Mittwoch, 30. November 2011 - Krume

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Krume,

25% der weltweiten Landflächen seien heute schon unbrauchbar. Die Vereinten Nationen warnen vor dem Einbruch der globalen Versorgungssysteme. Gründe: steigende Bevölkerung, krumenzerstörende Praktiken der Landwirtschaft plus Klimawandel.

40% der landwirtschaftlich unbrauchbaren Gebiete lägen in armen Ländern. Eine effizientere Wasserwirtschaft könnte helfen. Um sie zu verbessern, müsste man in den nächsten Jahren eine Billion Dollar investieren. Wenn das nicht gelingt, ist die Versorgung der Weltbevölkerung, die 2050 auf 9 Milliarden Menschen geschätzt wird, in hohem Maß gefährdet.

Das ist ein neuer Hall im Kampf um die Erhaltung der Menschheit. Bislang war das Problem die ungerechte Verteilung der Lebensmittel unter den Menschen. Die Erde sei noch lange nicht ausgelastet, hieß es noch vor kurzem. Man müsste nur krumenschonend wirtschaften und die Ernten gerecht verteilen.

Der Raubbau an Boden in Amerika etwa, wo jährlich ein bestimmter Prozentsatz Humus vom Winde verweht oder ins Meer gespült wird, müsste gestoppt und zu grund- und bodenerhaltender Landwirtschaft übergegangen werden, anstatt mit Machinenarmeen das Land auffressen zu lassen. Ein anderes Beispiel aus der Sahelzone.

Was ist Technik? Der Versuch, die Natur zu verbessern oder sie zu zerstören? Religiöses Verbessern heißt zerstören. Wie der Mensch nur erlöst werden kann, wenn er zuvor zerschmettert wird, so muss die erlösungsbedürftige Natur eliminiert werden, um technisch eine bessere zweite Natur zu erfinden und an deren Stelle zu setzen. Homo und Humus sind verwandt. Wenn der Mensch den Stoff, aus dem er ...

... gemacht wurde, unter seinen Füßen zerstört, trägt er sich selbst zu Grabe. Woher der Hass auf die Natur, die man als minderwertig und erlösungsbedürftig definiert, um sie aus dem Weg zu räumen?

In der Psychologie des religiösen Abendlands verhält sich der Mensch zur Natur, wie Gott zum Menschen. Wie Gott den Menschen retten muss, so der Mensch die Natur. Wie kann Gott die Menschen lieben, wenn er 99,9 % von ihnen in alle Ewigkeit bestrafen und foltern lässt, einen winzigen Rest – ohne deren Verdienst und Würdigkeit – per Willkür und Gnade in himmlische Freuden versetzt?

Leistung muss sich lohnen, aber nicht in Ewigkeitsfragen. Es gibt keinen einzigen Menschen, der durch eigene Kompetenz das Klassenziel erreichen könnte. „Weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch vor ihm gerecht gesprochen wird.“ (Röm. 3, 20) Selbst bei jenen, die eigene Mitarbeit voraussetzen, damit Gott ihnen entgegenkomme, ist keiner, der es allein schaffte. Wer sich göttlicher Zwangshilfe verweigert, wird aussortiert.

Dasselbe gilt für das Verhältnis der Natur zum Menschen, der, identisch mit dem Gottessohn, die alte Natur auslöschen muss, um einer neuen Platz zu schaffen. „Ich bringe euch einen neuen Himmel und eine neue Erde“. Religion ist selbsterfüllende Prophezeiung. Was der Mensch glaubt, das tut er im Gehorsam gegen eine Autorität, der er nicht widersprechen darf – wenn er nicht Schaden an Leib und Seele erleiden will. Der grundlegende Text zur Natur-Mensch-Beziehung steht im Römerbrief:

„Denn die Sehnsucht des Geschaffenen (= der Natur) wartet auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit der Söhne Gottes (= der Menschen, die die Befehle ihres Herrn erfüllen). Denn der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessen willen, der es ihr unterwarf; auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alles Geschaffene insgesamt seufzt und sich schmerzlich ängstigt bis jetzt.“ (Röm. 8,19 ff)

Warum erschoss Breivik über 70 Menschen? Weil er sein Land vor dem Verderben retten wollte. Empathie nennt er das Mitleiden mit seinem Volk, das er erlösen muss. Nun wurde er für unzurechnungsfähig erklärt.

Psychiater kennen nicht den psychologischen Humus der abendländischen Religion, auf dem Erlösungssyndrome mit blutigem Schwert seit Jahrhunderten gedeihen. In den Letzten Tagen wird Christus die unrettbare Welt vernichten, um eine neue Schöpfung vorzubereiten. Tod und Teufel, die Repräsentanten der Erde, hat er virtuell am Kreuz getötet.

Breiviks Tat ist eine christogene Nachahmungstat. Was er für schädlich und verderblich hielt, hat er aus Gnaden umgenietet, um dem Heiligen Rest eine Chance zu geben. Wer an den Todes- und Teufelstöter glaubt, muss Erlösung durch Vernichten in vorauseilendem Gehorsam vollstrecken.

Was man früher noch glauben musste, ist längst zum beinharten System geworden. Zur weltumspannenden Struktur, die man nicht mehr anbeten, sondern befolgen muss. Als Gefangene des Systems handeln wir automatisch im Sinne des Credos. Ob wir Atheisten, Agnostiker oder wiedergeborener Texaner sind.

Bei Demenz muss ich nicht glauben, dass ich Eisenbahn fahre, wenn ich gerade Eisenbahn fahre. Ob wir's glauben oder nicht: die Menschheit sitzt im globalen Zug in Richtung Apokalypse, um sich durch Selbstvernichtung zu erneuern. „Denn wer gestorben ist, der ist von der Herrschaft der Sünde losgesprochen.“ (Röm. 6,7) Tod ist die Voraussetzung der Taufe zum ewigen Leben. „Wir sind durch die Taufe auf seinen Tod mit ihm begraben worden, damit wir … in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm. 6,3)

Das ist nicht das Erlösungsprogramm eines Einzelnen, das ist das Geschichtsprogramm der ganzen Menschheit, die das System des christlichen Westens in Technik, Wissenschaft und Wirtschaft übernommen hat. Unerheblich, ob sie an das Programm glaubt. Sie exekutiert es.

Wenn Breivik Autist sein sollte, handelt die Moderne schon lange in empathielosem Religionsautismus. Wir wissen, dass wir uns das Grab schaufeln – und handeln ungerührt weiter. Wir wissen, dass wir Natur quälen und vernichten – und handeln ungerührt weiter. Wir wissen, dass wir radikal umsteuern müssten – und machen ungerührt business as usual.

Gnade für die uneinfühlbare, in sich verschlossene und verkapselte Menschheit. Wir tragen keine Schuld. Denn wir sind unzurechnungsfähig. Unser aller Nachname sei Breivik.

Der Hass auf die Krume beginnt im Sündenfall. Weil der Mensch nicht gehorchte, wurde der Erdboden um seinetwillen verflucht (1.Mos. 3,17). Erdboden heißt adamah. Adam ist der aus Erde Gemachte, der mit seiner Herkunft in tödlichen Konflikt gerät.

Wie ein Alttestamentler schreibt: „Grundlegend für die Existenz des Menschen ist sein Verhältnis zur fruchtbaren Ackererde. Von ihr war er ja genommen, so war sie mit ihren Gaben die mütterliche Grundlage seines ganzen Lebens. Aber in dieses Verhältnis ist ein Bruch gekommen, eine Entfremdung, die sich in einem stummen Ringen zwischen Mensch und Ackererde äußert. Um des Menschen willen liegt ein Fluch auf ihr, und sie verweigert ihm jetzt den leichten Ertrag ihrer Früchte. 3, 17 bis 19. Völlig zerrüttet wurde aber das Verhältnis von Mensch und Erde, seit die Erde Bruderblut getrunken hatte 4, 10 f.“ (Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testamentes)

Seit Bacon will die moderne Technik die Folgen des Sündenfalls ungeschehen machen. Die Auserwählten halten sich für beauftragt und kompetent, die sündige Natur zu vernichten, eine zweite zu erfinden und mit Wissenschaft und Technik das Paradies auf Erden zurückzugewinnen.

„Die Weissagung einer jenseitigen Endzeit“ kehre Bacon um „in die eines wissenschaftlichen Fortschrittszeitalters.“ (Friedrich Wagner: Die Wissenschaft und die gefährdete Welt) Die Endzeitvision wird zum eisenharten Fortschrittsprogramm. Wissen ist Macht, gottähnliche Macht. Denn der Mensch ist Ebenbild des Schöpfers aus Nichts.

Die naiven fundamentalistischen Bibelleser des Bible Belt wissen um diese Zusammenhänge. Sie glauben wortwörtlich, was sie in ihren Schriften finden. Anders die hochaufgeklärten Christen Europas, die Vernunft und Glauben für versöhnbar halten. Die Sätze der Bibel verfälschen sie zu beliebig veränderbaren Deutungen und fühlen sich erhaben über die primitiven Ausleger der Schrift, die das Buch der Bücher behandeln, als sei es unfehlbar in allen Dingen.

Ob verbalinspiriert oder deutungsbeliebig: der Glaube regiert die Welt. Die Welt will es nicht wahrhaben. Glauben heißt, die Weisheit der Welt mit Füßen treten. Logik? Lächerlich. Folgerichtig denken? Humbug. Frei von Widersprüchen? Pervers. Ich glaube, weil es absurd ist.

Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott. Gott verhöhnt Logik und Denkfähigkeit des Menschen: „Vernichten werde ich die Weisheit der Weisen, und die Einsicht der Einsichtigen werde ich verwerfen“. (1.Kor. 1,19 ff) Nur auf diesem Hintergrund kann man die zunehmende Verdummung der gläubigen Politiker verstehen. Torheit und Dummheit vor der sündigen Welt machen angenehm vor Gott. Sie wissen nichts über die kaputte Welt, sie wollen gar nichts wissen: die rechten amerikanischen Kandidaten des Herrn.

Die deutsche Vorhut des politischen Dummys ist adlig. Er kann keinen Satz formulieren, in dem er sich nicht im Nebensatz widerspräche. Ein deutscher Chefredakteur und Talkmaster ist auf Hunderten von Seiten eines obszönen Buches nicht fähig, den Schwätzer zu entlarven.

Popper betrieb Philosophie aus einem einzigen Grund, er suchte Lösungen für die menschlichen Probleme. Das ist heute lächerlich. Jeder schreibt sein Buch, um der Welt zu sagen, dass er nichts zu sagen habe. Problem-lösen wird mit Er-lösen in einen Sack geworfen. Wer an der Rettung der Welt mitarbeitet, den verdächtigt man messianischer Vermessenheit. Eine unvermeidbare Reaktionsbewegung zur Anbetung jedes Charismatikers und Rudolf-Steiner-Gurus.

Der folgende Beitrag eines Naturwissenschaftlers stellt alles auf den Kopf. Zuerst forschte die Wissenschaft so für sich hin, nichts Praktisches lag in ihrem Sinn. Dann der Sündenfall. Plötzlich stand die „gesellschaftliche Dimension“ im Raum. „Und damit die Falle, in die wir gingen.“

Wissenschaft wurde zum Strategiegeber der Menschheit. Das war der Irrweg, der sie ins Verderben führt. „Ich habe nicht den Anspruch, die Welt zu retten“, schreibt der freischwebende Grundlagenforscher. Ergo zugucken, abwarten – und die Menschheit ins Verderben laufen lassen? Ist der Mensch für die Wissenschaft, die Wissenschaft nicht für den Menschen da? Höchstens für die Fortentwicklung des Bruttosozialprodukts?

Fazit des Autors: Raushalten aus der Welt. Wahre Erwählte hassen die Welt, die des Teufels ist. „Wenn jemand die Welt liebhat, ist die Liebe zum Vater nicht in ihm.“ (1.Joh. 2,15) Die Welt darf nicht gerettet werden, denn sie ist hoffnungslos. Wer sie reparieren will, macht alles nur schlimmer: „Wenig ist so gefährlich wie der Wille zur Weltverbesserung.“

Marx sagte nichts anderes. Jeder moralische Versuch, die Welt außerhalb der alleinseligmachenden Geschichte zu verändern, ist Torheit – vor Marx und der Geschichte. Die neuerungssüchtige und risikofreudige Menschheit ist fatalistisch. Freiwillig will sie, was sie muss, gar nicht anders kann und gar nicht anders darf.


Zum Breivik-Gesamt-Kommentar siehe: Kontroversen – Der Fall Breivik