Donnerstag, 12. Januar 2012 - Synthese oder Hölle und Himmel

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Schuld,

meine Schuld, meine übergroße Schuld. Niemand ist unschuldig in schamlosen Schuldkulturen. Sie verhüllen ihr kleines Gemächte mit einem Feigenblatt, um Big Daddy nicht zum Voyeur zu machen, doch ihre Schuldblöße wächst obszön in den Himmel.

Ent-schuldigen kann sich niemand selbst, sagte Peter Hahne, religiöser Schuldberater in BILD und ZDF. Das muss schon der große Entschulder persönlich tun. Da wundern sich die überschuldeten Staaten, dass sie es nicht schaffen, ihre Schuldenberge abzutragen. Es muss eine Intervention von oben sein.

Meistens interveniert der Unsichtbare Ent-Schulder aus rein pädagogischen Gründen in Form eines Crashs. Wen Gott liebt, den züchtigt er. Von Dominus zur Domina ist nur ein kleiner Schritt. Später wurde die Liebestat-mit-der-Peitsche vom himmlischen Vater outgesourct: "… die ich dem Satan übergeben habe, damit sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.“ (1.Tim. 1,20) Schrieb wahrscheinlich Paulus. Das ist jener mit dem hohen Lied der Liebe.

Wer war noch mal Satan? Ach ja: der Gott mit seiner verleugneten Kehrseite. Luther spricht vom verborgenen Gott, im Gegensatz zum offenbaren. Wulff würde das Wort Transparenz benutzen. Er hat sich noch nicht entschieden, seine satanische Seite abzulegen und den Offenbarungs-Eid abzulegen. Seltsames Wort mit ...

... versteckt antichristlichem Gehalt, sollte schnell auf den Index kommen: wer sich offenbart, legt einen Offenbarungseid ab. Gilt natürlich nicht für die Offenbarung in Form eines heiligen Buchs.

Jede Familie hat ihre Geheimnisse, auch die heilige Familie. Meistens etwas Sexuelles und Inzestuöses, mit solch freudianischem Schweinekram gibt sich der Herr nicht ab. Sein Geheimnis ist, dass Er – das Gegenteil von Ihm selber ist. Jedem deutschen Tiefdenker muss automatisch der Name des Schwaben Hegel einfallen.

Gott Vater als Anfänger ist die Friede-Freude-Eierkuchen-These. Dann wuchert und spaltet er sich in Widersprüche, nun geht’s zur Sache, Kampf der Gegensätze bis aufs Messer, wer nicht für mich ist, ist gegen mich: Antithese.

Doch jetzt wird's spannend. Spätestens an dieser Stelle sollte Hegel in jedem betenden katholischen Kindergarten, noch vor Chinesisch und Ballett, zum Pflichtfach werden. Wäre ein sich selbst zerfleischender Gott nicht eine seltsam-lächerliche Figur?

Wer sich selbst auseinanderdividiert, läuft Gefahr, eine Null zu werden. Oder noch schlimmer, denn Plus mal Minus gibt Minus. Gott, eine Null, gar eine Minus-Potenz? Spätestens hier riefe der Religionslehrer in old america die Polizei, die den zehnjährigen Delinquenten, der solche Unverfrorenheiten naiv und scharfsichtig ausplauderte, im Würgegriff in den Knast würfe.

Dort ist die Schuld der Kinder so groß, dass sie nur gerettet werden können, wenn sie bedingungslos kriminalisiert werden. Mit Null Toleranz ist schon die Weltstadt New York in eine saubere Kuschelcommunity verwandelt worden. Warum nicht verrottete Schulen? Eine Gesellschaft, die das Heilige Kind anbetet, muss ihre unheiligen Bälger hassen wie die Pest. Demnächst werden sie verbrannt oder kommen nach Guantanamo.

Wer ist schon unschuldig in einer Gesellschaft, deren Schuld und Schulden aus allen Poren kriechen? Fragt Bommarius in der BZ/FR, der sich erfreulicherweise vom Wulff-Virus frei hielt und auf die wahren Verhängnisse der Gegenwart hinweist.

Die Deutschen halten alle Häftlinge in Guantanamo, dem faschistischen Offenbarungseid der Postpuritaner, für unschuldig – solange sie dort bleiben. Sollten sie aber einen dieser Verfluchten aus humanitären Gründen aufnehmen, sind jene plötzlich wieder schuldig geworden.

Das ist nicht der angebliche Widerspruch zwischen Norm und Realität der christlichen Moral. Das ist sie selbst in gerüttelter und geschüttelter Qualität. Der Akzent der Nächstenliebe liegt schließlich auf dem Nächsten, nicht auf dem Fernsten. Da kann der missratene Pfarrersohn noch so herumtönen, man solle seine Fernsten lieben. Wie viele Fernste um Gotteswillen gibt’s denn schon? Die soll ich alle lieben? Ich kenn ja nicht mal ihre Vornamen und Telefonnummern.

Der barmherzige Samariter hatte ein Nahe-Erlebnis, er sah den Halbtoten vor sich auf der Straße liegen. Frau Merkel sieht man eher selten am Guantanamocamp vorüber flanieren. Was sie nicht sieht und weiß, macht sie nicht heiß. Schon recht, Angie, lieb deinen Sauer wie dich selbst und klau nicht im Supermarkt, dann wird's schon: Clooney liebt dich und will dich cineastisch verewigen.

Nebenbei, weiß noch jemand, dass die Deutsche Bewegung – Carl Schmitt und Arnold Gehlen inbegriffen – von allgemeinen Menschenrechten nichts hielt, weil sie in ihrem Konfirmandenunterricht Nächstenliebe pauken musste und keine großspurige und typisch westlich heuchelnde Fernstenliebe?

Die Deutschen sind ein frommes Volk, die Worte der Schrift sind tief in ihr Inneres gedrungen. Das wollen sie auch nicht ändern. Da können Oberatheisten noch so von entchristlichen Massen schwadronieren.

(Die Deutsche Bewegung war so eine Art intellektuelle Begleitstandarte der deutschen Schergen. Auch Edelnazi Heidegger gehörte dazu. Die rohen SA-Horden, die von Heraklit keine Ahnung hatten, verachtete er. Die schönen Hände des Führers bewunderte er. Da letzterer sich von dem Denker aus dem Schwarzwald seinsmäßig nicht führen ließ, wurde der Abgewiesene sauer und schmollte, bis die schönen Hände tot waren. Danach galt der Schmoller als Widerständler. Siehe Herman Nohl: "Die Deutsche Bewegung")

Zurück zum Vater, von dem dasselbe gilt wie von seiner Kreatur: Gott ist kein ausgeklügelt Buch, er ist ein Wesen in seinem Widerspruch. Ja, gilt denn der Satz der Logik, den er doch am sechsten Tag synchron mit der Erschaffung des Menschen erschuf, nicht auch für seinen Erfinder?

Hier spaltet sich das Abendland, weil Gott sich spaltete. Die rationale Abteilung, von arabischen Aristotelikern bedenklich mit griechischer Vernunft infiziert, sagte klar und eindeutig: Ja. Vor der Vernunft sind alle Wesen im Himmel und auf Erden gleich, Ausnahmen für zickige Götter gibt’s nicht. Eure Rede sei Jaja und Neinnein. Alles Jeinjein ist von Übel. Und Jein wäre ja die Antithese, in der Gott sich selbst widerspricht.

Aus dieser Gruppe oberflächlicher Vernünftler kamen peu à peu die flachen Aufklärer. (Jaspers sprach sogar von Aufkläricht, was natürlich hässlich ist, die Aufklärung auf den Kehrichthaufen zu werfen.) Wenn Gott der Vernunft nicht widerspricht, ist er selbst vernünftig. Auf diesem Feld sprossten alle rationalen Deismen, Theismen und Pantheismen.

Hat der Papst also nicht Recht, wenn er Vernunft und Offenbarung sich kondömlifrei mit einander paaren lässt? Der Papst hat nie Recht, es sei, er äußert sich über Mozart. Denn sein bisschen menschliche Vernunft muss er stets der höheren Vernunft seines Herrn unterordnen: der hat immer Recht.

Der Papst hat nur Recht, wenn er am Katheder steht – oder auf dem heiligen Stuhl sitzt – und im Namen seines himmlischen Vaters spricht. Deshalb heißt diese Selbstentmündigung: Unfehlbarkeit ex cathedra.

Deutsche Professoren, nicht faul, zogen daraus den Schluss, dass auch sie unfehlbar sind – wenn sie am Katheder stehen.

Gegen einen vernünftigen Gott ist nix einzuwenden, es sei, man ist bornierter Gottesleugner. Denn ein solcher Gott müsste identisch sein mit vernünftiger Natur. Weswegen Spinoza die wunderbare Formel fand: Gott oder Natur. Alles ist identisch, alles gut und heilig, da können Konflikte nicht dran rühren.

Hätte der von seinen ultraorthodoxen Kollegen aus der Synagoge hinausgeworfene Denker schon etwas vom Matriarchat gehört, hätte er auch formulieren können: Pater sive Mater, Vater oder Mutter. Das wäre eine schöne Hochzeit geworden, wo Himmel und Erde im heiligen Beischlaf (hieros gamos) ewig miteinander vereint sind.

Ungefähr so stellte Hegel sich auch seine Synthese am Ende der Zeit vor. Wie er darauf kam, diesen Endzustand im preußischen Staat realisiert zu sehen, ist völlig unerfindlich und hat nicht wenig zum heute grassierenden Schwabenhass der Berliner Mischpoke beigetragen. Wenn sie schon beinahe im Paradies wären, weiß jeder Neuköllner, wären sie nicht nur sexy, sondern reich und sarrazinfrei.

Die entscheidende Frage muss man so stellen: ist der Gott der Vernunft identisch mit dem biblischen Gott? Schon eine solche Frage stellen, hieße, den Zorn des Höchsten auf sich ziehen. Gott liebt den Widerspruch, das ist sein Element. Deshalb ist die Bibel ein Buch in ihren heiligen Widersprüchen.

Mit griechischer Logik lässt sich kein Gott, der auf sich hält, einfangen, wie Gouchos die Rinder mit dem Lasso fangen. Der Schöpfer aller Dinge steht so hoch über allem menschlichen Getue, dass man ihn mit Namen, Bildern oder logischen Finessen nicht greifen und packen kann.

Gott der Vernunft und Gott der Offenbarung: die beiden sind wie Feuer und Wasser. Kant hat in seinem Religionsbuch versucht, möglichst viel Rationales im Bereich der Schrift zu finden und für die Vernunft zu retten. Allein, mit welchem Erfolg?

A) Dass die Deutschen immer auf Vernunft pochen, wenn sie auf barbarische amerikanische Fundamentalisten heruntergucken wollen, weil die noch nie von der historisch-kritischen Schule hörten und alles buchstäblich für wahr halten, was sie in ihren täglichen Losungen vorgesetzt kriegen.

B) Gleichwohl immer auf Offenbarung pochen und die Vernunft sausen lassen, wenn’s wieder in weltlichen Verhältnissen knirscht. Dann lautet das nächste Thema in der Debattenreihe des frommen wie aufgeklärten SWR sogleich: Vernunft und Aufklärung – im freien Fall? Untertitel: Wir wollen immer so aufgeklärt sein, wir tun immer so vernünftig, wie erklären wir uns die Existenz – eines auf kleinstem Niveau schnorrenden Bundespräsidenten? In der Tat, da kommen jene, die sokratisch an das Gute im Menschen glauben, ins Grübeln.

Hier muss energisch dementiert werden, dass postmoderne Widerspruchsorgien, das freigaloppierende Assoziieren über Stock und Stein französische Stuxnet-Viren wären, die den Deutschen die Liebe zum Philosophieren vermiesen sollten, damit sie endlich irreversibel auf den Boden der Tatsachen kämen.

Ursprung aller hin und her kippenden dialektischen Bodenlosigkeiten ist natürlich der Schwabe Hegel. Oder Gott selbst, wenn Hegel ihn richtig erfasst haben sollte, was ziemlich gotteslästerlich klingt. Wenn Gott sich ständig widerspricht, sind wir seine Ebenbilder, wenn wir uns auch ständig widersprechen. Also die nötigende Logik sein lassen und bramabarsieren, was das Zeug hält.

Womit klar bewiesen, dass das intellektuelle Geschwafel der Gegenwart ein göttliches sein muss. Es leitet sich, ob bewusst oder nicht, direkt von jenem Gott ab, der das reine Wasser des Jaja und Neinnein predigte, aber den Rauschtrank des Jeinjein soff.

Zwar besitzt Gott Vernunft, aber noch etwas Besseres, das ihn weit über alle schnöde Vernunft erhebt. Und das ist sein – Wille. So nannten es die mittelalterlichen Dogmatiker. In einem unbegrenzten Willen sahen sie das allermächtigste Instrument, das einen furchterregenden Gott auszeichnet. Seitdem macht der omnipotente Wille über Schopenhauer und Nietzsche bis zu Hitler eine rasante und schreckliche Karriere. (Voluntarismus)

Soviel wir wissen, glaubt der Papst an den biblischen Gott und nicht an Spinoza. Also kann es für ihn keine Symbiose aus Vernunft und Offenbarung geben. Denn der Gott der Offenbarung besitzt einen allmächtigen Willen, der alle menschliche Vernunft nicht nur überragt, sondern sie nach Belieben und Will-kür vorführt und beschämt. In Zeichen und Wundern.

Ein letztes Schmankerl für ganz tiefe Denker. Wenn Gott sich widerspricht, sich in einen guten und bösen zerlegt, den bösen aber als Teufel bezeichnet, mit dem er nichts am Hut haben will, ja, den sein Sohn am Kreuz besiegte und überwand: wie müssen wir diesen Gott bezeichnen? Als neurotischen Möchtegern, der wenig über sich weiß. Wenn er einen Teil von sich abspaltet, seine Widersprüche leugnet, will er nicht nur eindeutiger scheinen als er ist, das abgespaltene Böse macht er noch böser, als es ohnehin schon ist.

Bei Hegel, dem gutmütigen Stuttgarter, endete das Böse in der Zielepoche der Menschheit. Die finale Synthese heilt und verbindet alle schrecklichen Wunden der Geschichte. Aus der anfänglich naiven, konfliktleugnenden Scheinharmonie ist ein reifer, alle Disharmonien aufgearbeiteter Friede-Freude-Eierkuchen geworden. Das war das schwäbische Prinzip schaffe, schaffe. Wenn wir alle Streitigkeiten und Spannungen in fleißiger Arbeit wegschaffen, kommt der Herr und belohnt uns.

Jetzt aber kommt das desaströse Missverständnis des Hegel, die Quittung für seine hybride Vorstellung, Gott mit These, Antithese und Synthese einfangen, den Widerspruch zwischen Griechentum und Christentum, Vernunft und Offenbarung ein für allemal lösen zu wollen. Das letzte Wort des unausdenkbaren Gottes ist keine Synthese, nicht die Wiederkehr aller in einer finalen Harmonie, sondern eine auf Ewigkeit gestellte grässliche Dissonanz und Antithese, die die Menschheit für immer spaltet: die einen ins Kröpfchen, die andern ins Töpfchen.

Adorno hat dies geahnt und der positiv-optimistischen Dialektik die negativ-trostlose gegenübergestellt. Doch so ernst war seine rote Karte nicht gemeint. Seine negative Dialektik diente der paradoxen Intervention: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Doch damit wären wir schon bei einem anderen Kapitel: der süchtigen Beziehung der 68er Revolte zu einem unwiderruflich siegenden Gott der Geschichte. Vernunft – die Kritik der Religion als Voraussetzung aller Kritik – war erneut der Faszination der Offenbarung erlegen.