinierende. Luther beginnt jede Erklärung eines Gebots mit dem Satz: Du sollst Gott lieben und fürchten.

Unter dem Einfluss des persischen Dualismus sickerte die Hassfigur des Satans in die biblischen Bücher. Ein Gott der Liebe konnte erfunden werden, indem das Böse auf eine verworfene Figur projiziert wurde. Nun waren die Fronten klar. Gott war von allen dunklen Flecken befreit, menschliche Kritik an Ihm nicht mehr erforderlich. Schnell wurde die geringste Anfrage und Auflehnung zur Blasphemie.

Gott hatte sein Alter Ego als satanische Müllhalde ausgelagert, auf die er alles werfen konnte, was zu seiner Lichtfigur nicht passte. Dieses Schema der Problemlösung hat der christliche Westen bis heute verinnerlicht. Er betreibt Weltpolitik nach dem Motto: haltet den Dieb, wer ist schuld an unserem Elend? Es ist das Böse und das Böse sind die andern.

Zuerst das Reich des Bösen in Moskau, dann das Reich des Bösen in jenen islamischen Ländern, die sich dem Westen widersetzen oder keine Erdölquellen besitzen, auf die der Westen nicht verzichten kann.

Hegel hatte der Versuchung widerstanden, zwei antagonistische Weltgeister als Subjekte der Geschichte einzuführen. Es ist ein und derselbe Geist, der sich in Gut und Böse spaltet, den Kampf in sich durchführt, um schließlich zur Einheit auf höherer Ebene zurückzukehren.

Seine Schüler, in der Epoche der Synthese noch nicht angekommen, zerrissen das Gute und Böse und übertrugen den Dualismus auf Sieger- und Verlierernationen. Das Gute reservierten sie für sich, das Böse wurde aktuellen Feinden aufgenötigt. Die Deutsche Bewegung musste das Böse nicht in heimischen Reihen suchen. Sie fand es im verruchten Albion, im degenerierten Westen, in der Zinsherrschaft des internationalen Judentums.

Warum hat Sarrazin so viel Erfolg? Was spricht er der deutschen Seele aus dem noch immer dualistischen Herzen? Dass das Schlechte von den Andern kommt. Den Fremden. Denen mit einer falschen Religion. Germanische Lipizzaner werden von eingewanderten Wüsten- und Wildhengsten heruntergemendelt und ihrer rassischen Reinheit und Effizienz beraubt.

Die Koalitionsspielchen zwischen den drei abrahamitischen Religionen rotieren nach wechselnden operativen Erfordernissen, die als schicksalhaft-metaphysische Notwendigkeiten dargestellt werden. Die Nazis verbündeten sich mit Arabern gegen die Juden. Bäumlein, wechsle dich: heute sitzen Christen und Juden in einem Boot gegen arabische Untermenschen.

Vor Breivik konnte Broder, Sarrazins Bruder im Geiste, nicht genug tun, um die perverse Todessehnsucht der Muslime, ihren unstillbaren Hass gegen den Westen als angeboren und irreversibel anzuprangern. Als die arabischen Rebellionen aufzuflackern begannen, winkte man hierzulande ab. Araber und Demokratie? Eine Lachplatte. Werden die neuen Regimes in Tunesien und Ägypten sich nicht morgen früh zur Kaffeestund zu kapitalistisch musterhaften Demokratien entwickelt haben, wird die Auslagerung des Bösen auf den Dritten im Bunde neue Urständ feiern.

Willst du die Politik der Völker beurteilen, schau dir ihre Religion an. Die bewusste und die gelebte. Auch wer bewusst eine Religion ablehnt, kann sie unbewusst ausagieren: die deutsche Melange als sogenannte Einheit aus Vernunft und Dogma. (In Israel nicht anders. Warum verharrt die überwiegend säkulare Mehrheit in Schockstarre vor den Machenschaften der Haredin? Weil sie unbewusst noch immer im Bannkreis der Tora lebt.)

Sie nennen es Glauben. Doch es ist knallharte Realpolitik, die sich mit frommen Sprüchen immunisiert. Wäre es privater Glauben, sie würden sich in ihr Kämmerchen verziehen, um ihre Herzensgeständnisse den Göttern anzuvertrauen. Tun sie aber nicht. Ihr Glaube soll die Welt erobern.

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh. 16,33) „Das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, unser Glaube.“ (1.Joh. 5,4) Christus, das ohnmächtige Würmchen, wird von seinem Vater „über jede Gewalt und Macht und Kraft und Hoheit gesetzt“. „Und alles hat er seinen Füßen unterworfen.“ (Eph. 1,21 f) Die Feinde des rechten Glaubens werden von Gott zum Schemel der Erwählten gemacht, auf die sie ihre Füße setzen. „Setze dich hin zu meiner Rechten, bis ich hinlege deine Feinde unter deine Füsse.“ (Heb. 1,13)

Glaube ist die Werbemarke einer ansonsten nie verheimlichten Weltherrschaftspolitik. Vielleicht hülfe es, gelegentlich das hohe Buch der Bücher durchzublättern, bevor man biblizistische Amerikaner als unaufgeklärte Hinterwäldler abschreibt.

Was die Deutschen unter Aufklärung verstehen, ist ihre nie ermüdende, geistbegabte Kreativität, der unfehlbaren Schrift alle zehn Jahre eine neue Unfehlbarkeit zu entlocken, die man zuvörderst in sie hinein gelegt hat. Alle zehn Jahre werden Paradigmen ausgetauscht, nachdem man sich in der bösen Welt umsah, was gerade angesagt und lukrativ ist.

Feminismus? Aber ja, gnä Frau, bei uns am besten und billigsten, haben wir ihn doch erfunden.

Ökologie? Aber gewiss doch, ihr Grünen und Nabus: Bewahren der Schöpfung, selbst wenn der Schöpfer das Gegenteil behauptet. Das werden wir doch sehen, ob wir den alten Herrn nicht post hoc zum Umweltschützer modeln und mogeln können.

Menschenrechte? Hielten die Kirchen bis in die Adenauerzeit für die Erfindung westlich-humaner Gottesleugner. Und so fort die ganze Galerie abendländischer Wahrheitssucher.

Erst wurden sie von den Kirchen drangsaliert, um schließlich, wenn der Kampf nicht mehr zu gewinnen war, von ihnen adoptiert zu werden. Franz von Assisi, der rigoros bekämpft wurde, bis er zu Kreuze kroch. Luther, der heutige Papst ist ein Bewunderer des Wittenbergers. Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, fast alle Aufklärer, Suffragetten, Tierschützer, Menschenrechtler, Demokraten,  Religionskritiker, Freud und die Psychoanalyse, heute von Klerikalen beherrscht, Oswalt Kolle und die Sexaufklärung, heute sind unverheiratete Priester Experten für gelingendes Eheleben, die ganze Umweltbewegung: zuerst verteufelt, dann eingemeindet und als eigene Creation auf dem Markt der spirituellen Eitelkeiten angeboten.

Sie besitzen die wunderbare Fähigkeit der Transsubstantiation. Alles Weltliche und Minderwertige verwandelt sich in ihren gesalbten Händen zu Heiligem, made in ecclesia militans. Wie einst die Alchimisten in päpstlichem Auftrag Dreck in Gold verwandeln sollten, beanspruchen sie heute das Patent, alles, was ihnen opportun erscheint, als Gnadengabe in, mit und unter den Zeilen ihrer göttlich inspirierten Schriften als kostbare Perle im Acker zu finden.

Als Rudolf Augstein seine typisch deutsche Sozialisierung vollendete – in der Jugend aufmüpfig, im Alter zurück zum Altar – und das christliche Dogma entsatanisierte, war‘s um die geistige Unabhängigkeit der deutschen Presse geschehen. All seine Bewunderer, die sogleich begannen, den Gang durch die Redaktionsstuben anzutreten, taten ihm nach und erhoben das Konstrukt eines sublim-aufgeklärten Jesusglaubens zur Staatsraison der Vierten Macht.

Die Wiederkehr der Religion begann bei arrivierten Ex-68ern, die den marxistischen Glauben an die proletarische Heilsgeschichte elegant mit ihrem wiedergefundenen Kinderglauben zu verbinden wussten. Als der atheistische Osten zusammenbrach, war es der endgültige Beweis, dass Gott lebt und den Westen lieb hat.

Augsteins Fall wurde zum Sündenfall der Nachkriegspresse, bis heute weder bemerkt noch beschrieben. Es waren nicht CSU und CDU, die das liebe Jesulein als ungeschriebenes Credo der Schreiberzunft aufnötigten, es waren die ach so aufgeklärten Tagesbeobachter selbst, die sich eine kommode Weltanschauung zurechtlegten, perfekt präpariert, um Schlachten- und Weltenlärm wie das Säuseln der Mutter Theresa vorurteilsfrei in postmodernen Jeinsätzen einzufangen.

Ab jetzt galt, wer nicht in Äquidistanz zur Amtskirche wie zur Gottlosenbewegung die Bergpredigt verklärt, ist voller Klischees der überwundenen Aufklärung. Als die Deutschen die antichristlich französische Aufklärung über sich selbst aufgeklärt hatten, landeten sie in Übersprunghandlung wieder beim überlieferten Fascinosum ihres Kinderkreuzes, nur auf höherer, ent-mythologisierter Ebene. Hätte Rudolf Augstein bei Entmythologisierer Bultmann nachgelesen, wie „manichäisch“ das Neue Testament ist, hätte er seinen entlastenden Unfug mit den Manichäern unterlassen.

Wie bigott es hierzulande zugeht, zeigen die warnenden Hinweise der Presse auf die zunehmende Macht der Islamisten in arabischen Rebellenstaaten. Dort ist alles schlecht, was nach einer Heiligen Schrift klingt, hier alles gut, wenn Popen jedwede Staatsfeierlichkeit „ökumenisch einrahmen“.

Dabei schrieben alle heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen voneinander ab, aber gewiss doch sind alle von Grund auf inkompatibel.

Erstaunt hat der junge Jakob Augstein den Gegenwind der Leser entdeckt, die die Pharisäerhaltung der Presse nicht mehr dulden wollten, und wäre Wulff noch so ein mieser kleiner Schwindler. Doch wie reagiert er?

Nicht anders als das politische Objekt seiner nach oben gerichteten Begierde. Ein bisschen mea culpa, ein taktisches Verhalten zur Wahrheit, alles nur salamiartig angesprochen und schnell bereit, das mea culpa wieder zurückzunehmen: Liebe Leser, in Kleinigkeiten mögt ihr Recht haben, vergesst aber nicht, wo die wahren Schurken sitzen.

Dass er selbst ein erhebliches Stück zur Rehabilitierung der BILD beitrug, indem er mit Dieckmann-Vize Blome in sogenannten Streitgesprächen herumalberte: kein Wörtchen.

Die Gattung eines strengen Streitgesprächs wurde von den zweieiigen Zwillingen endgültig zu Grabe getragen, nachdem die Talkshows schon längst das Sterbeglöckchen über jede sinnvolle Gesprächskultur geläutet haben. Das waren keine Dialoge, das waren synchrone Predigten, in denen jeder dem andern Vorträge hielt, ohne auch nur eine Sekunde lang auf den Kontrahenten zu hören, geschweige detailliert auf ihn einzugehen.

In seiner SPIEGEL-Kolumne übt Augstein sich in der neuen Rolle des Publikumverstehers und Leserflüsterers. Was aber folgt daraus? Siehe bei Politikern: niente.

Da sitzen die Mediokraten in vollisolierten Redaktionsbüros und bewahren ihre Macht – durch eisernes Schweigen. Als hätten sie Ortega y Gassets Buch „Der Aufstand der Massen“ verschlungen. Dem ungehobelten, in immer größeren Massen auftretenden Internet-Souverän muss Widerstand geleistet werden, indem er zur Echokulisse illustrer Schreiber wird.

Die Journaille befürchtet, überflüssig zu werden. In der Tat: Zeit zum Abflug für eine Presse, die sich den Eliten schon länger als drei Dekaden prostituiert.

Zwei Beispiele zur Macht der Religion in der Tagespolitik. Bernard Henri-Levy schrieb in der WELT einen Aufsatz über das Orban-Regime in Ungarn, wo der heilige Stephan zur Leitfigur einer Republik gemacht wird, die sich selber abschafft. Ungarn soll wieder zur christlichen Musternation werden. Europa guckt zu.

In Amerika wird eher ein Kamel zum Nadelöhr, als dass ein Ungläubiger Präsident werden könnte. Mitt Romney gehört den Mormonen an, einer uramerikanischen Version des seligmachenden Glaubens. Joseph Smith, Gründer der Mormonenkirche, reklamierte persönliche Offenbarungen, um den Neuen Kontinent als wahren Erben alttestamentarischer Heilsversprechen zu legitimieren.

Alles Glauben oder was? Mit Politik kann die Chose nichts zu tun haben – so wahr Gott lebt.