Mittwoch, 28. Dezember 2011 - Der verlorene deutsche Sohn

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Russen,

in Moskau ist Demonstrieren gegen Putin gesellschaftsfähig geworden. Wie immer hinkt die Provinz hinterher und hält den Protest für das Hobby überfütterter Städter. Gorbi hat den Rücktritt Putins gefordert. Die Mitte der Gesellschaft tummelt sich auf den Plätzen rund um den Kreml.

Beobachter der Arabischen Liga sind in Damaskus eingetroffen. Sie werden beweisen müssen, dass sie die Opposition ernst nehmen und den Despoten an die Leine legen wollen. Ein schwieriges Unterfangen.

Wenn Präsident Peres selbst es für nötig hält, zu Demonstrationen gegen biblizistische Fundamentalisten aufzurufen, die bereits öffentliche Diskriminierung der Frauen durch Geschlechtertrennung fordern, kann die Lage nicht mehr harmlos sein. Wo aber sind Netanjahu und Avigdor Lieberman?

Der Begriff ultra-orthodox lenkt von Gemeinsamkeiten der theokratischen Frauen- und Heidenverächter mit parallelen Bewegungen bei Christen und Muslimen ab. Das zentrale Drehbuch der Rechtgläubigen ist das Alte Testament. Daran darf hierzulande nicht erinnert werden, weil das Buch zur Heiligen Schrift der Christen gehört.

Die Christen sind der Meinung, dass das Neue Testament dem Alten durch seine Liebesbotschaft überlegen ist. Hier Prinzip Rache: Auge um Auge, dort Versöhnung durch Agape. Juden verweisen darauf, dass das Liebesgebot ...

... bereits im Alten Testament steht: „Du sollst dich nicht rächen, auch nicht deinen Volksgenossen etwas nachtragen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mos.19,18)

Doch welchen Nächsten soll man lieben? Nur den Volksgenossen oder jeden Menschen auf der Welt? Wie verhalten sich diese Schalmeienbotschaften zu den Vernichtungs- und Schlächterbefehlen im selben Buch, das Neue Testament nicht ausgeschlossen, wo am Ende das Lamm mit dem blutigen Schwert unter den Ungläubigen aufräumt? Die liebende Überlegenheit des Neuen Testamentes erreichen Christen durch Ausklammern apokalyptischer und menschenhassender Stellen bei ihrem Heiland und Erlöser.

Der moderne Antisemitismus, Erbe des kirchlich-traditionellen Hasses auf die jüdischen Christusmörder, begann in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Absatzbewegung der Intellektuellen von ihrem biblischen Kinderglauben, der gleichwohl von Jesus, dem wunderbaren Sohn und seinem barmherzigen Vater nicht lassen wollte.

Adolf von Harnack, christlicher Dogmatiker und Vertrauter Kaiser Willems, stellte in seinem einflussreichen Buch „Das Wesen des Christentums“ das Gleichnis vom verlorenen Sohn ins Zentrum seiner Verkündigung. (Luk. 15,11 ff). Der Sohn darf in seiner Emanzipation vom Vater scheitern und bei den Schweinen landen. Wenn er reumütig zum wirtschaftlich überlegenen, gütigen Vater zurückkriecht, wird er wieder freudig aufgenommen. Die drei Männer – der moralisch brave Bruder überwindet seine Eifersucht – feiern das Versöhnungsfest mit gemästetem Kalb. Frauen Fehlanzeige, sie sind so minderwertig, dass sie nicht mal scheitern oder verloren gehen können.

Warum ist der Sohn gescheitert? Warum müssen alle Romanhelden der modernen Literatur wie Verlorene Söhne scheitern? Sollten sie Nachdichtungen des vorbildlich bankrottierenden Sohnes sein, ohne es zu wissen?

„Er vergeudete sein Vermögen durch ein zügelloses Leben. Nachdem er aber alles durchgebracht hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er fing an, Mangel zu leiden.“ Not lehrt Beten und Reue zeigen, besonders wenn nationale oder internationale Krisen heraufziehen. Wie anno domini 2011.

Die Wiederkehr der Religion hat wirtschaftliche Gründe. „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um!“ Lieber abhängig und die Rente ist sicher als unabhängig in den Abgrund. Also kehrt er zurück zum rechtgläubigen Ursprung: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“

Womit hat der Reumütige gefehlt? War er Serienkiller, hat er Leute übern Tisch gezogen, hat er Jungfrauen geschändet? Nein, er konnte nicht wirtschaften, sein Geld nicht sinnvoll anlegen, sodass er mit Pfunden und Leerverkäufen gewuchert hätte.

Im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Luk. 19,11 ff) ist die Vaterfigur ein harter Mann, der seinen Leuten nicht vergibt, wenn sie mit seinem Vermögen keinen Reibach machen. Dem Gutmenschen unter den Knechten, der sein Spielkapital nur bewahren, nicht durch Zinsen und Zocken vermehren wollte, geigt er die Meinung: „Du wusstest, dass ich ein harter Mensch bin, dass ich nehme, was ich nicht hingelegt habe und ernte, was ich nicht gesät habe. Und warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben? Dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen eingefordert.“

Kein Lebensmittelspekulant, der sein Vermögen auf Kosten Hungernder und Verderbender vermehrt, könnte deutlicher sprechen. Der Gutmensch, ein früher Prantl-Geißler, hat sich völlige Illusionen über den wahren Charakter des Meisters und Herren gemacht. Dessen neoliberales Motto lautet nicht: weg mit Zins, Wuchern und Wachstum, sondern ganz im Gegenteil: „Jedem, der hat, dem wird gegeben werden; dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er hat.“

Kein Wunder, dass bei solcher Verteilungsgerechtigkeit Klüfte im Land entstehen zwischen denen, die haben, und immer mehr kriegen, bis sie alles haben. Und denen, die nichts haben, und denen ihr Bisschen noch abgenommen wird, bis sie unter den Brücken von Paris freie und glückliche Menschen werden. Hätte der kapitalismusfeindliche Gutmensch seine wirtschaftliche Dummheit bereut, hätte er Verlorener und Wiedergefundener Sohn werden können.

Nicht der Verlorene Sohn löst sich vom Vater und dessen harten Wirtschaftsprinzipien. In seiner Emanzipation ist er schmählich gescheitert, die Revolution gegen die absolute Macht fiel aus. Es ist der störrische Gutmensch und Zinsverweigerer, wahres Vorbild der Occupy-Bewegung, der sich wirklich löst, indem er sich der Reibach-Moral seines Herrn widersetzt.

Ähnlichkeiten zwischen biblischem Pfundewuchern und heutiger Profitwirtschaft sind rein zufällig und können zur Herleitung unserer Ökonomie nicht verwendet werden.

Selbsternannte Monopoldeuter oder Theologen verweisen auf den metaphorischen und allegorischen Charakter der Texte. Liebling, es ist nicht so, wie es aussieht, rief der Ehebrecher, als er von seinem treuen Eheweib in flagranti erwischt wurde. Nicht sensus literalis gilt, dass X als X und nicht als Y zu lesen ist, sondern sensus allegoricus, anagogicus und wie all die Verfälschungsmethoden der Exegeten sich vornehm nennen. Wer wird denn Heilige Schriften noch ernst und wortwörtlich nehmen – außer liebenswerten Ultra-Orthodoxen, Fundamentalisten und Koran-Ajatollas?

Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn wurde zum Psychogramm der Deutschen, das in keinem Neurosenbuch von H. E. Richter zu finden ist, der, je älter er wurde, selbst in die liebenden Hände des Vaters zurückstrebte. Cosi fan tutte, so treiben's alle Deutschen. In der Jugend Maoisten, Aussteiger und Langhaarige, spätestens ab 25 mit Kurzhaarschnitt und Samsoniteköfferchen in die höheren Etagen. Dort, direkt unterm Himmel, residieren die gütigen Väter.

Willst du wissen, wie Menschen sind, schau dir ihre Geschichte an, nicht zeitlose Sex- und Todestriebe. Was Biografie und Kindheit für die Entwicklung des Einzelnen, ist Geschichte für die Entwicklung nationaler Charaktereigenschaften. Zusammengefügt erst ergibt sich das komplette Bild des Individuums.

Haeckel wusste das noch, der Ontogenese als abgekürzte Phylogenese bezeichnete: die Entwicklung des Einzelnen ist die abgekürzte Entwicklung des Ganzen. Mit seiner Evolution des Weltgeistes sagte Hegel nichts anderes. Heute ist alles fragmentiert. Tiefenpsychologen wollen den Menschen ohne kollektive Geschichte, Historiker ihn ohne individuelle Psyche verstehen. Den einen ist Triebgeschehen zeitloses Es- und Über-Ich-Drama, den andern zufälliger Wirrwarr aus Kriegen, Ökonomie und Kabinettspolitik.

Im 19. Jahrhundert begannen sich die Deutschen vermehrt von ihrem himmlischen Vater zu lösen. Feuerbach, Heine, Marx, D. F. Strauss und historisch-kritische Bibelentzauberung, Schopenhauer, Nietzsche und der aufkommende Wille zur Macht, dazu ein nie gekannter Wohlstand und technisch-wissenschaftliche Weltgeltung untergruben den Kinderglauben an den lieben Gott.

Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges erschütterte vollends den Glauben an die Macht der Liebe, die sich im deutschen Wesen offenbart. Sie wurden Weltmeister in Pessimismus und ließen mit Oswalt Spengler kaltherzig das ganze Abendland untergehen. In ihrer Not aber konnten sie vom Vater nicht lassen, der sie vor aller Welt rehabilitieren sollte.

So schufen sie auf nationalem Sonderkurs den Führer, formten ihn aus Elementen des Tausendjährigen und Dritten Reichs eines Joachim di Fiore, Hegels, der Romantiker, protestantischer Eschatologen und katholischer Omnipotenzler, beteten ihn an als Sohn der Vorsehung, als wiedergekehrten Messias, der Deutschland als wahres auserwähltes Volk vor aller Welt auszeichnen sollte. Hier war brünstig-fundamentalistische Christengläubigkeit zum politischen Ereignis geworden.

Glauben war nicht mehr Fürwahrhalten dessen, was man nicht sieht. Das Dogma hatte die evolutionäre Stufe alltäglichen Tuns und Handelns, des unzweifelhaften Systems, der bewusstseinslosen, aber effizienten Struktur erreicht. Ich glaube, um zu erkennen, sagte der Kirchenvater. Wir glauben, um zu handeln und zu gewinnen, sagen die Tycoons der Welt. Ob sie noch fürwahrhalten, ist belanglos. Erfolg ist der irdische Beweis des Glaubens in weltlicher Kraft und Herrlichkeit.

Verloren die Deutschen nach der Niederlage den Glauben an den seligmachenden Führer, die weltzerschmetternde Synthese aus Sohn und Vater? Nicht wirklich. Sie schlüpften bei den Siegern unter und übernahmen deren Gott, den gütigen Herrn über den global bestimmenden barmherzigen Mammon. Der deutsche Gott, der Eisen wachsen ließ, wurde ausgewechselt zugunsten des amerikanischen, der Dollars, Chryslers, Atom- und Weltraumraketen wachsen ließ.

Beim Erziehen des Sohnes zum Nachfolger des familiären Erbes hatte der Vater auf der ganzen Linie versagt. Der Sohn war ein Rohrkrepierer, versoff und verhurte sein Erbteil, bis er kapitulieren musste. Nicht so Werner Otto, der nun mit 102 Jahren starb. Frühzeitig legte er sein Imperium in die Hände ökonomisch verständiger Kinder und Erben, die in der dritten Generation das Familienunternehmen zur Weltgeltung führten.

Der Otto-Versand hat den barmherzigen Vater überwunden. Verlorene, ehr- und kapitalvergessene Söhne kennt die Familiendynastie nicht. Ein deutsches Unternehmen hat das Neue Testament um Längen geschlagen.