Freitag, 30. Dezember 2011 - BGE und Paulus

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der SPD,

die Proleten begannen als gottlose Haufen. Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik, sagte Marx, Chefdenker der Ausgestoßenen. Mit Feuerbach hielt er die Religionskritik für abgeschlossen.

Dass Glaube längst kein erkenntnistheoretisches Bekenntnis über Gott und die Welt mehr war, sondern Weltherrschaftssystem unter neuen säkular scheinenden Begriffen, entging ihm. Seine gesetzmäßige Geschichte war eine der Heilsgeschichte aus dem Gesicht geschnittene Tochter, die im Gewande eines wissenschaftlich erkennbaren Zeitablaufs daherkam. Sein Glaube an die unverrückbar eintretende strahlende Zukunft der Ausgebeuteten war Erbe der eschatologischen Hoffnung der Urchristen, die eine Verwandlung in den Determinismus der jungen wissenschaftlichen Haltung der Aufklärer durchgemacht hatte.

Den schreienden Konflikt zwischen kausal-unverbrüchlicher Festgelegtheit der Natur, Mensch eingeschlossen, und einem unbändigen Freiheitswillen beim Gestalten politischer und privater Verhältnisse – der zum zündenden Funken der Französischen Revolution wurde –, bemerkten die vor Geist und Temperament sprühenden Aufklärer nicht. Die heutige Gehirnforschung ist eine dumpfe Erbin dieses unbewältigten Konfliktes zwischen natürlicher Determinierung und demokratischer Autonomie.

Es war ein enormer Fortschritt gewesen, den Menschen aus dem platonisch-christlichen, naturüberlegenen Jenseitsglauben zu lösen und ihn vollständig irdischen Verhältnissen einzupassen. Doch das Rätsel blieb, wie ...

... man Kind einer allesbestimmenden Natur und dennoch freier Mensch sein könne. Es war das große Rätsel für einen gewissen Königsberger Philosophen, der es nach langem Grübeln theoretisch für unlösbar erklärte. Ob ein Mensch frei sei, könne er nur praktisch beweisen.

An der Tathandlung des Einzelnen erkenne man die Qualität seiner Persönlichkeit, sagte Kants Schüler Fichte, der philosophische Feuerkopf, der mit seinen Reden an die deutsche Nation seine Landsleute zum Kampf gegen Napoleon anstiftete.

Die Linke hat den Konflikt zwischen Marxscher Geschichtsunterwerfung und klassenkämpferisch neugewonnenem Elan bis heute weder verstanden, noch gelöst. Auch bei Habermas muss Geschichte den Revoluzzern entgegenkommen, sonst gibt’s nur moralisierenden, leer laufenden Aktionismus.

Auf die richtige Seite der Geschichte können sie noch immer nicht verzichten: die zu radikalen Sprüchen, aber nicht zur selbstbestimmten Tat fähigen Systemrevoluzzer. Eine Hauptursache der Denkblockierungen heutiger Kapitalismusgegner, die beispielsweise Franz Walter in seiner Analyse völlig übersieht.

Die SPD ist längst im wohlig-religiösen Daunenbett einer klerikal bestimmten Republik gelandet. Katholiken, Protestanten, Juden, alle bekannten Konfessionen dürfen Arbeitskreise unter dem Segen der Parteiführung bilden, nur nicht Laizisten, Gottlose und Agnostiker.

Das ist nicht nur der bekannte Pragmatismus der Obergenossen, es ist das weit verbreitete deutsche Syndrom des Verlorenen Sohnes, der sich die Rückkehr zu Papa stets offen hält, weil er sich nicht traut, mit dem eigenen Kopf zu denken und Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.

Thomas Stamm-Kuhlmann gehört der SPD an und beklagt, dass seine Partei unter Gabriel sich immer mehr der Frömmelei ergebe. Ex-Ossi Thierse ist zum obersten Agenten Zollitschs geworden und hat seine frühere Aversion gegen einen staatlich verordneten Atheismus hypertrophiert. Bebel würde sich im Grabe umdrehen.

Wenn Organismen an falscher Stelle übermäßig wachsen, sind sie an Krebs erkrankt und werden sich zugrunde richten. Wie verkrebst ist die Moderne mit ihren Wachstumsimperativen? Brauchen selbst ökologische Gesellschaften ein gewisses Wachstum, um nicht zusammenzubrechen?

Wachsen oder krepieren ist das Motto der Neoliberalen, ein bisschen wachsen oder krepieren das Motto der Grünen und des reformerischen Ökonomen Binswanger (bei dem Ackermann promovierte). Ein Wachstum von 1,8 % reiche, um die Wirtschaft zu stabilisieren und die Natur nicht weiter auszubluten. Deshalb fordert der Emeritus aus St. Gallen eine ökologische Steuer, damit Natur nicht länger kostenlos angezapft werden kann.

Das bisherig übermäßige Wachstum sei zustande gekommen, weil Natur keine Zinsen auf ihre Wohltaten fordere. Was soll konkret besteuert werden? Energieverbrauch, Landschaftsverschleiß, Flächenversiegelung? Er würde es bei der Energie belassen, sagt Binswanger. „Ansonsten wird es sehr kompliziert.“ Das klingt halbherzig und inkonsequent.

Zudem muss die Frage gestellt werden, ob der Abrieb der Natur wirklich gestoppt werden kann, wenn man sie dafür entlohnt? Eine Frau, die ihren Körper verkaufen muss, erlebt den Beischlaf nicht als freie Lusterfüllung, nur weil sie dafür bezahlt wird.

Natur kann kein Geld fressen. Sie will pfleglich erhalten und behandelt werden. Ihren Überschuss verschenkt sie gern und reichlich. Wer ihr ans Eingemachte geht, beschädigt und zerstört sie – und sich selbst. Käuflich ist sie nicht.

Die verzweifelte Lage Iraks nach dem Abzug der Amerikaner, die vor allem Müllberge und Fliegenschwärme hinterlassen, aus der Sicht eines irakischen Schriftstellers. Sie wollten Demokratie bringen, die militanten Missionare des westlichen Lebensstils, und hinterließen ein Tohuwabohu.

In den revoltierenden arabischen Staaten haben Islamisten die Wahlen gewonnen. Hierzulande werden sie dämonisiert, doch längst haben sie sich zu islamischen „CDUs“ fortentwickelt. Man muss schauen, was sie daraus machen.

Macht das bedingungslose Grundeinkommen faul und verantwortungslos? Im Gegenteil. Wenn man Menschen vertraut, „rechnet es sich“. Wer will sich denn freiwillig langweilen und als Parasit geächtet werden? Das denken nur Leute, die für ihre zweifelhafte Leistung bezahlt werden müssen, damit sie sich motiviert fühlen. Motivation als Ergebnis von Druck und 30 Silberlingen ist außengeleitet.

Leistung muss sich wieder lohnen ist die Ideologie pawlowscher Hunde, die zu triefen beginnen, wenn sie die Bonusglocke hören. Zuckerbrot und Peitsche sind keine römischen Erfindungen, sondern Motivationslehre dualistischer Religionen. Ewige Bestrafung und Belohnung für Menschen, die für ihre Seligkeit durch Bezahlung gereizt, durch furchtbare Strafen vor der Hölle abgeschreckt werden müssen. Das ist wahre Freiheit der Kinder Gottes.

Götz Werner hat das Verdienst, die Grundgedanken des BGE republikweit verbreitet zu haben. Doch auch er geht vor der Religion in die Knie, wenn er das Pauluswort: Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen, sich ausgerechnet von einem Theologen erklären lässt und sich dabei doof stellt.

Der Gottesgelehrte Eugen Biser hat keine Probleme, den eindeutigen Sinn des Wortes ins Gegenteil zu verkehren: „Dieser Satz richtet sich gegen jene Christen, die in Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi ihre Berufstätigkeit aufgegeben haben mit der Begründung, dass diese angesichts des in Bälde zu erwartenden Zeitenendes sinnlos und vergeblich sei. Gegen diese Einstellung, die mit unserer Situation nicht das Geringste zu tun hat, richtet sich der Apostel.“

Das ist standardisiertes Nebelwerfen. Wenn es stimmte, dass Paulus nur jene Endzeitler meinte, die heute, morgen, übermorgen die Wiederkunft ihres Herrn erwarteten und in gläubiger Naherwartung den Löffel wegwürfen, hätte Paulus mit Sicherheit jene Glaubensfestigkeit erst gerühmt, bevor er korrigierend hinzugefügt hätte: „Liebe Brüder, wir müssen uns auf längere Wartezeiten und Durststrecken einrichten. Christus hat sich ein wenig geirrt, allwissend war er nicht. Die neuesten Offenbarungen, die mir zuteil wurden, verschieben das Ende der Zeiten auf den St. Nimmerleinstag. Bis dahin läuft alles in Maloche as usual. Ihr habt es gut gemeint, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Also dawai und an die Arbeit“.

Nichts davon hat Paulus gesagt. Zudem: woher will ein bayrischer Gelehrter wissen, ob die Zeiten nicht doch vergleichbar sind und der Herr vor der Tür steht? Sollen Christen nicht jederzeit bereit sein, das Pochen an der Tür zu hören und dem Herrn aufzumachen? Hat Biser höhere Erkenntnisse über Tag und Stunde der Wiederkehr? Arbeit scheint für ihn Beschäftigungstherapie für einen nie endenden Wartezustand zu sein.

Nichts hasst die etablierte und machtgewöhnte Kirche mehr als Endzeithysterie. Stünde ihr Herr und Meister wirklich vor der Türe, wär's aus mit Vatikan, Unfehlbarkeit, Pracht und Weltgeltung.

Im ZEIT-Gespräch mit Sympathisanten des BGE wird ein anderes Argument vorgetragen, um ja die Konfrontation mit den Kirchen zu vermeiden. Bei Paulus stünde, dass der Mensch im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen solle, nicht aber unter ausbeuterischen, inhumanen Bedingungen des Kapitalismus.

Das ist Unfug. Der Schweißsatz steht nicht bei Paulus, sondern in der Sündenfallgeschichte. Entfremdete Arbeit – nicht nur körperlich harte – ist die Strafe Gottes für den Sündenfall. Deshalb muss jeder Christ lustlos, mühselig und in Ängsten für sein Existenzminimum sorgen. Das endet erst am Jüngsten Tag. Wer die Strafarbeit im irdischen Gulag verweigert, empört sich gegen Gott und muss mit dem Tode bestraft werden.

Die Zwangsarbeitsideologie des Kapitalismus ist Direktive der Offenbarung, die sich in schärfster Weise gegen heidnisch-griechische Muße richtet.

Selbstbestimmte Erkenntnisarbeit ist für Aristoteles der Gipfel würdigen Menschseins. Wer nicht im Joch bloßen Überlebens steht, kann sich der Suche nach der Wahrheit widmen und sich den Ehrentitel homo sapiens – der weise Mensch – zu Recht verdienen. Alle anderen Muss-Arbeiter sind Banausen oder Sklaven. Nach Aristoteles wäre die Majorität der heutigen Menschheit kaum dem Stand der Sklaverei entronnen.

Die Lohnabhängigen müssen ihre gesamte Energie und Lebensfreude für ein paar Kröten opfern. Nur wer das Privileg der Muße kennt, kann sich selbst bestimmen und die unglaubliche Schönheit des Kosmos erkennen.

Nichts anderes hasst der Gott des Paulus mehr als diese heidnische Weisheit: „Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt die zu retten, die glauben. Nicht viele Weise nach dem Fleische … sind berufen, sondern was vor der Welt töricht ist, hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache.“ (1.Kor. 1,20 ff) Oder ganz einfach formuliert: „Sehet zu, ob euch etwa jemand berauben will durch die Weltweisheit.“ (Kol. 2,8)

Wer durch Rund-um-die-Uhr-Maloche nicht mehr zur Besinnung kommt, der muss jede Muße und selbstbestimmte Nachdenklichkeit fürchten und hassen wie die Pest. Siehe das Ausgebranntsein, welches keine ordinäre Krankheit ist, sondern ein leib-seelischer Kollateralschaden religiöser Zwänge, die als solche verleugnet werden.