Samstag, 31. Dezember 2011 - Direkte Demokratie

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Wissenschaft,

die im neuen Jahr sich den „größten offenen Wissenschaftsfragen stellen“ will. Wie mutig von ihr, dass sie sich stellen will. Hat sie sich bislang gedrückt? Wollte sie sich zufrieden geben mit kleinen geschlossenen Fragen, die ja schon gelöst sein müssten, sonst wären sie ja noch offen?

Und was sind die größten offenen Fragen? Die Behebung des menschlichen Elends? Die Erfindung der Agape-Pille, damit wir lieben können, ohne glauben zu müssen? Dass man ohne zu lieben glauben kann, diese Erfindung kennen wir seit 2000 Jahren.

Das Finden der Gottesteilchen, die wir nach Schnittmuster zu Gott zusammenkleben können? Wem's gelingt, wird vom Heiligen Stuhl eingeladen, wem nicht, vom Gottlosenklub?

Wo bleiben die Teufelsteilchen oder können wir einfach die rabenschwarze Rückseite der Gottesteilchen benutzen? Die Engel jedenfalls sind schon gefunden worden. Vom Südwestfunk. Da reden Experten drüber, die sie – unberauscht – gesehen haben wollen. Merkt euch SWR2, täglich um 17.05 Uhr, außer an Sonn- und Feiertagen, ein wahrer Engelsender. Demnächst planen sie das ultimative Experiment: Wie viele Rauschgoldengel passen auf ein allseits offenes Mikrofon?

Nein, natürlich geht es um Sex. Diese männlich dominierte Wissenschaft denkt immer nur an dasselbe. Wird endlich das Geheimnis der Lust gelüftet? Sind Männer benachteiligt, weil sie ohne G-Punkt auskommen müssen? Geht es um ...

... kosmischen Tantrasex? Nein, es geht um evolutionäre Vorteile, die der Sex beim Fortpflanzen bringen soll. Obgleich es so immens schwierig ist, immer den richtigen Sexpartner zu finden. Was hat die Natur sich nur dabei gedacht?

Tja, auch Evolution setzt auf Risiko. Gerade weil’s so hyperkomplex ist, bringt es uns weiter, schneller und höher. Lebewesen, die sich dem Sex stellen, können sich „schneller anpassen“. Jetzt verstehe ich, warum Linke die anpassungsfreiesten Revoluzzer sind: sie sind garantiert erosfrei!

Während Männer sich um Anpassungs-Sex kümmern, denkt die kühle Frau an Mathematik, Datenberge und ans Aufräumen. Wie lassen sich Datenberge bezwingen? Bislang gebe es so viele Daten, ungenutzt und unbeachtet gammelten sie vor sich hin. Das müsse ein Ende haben. Viele Prozesse müssten endlich parallel und nicht nacheinander laufen. Genau: den Daten muss Multitasking beigebracht werden. Klingt das Universum nicht in vielen akkordierenden Obertönen und Unterstimmen, die wir alle gleichzeitig hören? Haben das nicht schon Pythagoras und Kepler gewusst – ohne Datenberge?

Doch jetzt geht’s ans Eingemachte. Was war vor Erschaffung der Welt, pardon, vor dem Urknall? Gibt es mehrere Urknälle? Zyklische? „Was hat die Urknälle dazu gebracht, synchron aufzutreten?“ Wie ick den Laden hier kenne, kann dat nur das kleine Jesulein sein. Der hat schon mit 12 im Tempel alle universellen Fragen beantwortet. Und wenn nicht, gilt Joh. 16,13.

Das Ziel der Physik ist es, „die Wand zu durchbrechen, die am Anfang der Zeit stehe“. Auch dieses Problem kannten die Kirchenväter schon: was tat Gott, bevor er die Welt erschuf? Theologisch-korrekte Antwort: er rüffelte den naseweisen Frager. „Sag an, wenn du Bescheid weißt. Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ (Hiob 38,4)

Nachdem wir alle offenen Fragen mit links gelöst haben, nun zu den geschlossenen und unlösbaren der irdischen Politik. Von denen es in Deutschland bestimmt keine gibt. Bei uns ist alles paletti, wir lösen Probleme parallel.

Zwei TAZ-Damen müssen das natürlich anders sehen und halten die Deutschen für die Alleinschuldigen. Ulrike Herrmann aus ökonomischen und Ines Kappert aus psychologischen Perfektionismusgründen.

Die Amerikaner jedenfalls gehören nicht mehr zu den problemlösenden Nationen. Seit Obama schmerzlich erfahren musste, dass die Welt sich weigert, durch seine charismatischen Reden erlöst zu werden, bestraft er die verstockte Völkergemeinschaft mit Schweigen und Raushalten.

Ohnehin hört niemand mehr auf ihn, seitdem Bibi ihm vor allen Weltmikrofonen den Star gestochen hat. Seitdem hält er es mit dem sächsischen König Friedrich August III und verkündet der Welt: Macht doch euren Dreck alleene. Womit bewiesen, dass es ohne deutsche Vorbilder in der Welt nicht geht.

Selbst ägyptische Militärs, die jährlich Milliarden aus Washington kassieren, damit sie sich mit Drangsalieren der eigenen Bevölkerung begnügen, scheuen sich nicht, die Büros amerikanischer Menschenrechtsorganisationen zu stürmen. Von deutschen gar nicht zu reden.

Zur Jahreswende die besten Grüße an die Demokratie. Lang soll sie leben und der bösen Wirtschaft ab und zu die Fresse polieren. Schreibt der Chef der BZ-FR höchstpersönlich. In den letzten beiden Dezennien las man solche Worte von Chefredakteuren nie.

Doch welche Demokratie? Die altgriechische, französische, amerikanische, die repräsentative, direkte, nationale, europäische oder weltumspannende?

Habermas hat sich noch mal mächtig ins Zeug gelegt und einen „geschichtsphilosophischen Entwurf von beinahe hegelianischen Gnaden“ vorgelegt. So die BZ-FR. Dass Hegel kein Demokrat, auch kein Europäer war, kümmert die Tagesschreiber nicht. Sie studierten bei deutschen Dozenten, die beim Namen Hegel feuchte Augen bekamen, das bemerkt man an ihrem schwülstigen Stil. Der bekommt heute noch feuchte Stellen, wenn er den totalitären Weltgeist des Schwaben besabbern darf. Dabei hat Habermas eher bei Kant abgeguckt als bei dessen schärfstem Kritiker.

Doch Schwamm drüber, deutscher Idealist ist deutscher Idealist. Wie Kant zum ewigen Frieden, will Habermas über ein transnationales Europa zu einer politisch verfassten Weltgemeinschaft. Aber wie? Und mit welchen autonomen Subjekten, die bei Habermas gar nicht vorgesehen sind?

Bei ihm muss Geschichte den Menschen noch immer entgegenkommen, wenn sie etwas verändern wollen. Wenn die kapriziöse Geschichte aber gar nicht entgegenkommend ist? Und überhaupt: hat der greise Denker nicht mal mit einem Josef Ratzinger gekuschelt und erklärt, ohne Religion könne Demokratie nicht funktionieren? Dann müsste doch langsam der Vatikan die Rolle der EU-Kommission übernehmen und Barroso zum persönlichen Chauffeur des Papas aller Christen – aufsteigen.

Einst begann Demokratie in Athen direkt; heute, liebe Kinder, haben wir eine repräsentative Demokratie. Das liege daran, sagt man uns, dass man nicht alle Wahlberechtigten an einem einzigen Ort unterbringen könne, um zu debattieren und abzustimmen.

Ist Re-präsentanz aus quantitativen Gründen nun ein schlechter Ersatz direkter Präsenz – oder soll der Pöbel ausgeschaltet werden, weil er nur Unheil anrichtet, wenn man ihm nicht einen gewählten Maulkorb vorbindet? Bleibt die altathenische Demokratie das große Vorbild, dem man sich annähern soll, oder wird das von höherer Seite nicht mehr erwünscht?

Letzteres. Die Eliten haben Griechenland abgeschrieben. Darunter Großhistoriker Heinrich August Winkler, der im Namen der amerikanischen und französischen Revolution Athen von der Platte putzt. Für amerikanische Gründerväter sei die griechische Urdemokratie ein abschreckendes Beispiel für Demagogenherrschaft gewesen. Und die Franzosen hätten eh Rousseaus Vorliebe für Sparta bewundert und dessen volonte generale, den allgemeinen Willen. Das sei jener Wille, den man dem Pöbel überstülpen müsse.

Herr Winkler ist nur deutscher Historiker, muss also nicht wissen, dass Amerika von Anfang an durch Demagogen dominiert wurde und bis heute dominiert wird. Nichts hassten die legendären Gründerväter mehr als den unmittelbaren, ungefilterten Einfluss der Massen. Als Thomas Paine die „gleichgewichtige“ Regierung zwischen Adligen und Bürgern als Schwindel anprangerte und für Einkammer-Organe plädierte, in denen das Volk angemessener repräsentiert werden könnte, protestierte Adams mit dem volksfreundlichen Argument, Paines Plan sei „so demokratistisch…., dass es Verwirrung und jede Art üblen Werkes hervorbringen“ müsse. Volksversammlungen müssten kontrolliert werden, meinte Adams, weil sie „übereilte Ergebnisse und absurde Urteile“ hervorbrächten. (Nachzulesen bei Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes)

Heute wird der griechischen Demokratie vorgeworfen, sie habe Frauen, Sklaven ausgeschlossen. Die amerikanische hat von Anfang Sklaven, Frauen und Indianer ausgeschlossen. Wie lange es dauerte, bis diese Gruppen pro forma wählen durften, weiß man.

Man kann auf verschiedenen Wegen die Quote der Wähler zugunsten der Mächtigen reduzieren. Nur ein Bruchteil der Amerikaner geht heut tatsächlich zur Wahl. Das ist gewollt. Die Majorität ist ausgeschlossen. Sei es durch mangelnde Bildung, anerzogene Staatsfeindlichkeit, Kriminalität oder sonstige politisch-erwünschte Verdrossenheiten. Zu all dem kein Wörtchen von Herrn Winkler.

Griechenland als Ursprung der Demokratie habe er mit Absicht ausgeschlossen, um die Gleichheit aller Menschen elegant aus dem christlichen Monotheismus abzuleiten. In der Gottebenbildlichkeit stecke schon die Menschenwürde.

Da muss es doch ein besonderes Vergnügen für laizistische Demokraten sein, einem selektierenden Gott ähnlich zu sein, von dem es an heiliger Stelle heißt: „Du mächtiger und furchtbarer Gott.“ „Schrecklich ist mein Name unter den Völkern“. „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ (Heb. 10,31)

Wer solche Historiker hat, die glauben, um zu erkennen, braucht keinen orwellschen Big Brother mehr, um Dokumente der Geschichte nach Gebetslage zu verfälschen.