Montag, 09. Januar 2012 - Fassungslose Verfassung

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Burmas,

es gibt noch andere Themen als Klinkerhüttenkrediterschleicher. Was im Ausland geschieht, wird in deutschen Medien nicht „abgebildet“. Das merkt man, wenn man Nachrichtensendungen von ARTE, des schwyzerischen oder des österreichischen Fernsehens schaut.

Wie es keinen Internationalen Frühschoppen mehr gibt – außer, wenn ARD tagelange Schneeödenberichterstattung als öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag zurechtschummelt –, so wenig gibt es tägliche Meldungen über „Brennpunkte“ der Welt. Es sei, dort brennt's wirklich, die Erde bebt oder ein Tsunami holt sich das vom Menschen geklaute Land zurück.

Ein deutscher Tagesbeobachter ist elend- und notfixiert. Nichts geiler als über das Elend anderer zu berichten. Bei Mitleid war selbst der griesgrämige Schopenhauer kein gefühlloser Pessimist. Unser Mitleid ist grenzenlos, das macht uns so hilflos und hart.

Laut Psalmist verbirgt der Herr sich gern in der Not, also müssen gutbetuchte Reporter Ihn inkognito aufspüren. „Ruf mich an in der Not“, befiehlt der Gütige, sein Name sei gepriesen. Nun wissen wir, warum die „entchristlichte“ Nation rund um die Uhr mit Handys bestückt ist. Man weiß nie, wann wir den großen Nothelfer benötigen. Man könnte ...

... ins Grübeln kommen, warum wir nicht bei Freude & Lust anrufen sollen? Sollte etwa der Gütige, sein Name sei gepriesen, selbst auf Not und Tod programmiert sein?

Die Deutschen brauchen ihren Gott nur als SOS-Notrufsäule. Wenn's ihnen gut geht, wollen sie Big Daddy nicht dabei haben. Dann wundern sie sich, warum ihre Feste und Orgasmen so gottlos und ihre Not- und Todsituationen so freudlos sind.

Für Urchristen war jeder Todesfall ein Freudenfest: nun durfte der Gläubige schauen, was er bislang geglaubt. Inzwischen haben die frommen Westler den Tod zum Menschenfeind Nr. 1 erklärt. Nachdem sie ein ganzes Leben lang gehortet haben, sollen sie alles ersatzlos zurücklassen, nur weil der Sensenmann mit schröderschem Triumphgrinsen vor der Tür steht?

Noch nie so oft die Formel gelesen: „In der Not, in tiefer Not, in dem sich das deutsche Volk befindet“, als in der Literatur zwischen Weimar und dem 1000-jährigen Grauen, dem kollektiven Orgasmus der Not und grauenhafter Nothelfer. Lest das Buch von Fritz Stern: „Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie der Deutschen.“

Nichts gegen Götter, schon gar nichts gegen Göttinnen. Was, um Gottes Willen, haben Gottlose gegen Aphrodite, Venus, Astarte und all die leckeren Verkörperinnen der Lust einzuwenden? Nur Freude, liebe Brüder & Schwestern, hilft gegen freudlose Götter. Wer seine Omnipotenz nur in Not und Tod implementieren kann (Angeberwort des aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegenen Joschka), muss Not und Tod herstellen, um bei seinen schwachen Kreaturen gefragt zu sein.

Führer und Götter braucht man nur, wenn man den Fehler begeht, sein schnell dahinfließendes kleines Leben in Trübsal zu blasen. Freuet euch im Menschen, dann braucht ihr euch nicht im Herrn zu freuen.

Pardon, wieder abgeschweift, wollte ja zu Burma und der bewundernswerten San Suu Kyi, der Friedensnobelpreisträgerin. Die Durchhaltefähigkeit und Zähigkeit dieser Frau und ihrer demokratischen Unterstützer haben sich wahrhaft gelohnt. Der kleine Staat im Schatten des postmaoistischen Giganten scheint es mit Aufbruch zu humaneren Zeiten ernst zu meinen.

Solche heldenhaften Vorbilder zu preisen, besonders wenn sie weiblich sind, ist im Binnenland wenig erwünscht, klingt nach Kitsch und pubertierendem Fanverhalten. Lieber rasiert man hierzulande mit lutherischer Ich-kann-nicht-anders-Pose vergilbte und verrottete männliche Hauptdarsteller.

Es sind die letzten Selbsthassgesänge der untergehenden Männerriege, die es nicht erträgt, wie einer der ihren sich nicht als Vorbild, sondern als real existierendes Abbild decouvriert. Präsident, du blamierst die ganze Macho-Innung. Kein Wunder, dass schreibende Frauen sich zurückhalten beim künstlichen Aufregen. Sie kennen ihre Helden zur Genüge.

Schon gehört? Hamas nähert sich Fatah an und will fürder auf Raketen verzichten. Langfristig will sich das gespaltene palästinensische Volk wieder zusammenraufen, um seine politische Relevanz zu stärken. Netanjahu hat keinen Vorwand mehr, mit der Kriegskeule zu drohen.

Uri Avnery ist der festen Meinung, dass auch ein Scharmützel gegen den Iran außerhalb jeglicher Realität sei. Sofort wäre die Meerenge von Hormus mit Schiffen blockiert, es gäbe kein Durchkommen für die riesigen Öltanker. Eine Katastrophe für die energiesüchtige Welt. Frau Gerster vom ZDF wird die Hamas-Meldung nicht so schnell auf den Tisch bekommen.

Ulrike Herrmann sorgt sich um Griechenland. Das Mutterland der Demokratie geht schweren Zeiten entgegen. Ökonomisch muss es marode bis auf die Knochen sein. Was, wenn es vollständige Pleite anmelden muss?

Kann man Glück lernen? Dabei wäre es die einzige Alternative zum Elend des Wachstums. Vor kurzem gab's ne kleine Glücksdebatte, doch die änderte nix dran, dass man im Land des freudlosen Konsums über Glück nicht sprechen kann. In einer not-, tod- und stahlgewittergestählten Nation bleibt Glück ein Unwort.

Knochentrockene Wachstumskritiker nehmen den Wolkenkuckucksbegriff nicht in den Mund. Also wissen sie nicht, wie sie den Begriff „Gürtel-enger-schnallen“ unter die Leute bringen, ohne schmerzlich an Askese und Funverlust zu erinnern. Man will doch kein windiger Glücksguru aus Südbaden sein.

Ein pfiffiges Gymnasium in Heidelberg hat Glück als Wahlpflichtfach eingeführt. Ob man bei mangelnder Glückskompetenz das Abitur vermasseln oder aber durch hervorragende Noten in Betragen und Religion ausgleichen kann, wurde nicht bekannt. In Deutschland kann man alles vermiesen, man muss es nur als obligates Schulfach einführen.

Andrew Simms, von der freudlosen Briteninsel, will subjektiv empfundenes Glück gegen unglücklich machendes Wachstum eintauschen. Bei Adam Smith war Wohlstand noch mit Abschied von miseriertem Unglück verbunden. Selbstbestimmte, denkende Menschen sollten nicht mit materiellen Sorgen überladen sein. Das Problem des Überlebens sollte der Vorgeschichte angehören, damit der mündige Mensch sein Leben so frei wie möglich gestalten kann.

Smith kannte seinen Aristoteles, bei dem das wahre Leben erst mit dem Privileg der Muße begann, jenseits der Pflicht zur überlebensnotwendigen Maloche. Schon längst gibt’s keine Korrelation mehr zwischen schwellendem Konsum und empfundenem Glück. Je reicher der Westen, je kränker, ausgebrannter und trübseliger wird er.

Das muss alles auf Zufall beruhen, sagen die Profitjäger, die nach dem Motto leben: Lieber reich und unglücklich als arm und krank. Ein einziger Staat hat es bisher gewagt, einen Glücksindex anstelle des BIPs einzuführen. Der heißt Bhutan und liegt weit weg im Himalaja.

Nun zu unserer festtäglichen Unterhaltungs- und Projektionsfigur. Die Medien schließen die Reihen gegen einen, der mit juristischer Untersuchung droht. Wenn das kein Fall für den Staatsanwalt ist.

Gestern Abend saßen einträchtig SPIEGEL & BILD nebeneinander bei Jauch. Mascolo und Blome, Blome und Augstein, Prantl und Peter Hahne, Bettina Gaus und SPIEGEL, Leyendecker und BILD: die große Edel- und Sexfedernkoalition is going on. Sie werden doch noch seinen Skalp kriegen, bevor der Euro  „mit Wucht zurückkommt“, wie der SPIEGEL rechtzeitig ankündigt.

Wer bestimmt die Spielregeln? Mathias Döpfner, sympathischer Schlaks der Friedel Springer. Wer mit BILD und Fahrstuhl rauffährt, fährt mit beiden wieder runter. Das Rauf-Runter-Gesetz muss entweder ein Naturgesetz sein oder im Buche Deuteronomium stehen. Jeder zitiert, niemand protestiert, auch Ines Pohl von der TAZ nicht. Also abgesegnet!

Man glaubt es nicht, welche Gesetze die medialen Sinaischreiber dem Volk auf steinernen Tafeln schon präsentiert haben. Wenn Wulff vor Kindern einräumt, dass ihn journalistische Kritik ärgere, folgert der tiefenpsychologische SPIEGEL das Gesetz, jener habe ein gestörtes Verhältnis zur Presse- und Meinungsfreiheit. Nur Kilz, Ex-Chef der SZ, mahnte neulich in Richtung seiner Kollegen, wer austeilen könne, müsse auch einstecken können.

Doch die Fünfte Gewalt, die sich die Vierte vorknöpfen müsste, gibt es nur im Untergrund. Dort soll sie auch bleiben. Die Presse ist auf dem Stand von Hambach 1832 stehen geblieben. Noch immer fightet sie gegen Fürsten und Despoten, niemals gegen ihre eigenen verkommenen Zunftgenossen.

Leyendecker in BILD. Als Altfeministin Alice Schwarzer Werbung für die schlüpfrige Sexpostille betrieb, war die Aufregung groß. Nun kommt Investigateur Nr. 1 und Experte für Sprachmächtigkeit in Beziehung auf Politanstand und tut seine Meinung in BILD kund – und niemand mault.

1. Wulff hat ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit.
2. Er hat keine Macht, außer der des Wortes und die – hat er nicht. Er ist wortlos.
3. Er weigert sich, Vorbild zu sein und besitzt die Unverschämtheit, als bloßes Spiegel- und Abbild uns vorbildlos allein im Universum zu lassen. Wir wollen uns nicht selber erblicken, wenn wir ins Innere des Schlosses sehen.

Nehmen wir gleich noch Christian Schneider von der TAZ dazu:

4. Jeder darf in diesem Land Wasser predigen und Wein trinken, nur einer nicht. Ratet.
Im Presseclub hörte ich das genaue Gegenteil. Alle sind anständig, nur einer nicht. Ratet.
5. Der Bundespräsident leite seine Autorität von „exemplarisch gelebter Moral“ ab.
6. Diese moralische Autorität ist im Eimer. Der Mann auf der Straße mache sich nur noch lustig. Hat Harald Schmidt nicht verkündet, jeder habe es gleichermaßen verdient, durch den Kakao gezogen zu werden?
7. Er ist ein Mann ohne Ausstrahlung und Rhetorik.
8. Er ist peinlich, hochnotpeinlich, was noch schlimmer sei als unglaubwürdig.
9. Er hat das Trauma, von unten zu kommen, das er in seiner charakterlichen Physiognomie trage.
10. Krisen dürfen alle aussitzen, nur einer nicht. Ratet.
11. Er ist zu dumm, um professionell zu sein.
12. Resümee: Es komme zur furchtbaren Verfassungskrise, wenn der oberste Sünder im Amte bliebe.

Was folgt daraus? Zorn, Empörung? Nein: „Schade eigentlich.“

Ad 12. Eine skandalösere Selbstdemontage nach Totalverriss, als die Wulff-Affäre mit „Schade eigentlich“ zu quittieren, ist nicht denkbar. Der Berg kreißte mit einer Baumsäge und gebar einen Splitter im eigenen Auge. Die geballte postmoderne, relativistisch-verseuchte Kritikinkompetenz. Wer schade sagt, hätte am besten ganz geschwiegen. Er mimt den starken Mann, der sich mit einem Furz verzieht.

Ad 1. „Sagen Sie immer die Wahrheit, Herr Eppler? Was ich sage, ist wahr, aber die ganze Wahrheit sage ich nicht immer“. Und das von unserem Pietcong-Wahrheitsfanatiker aus dem Schwabenlande! Treten Sie nachträglich zurück, Sie Heuchler von der Alb.

Das Gegenteil zu einer taktischen Wahrheitsbeziehung ist die totale oder kategorische Wahrheitspflicht in jeder Lebenslage. Bei Kant darf man nicht mal Notlügen verwenden, wenn man seinen Freund vor dessen Feind verstecken will. Diese Hirnrissigkeit hat Max Weber gemeint, als er Gesinnungsethik durch Verantwortungsethik ablösen wollte.

Alle Medialen sind kategorische, keine hypothetischen Kantianer. Noch nie haben sie Interessen und Moral vermengt. Im Dienste der uneingeschränkten Wahrheit ruinieren sie sich, nur um dem Königsberger Genüge zu tun. Von Staatsraison und Pragmatismus haben sie noch nie gehört. Unsere Verfassungsschützer und Geheimdienstler müssen ihre Geheimnisse stets in BILD offenbaren, sonst wird Diekmann sauer.

Hier öffnet sich der Graben zwischen Krämerland England und Helden- und Denkerland Deutschland um ein weiteres Stück. Pragmatismus ist nichts anderes als die taktische Beziehung zur Wahrheit, die sich erst im Erfolg zu erkennen gibt.

Nur jene Wahrheit ist nach John Dewey eine Wahrheit, die Wirkungen zeigt (it works). Die Deutschen hingegen bilden sich ein, sie seien unbeugsame Vertreter der absoluten Wahrheit und Moral. Da sollten sie mal bei Hegel nachlesen, wie er über die Kammerdienermoral höhnt, damit sie auf den Boden teutscher Tatsachen kommen. Das „Tiusche Volk“ ist das Täuschevolk, verhöhnte Nietzsche seine bigotten Landsleute.

Ad 2. Keine Macht, nur die Macht des Wortes? Das kann doch wieder nur das kleine Jesulein sein. Ohnmächtig in der Krippe. Doch kaum aus den Windeln, predigte er „wie einer, der Gewalt hat, und nicht, wie ihre Schriftgelehrten“. (Matth. 7,29) „Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch redet.“ (Joh. 7,46) Das Wort des Heils ist eine „Kraft Gottes, die da selig macht“. (Röm. 1,16)

Das also vermissen sie, die „säkularen“ Bubis von der schreibenden Front: einen Mann mit Geistesgaben, (auf griechisch einen Charismatiker), dessen Wort alle weltliche Macht dank Kraft aus der Höhe zu Mus macht. Damit sind alle anderen Anklagepunkte mit abgedeckt.

Fazit: Die sonst – vor allem im Feuilleton – eher moralverhöhnenden Schreiber brauchen zur Abstützung ihres korrumpierten charakterlichen Nervensystems einen projektiven Pappkameraden. Eine Mischung aus zwei Dezi Messias, drei Dezi Anstandswauwau, vier Dezi Mister Obama, fünf Dezi Huber und sechs Dezi Walter Jens in seinen besten Tagen. Da wird selbst unsere beste Verfassung – fassungslos.