Von vorne LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 11. November 2019

Von vorne LXXXVI,

„Doppelverbeitragung“ ist ???

die ultimative Selbstverauslöschung der Deutschen, ein Spitzenprodukt der Verframing-nudgisierung des deutschen Exzellenzwordings. Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr ins Reich des bildungsgutlichen Seins eintretet, das kurz davor steht, seinen Geist aufzugeben, den es prophylaktisch, in Form von CO2, in die röchelnde Natur emittiert hat.  

Auf Deutsch: erneut hat die Rentendebatte den unerschöpflichen Sadismus tonangebender Eliten bewiesen, ihren Abhängigen derart die Luft zu drosseln, dass sie den Ruhestand ihres hart erarbeiteten Arbeitslebens nur unter Japsen und Zittern zu Ende bringen können. Bis die Klimakatastrophe sich ihrer erbarmen und in gnadenreichen Hitzewellen – aufwärts froh den Blick gewandt – ins himmlische Jerusalem transportieren wird.

Warum müssen die Kleinen und Schwachen in einem kapitalistischen Großraumkäfig, der Vollzugsinstanz eines alle Moral verspottenden Fortschritts, ihren wohlverdienten Lebensabend an die Wand fahren lassen?

Bedürftigkeits- oder Bedarfsprüfung am Ende eines arbeitsamen Lebens: das ist das Bundesverdienstkreuz der Regierung an seinen Pöbel, den man nur mit Fesseln der Knappheit zum Gehorsam zwingen kann, der freiwillig tut, was er tun soll. Er will, was er muss. Freie Zustimmung zu dem, das ohnehin kommen wird: das ist deutsche Freiheit.

Was kommt auf Merkels Untertanen zu? Digitalisierung, Roboterisierung, Verlust der gewohnten Arbeitsplätze, hektische Suche nach neuen, Mobilisierung und Beschleunigung, Gefährdung und Atomisierung persönlicher Beziehungen. Vom Klima haben wir noch gar nicht gesprochen.

Die Kluft besteht nicht nur aus Reichen und Armen, sondern aus vertrauenswürdigen Oberklassen und Unterklassen, denen man nicht genug misstrauen ...

... kann. Oberklassen sorgen für frischen Wind, ständig neue Arbeitsplätze, Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum. Aller Verdienst für Wohlstand ist auf ihrer Seite, weshalb sie 99% des gesellschaftlichen Verdiensts zu Recht in ihre Villa am See tragen dürfen.

Geht’s der Gesellschaft gut, ist es das Verdienst der Oberen, geht’s ihr schlecht, ist es die Schuld der Unteren, die zu feige sind, um Risiken zu übernehmen. Die sich auf ihre faule Haut legen, passiv Arbeitsplätze erwarten, den Erfolgreichen aber nichts gönnen, ihren krankhaften Neid als Gerechtigkeit verkaufen und sich um die Zukunft nicht die geringsten Gedanken machen. Routiniert und stumpf leben sie ihrer Tage.

Sie müssen gerüffelt und diszipliniert werden. Eine andere Sprache als die ihrer Religion verstehen sie nicht: wen Gott liebt, den fördert und fordert er.

Höchste Zeit, den Spieß umzudrehen und die Regierung zu fördern und zu fordern. Indem die Gesellschaft sich demokratisiert und den Mächtigen zeigt, wohin die Reise gehen soll.

Um mit BILD, des Volkes Stimme aus einem hohen Hause, zu sprechen: Schluss mit!

Schluss mit des Volkes laisser faire gegen die Obrigkeit! Schluss mit den täglichen Versuchen, das Volk für dumm zu verkaufen! Schluss mit den einseitigen Schuldzuweisungen an die Schwachen und den Erfolgszuweisungen an die Starken. Schluss mit deutschen Regierungen, die ihre Schwächsten mit Existenzängsten demütigen, sich vom Obersten Gericht sagen lassen müssen, dass sie jene ihrer Würde beraubt haben. Bei ihren Opfern haben sie sich mit keinem Wort entschuldigt, sie mit keinem Cent entschädigt.

Dasselbe betrifft die Medien, die die Demütigungspolitik der Regierung mit Wohlwollen passieren ließen und plötzlich, nach dem Richterspruch, der Aufhebung der schlimmsten Betrafungen zustimmen. Die Beobachter schwimmen stets mit den Zeitverhältnissen. Was sie gestern schrieben, ist ihnen gleichgültig. Aus den Augen, aus dem Sinn. Rechtfertigungen des Vergangenen? Schuld- und Irrtumsgeständnisse? Träum weiter, Genosse!

In Deutschland geschehen ungeheuere Verfehlungen vor aller Augen und niemandem schießt die Röte ins Gesicht. Der Staat denkt nicht daran, seine Opfer zu entschädigen und sich bei ihnen zu entschuldigen. Alle schauen zu – und machen sich schuldig.

Täglich wird die Bestie Staat kälter – oder war sie schon immer so? Über menschliche Schicksale wird entschieden, als entstammten sie Konsolenspielen. Schicksale sind nichts als Zahlenreihen, Ausflüchte und Tatsachenfälschungen. Man kann ihnen nicht über den Weg trauen, den Abgreifern, Abstaubern und Abkassierern.

Doch nein, keine Empörung, so ist das Leben, so muss es sein. Zeit und Zufall schickt Gott nach Willkür über seine missratenen Geschöpfe.

„So edel und lobenswert die Gefühle sind, die in Begriffen wie Menschenwürde ihren Ausdruck finden, für sie ist in einem Versuch zu rationaler Überzeugung kein Platz.“ Freiheitliche Wettbewerbspolitik sei in sich schon eine Sozialpolitik, die im Dienste der Menschenwürde stehe. Sie verbessere die materielle Situation aller Schichten, hebe den Lebensstandard, sorge für eine große Güterauswahl und niedrige Preise – so Hayek.

Noch 1951 leugnete das Bundesverfassungsgericht, dass der Staat wegen gebotener Achtung vor der Menschenwürde verpflichtet sei, die Bürger vor materieller Not zu schützen. Erst ab 1956 erklärte das Gericht die Idee der sozialen Gerechtigkeit zum Grundsatz staatlichen Handelns.

Wilhelm von Humboldt, Gründer der Berliner Universität, Freund Goethes und tiefsinniger Theoretiker der Bildung, warnte vor einem Staat, der durch allseitige Versorgung seine Bürger bevormunden würde. Seine Forderung: „Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem anderen Zwecke beschränke er ihre Freiheit.“

Für Neoliberale gibt es keinen Zweifel, dass Bürger wieder lernen müssten, sich selbst zu helfen und nicht ständig auf andere zu verlassen. Selbsthilfe ist in jeder Form der Fremdhilfe vorzuziehen. Die Nächsten, Verwandten und Nachbarn sollten erst um Beistand gebeten werden, wenn man nicht mehr weiter weiß. Behörden sollten erst dann gefragt werden, wenn auch Freunde nicht mehr helfen könnten.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott: das ist Kapitalismus.

Helft euch selbst, dann hilft euch Gott: das ist katholisches Subsidiaritätspolitik.

Woraus wir schließen müssen, dass katholisches und kapitalistisches Denken nicht weit voneinander entfernt sein können.

Streng genommen ist das Subsidiaritätsprinzip eine paradoxe Intervention. Zuerst wird Gesellschaft zerschlagen, autarke Bauern ihres Landes beraubt und in die neuen Höllenfabriken gezwungen. Dann wird ihnen vorgeworfen, sie seien unfähig, ihr Leben zu regeln.

Begründet wird die Abgefeimtheit mit – dem notwendigen Fortschritt, in dessen Namen man nicht alle befragen könne, ob sie mit ihm einverstanden seien. Fortschritt sei ehernes Schicksal, es komme über uns, ob wir wollten oder nicht.

Das also ist der Kern des Liberalismus, der sich mit Freiheitlichkeit übersetzen lässt. Was ist da frei, wenn man ein fremdes Schicksal walten lassen muss? Und wer bestimmt, was Fortschritt zu sein hat? Keiner von denen, die bislang am Busen der Natur zufrieden waren.

Die modernen Schicksalsbestimmer waren Fortschrittler per Naturschändung und fremdbestimmter Arbeit. Alle Stände, mit denen es nie eine Klimakatastrophe gegeben hätte, wurden durch die Fortschrittswalze der Bourgeoisie dem Erdboden gleich gemacht.

Wer heute die Natur mit dem Menschen versöhnen will, muss die Religion des Fortschritts, der automatischen Geschichte und der Vision einer Ersetzung der Natur durch eine technische Übernatur beenden.

Der international bekannte KI-Forscher Jürgen Schmidhuber erklärte in einem nächtlichen Gespräch mit David Precht, seine genialen Roboter werden einst den Menschen überflüssig machen, die Erde verlassen und das Universum erobern.

Werden sie dann die überflüssigen Menschen vertilgen? fragte der Philosoph.

Ach was, antwortete mit unbewegter Miene der Vater aller zukünftigen Masters of Universe. Haben wir Menschen nicht auch die Ameisen überholt und: haben wir das geringste Interesse, die Ameisen zu vertilgen? Also sehen Sie: wie Menschen die Ameisen gewähren lassen, so werden die Maschinen die Menschlein gewähren lassen.

Wenn schon der jetzige Mensch – nach Popper – ein Problemlöser ist, so erst recht die kommenden Algorithmen-Genies.

Hat der Mensch seine Probleme tatsächlich gelöst? Oder hat er immer mehr Probleme aufgehäuft und inzwischen zu einem Generalproblem hochgetürmt: dem Problem der Selbstzerfleischung?

Indem die Berliner Regierung sich dem Beglückungszwang des Fortschritts unterwirft, beteiligt sie sich an der Vision der KI-Experten, die Menschen dem Zwang ihrer Maschinen zu unterstellen. Totalitärer und inhumaner könnten Visionen nicht sein.

Humane Visionen werden der Psychiatrie übergeben, unmenschliche Science fictions hingegen in den Himmel gehoben.

Wenn die Menschheit sich nicht von ihren Schreckensszenarien trennt und beginnt, alles von vorne zu denken, wird sie nicht davonkommen. Nichts ist verboten, was die Eintracht mit der Natur intakt lässt, alles verboten, was den Kreislauf zwischen Mensch und Natur zerstört.

Sehenden Auges gehen wir der „Ameisenwerdung“ des Menschen entgegen – oder seiner Degradierung, die zur vollständigen Ver-Nicht-ung werden könnte. Wenn alle Völker sich am Wettlauf des Fortschritts beteiligen, darf kein Land sich der Konkurrenz entziehen. Sonst läuft es Gefahr, von Besseren und Schnelleren überfahren oder zu bedeutungslosen Ameisen degradiert zu werden.

Doch genau das wäre die absolute Pflicht der Völker, diesen Wahn zu durchschauen und sich auf einen kooperierenden Lebensstil zu verständigen, anstatt im Rausch des Ausstechens und Überholens die ganze Menschheit in den Abgrund zu stürzen.

Moratorium, Aufschub, Pause, Innehalten: das wäre das erste Gebot der Stunde.

Wichtige Leute kommen nicht aus ohne den Satz: wir leben in einer sich ständig beschleunigenden Zeit – und müssen immer schneller werden, um uns von unseren Konkurrenten nicht überrunden zu lassen.

Stopp. Gemeinsam müssen wir abrüsten und beraten, wie wir unser Leben in der Natur gestalten wollen. Alle Formen höherer oder gesetzmäßiger Geschichte müssen wir ad acta legen. Alle Heilsgeschichte zum Zweck der Erlösung der Menschheit muss ersatzlos gestrichen werden.

Es darf nur noch eine Geschichte geben, die aus zwei Hauptkomponenten besteht:
Was macht die Natur?
Und was macht der Mensch, um sich mit der Natur zu verständigen?

Nur das Gespräch des Menschen mit der Natur darf künftig Geschichte heißen. Frieden mit der Natur kann er nur schließen, wenn er mit der ganzen Menschheit Frieden geschlossen hat.

Von Anfang an lebte der Kapitalismus im Bewusstsein, Inbegriff der siegreichen Geschichte zu sein – um alle Armen und Fortschrittsfeinde zu Schuldigen zu erklären.

Blair, der keinem Bettler auf der Straße einen Cent gab, weil er ihn für schuldig hielt, Schröder, sein Plagiator: sie waren nicht die ersten, die die Schwachen der Gesellschaft für Faulenzer und Fortschrittsverweigerer hielten, die man hart rannehmen müsse.

Im real existierenden Staatssozialismus wären solche Maßnahmen als totalitäre abgeurteilt worden. Im real existierenden Neoliberalismus gelten diese Diffamierungen als Retter und Beschleuniger des wirtschaftlichen Wettkampfs der Nationen.

„Gerade die arbeitswilligen Armen bekamen die ganze Härte des neuen Armengesetzes von 1834 zu spüren, durch das eine Unterstützung außerhalb des neuen Armenhauses fast gänzlich abgeschafft wurde.“ (Trevelyan, Kultur- und Sozialgeschichte Englands)

Wer wissen will, wie es in diesen Armenhäusern – veritablen Gefängnissen zur Bestrafung der Armen, denen man zuvor ihr Eigentum abgejagt hatte – zuging, sollte Oliver Twist von Charles Dickens lesen.

Schröders totalitäre Hartz4-Maßnahmen zur Bestrafung der Schwachen waren ein Gesetz zur Einrichtung unsichtbarer Armenhäuser. Was die meisten nicht wissen: bei Hartz4 gilt die Residenzpflicht, die Pflicht, den Behörden immer zur Verfügung zu stehen. Wer ohne Genehmigung das Revier verlässt, kann bestraft werden. Die Freiheit, zu gehen, wohin man will – ein demokratisches Grundrecht – wurde von einer rot-grünen Koalition sang- und klanglos gestrichen.

»Halten Sie sich innerhalb des zeit- und ortsnahen Bereiches auf, muss sichergestellt sein, dass Sie persönlich an jedem Werktag an Ihrem Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt unter der von Ihnen benannten Anschrift (Wohnung) durch Briefpost D“Derreichbar sind. Sie sind verpflichtet Änderungen {...} unverzüglich mitzuteilen und bei einer Ortsabwesenheit {...} vorab die Zustimmung des persönlichen Ansprechpartners einzuholen. Bei einer nicht genehmigten Ortsabwesenheit entfällt der Anspruch auf Arbeitslosengeld II {...}« (scharf-links.de)

Was folgt daraus? „Die »Residenzpflicht« ist grundsätzlich ein Verbrechen gegen die unteilbaren Menschenrechte!

SPD-Aufsteigern, die sich ihrer Herkunft entweder schämten oder aber mit ihr angaben, um ihre Tüchtigkeit zu beweisen, war es vorbehalten, im Namen ihrer sozialen Humanisierungspolitik die schändlichsten Gesetze der Nachkriegsgeschichte einzuführen. Sie scheuten sich nicht einmal, die angeblichen Übeltäter mit dem Hungertod zu bedrohen, indem der Staat ihnen das Lebensminimum strich.

Aufstieg, Aufstieg: das ist die wichtigste Parole der SPD-Aufsteiger. Dass ein gutes, selbstbestimmtes Leben, gleichgültig auf welcher Ebene der Gesellschaft, das einzige Ziel einer demokratischen Politik sein kann, ist bei den Karrieristen verloren gegangen. Wohin aufsteigen? In jene Eliteetagen, in denen ihre früheren Ausbeuter saßen, von denen sie anerkannt werden wollen. Die Akzeptanz der Macht- und Geldsüchtigen ist ihnen wichtiger als die ihrer einstigen GenossInnen.

Glauben sie tatsächlich, alle Unterschichtler könnten aufsteigen, wenn sie gebildet und ehrgeizig genug wären, um nach oben zu klettern? Natürlich glauben sie das nicht. Wie sie selbst auserwählt sein wollen, so können nur wenige Erwählte das Geschick des Staates bestimmen. Ohne Selektion geht’s dabei nicht. Sie fordern ihre Malocher auf, etwas zu wagen, das den meisten nicht gelingen wird. Insgeheim sind sie froh, dass die Führungsklassen Oben bleiben und die Loser Unten. Wenn‘s anders wäre, würden sie ja aus der Masse der Verlorenen nicht herausragen.

Was aus den bestraften Hartz4-lern wurde, die ihre Wohnungen verloren, nachts im Dunkeln saßen, ließ sie gleichgültig. Wann war der Staat kälter als unter diesen Sozialisten?

Was nie eine Rolle spielte, waren Gefühle. Es ging nicht nur um Geld, ob es zum Vegetieren ausreichte oder nicht, es ging um das Dauergefühl des Beschämt- und Vorgeführtwerdens. Einen miserablen Job abzulehnen, eine Fortbildung, die keine war, zu ignorieren, galt als Blasphemie gegen das gütige Ungeheuer, den Staat.

Die „Kunden“ des Sozialamtes hatten keine Gefühle zu haben. Hatten sie dennoch welche, waren sie selbst schuld daran. Das war die Erniedrigung des Menschen zum würdelosen Almosenempfänger. Da gab es keine Rechte. Wenn‘s hoch kam, gab es eine unverdiente Gnade.

Auch gestern im Presseclub begannen Rainer Hank und Stephan-Andreas Casdorff – im Gespräch über die Grundrente – von Barmherzigkeit zu psalmodieren. Eine gerechte Rente wird als Barmherzigkeit des „Staates“ angesehen.

Das Christentum, das nie einen gerechten Staat auf Erden wollte, nur das Paradies im Himmel anstrebte, genießt noch immer das Privileg, die irdischen Prinzipien eines gerechten Staates mit Gnaden- und Barmherzigkeitsideen zu infiltrieren und zu verfälschen.

Die paulinische Todesandrohung: arbeitet oder verreckt, wurde auch vom Sozialismus übernommen. Kein Lehrbuch über Marxismus, in dem der Satz fehlte: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. SPD und die Linke scheuen sich nicht, diesen Satz als Dogma ihrer Arbeitsideologie zu betrachten.

Doch es gibt kleinere Unterschiede zwischen Marx und den Frommen. Christen müssen malochen, weil Arbeit die Strafe Gottes für die Erbsünde ist. Marx und die Linken hingegen folgen dem Vorbild Francis Bacons. Mit Hilfe des Macht-Wissens soll die Erbsünde überwunden und die ursprüngliche Vollkommenheit wieder hergestellt werden.

Genau dies wollte Marx mit der Arbeit, die das technische Wissen der Neuzeit in Realität verwandeln sollte. Arbeit war für Marx der Königsweg ins Reich der Freiheit. Dabei aber musste die Natur daran glauben.

„Die Arbeit ist die erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinne sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst erschaffen.“

Der Mensch erschafft sich selbst, womit er sich – christlich formuliert – zum Ebenbild Gottes macht. Was ist der Zweck seiner gottgleichen Arbeit? „Sie hat den Zweck, die Herrschaft der Gesellschaft über die äußere Natur und über sich selbst auszudehnen.“

Das entspricht dem biblischen Auftrag: Macht euch die Erde untertan. Marx spricht sogar von der Resurrektion (Auferstehung) der Natur. Was auferstehen soll, muss zuvor gestorben sein, damit aus Tod und Verderben ein neues Leben entstehen kann.

Von einer ökologischen Bewahrung der Natur kann im Sozialismus keine Rede sein:

„Rohstoffmangel? Erschöpfung der Bodenschätze, die die Menschen in der Natur vorfinden? Schon heute ist unverkennbar, dass den Menschen keine solche Gefahr droht.“ (Grundlagen des Marxismus-Leninismus)

Arbeit als Ausbeutung der Natur zur Errichtung der wunderbaren technischen Kultur des Menschen ist mehr als ordinäre Maloche:

„Neben materieller Interessiertheit ergeben sich auch moralische Antriebe zur Arbeit. Die Arbeit wird immer bewusster geleistet, so dass sie aus einem Mittel der bloßen Existenz in eine Sache der Ehre wandelt.“ (ebenda)

Eine der seltenen Stellen, in denen Marxisten Wert auf Moral legen. Sind sie doch überzeugt, dass alles nach Gesetzen der Natur abläuft. In deterministischen Gesetzen ist kein Platz für Moral.

Der marxistische Arbeiter erschafft sich nicht nur selbst, sondern auch seine eigene Geschichte – aber nicht gleich und sofort, sondern erst dann, wenn die Geschichte es gestattet: ab dem Reich der Freiheit. Bis dahin hat der Mensch am Gängelband der Geschichte zu laufen. Eines Tages aber wird die Geschichte ihren Sprössling als Messias gebären, der zum gottgleichen Herrscher über sie prädestiniert ist.

Die Arbeitsvisionen des Marxismus ähneln den technischen Visionen des Kapitalismus aufs I-Tüpfelchen. Am Ende wird die niedere Natur von einer höheren abgelöst, der Mensch wird zum neuen Gott des Alls. Wäre der real existierende Sozialismus nicht über Nacht verschollen, würde er heute mit Silicon Valley auf heilige Bruderschaft anstoßen.

Brauchen wir heute noch den arbeitenden Menschen? Immer weniger. Nicht mehr lange und alle berechenbare Hand- und Kopfarbeit wird von KI-Genies geleistet.

Es sei, wir wehren uns gegen ihre Dominanz, weil wir selbst noch tätig werden wollen. Viele Arbeiten machen auch Spaß – solange sie selbstbestimmt und nicht fremdgesteuert sind.

Eins muss klar sein: die genialen Maschinen werden die ökologischen Probleme der Menschheit nicht lösen. Dazu sind sie zu dumm. Sie können nicht denken.

Die Menschheit aber muss ins Philosophieren kommen, um ihr Schicksal von Grund auf neu zu durchdenken und in planetarischer Gemeinsamkeit zu bestimmen. Der Mensch muss Herr seines Schicksals werden, der sich der Natur verbunden fühlt. ER muss erwachsen werden.

Weigert er sich, sein Schicksal selbst zu bestimmen, wird die Natur ihn aus dem Spiele nehmen.

 

Fortsetzung folgt.