Donnerstag, 29. Dezember 2011 - Zwei widersprüchliche ökologische Modelle

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Croissants,

der wachsenden Halbmöndchen. Selbst beim Frühstück bevorzugen wir Wachstum – oder betrügen uns damit. Denn der Mond wächst und schrumpft, von ewigem Wachstum keine Rede. Croissance heißt Wachstum und Decroissance – Wachstumsrücknahme.

Solche Monsterwörter scheinen im Deutschen nicht geeignet, für das zu werben, was im Englischen degrowth und im Französischen decroissance heißt. Bei der Sprache beginnt die Vernebelung. Nachhaltigkeit müsste Dauer heißen, sonst ist sie kastrierte Dauer. Dauerhaft ist stabil und statisch, Statik aber die Todsünde in Zeiten des Fortschritts.

Ein lebensfähiger Zustand in einer dauerhaft stabilen Natur wäre stabile Dauerhaftigkeit oder Homöo-stase: gleichbleibende Statik. Selbst wenn das Gleichgewicht flösse, fließt es nicht dynamisch ins Unendliche, sondern um ein stabiles Gleichgewicht. Alles, was nicht dynamisch und progressiv ist, duldet der moderne Glaube an ewigen Wandel nicht.

Kein Artikel, selbst über Sokrates, ohne pflichtgemäßes Credo an das Neue. Die mäeutische Entbindung des Hebammensohnes aber war keine Hatz auf das Neue, sondern Anamnesis, Erinnerung an das Alte, das die Menschen verdrängen. Sie verdrängen es, meinte Platon, weil die allwissende Seele in die minderwertige sinnliche Hülle verbannt wird, um als seelisch-leibliche, wissend-unwissende, bewusst-unbewusste Mischgeburt – als Mensch – zur Welt zu kommen. Die ursprüngliche Reinheit der Seele, befleckt ...

... durch den Leib, wird durch erinnerndes Lernen wieder hergestellt. Lernen oder Philosophieren reinigt den verlorenen Ursprung vom falschen Neuen der materiellen Hülle.

Alles Neue ist falsch, wenn es das unverfälschte Alte – die Wahrheit – verändert. Ist etwas wahr, muss jede Veränderung des Wahren Falschheit sein. Bin ich gesund, ist jede Veränderung krank. Bin ich fröhlich und vital, erlebe ich jede Veränderung traurig, depressiv, pessimistisch oder ausgebrannt. Soll Gutes und Wahres durch Neues ersetzt werden, kann es nur schlecht und unwahr sein.

Gibt es aber beim Lernen nicht ständig neue und andere Wahrheiten? Neue Wahrheiten sind nur vertiefte und erweiterte Wiederentdeckungen des verschütt gegangenen Alten. Alle Wahrheiten tragen wir ab Geburt komplett in uns. Sie stehen uns aber nicht zur Verfügung, wenn wir sie durch lebenslanges Nachdenken nicht peu a peu vom Schutt des Neuen und Falschen befreien.

Der normale Sterbliche ist ein neuerungssüchtiger Messie, der seine Seele mit überflüssigen Dingen füllt und zur Müllkippe macht. Erst wenn er sich reinigt von allem Überflüssigen, Ungeordneten, Unorganischen, Unbegrenzten, kann er den unbefleckten Urzustand herstellen, in dem er sich am Anfang seiner Existenz zu Hause fühlte.

Der Ursprung ist komplett. Alles neu Hinzukommende verfälscht die ursprüngliche Intaktheit. Bezeichnet man Ursprung als Natur, ist alle kulturelle Neuerungssucht Beschädigung der Natur. (Ob bei Platon der Ursprung der Seelen im vollkommenen Äther noch Natur, Übernatur oder gar Gegennatur ist, ist schwer zu beantworten. Es muss wohl Gründe haben, weshalb das christlich-dualistische Dogma sich so gern auf den Griechen bezieht, der für viele Platonkenner kein echter Grieche war, sondern ein durch ungriechische Religionen beeinflusster Vorläufer des Christentums.)  

Das platonische Schema ist klar: Der Ursprung ist perfekt, alles neu Hinzukommende, Gekünstelte und Gemachte verfälscht das Original. Definieren wir Ursprung als Natur, müssen wir alle neuen und überflüssigen Erfindungen abtragen, um zu ihr zurückzukehren. Fortschritt ist Rückschritt. Zurück zur Mutter Natur. Zurück ins Hotel Mama.

Auf den ersten Blick sieht das christliche Konkurrenzmodell nicht anders aus. Ursprung ist in Gott, damit vollkommen. Eva will das Neue, identisch mit dem Verbotenen. Der Sündenfall ist Abfall vom Ursprung und Folge des verbotenen Neuen. Heilung besteht in Rückkehr zu Gott, dem vollendeten Ursprung aller Dinge.

Betrachten wir das Schema genauer, erkennen wir absolute Widersprüche zwischen Christen- und Griechentum. Die christliche Rückkehr zu Gott ist linearer Fortschritt zum Endpunkt der Geschichte, an dem der Creator sein angeblich intaktes Schöpfungswerk vernichtet, um in einer zweiten Schöpfung das ganz Neue ans Licht zu bringen: einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Eine Reparatur des Alten durch menschliches Denken und Tun, wie bei Platon, ist ausgeschlossen. Wohl war das Alte am Anfang der Zeiten perfekt, doch durch Zutun des Menschen – Evas Sucht nach Erkenntnis – derart am Boden zerstört, dass eine Genesung oder Wiederherstellung nicht mehr in Frage kommt. Weg mit der alten Welt auf die Müllkippe, her mit dem nagelneuen Produkt.

Gott behandelt seine Kreation wie der Konsument sein defektes Radio. Reparatur lohnt sich nicht, zu teuer, zu aufwendig: auf den Abfall mit der vertrauten Erde. Kein Zufall, dass Schelling die Natur als Abfall von Gott bezeichnete. Die erste Natur ist unheilbar, eine zweite muss die erste vollständig ersetzen.

Christliche Heilsgeschichte ist eine Wegwerfgeschichte. Wer sich beim vorauseilenden Wegwerfen und Entsorgen nicht beteiligt, ist antichristlich, sagen Biblizisten in aller Welt. Nur hochaufgeklärte deutsche Christen haben sich eine antibiblische Bewahrung der Schöpfung aus dem national-erleuchteten Ärmel gezogen.

Der australische Kardinal George Pell wirft den Ökologen vor, sie litten unter „heidnischer Leere“. Noch schlimmer, sie konkurrierten mit der etablierten Religion. Schreibt Tim Flannery in seinem neuen Buch: „Auf Gedeih und Verderb“.

Wer die rivalisierenden Gesamtmodelle der Griechen und Christen nicht auseinander hält, leidet unter unbewussten Erlösungsresten, er kann so gottlos sein, wie er will. Konkurrierende Systeme zu seinem unterdrückten Kinderglauben darf er nicht zur Kenntnis nehmen.

Will er die Natur erretten, ist er zu heillosen Kompromissen genötigt. Er muss sich mit Nachhaltigkeit zufrieden geben, weil dauerhafte Natur eine Blasphemie an seinem strukturellen Glauben wäre. Nebelhaft muss er von Wachstumsrücknahme reden, weil er von Schrumpfen und statischer Wirtschaft nicht reden darf. Er muss sich ständig neue messianische Ersatzvokabeln einfallen lassen: das Neue, ewiger Wandel, unermüdliche Dynamik, Zeit im Umbruch, Evolution, Fortschritt, Geschichte, optimistischer Sachzwang.

Sein Katechismusglaube spielt keine Rolle mehr. Es geht um den tatsächlich befolgten, automatisch-alltäglichen und effektiven Strukturglauben, dem sich niemand entziehen kann. Der christliche Westen, auch wenn er nicht mehr in Kathedralen und Dome strömt, handelt nach Schemata, die er für längst überwunden glaubt.

Die übrige Welt hat sich von diesem Strukturfieber, dieser Systemdroge, in planetarischen Dimensionen anstecken lassen. Wer nicht mitmacht, kommt unter die Räder. Es mag noch so viele Religionen auf Erden geben, in Wirklichkeit gibt es nur eine, die alle überrollt, überwölbt und als Überbau dominiert: der Glaube an den omnipotenten Master of Universe mit dem Gloriolenschein.

Da es diese beiden Urmodelle der Welterklärung gibt – das griechische ist im Prinzip identisch mit allen Naturreligionen und –philosophien der Welt – gibt es nur zwei Modelle der Ökologie, die immer miteinander vermengt werden.

A) Das „heidnische“ Modell: ökologische Politik ist Rückkehr zur Identität mit der Natur. Wobei Rückkehr nicht linear gemeint sein kann. Die Zeit der Natur ist zyklische Wiederholung des Immergleichen. Es gibt kein Vorwärts und Rückwärts, alles schwingt und pendelt in fließendem Gleichgewicht. Wirtschaft, Technik und Zivilisation können nicht überleben, wenn sie sich nicht akkurat an die Grenzen der Natur halten.

B) Das Erlösungsmodell: ökologische Politik ist entweder blasphemisch oder halbseidene „Schöpfungsbewahrung“. Mit lauer Nachhaltigkeit statt strenger Dauer, mit ein bisschen Wachstum – einem grünen –, statt mit endgültiger Limitierung des Unbegrenzten. Mit halbherzigem Aktionismus, statt mit radikaler Kritik am religiösen Unterbau der auf Heilsgeschichte getrimmten Moderne, inklusive allen Umbenennungen, Ersatzbildungen, täuschenden Maskeraden und pseudo-weltlichen Entzauberungen und Entmythologisierungen.

Der TAZ-Artikel stellt nur halbherzige Fragen. Woher der Wachstumszwang? Weil eine gewisse Rendite notwendig sei, damit die ganze Wirtschaft nicht kollabiert. Gibt es nicht unendlich viele Gegenbeispiele, die zeigen, dass wachstumsfreie Kulturen in der Geschichte die stabilsten waren? Wer hat Zins und Profit eingeführt, um ewiges Wachsen zu legitimieren?

Fragen nach gedanklichen Ursprüngen unserer Welt stehen unter Denkverbot, sie rühren an das Heilige. Das Heilige ist immer gut. Beweise des Gegenteils kann es nicht geben, denn Unheil kommt stets von Unheiligen, Heiden und Ketzern. Popper würde sagen: das abendländische Heilige ist nicht falsifizierbar. Es hat immer Recht, auch wenn die Welt in Trümmer bricht.

Der in Rumänien geborene Mathematiker und Ökonom Georgescu-Roegen ist der Vater der Decroissance. Weil er Tacheles redete und das furchtbare S-Wort aussprach – das Gebot der Schrumpfung – blieb er sein Leben lang Außenseiter. Ökonomie muss in Ökologie aufgehen, Ökologie sich an physikalische Naturgesetze halten. Zum Beispiel an den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, den Satz der Entropie. Die Umformung dynamischer Energieformen zu statischen führe allmählich zu einer universellen Immobilität, die sich immer weniger für irdisch-wirtschaftliche Zwecke nutzen ließe. Ewiges Wachstum ist ein physikalisches Unding. Wir müssen schrumpfen, um die Erde nicht zu überfordern und auszuhöhlen.

Ein weiterer TAZ-Artikel gedenkt des meistgelesenen Ökobuches „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis und Donella Meadows. Zwar seien die Grenzen des Wachstums nicht genau angebbar, meinen die Verfasser, doch ein weiteres Jahrhundert exponentiellen Raubbaus an der Natur würden wir wohl nicht überleben. Langfristig helfen nur Gleichgewichte zwischen Geburten- und Sterberaten, gerechte Einkommensverteilung und der Erhalt fruchtbarer Böden. In manchen Punkten hätten wir das Limit der Natur bereits überschritten. Schrumpfen und Zurücknehmen sei kein Opfer, sondern eine Zunahme an Lebensqualität.

Rafael Seligman unterstützt den Protest gegen die Ultra-Orthodoxen in Israel, die sich angeblich an die vorgeschriebenen 613 Gebote der Hebräischen Bibel halten und deren Umwandlung in staatliche Politik fordern. Die säkularen Gegner sprechen schon von Iranisierung der israelischen Demokratie.

Seligman attackiert die Deutungshoheit der Ultras mit der Frage: Wer besitzt die Autorität, für den jüdischen Glauben das entscheidende Wort zu sprechen? Nicht die Religiösen, sondern alle anerkannten Juden.

Allein mit der Fragestellung hat sich Seligman dem dogmatischen Denken der Frommen unterworfen. In politischen Fragen haben alle Menschen mitzusprechen, nicht nur Angehörige einer Religion. Wenn ein Glaube mehr sein will als eine private Lebenshaltung, muss er von allen Denkfähigen dieser Welt unter die Lupe genommen werden. Gojim haben über hebräische Gebote genauso zu urteilen wie Gläubige und Ultras. Unfehlbare Instanzen und endgültig-entscheidende Autoritäten gibt es nicht.

Warum, trotz aller Proteste, die Religiösen am längeren Hebel sitzen sollen, wie Seligman behauptet, bleibt unklar. Weil sie viele Kinder zeugen und eines Tages die demoskopische Mehrheit bilden? Wäre dem so, hätte Israel als Demokratie keine Chance, der Weg in eine totalitäre Theokratie wäre unvermeidlich. Diesen Schluss werden die Frommen mit Genugtuung lesen.